Samstag, 31. Oktober 2009

Ein fahrbarer Untersatz

Da mein eigenes treues Mountainbike, das ich für die tägliche Strecke zu meinem Arbeitsplatz benutze zu schwer ist, um es in den 30 kg Freigepäck (die Emirates mir erlaubt mitzunehmen) unterzubringen, machte ich mir viele Gedanken um eine praktische Lösung.

Ich hätte mir dort eins kaufen können (was aber teuer gewesen wäre) oder mein Mountainbike einfach vorab hinschicken. (Doch mir gefiel der Gedanke nicht, dass es dort - weit weg von mir - irgendwo lagert, wo ich es erstmal abholen müsste).
Daher wollte ich es von Anfang an gerne mit mir führen, aber ohne die 140 Euro Zusatzgebühr bezahlen zu müssen, wenn es geht.

Die Dame im Reisebüro war auch sehr bemüht mich zufrieden zu stellen. Sie telefonierte viel mit Emirates und gab mir dann Bescheid, ich dürfte mein Rad ohne Zusatzkosten aufgeben, wenn es mir gelänge, es in die 30 kg Freigepäck zu integrieren... Klang doch nicht schlecht.
Nur hatte die Sache einen Haken:
Es war schlicht und ergreifend zu schwer! Wahrscheinlich müsste ich schon Übergepäck zahlen, selbst wenn ich ohne weitere Reisetaschen nach Japan fliegen würde.
Diese Vorstellung war mir nicht angenehm und so erkundigte ich mich nach weiteren Alternativen...

An einem schönen Herbstwochenende machte ich mit meinem Vater eine Radtour zu meiner Tante. Sie wohnt in Biberach in einem kleinen Holzhaus, ohne elektrisches Licht, Fernsehen und was der modere Mensch sonst noch bevorzugt.
Außerdem hat sie einen Faibel für alte Klappräder. Sie hatte mit einem solchen schon eine Tour über die Alpen bis nach Griechenland gemacht, daher kannte ich ihren Vorzug bereits, was Stabilität und Ausdauer angeht.
Mit kommt es schließlich nicht auf Geschwindigkeit an - ich bin sowieso eher ein gemütlicher Mensch und habe zudem ein Jahr lang Zeit. Ein Radsportler könnte in ebendieser Zeitspanne fünfmal Japan rauf und runter fahren, wenn er Lust hätte. Mir reicht es einmal - aber gemächlich.
Ich will ja auch was von Land und Leuten sehen und innehalten - zur Ruhe kommen... und Kontakte knüpfen.
Da wäre schnelles Radeln nicht unbedingt förderlich. Ich denke mit 30 - 40 km pro Tag liege ich ganz gut. Selbst ohne Gangschaltung, 20"-Reifen, mittelmäßiger Kondition und all den Höhenmetern, für die Japan bekannt ist.

Im Kopf hatte ich also eigentlich schon meine Entscheidung gefasst: Ein Klapprad musste es sein. Aber keines dieser modernen filigranen Aludinger, die nicht einmal einen Gepäckträger haben! Ich wollte deutsche robuste Wertarbeit.
Selbst wenn es dadurch zwangsläufig schon 35 Jahre auf den Reifen hätte, so wäre dies doch eher ein Anzeichen von Langlebigkeit, Stabilität und Verlässlichkeit. Es wäre wohl kaum gefährdet, plötzlich auf halber Strecke unter mir zusammenzubrechen.

Meine Tante gab mir neben ihrem weitgereisten, betagten, flaschengrünen und extrem leichten Einmann-Zelt noch einen weiteren Hinweis mit auf den Heimweg, der mich sehr bestärkte: Je weniger von dem modernen, und daher komplexen Kram an einem Rad montiert ist, der auf langen und anspruchsvollen Reisen unweigerlich kaputt gehen kann, desto weniger Ärger hat man damit.
Vor allem, da es durch die fortschrittliche, komplizierte Technik immer schwieriger wird, Dinge selbst zu reparieren, wenn man sich damit zuvor nur selten bis gar nicht beschäftigt hat.

