Sonntag, 26. Dezember 2010

Sternstunden in Hyogo

Ein Zuhause in der Fremde...

Tatsaechlich gelang es mir, meine Gastfamilie und die anderen wwoofer zu ueberzeugen, mich alleine an der Strasse zurueckzulassen, an der ich mein erneutes Glueck als Tramper versuchen wollte.

Diesmal musste ich ein wenig laenger als gewoehnlich warten, doch nach ungefaehr 20 Minuten fuhr ein Auto an die Seite.

Durch die heruntergekurbelte Scheibe erklaerte mir ein beleibter und freundlicher Geschaeftsmann, er koenne mich leider nur ein Stueckchen mitnehmen. Doch das waere immerhin ein Stueckchen naeher an meinem Ziel (fuer heute erstmal Nagoya), deshalb stieg ich natuerlich trotzdem ein. Ich wollte mir die Stadt ansehen und dann am naechsten Tag versuchen, weiter nach Sueden, nach Osaka weiterzukommen.

Mein Fahrer arbeitete fuer ein internationales Hotel und sprach daher etwas Englisch. Ungefaehr 1 1/2 Stunden spaeter (also eher ein grosses Stueckchen und ungefaehr die Haelfte der Strecke nach Nagoya!) setzte er mich in einem kleinen Ort ab, wo er noch etwas zu erledigen hatte.

Ich lief ein paar Meter weiter bis zu einem Cafe, das eine eigene Einfahrt hatte. Das erschien mir sehr praktisch, denn dort konnten meine potentiellen weiteren Fahrer bequem halten und somit waere auch die Chance, dass sie dies taeten, groesser.

Dann zog ich mein, durch den an diesem Tage sehr starken Wind, inzwischen eingerissenes und zerfleddertes Schild mit meinem Wunschziel hervor und wartete.

Keine fuenf Minuten spaeter hielt (durch meinen strategisch guenstig ausgewaehlten Standpunkt) ein weiteres Auto. Auch diesmal handelte es sich um einen Geschaeftsmann, jedoch juenger aber ebenso hilfsbereit. Leider fuhr auch er nicht nach Nagoya und konnte mich nur eine kurze Strecke mitnehmen. Jedoch gab er mir einen wichtigen Hinweis: Von Nagoya aus sei es sehr schwierig jemanden zu finden, der nach Osaka fuehre, da die Autobahn dorthin nicht direkt an Nagoya vorbeifuehre. Ich solle lieber die Bahn nehmen oder noch heute versuchen nach Osaka zu gelangen.

Es war noch frueh am Tage, gerade mal Vormittag, deshalb beschloss ich spontan, Nagoya zu streichen und meinen Weg nach Osaka fortzusetzen. Das konnte ich leicht schaffen.

Als ich, diesmal am Rande einer etwas groesseren Stadt abgesetzt wurde, wusste ich erst nicht so recht, wohin. Es gab mehrere grosse Strassen, aber keine Schilder in Sichtweite. Welche fuehrte nach Osaka? Mein Fahrer hatte sich diesbezueglich etwas unklar ausgedrueckt, wie ich jetzt feststellen musste. Fussgaenger waren auch nicht unterwegs, die ich haette fragen koennen. Und Geschaefte gab es hier auch nicht.

Also lief ich die Strasse, an der ich herausgelassen worden war, ein wenig entlang und irgendwann hielt auf einmal ein Auto neben mir. Ein betagter Mann sass im Wagen, der einen Mundschutz trug, wie ihn in Japan alle benutzen, sobald die Nase nur ein wenig laeuft. Ich habe immer bezweifelt, ob das die Ansteckungsgefahr senkt. Aber ohne Frage ist dies eine nette Geste den Mitmenschen gegenueber.

Er fragte mich, wohin ich wollte und meinte daraufhin, er koenne mich ein Stueck bis zu einer Raststaette an der richtigen Autobahn mitnehmen, muesse dann aber leider woanders hin.

Auch dies war nur eine kurze, jedoch sehr merkwuerdige Begegnung und bewies, dass das, was ich ueber die Japaner in einem meiner Buecher gelesen habe, wohl (natuerlich nur teilweise) wirklich stimmt.

Sie sind pervers...

Zunaechst verlief die Unterhaltung aber ganz typisch. Wir unterhielten uns ueber Autos (wobei sich die Japaner stets freuen, wenn ich ihnen erzaehle, dass mein Vater einen Mitsubishi faehrt und es zudem fuer ein sehr gutes Fahrzeug haelt, da aeusserst selten etwas zu reparieren ist), dann ueber das Essen (nein, die Deutschen essen normalerweise nicht dreimal am Tag Wuerstchen und trinken auch kein Bier zum Fruehstueck!), gefolgt von der Frage, ob ich ihm nicht meine Unterhose verkaufen wolle...

...

"Ist sie weiss oder pink?"

...

Ich war sprachlos. Gerade hatten wir uns noch ueber Bier unterhalten und dann kam auf einmal sowas.

Da er aber kein Englisch sprach, konnte ich ihn leider nur mit den weniger hoeflichen Worten, die ich bisher bei den Gastfamilien mit kleinen Kindern gelernt hatte, bedenken.

DAME! (Sehr nuetzlich, weil man es fast immer anwenden kann, wenn einem etwas nicht passt - im einfach Gebrauch so aehnlich wie "lass das" oder "nein!". Ich verstaerkte die Betonung und brachte es damit auf ein "vergiss es und wage nicht nochmal zu fragen!"