Ich bin gerade mal in der Lage einen Reifen aufzupumpen.
Also warum, ob meiner offensichtlichen Unkenntnis, das Schicksal herausfordern? Wenn ich, neben meiner persönlichen Sympathie für diese alten Drahteselchen, auch noch auf der sicheren Seite wäre, was mögliche Pannen anging, dann konnte mir das doch nur recht sein!

Die Suche nach einem Klapprad begann also. Aber irgendwie schien sich das Schicksal gegen mich verschworen zu haben!
Man könne fast meinen, alle Welt wäre auf einmal scharf auf Klappräder! Bei eBay gingen mangelhafte, verrostete und verbogene Mifas zu Preisen weg, die es mit denen von aktuellen, auf Briefmarkengröße komprimierbaren Falträdern aufnehmen konnten. Eine verdrehte Welt!
Wie sollte es bei diesen Voraussetzung möglich sein, mein Wunschrad zu erstehen ohne dabei das komplette Sparkonto für den Auslandsaufenthalt zu plündern?

Nach fast zwei Monaten vergeblicher Suche und gescheiterten Geboten schien meine Lage aussichtslos - würde ich wohl doch umschwenken und mein altes Rad per Post vorausschicken müssen?
Es schien mir nicht richtig gleich aufzugeben! Ich wollte mein Klapprad! Und ich wollte meinem Traum entsprechend damit gemütlich durch Japan zuckeln.

Meine Familie engagierte sich mustergültig für mich. Besonders mein Vater. Jeder Bekannte oder Kollege wurde auf das Thema sensiblisiert und hielt mit mir Ausschau.

Nun - endlich - ein paar weitere Misserfolge und Enttäuschungen später (die es aber wert waren!) steht es nun - ich glaube es noch kaum - einträchtig mit unseren anderen Rädern im Schuppen. Durch seine geringe Größe wirkt es fast wie ein Kälbchen im Kuhstall.
Gegen alle Erwartungen glückte meinem Paps noch das Unmögliche und er gewann eine Auktion bei eBay. Für sagenhaft günstige 50,- Euro darf ich nun ein wunderschönes, erstklassig erhaltenes, grünes 70er-Jahre Klapprad der Marke Jungherz mein Eigen nennen:

Und es war Liebe auf den ersten Scheinwerfer...

Es funkelt, als käme es gerade erst vom Fließband - hat aber dennoch die unverkennbaren kleinen, liebevollen Gebrauchsspuren eines gut gepflegten Reliktes aus alter Zeit, die einem Gegenstand erst das Leben und seinen individuellen Charakter einzuhauchen vermögen.

In meiner Planung kann ich nun viel konkreter werden. Ich muss einen erhöhten Gepäckträger für meine Fahrradtaschen basteln und konnte das Rad endlich wiegen (niedliche 15 kg - das heißt mir bleiben für persönliche Dinge wiederum 15 kg im Freigepäck und 7 kg Hangepäck - für ein ganzes Jahr mag das wenig wirken, aber ich darf nicht vergessen, dass ich das Zeug auch mit mir herumschleppen muss. Reduzieren wäre also ohnehin sinnvoll, wenn ich mir keinen Leistenbruch zuziehen will. Besonders bei den Bergen, an denen ich wohl werde schieben müssen, da mein kleiner Liebling keine Gangschaltung hat.)

Inzwischen habe ich schon meinen Hinflug (nach Chitose - Hokkaido) und meine erste Gastfamilie (und zugleich Arbeitgeber).
Die sind so goldig! Wir hatten schon Kontakt per Fax... sie haben drei kleine Kinder, um dich ich mich kümmern darf, einen Hund, Katzen, eine kleine Konditorei, ein paar Felder...
Der Traum schlechthin für jemanden der Kinder und Tiere liebt, Konditorin werden wollte und gern draußen ist!

Als nächstes kommt das Visum an die Reihe!
Davor habe ich noch ein wenig Bammel - hoffentlich bekomme ich es ohne Schwierigkeiten!