Er lies trotzdem nicht locker und wollte mir am Ende um die 10.000 Yen (etwa 100 Euro) dafuer bezahlen.

Ich blieb trotzem bei meinem "dame!", das ich in regelmaessigen Abstaenden zu seinem Monolog einwarf. (Ich hatte keine Lust, eine ernsthafte Diskussion daraus zu machen, sondern bestand nur darauf, dass er mich bitte einfach an der versprochenen Raststaette absetzen sollte). Zum Glueck war er ein harmloses, kleines, duennes Maennchen, mit dem ich es im Zweifelsfalle locker haette aufnehmen koennen und er fuhr mich auch brav bis zum besprochenen Ziel.

Als er endlich davonbrauste, goennte ich mir an der Raststaette erstmal ein kleines Mittagesessen, bevor ich mein Glueck erneut versuchte. Hier war auf jeden Fall ein viel besserer Ausgangspunkt, als an den Abschnitten davor!

So stellte ich mich mit meinem Schild an die Ausfahrt und wartete.

Diesmal sogar verhaeltnismaessig lange. Viele schauten zwar interessiert oder fuhren langsamer, um mein Schild genauer lesen zu koennen, aber fast eine halbe Stunde hielt niemand.
(Ich nehme an, das lag an der guenstigen Lage - da kann man als Autofahrer die Verantwortung leichter an andere abgeben, weil die Chance so hoch ist, dass einen irgendwann doch jemand mitnimmt. Verloren an irgendeiner Strasse wirkt man dagegen armseliger.)
Dann fuhr einer dieser kleinen weissen Laster (die es wegen der kurzen Nase und damit verminderten Knautschzone nicht in Deutschland gibt) mit einer Vespa auf der Ladeflaeche an mir vorbeiund hielt kurz hinter der Ausfahrt, einige Meter von mir entfernt. Aber niemand stieg aus oder machte den Anschein, als wolle er mich mitnehmen...

Ich ueberlegte gerade, ob ich nicht einfach hinueberlaufen sollte, da hielt auf einmal eine Motorradfahrerin vor mir, drueckte mir laechelnd eine Petflasche heissen Tee in die Hand und verschwand mit dem ueblichen "ganbarre" (halte durch) so ploetzlich, wie sie gekommen war.

Etwas ueberrumpelt schaute ich mich um. Der weisse Laster war noch immer da. Doch nun war der Fahrer ausgestiegen und blickte zu mir hinueber.

Eine offensichtlichere Einladung brauchte ich nicht, schnappte meinen Rucksack und rannte zum Auto. Der Fahrer war um die 30, trug eine lustige Muetze und zeigte erstaunlich viele Kronen fuer sein Alter, wenn er lachte. Er fuhr nicht direkt nach Osaka, aber in einen der kleinen Nebenorte und es gebe Zuege, falls es schon zu spaet waere um zu trampen. So warf ich meinen Rucksack zu seinem Motorroller auf die Ladeflaeche, vertaeute ihn mit einigen der Seile und kletterte in die kleine Fahrerkabine.

Bis Osaka war es tatsaechlich noch ein ganzes Stueck, aber das bemerkten wir kaum, denn nach der Auto-Wuerstchen-Bier-Huerde schafften wir es sogar in etwas interessantere Gefilde und mein Fahrer erzaehlte mir einiges ueber die Gegend, in der er wohnte.

Zum Schluss fuhr er mich sogar doch noch direkt bis zum Bahnhof von Osaka und ich verbrachte den Abend und die Nacht in einem Internetcafe. Diesmal wurde die Kabine von einem grossen, bequemen Sessel eingenommen. Doch zum Schlafen war er trotz seiner Gemuetlichkeit wenig geeignet. Erschwerend kommt immer hinzu, dass das Licht natuerlich die ganze Zeit ueber brennt und ich mir jedesmal meinen Schal um die Augen binden muss, um mich etwas entspannen zu koennen.

Doch es war immerhin warm, ich konnte duschen und als ich am naechsten Morgen bezahlte, war es um einiges weniger, als ich ausgerechnet hatte. Es war noch sehr frueh am Morgen und nur wenige Menschen waren auf den Strassen unterwegs. So beschloss ich, lieber gleich den Zug Richtung Himeji zu nehmen, dessen Schloss ueberall fuer seine Schoenheit geruehmt wird und was praktischerweise ein Zwischenbahnhof auf meiner Reise nach Suwa in der Praefektur Hyogo war.

Ausserdem wuerde ich in einem der Nebenorte vielleicht eine guenstigere Unterkunft fuer meine letzte Nacht finden koennen.

In Himeji angekommen, erwartete mich jedoch erst einmal eine Enttaeuschung: Das Schloss wurde von einem grossen Stahlgeruest verdeckt und die Kraene, sowie der Baustellenlaerm trugen auch nicht gerade dazu bei, den Charme alter Zeiten wieder aufleben zu lassen.

Ich troestete mich stattdessen mit dem dafuer sehr huebschen Park, der sich ueber eine gewaltige Flaeche erstreckte und in bunten Herbstfarben erstrahlte. Durch zahlreiche Ginko- und Ahornbaeume reicht die Farbpalette in Japan naemlich von intensivem goldgelb bis blutrot.