... ziemlich Fahrradlastig dieser Post. xD



Mata ne
Kira

Samstag, 29. August 2009

Ein Traum an der Grenze zur Wirklichkeit...

Alles begann mit meiner Vorliebe für Abenteuer- und Fantasybücher, die ich schon als kleines Mädchen verschlugen habe. Insbesondere, wenn meine Helden ihrem Alltagsleben entrissen wurden und sich auf einmal in neuen Situationen oder fremden Ländern zurechtfinden mussten. So handelten meine Tagträume oft davon, wie ich meinem (im Vergleich langweiligen) Alltag entkam und auf eine lange Reise ging.

Doch Jahre gingen ins Land und das ersehnte Abenteuer schien in immer w
eitere Ferne zu rücken. Denn mit dem Alter kam die Erkenntnis, dass in unserer modernen Welt eine spannende und lange Reise nicht so ohne Weiteres umzusetzen ist. Vor allem ohne Geld, ohne Ausbildung und ohne Berufserfahrung...
So siegte die Einsicht und die folgenden Jahre verbrachte ich damit zu sparen, mich zu bilden und einen festen Stand in meinem Beruf zu bekommen.


Doch immer lauter wurde der Ruf der Ferne und des Abenteuers und ich wusste, sollte ich ihn nicht bald erhören, so würde er irgendwann aufgeben und aus meinen Kinderträumen würde nie Wirklichkeit werden.


Also fing ich langsam an, mich ernsthaft mit einem Auslandsjahr auseinanderzusetzen. Bereits in der Schule war mir klar, dass ich einen work & travel-Aufenthalt machen wollte, da das meiner Vorstellung von Abenteuern und Abwechslung am meisten entsprach. Damals fing dieser Boom ge
rade erst an und die Auswahl der Länder beschränkte sich vor allem auf Australien und Neuseeland. Doch als ich mich nun informierte, stellte ich zu meiner Freude fest, dass sich inzwischen neue Möglichkeiten boten.
Natürlich fiel mir die Entscheidung schwer - jedes Land hat schließlich seine Reize und man kann überall Erfahrungen machen und Dinge lernen, die einem anderswo verborgen bleiben.

Also entschied ich mich auch hier wieder aus einem eher praktischen Grund. Da ich schon seit fünf Jahren an der VHS Japanisch lerne und die Kultur mich sehr fasziniert, entschloss ich mich dafür, im Land der aufgehenden Sonne mein Glück zu suchen. Ein bisschen hoffte ich natürlich, dass ich dadurch leichter meine verbesserungsfähigen Sprachkenntnisse erweitern könnte.
Immerhin wäre es ja auch erstrebenswert, diese einjährige Erfahrung irgendwie im Berufsleben einbringen zu können.
Für Spaß an der Freude haben leider nur wenige Arbeitgeber Verständnis. (Da ich schon einige Umwege machen musste, um einen Beruf zu finden, in dem ich mich einigermaßen wohl fühlte, hatte ich vor, ab jetzt einen roten Faden durch meinen Lebenslauf zu spinnen - daher war Japan beruflich gesehen durchaus eine nachvollziehbare Entscheidung u
m zu kündigen).

Leider ist es noch fast sieben Monate hin, bis ich meinen Traum endlich leben kann. Und natürlich überfallen mich Zweifel und Ängste. Aber ich versuche sie zu ignorieren, denn ich würde es bereuen, nun, da schon so vieles in die Wege geleitet ist, einfach den Schwanz einzuziehen und aus Bequemlichkeit hier zu bleiben!
Die meisten Ängste drehen sich um Soziales. Ich halte mich für offen und lebensfroh - und leider unheimlich abhängig von menschlichen Kontakten! Das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann ist, dort ein Jahr in vollkommener Einsamkeit verbringen zu müssen, da viele Japaner sehr distanziert sind und eine andere Vorstellung von Freundschaft haben.
Ich kann nur hoffen, dass ich es mir schwieriger vorstelle, als es tatsächlich ist.