Ich fuehlte mich heute nicht in der Stimmung fuer einen langen Tag in diversen Museen, die es hier in Huelle und Fuelle gab, dazu war das Wetter einfach viel zu schoen. Nachdem ich also mehrere Stunden durch den Park flaniert war und der Nachmittag schon langsam in den Abend ueberging, machte ich mich per Zug weiter in Richtung Suwa auf. Nach einigem Suchen und Fragen fand ich in dem Ort vor meiner Endstation auch noch eine einigermassen preiswerte Minshuku.

Am naecsten Morgen musste ich schon um neun Uhr auschecken, hatte mich mit meiner Gastfamilie (bei welcher ich einen ganzen Monat lang arbeiten wuerde) aber erst drei Stunden spaeter am Bahnhof verabredet. Deshalb erkundete ich den Ort, fand einen gigantischen, uralten Ginkobaum unter dem ich mein Fruehstueck hielt und schlenderte ziellos durch die langsam erwachenden Strassen. Die Stadt schien einen Faibel fuer Sterne zu haben. Auf den Messingschildern an den Bruecken und Gullideckeln (die in jeder Stadt andere Motive zeigen), and Mauern und Geschaeften - ueberall fand man sie wieder.

Ich sah das als gutes Omen. Denn schliesslich mag ich Sterne auch. Spaeter sollte ich auch noch den Grund erfahren, warum die Stadt gerade dieses Symbol gewaehlt hatte.

Die restliche Zeit vertrieb ich mir lesend am Bahnhof in der Sonne. Dann warf auf einmal etwas einen Schatten auf mein Buch und ich blickte auf.

Ein aelterer, schlanker und symphatisch laechelnder Mann stand vor mir. Es entpuppte sich als mein Gastvater Seji-san. Seine Frau Kazumi wartete, ebenfalls laechelnd, am Auto.

Der erste Eindruck sollte nicht taeuschen. Sie waren die liebsten, warmherzigsten und grosszuegigsten Menschen, die man sich nur vorstellen kann!
Sie wohnten nicht direkt in Suwa (das hatte ich insgeheim gehofft, weil es dort eine Post und Geschaefte gab). Aber auf dem Weg zu ihrem Haus, kamen wir an einem Schild vorbei, das besagte, dass es hier ganz in der Naehe eine Sternwarte gaebe und sie versprachen mir, irgendwann gemeinsam dorthin zu gehen.

Ihr Haus war sehr neu und modern. Ich muss gestehen, dass ich nach meiner Zeit in diversen zugigen und baufaelligen Heimen ein wenig erleichtert ueber etwas Komfort war. Das Badezimmer musste nicht mit Hand beheizt werden. Im Gegenteil. Es gab sogar einen kleinen Computer am Badewannenrand, auf dem man die exakte Temperatur einstellen konnte!

Mein Zimmer war ein Palast. Es war riesig, hatte zwei westliche Betten (pure Nostalgie), ein Regal mit Buechern (auch in Englisch!), einen eigenen Fernseher (den ich aber nur einmal benutzte, um fuer fuenf Minuten die Japanische Version von Harry Potter zu gucken. Harry hatte in der Synchronisation eine piepsige Maedchenstimme bekommen, die leider nicht lange zu ertragen war) und sogar einer eigenen Toilette...

Ich war im Himmel.

Man bemerkt gleich den Unterschied zwischen den Familien, die wwoofer akzeptieren, weil sie wenig Geld und zuviel Arbeit haben, und denen, die es rein aus Hobby und Interesse an anderen Kulturen tun. Diesmal war es letzteres, was ich erfahren durfte.

Kazumi und Seji hatten an einer Wand eine Weltkarte aufgehaengt und dort mit rotem Filzstift die Heimatlaender und -orte ihrer bisherigen Helfer eingetragen. Daneben prangten sogar Fotos! Das hatte ich zu diesem Zeitpunkt erstmals gesehen und es ruehrte mich zutiefst.
Ausser den beiden gehoerte auch noch die 98jaehrige Grossmutter zu unserer kleinen Familie. Sie war ein Engel - ich haette sie am liebsten eingepackt und mitgenommen! Auch den 19jaehrigen Sohn Kenji lernte ich kurz kennen, als er auf einen Besuch vorbeikam. Leider war er jedoch sehr schuechtern und nur selten wechselten wir ein paar Worte.

Die Arbeit war auch vielfaeltig und interessant. Wir praeparierten ein Feld fuer das kommende Jahr (ich durfte den kleinen Handtraktor fahren), holten Feuerholz aus dem Wald (wobei ich Seji-san, der bereits 70 Jahre alt war, verbieten musste, die schweren Staemme selbst zu schleppen), faellten einige erwachsene Bambusbaeume, um daraus einen Unterstand zu bauen, errichteten einen Kompost und vieles, vieles mehr.


Wir verbrachten auch mehrere Tage damit, ein junges Bambuswaeldchen abzuholzen, weil es leider (aus mir unverstaendlichen Gruenden) vielen Einwohnern ein Dorn im Auge war.

Dennoch war es trotz allen Bedauerns ein lustiges Projekt, besonders weil das Wetter schoen und meine Gastfamilien sehr streng im Einhalten von Pausen mit zugehoeriger Verpflegung war. :)

Ich genoss nicht nur das Schlafen in einem richtigen Bett (zum ersten Mal, seit ich in Japan angekommen war!), sondern auch das Essen! Nach meiner Curry-Diaet bei der letzten Gastfamilie konnte ich mich kaum noch daran erinnern, dass es noch etwas anderes gibt.

Doch hier assen wir fast jeden Morgen Toast (richtig braun und knusprig!) mit Marmelade oder Ei, tranken Kaffee oder Schwarztee mit Milch (Kazumi wurde nach wenigen Tagen und zu meinem Glueck selbst abhaengig) und Mittag gab es Gerichte, wie sie in einem Restaurant angemessen gewesen waeren. Kazumi konnte wirklich ausgezeichnet kochen... Manchmal stellten sie auch mich an die Toepfe und wollten Deutsche Kueche. Dann gab es Spaghetti Bolognese, Pizza (ist beides nicht Deutsch, ich weiss), Brat- oder Backofenkartoffeln, Pfannkuchen, Tomatensuppe und eben alles, was nur einfache Zutaten erfordert, da es hier in Japan nicht so einfach ist, spezielle Gewuerze zu bekommen und generell alles teuer ist.

Da wir inzwischen fortgeschrittenen Dezember schrieben und ich Kazumi von den Keksen erzaehlt hatte, die meine Mama in Deutschland nun bestimmt schon backte, wurde ich eines Tages auch noch darum gebeten. Aber nicht nur ein paar, denn sie wollte wollte eine Curry-Party geben und das Gebaeck als Nachtisch reichen. Drei Tage stand ich deshalb in der Kueche und fabrizierte fuer die 30 Gaeste Tonnen an Weihnachtsplaetzchen und Apfelkuchen. (Beruhigenderweise konnten sich auch die Japaner nicht zurueckhalten und alles wurde bis auf den letzten Kruemel verputzt. Es scheint sich damit nicht nur um eine Schwaeche der Deutschen zu handeln, sondern liegt einfach an den gemeinen Keksen! Das war mir unterbewusst schon immer klar xD)

Meine Gastfamilie besass auch drei Haustiere: Chibie, der Wachhund, mit dem ich jeden Abend einen Spaziergang machte; Mame, eine junge Huendin, die aber gerade in der Hundeschule war und natuerlich Uka, das Kaninchen. ("uka" bedeutet auf Japanisch, wenn ein Ei aufbricht und etwas schluepft)

Wegen Uka hatte ich mich eigentlich erst fuer diese Gastfamilie entschieden. (Ein wwoofer-paerchen, das ich in Gifu traf, hatte mir von dieser Familie erzaehlt) Und ich hatte mich auch nicht getaeuscht. Kaninchenbesitzer sind alle nett (sofern sie die Tiere nicht halten, um sie zu essen!) Uka gehoerte eigentlich der Tochter, die aber in Osaka war und sich nicht mehr darum kuemmern konnte... Deshalb war niemand richtig mit dem armen Ding vertraut und seit zwei Jahren fristete es daher ein einsames Leben im Kaefig. Kazumi traute sich nicht, es auf den Arm zu nehmen, weil es immer so strampelte.

Deshalb machte ich es mir zum Projekt, dem Haeschen ein besseres Leben zu ermoeglichen und zeigte ihr, dass das mit etwas Uebung kein Hexenwerk war. Nach einigen Tagen konnte meine Gastmama es bereits selbst aus dem Kaefig holen und war auf einmal richtig verliebt in Uka. Das war so schoen anzusehen. Ich baute an meinem ersten freien Tag auch ein Holzhaeuschen, denn bisher stellte sein einziger Unterschlupf ein alter, zernagter Pappkarton dar.

Waehrend meiner dritten Woche in Suwa besuchten wir endlich die Sternwarte. Die Bedingungen waren ideal: die Nacht war warm und der Himmel ganz klar!

Die Fuehrung war natuerlich auf Japanisch, deshalb verstand ich nicht alles, was erklaert wurde, doch die Objekte, die wir beobachteten sprachen ohnehin fuer sich. Das Teleskop war riesig und mit 2 m Durchmesser sogar das groesste in ganz Japan!.

Wir betrachteten den Andromedanebel, den Kugelsternhaufen M15, den blauen Schneeball (erstmals davon gehoert), den Orionnebel und Jupiter.

Ich hatte sogar das Glueck, auf einen Japanischen Astro-Fotografen zu treffen, der mir nach unserer Unterhaltung seine Mailadresse gab und ein paar Tage spaeter die Himmelsaufnahmen des Abends schickte. Sogar jetzt noch erhalte ich hin und wieder schoene Fotos per Mail, wenn er etwas Besonderes vor die Linse bekommen hat.

Mir gefiel auch, dass Kazumi und Seji ein so aktives Leben fuehrten. Nicht nur die Arbeit machte Spass, auch privat wurde viel geboten. Wir gingen zusammen zu einem Kaffeekraenzchen der Dorfbevoelkerung mit anschliessendem Bingoabend (lustigerweise gewannen wir drei gleichzeitig), besuchten die Huendin Mame in der Hundeschule, machten kleine Ausfluege in die Gegend und einmal nahm micht Seji-san sogar mit, um mit vielen anderen Bewohnern zusammen die Neujahrsdekoration fuer Haus und Auto zu basteln.

Wir verwendeten altes Reisstroh, das noch von der letzten Ernte aufgehoben worden war und da auch mein Gastvater zum ersten Mal teilnahm, war es umso vergnueglicher. Aber Seji-san schien es einfach mehr im Blut zu liegen, denn seine Gebilde sahen am Ende um einiges professioneller aus.

Ich fuehlte mich pudelwohl in Suwa. Es war wie eine richtige Familie und es mangelte mir an nichts. Mit dem Fahrrad konnte ich ab und zu zur nahegelegensten Post fahren um meine Briefe und Karten zu verschicken, ich hatte viel zu lesen und das Telefonieren stellte auch zum ersten Mal kein Problem dar; Meine Familie durfte anrufen, wann immer sie wollte!