Als ich dieses Jahr im Juni dort Urlaub machte, um zu sehen, ob ich, auf mich gestellt, überhaupt überlebensfähig sei, konnte ich die Zeit dort auch nur genießen, weil ich einige Freunde und meine Gastfamilie von einem früheren Austauschprogramm besuchte. Die restliche Zeit, in der ich mich dort alleine herumtrieb war zwar auch schön, weil ich viel unternahm, aber dennoch fehlte mir eine Bezugsperson, mit der ich meine Erlebnisse teilen konnte. Doch auch Alleinsein kann man wohl lernen - na, wir werden sehen...

Noch ist vieles zu erledigen. Da es für Japan noch keine Organisationen gibt, die alles bequem für einen regelt, muss ich mich selber darum kümmern. (Was die Sache schon wieder spannend macht, da viele diese Bürokratie scheuen - somit ist Japan eins der Länder, in denen man faszinierenderweise noch mehr Einheimischen als Touristen begegnet. In meinem Urlaub dort habe ich manchmal tagelang keinen Europäer gesehen)
Außerdem hasse ich es selbst, Dinge für mich zu organisieren und zu planen - ich bin zwar kein Masochist, aber in diesem Fall könnte mir diese Erfahrung nur gut tun.

Auf meiner to-do-Liste sollten in den nächsten Monaten noch die folgenden Dinge abgehakt werden:
Ich muss mein Visum beantragen und dafür einen gewissen Betrag sparen, eine Reiseroute entwerfen und eine Auslandskrankenversicherung abschließen. (Was ich bisher an Angeboten gefunden habe ist reiner Wucher)

Dann sollte ich mich demnächst noch bei der Organisation anmelden, unter der ich dort Arbeit finden kann. Diese führt Joblisten, in denen man selber einen Arbeitgeber suchen und kontaktieren muss. Man darf höchstens drei Monate bei ein und demselben bleiben und hat danach weiterzuziehen. Immerhin heißt es deshalb auch work & travel.

Bei diversen Vereinen habe ich mich schon abgemeldet - wenigstens das bleibt mir dann später erspart, wenn die Zeit knapp werden sollte. Ebenso kann ich auf die Einrichtung eines Kontos vor Ort verzichten, da ich auf den Farmen lediglich für einen Schlafplatz und etwas zu Essen arbeiten werde.


Japan ist ein Land, in dem es sehr, sehr teuer ist zu reisen. Shinkansen fallen natürlich sowieso weg, aber auch einfache Busreisen ohne jeden Komfort sind kaum zu bezahlen, wenn man nichts verdient und nur von seinen
Ersparnissen leben muss.
Daher habe ich mich entschieden mein treues Fahrrad mitzunehmen und mich dort auf zwei Rädern und eigenem Muskelantrieb von Ort zu Ort zu bewegen. Radkarten habe ich leider noch keine gefunden, aber ich weiß, dass die Radwege dort sehr gut ausgebaut sind. Zur Not muss ich mir die Karten eben dort auf Japanisch kaufen, aber das wird schon funktionieren - ich habe da keine Bedenken.
Der Besitzer unseres Fahrradgeschäfts im Ort wird mir netterweise einen Karton zurücklegen, in dem ich dann meinen Drahtesel verstauen und ordnungsgemäß im Flieger transportieren kann. Den werde ich, in Sapporo angekommen zwar wegwerfen müssen, aber ich werde für den Rückflug schon einen neuen organisiert bekommen.


Meine bisherige Route soll folgendermaßen verlaufen: Ich würde gern von Nord nach Süd reisen - also von Hokkaido nach Kyushu. Das ist vor allem praktisch, da ich auf diese Weise den heißen Sommer in der kühlsten Region Japans verbringen kann und dann im Winter in die eher tropischeren Gegenden mit milden Wintern komme. (Kyushu liegt auf dem gleichen Breitengrad wie Italien) Genaue Orte habe ich noch nicht ausgesucht - aber dafür habe ich ja auch noch ein halbes Jahr Zeit.
Sobald meine Reiseroute fertig ist, werde ich sie hier veröffentlichen. Sie richtet sich auch nac
h den Gegenden, in denen ich Freunde habe, die ich besuchen möchte.

já mata
Kira