Daher war es kein Wunder, dass die Zeit wie im Fluge verging. Auch die freudige Aussicht, bald meine kleine Schwester zu Weihnachten in Osaka zu treffen, trug natuerlich dazu bei. Nur noch eine Woche wuerde ich vorher bei einer anderen Familie am Biwa-See in der Praefektur Shiga arbeiten.

Der letzte Abend war sehr traurig. Ich wollte eigentlich gar nicht weg aus diesem Paradis, doch meine Reise musste weitergehen.
Zum Abschied wurde ich reich beschenkt und gebeten, wiederzukommen. (Da ich naechstes Jahr auch meine kleine Schwester in Japan besuchen will, die dann dort ihr Auslandsjahr macht, wird das in jedem Fall eine Station werden!)


Sie brachten mich mit dem Auto zum Bahnhof und wir fielen uns alle schniefend in die Arme. Dann setzte ich mich ziemlich niedergeschlagen in den Zug Richtung Otsu, wo ich einen Tag Urlaub am See machen wollte, bevor es mit der Arbeit weiterging.


Mata ne

Kira

Donnerstag, 18. November 2010

Mori no ie - Arbeiten in Kashimo

Von Wachschweinen im Hof und Ratten im Schlafzimmer

Mit dem Zug ging es also ganz gemaechlich von Toyama nach Kashimo. Die Haelfte der Strecke kannte ich ja bereits aus meiner vorherigen Zeit in Gero, als ich auf der kleinen Kuhfarm arbeitete, denn auch Kashimo liegt in der Praefektur Gifu und nur wenige Haltestellen von meiner damaligen Gastmutter entfernt.

Ma-san, mein neuer Gastvater und sein juengster Sohn Kanta holten mich vom Bahnhof ab. Waehrend der Fahrt wurde ich ueber den Lebensstil und Besonderheiten meiner neuen Gastfamilie aufgeklaert.
Vor fuenf Jahren hatte er zusammen mit seiner Frau Rie-san ein altes Bauernhaus, das bereits 150 Jahre alt war, erworben und restauriert. Sie nannten es "mori no ie" - Waldhaus (auch wenn es in Wirklichkeit nur am Waldrand liegt). Doch dieser Name beschreibt auch ihren Lebensstil, der sehr naturverbunden und umweltbewusst ist.
Sie finanzieren ihre Familie mit derzeit zwei Soehnen durch einen kleinen Laden, den sie auch online betreiben und wo man allerhand oekologische Produkte von Seifen ueber Lebensmittel und sogar Waermflaschen aus Deutschland kaufen kann. Rie-san backt zudem selber vegane Kuchen und Kekse, die uns manchmal in einer kleinen Pause zum Probieren gereicht wurden und welche tatsaechlich sehr gut schmecken, obwohl sie ohne Butter, Zucker, Milch und Ei hergestellt sind.
Allerdings muss sie schon sehr frueh morgens aufstehen, um die grosse Nachfrage befriedigen zu koennen (das heisst, ich hoerte sie manchmal schon gegen drei oder vier Uhr frueh in der Kueche rumoren) und war daher oft etwas gestresst und ungeduldig. Allerdings sprach sie so gut wie kein Englisch und wenn man deshalb eine ihrer Instruktionen nicht gleich auf Japanisch verstand, war sie veraergert und machte es lieber selber als es erneut zu erklaeren.

Auch organisierte Ma-san fuer fast jedes Wochenende einen Workshop, ein Seminar oder andere Treffen, nicht nur weil es ihm grossen Spass machte, sondern auch um sich selbst und damit den Laden bekannter zu machen. Das Bewirten fiel jedoch Rie-san zur Last, was ihren Stress nicht gerade linderte. Oft kamen bis zu 20 Personen. (Ein Seminar war zu Ehren einer Australierin, die in ihrem Heimatland ebenfalls eine organische Farm betreibt und ein Referat ueber ihre Methoden hielt, das andere war ein Workshop ueber den theoretischen und praktischen Umbau von Autos, so dass diese umweltfreundlicher mit WVO (waste vegetable oil - also altem Frittierfett) fahren konnten)

Das Leben der WWOOFer war hier ebenso geschaeftig.
Wir schliefen auf dem geraeumigen Dachboden und da das Haus, wie gesagt schon sehr alt war und wir bereits Ende Oktober schrieben, blies ein eiskalter Wind durch teilweise fingerbreite Spalten. Einige Tage nach meiner Ankunft vernagelten wir daher alles mit grossen Pappkartons. Da ich anfangs das einzige Maedchen war, wurde fuer mich nur eine kleine Nische mit Stellwaenden notduerftig abgetrennt.
Offenbar hielten auch Spinnen, Stinkwanzen und Mauese den Dachboden fuer ein ausgezeichnetes Winterquartier, denn des Nachts konnte ich viele kleine Fuesse ueber die Tatamimatten trippeln und kleine Zaehne an den Kartons nagen hoeren.
Eines Abends vernahm ich ungewoehnlich lautes Rascheln aus der Ecke, die meinem Futon am naechsten lag. Das konnte keine Maus sein. Ich versuchte mit meiner kleinen Taschenlampe die Ursache dieses Laerms auszumachen, sah aber nichts. Stattdessen verstaerkte sich das Rascheln nur. Letztendlich siegte doch die Neugier und ich kroch auf allen vieren unter die Schraege. Und dort in einer der Mausefallen, die Ma-san aufgestellt hatte, hing mit einer Pfote eine panische Ratte und versuchte sich mit Leibeskraeften zu befreien.
Ich hatte keine Ahnung, wie ich dem Tier helfen konnte und so blieb mir nur, meinen Gastvater zu holen, der die Falle samt Ratte einfach in Zeitungspapier wickelte und damit verschwand. Ich habe nie herausgefunden, was damit geschah...

Der Alltag:
Gegen sechs Uhr Morgens wurden wir von dem lauten Quieken des Hausschweins Buddha geweckt, das nach seinem Fruehstueck verlangte. Die Menschen assen jedoch erst gegen acht Uhr und unsere Morgentaetigkeiten nahmen nicht so viel Zeit in Anspruch, da wir zu zweit waren und sie unter uns aufteilen konnten. Deshalb mussten wir uns erst eine Stunde spaeter langsam aus dem warmen Bett quaelen, auch wenn die Beschwerden von Buddha keinen Schlaf mehr zuliessen. Meine erste Aufgabe vor dem Fruehstueck bestand also daraus, dem armen verhungernden Schwein sowie den Huehnern den Topf mit Kuechenabfaellen zu servieren, anschliessend die Waesche zu waschen und aufzuhaengen, die Toilette zu putzen, die Boeden zu fegen, den Tisch zu decken und Rie-san beim Kochen zu helfen. Spaeter wuschen wir das Geschirr, raeumten das Haus fertig auf und dann rief uns Ma-san zur Farmarbeit.
Diese ging normalerweise bis gegen halb eins, dann halfen wir beim Mittagessen und ab halb zwei bekamen wir endlich eine kleine Mittagspause (die wir natuerlich alle verschliefen).
Um drei ging es weiter. Waehrend die anderen ihre Aufgaben vollendeten, wurde einer von uns abkommandiert, das abendliche Bad einzuheizen, was fast drei Stunden dauerte, denn der Ofen war sehr klein und das Holz brannte schlecht. Meisstens qualmte es so sehr, dass schon in den wenigen Sekunden, die man brauchte, um die Luke zu oeffnen und neue Scheite nachzuschieben, unter der Decke des Raums eine dicke Rauchwolke entstand. Diese war auch dafuer verantwortlich, dass ich jeden Tag das Waschbecken und den Fussboden putzen musste, da sich ueberall die feinen Russpartikel absetzten.
Die Farmarbeit an sich bestand aufgrund des fortgeschrittenen, dennoch waehrend des Tages noch immer herrlich warmen Wetters, nicht mehr ausschliesslich aus Feldtaetigkeiten, denn der Reis war bereits geerntet und hing zum Trocknen ueber langen Stangen.
Das Schoene an mori no ie war, dass die Arbeit, abgesehen von den haeuslichen alltaeglichen Aufgaben sehr vielfaeltig war:

So lernten wir unter anderem, wie man die Papierbespannung der typisch Japanischen Schiebetueren erneuert. (Ma-sans Soehne liebten es, mit ihren kleinen Fingern Loecher hineinzupieken, wann immer man nicht hinsah).
Dazu weicht man zunaechst das alte Papier an den Klebestellen mit warmen Wasser auf. So laesst es sich leichter abziehen und komplett entfernen. Nachdem das Holzgestell getrocknet ist, wird der Rahmen und die inneren Leisten mit Kleister (frueher machte man ihn aus Reisstaerke) bestrichen und anschliessend mit dem duennen Papier frisch beklebt. Das ganze laesst man wieder eine Weile trocknen, bevor die Tuer wieder einsetzt werden kann. Ein altes Japanisches Haus ist noch so konstruiert, dass man alle Waende leicht aushaken kann, denn im Sommer ist es sehr heiss und in dieser Zeit wurden frueher fast alle Papierwaende entfernt um die Luft zirkulieren zu lassen.

Einmal erzaehlte uns Ma-san eine interessante Geschichte. Drei Jahre nachdem er das Haus gekauft hatte, entruempelte er einen der Schuppen, die noch heute teilweise voll Krempel vom Vorbesitzer sind und fand bei dieser Aktion zwei alte Handmuehlen aus Holz, die fast auf 100 Jahre datiert werden konnten. Diese Handmuehlen bestehen aus zwei schweren Teilen. Das Untere hat die Form eines Kegels auf einem Sockel und dieser Kegel ist mit vielen Rillen versehen. Das obere Teil dagegen hat dieselbe Kegelform im Inneren und laesst sich deshalb nahtlos auf das Unterstueck setzen und bewegen. Das Korn wird in ein Oeffnung im Deckel gefuellt, rieselt in die Rillen und wenn man nun das Oberstueck bewegt, wird es dadurch zermahlen.
Das Interessante war nun, das Ma-san in diesen Muehlen einige alte Reiskoerner fand, die mindestens 50 Jahre alt sein mussten. Diese Reiskoerner pflanzte er auf gut Glueck ein und eines davon begann tatsaechlich zu spriessen! Waehrend der folgenden Jahre konnte er mit Geduld und Fuersorge durch wiederholtes Einpflanzen tatsaechlich letztenendes einige hundert Aehren gewinnen, die er nun zusammen mit uns dreschen wollte.
Aber nicht auf moderne, herkoemmliche Weise. Denn er hatte auch einige alte Geraetschaften in den Schuppen gefunden, mit denen die Menschen vor der Zeit der Elektrizitaet arbeiteten.
Als erstes verwendeten wir etwas, das aussah, wie ein grosser Kamm mit eisernen, dreieckigen Zacken. Durch diese zogen wir in kleinen Buendeln die Reishalme und bewirkten so, dass am unteren Ende, wo die Zacken spitz zusammenliefen, die Reiskoerner abgetrennt wurden. Das ganze Geraet war nicht sehr schwer und deshalb musste man es mit den Fuessen abstuetzen um dem Zug entgegenzuwirken.
Nachdem wir etwa ein fuenftel der Halme auf diese Weise bearbeitet hatten, was ziemlich viel Zeit in Anspruch nahm, zeigte uns Ma-san eine andere Maschine. Diese bestand aus einer grossen drehbaren Holztrommel mit kleinen Drahtboegen auf der Oberflaeche. Die Trommel brachte man mit den Fuessen durch ein Pedal in Bewegung, aehnlich den frueheren Naehmaschinen, und waehrend sich die Trommel drehte, legte man buendelweise die Halme darauf. Die kleinen Drahtboegen hatten in diesem Fall die Aufgabe, die Koerner abzutrennen und es ging dank der Rotation erheblich schneller, als mit den Eisenzacken. Dennoch brauchten wir einige Zeit, bis alle Reiskoerner eingesackt waren. Danach ging es weiter mit dem normalen Reis, der inzwischen gut durchgetrocknet war und davon gab es nicht nur hunderte sondern tausende von Halmen. Zum Schluss hatten wir alle ordentlichen Muskelkater in den Beinen und waren froh, als dieser Teil der Arbeit erledigt war.
Die letzte Maschine war ein grosser Holzkasten mit einem Trichter oben, sowie einige kleinere Oeffnungen an den Seiten und einer Handkurbel. Die Kurbel betaetigte einen Ventilator. Das gedroschene Korn wurde von einer Person in den Trichter gefuellt und waerend es rieselte betaetigte ein anderer den Ventilator um Halmreste, Huelsen und anderen leichten Abfall von den Koernern zu trennen. Die guten Koerner kamen flossen durch eine der Oeffnungen in den Sack, waehrend aus einer anderen der Staub und Abfall geweht wurde. Allerdings war dieser Vorgang nicht sehr zuverlaessig, denn schwerer Abfall konnte nicht weggeblasen werden.
Dennoch war es ein interessantes Projekt bei dem man vor allem Respekt vor dem Arbeitsaufwand damals lernte.

Eines Tages kam ein Freund der Familie vorbei, den alle wegen seiner Vorliebe fuer Alkohol nur "Brandy-san" nannten, um Buddha sein jaehrliches Bad zu verpassen. Buddha war in der Tat so schmutzig, dass man nicht mehr sagen konnte, welcher der Flecken auf dunkle Pigmente zurueckzufuehren war und welcher auf den Matsch im Hof. Also lockten wir das arme nichtsahnende Tier an seiner Leine (es trug eine Art Harnisch um die Brust, wie man ihn auch manchmal bei Hunden sieht) und mithilfe eines Topfes voll Koernern, die ich nach Haensel & Gretel-Manier vor seiner Schnauze plazierte auf die Strasse.
Dort hatte Brandy-san bereits einen Eimer warmes Wasser, Seife, sowie einige Buersten und Schrubber bereitgestellt. Schon beim Anweichen des Schmutzes mit Wasser fing es an zu quitschen, als hinge sein Leben davon ab. Das wurde auch nicht besser, als die Buersten zum Einsatz kamen, doch bald fanden wir heraus, dass man es sehr gut mit Futter ablenken konnte. Waehrend der eine es also mit ein paar Koernern beschaeftigte, nahm es von den Bemuehungen des anderen, es sauberzuschrubben, keine Notiz mehr. Das klappte aber natuerlich nicht mehr, als die Schnauze selbst an der Reihe war, doch nach gut zwei Stunden konnten wir es beinahe blitzeblank von diesen Qualen erloesen.

Ich war sogar noch dort, als Buddha endlich den graesslichen Harnisch loswurde, den es seit fast zwei Jahren trug, denn ich half dabei, einen Zaun um das Huehnerhaus zu bauen, welches sein neues Zuhause werden sollte. Die Huehner selbst wuerden in einem groesseren Schuppen untergebracht werden, denn Ma-san wollte bald anfangen sie zu zuechten.
Ich dachte, das Schweinchen wuerde Freudenspruenge machen, als es endlich frei war, doch nichts dergleichen. Es hing nur mit der Nase im Matsch und wedelte mit dem Schwanz, als es sich seinen Weg durch das neue Terretorium wuehlte.

Aber genau wie schon bei anderen Gastfamilien, bestand meine Zeit in mori no ie nicht nur aus Arbeit (wie ich die interesannten Taetigkeiten trotzdem nennen muss, da sie sehr den Koerper ermuedeten) sondern auch aus Ausfluegen und Unterricht.
Uns wurde gezeigt, wie man selbst Bier braut und abfuellt. (Lustigerweise verwendete Ma-san dafuer als Grundlage deutschen konservierten Hopfen)
An einem anderen Vormittag nahm er uns mit zu seiner Tanzgruppe, die sich hin und wieder trifft und, durch Trommeln begleitet, Afrikanische Taenze probt. Das machte sehr viel Spass, denn wenn man eine lange Zeit in einem fremden Land verbringt, erscheinen einem dort andere Kulturen ebenso aufregend, wie im eigenen Land. Wir bekamen sogar Einfuehrungsunterricht im Trommeln.
Als wir Besuch von der Australierin hatten, machten wir alle zusammen einen Ausflug zu einem grossen Gebirgsbach, der durch einen herrlichen, und nun im Herbst bunten Wald floss. Wir erklommen ein ganzes Stueck des Berges auf schoenen Holztreppen und -wegen, die wiederum auf Stelzen standen. Man ging praktisch auf Laminat, nobler ist eine Wanderung kaum moeglich. :)
Anschliessend fuhr Ma-san an einem Tempel vorbei, in dem ein gigantisch grosser, uralter Baum stand. Man datierte ihn auf mindestens 1.500 Jahre!










Nachdem wir auch diesen ausgiebig bewundert hatten zeigte uns unser Gastvater auch noch ein Noh-Theater, das zwar nur 100 Jahre alt war, aber dennoch beeindruckte. Wir bekamen eine richtige Fuehrung, nicht nur hinter, sondern auch unter die Kulissen und durften mit einigen der Requisiten, wie alten Samuraischwertern posieren.













Alles in allem verging meine Zeit durch all diese aufregenden Events sehr schnell, obwohl es an ein paar besonders langen und harten Tagen nicht so schien.

Meine naechste Station wuerde die Praefektur Hyogo sein, wo meine neue Gastfamilie in Suwa lebte. Da ich meine Reisekasse schonen wollte, hatte ich beschlossen ueber Nagoya und Osaka dorthin zu trampen. Sehr zur Belustigung meines Gastvaters, der sich meines Erfolges nicht sicher war. Zudem war ich wohl der erste WWOOFer der etwas in dieser Art betrieb und er wollte es sich nicht entgehen lassen, mich zu beobachten.

Ich praeparierte mir also mal wieder ein Schild und stellte mich damit am Morgen meiner Abreise an die Strasse.
Tatsaechlich begleiteten mich alle anderen WWOOFer und meine Gastfamilie bis dorthin und wollten allen Ernstes warten, bis mich ein Auto mitnahm.
Doch ich fuerchtete, die Autofahrer koennten denken, ich sollte fuer die ganze Gruppe eine Mitfahrgelegenheit ergattern und wuerden aus diesem Grund gar nicht erst anhalten. Deshalb gelang es mir am Ende doch, sie zu ueberzeugen mich allein zu lassen...

Mata ne
Kira

Sonntag, 7. November 2010

Urlaub auf Amerikanisch - Toyama

In Takayama angekommen, teilte ich Mario-san (Nanakos Freundin) meinen Plan mit, versuchen zu wollen, nach Shirakawago zu trampen. Der Bus war doch recht teuer und bisher hatte ich damit ja immer Glueck gehabt. Sie meinte, dass ich gar keine schlechten Chancen haette, weil dieses Dorf sehr beruehmt ist und viele Leute dorthin fahren.

Allerdings war die Stadt selbst kein guter Startpunkt und so fuhr Mario-san mich ein paar Kilometer weiter, zu einer "michi no eki" - was uebersetzt so viel wie "Strassenbahnhof" heisst und nichts weiter ist, als eine Raststaette.
Dort half sie mir sogar, einen alten Pappkarton mit meinem Wunschziel auf Japanisch zu beschriften. So wuerde ich bestimmt jemanden finden, der mich mitnahm.
Zum Abschied kaufte sie mir ein paar Kekse und versprach, in zwei Stunden wieder vorbeizukommen um mich aufzulesen, falls ich keinen Erfolg gehabt haben sollte. Dann wuerde sie mich zum Bahnhof bringen, wo ich doch noch den Bus nach Shirakawago nehmen koennte.

So verabschiedeten wir uns und ich lenkte meine Schritte, das Pappschild unter dem einen Arm, erstmal Richtung Toilette.
Als ich die Kabine verliess, stand an den Waschbecken bei meinem Rucksack eine Dame, die offensichtlich auf mich wartete und fragte, ab dieses Gepaeck mir gehoere.
Ich befuerchtete schon, ich haette meine Sachen dort widerrechtlich abgestellt (obwohl ich keine Verbotsschilder sehen konnte, aber die Japaner sind in vielen Dingen etwas eigen) und wollte mich schon entschuldigen, als die Frau auf das Pappschild zeigte und sich erkundigte, ob ich dorthin wolle.
Ich bejahte, woraufhin sie davonwuselte, mir ungeduldig winkend, ich solle ihr folgen.
Im Gehen erzaehlte sie mir, sie und ihr Mann kaemen an Shirakawago vorbei und koennten mich dort absetzen.

Hat man von so unverschaemten Dusel schon gehoert? Waere ich aberglaeubisch, wuerde ich vermuten, dass dafuer das Pech eines Tages geballt ueber mich hereinbrechen muesse...

Wir quetschten also meinen dicken Rucksack in den Kofferraum und fuhren los. Unterwegs schrieb ich Mario-san noch eine kurze SMS, dass ich Erfolg gehabt habe und sie sich nicht weiter Sorgen muesse.
Die Fahrt verlief still. Das Ehepaar redete viel miteinander auf schnellem Japanisch und fragten mich kaum aus. Doch das war mir sehr recht. Ich war etwas muede und so konnte ich einfach aus dem Fenster gucken und die herbstlich-bunte Landschaft vorbeisausen sehen. Ein Auto war doch etwas Schoenes. Jedenfalls in manchen Situationen. Ansonsten bleibe ich meinem Rad treu.

Wir waren nach meinem Zeitgefuehl vielleicht gerade eine Dreiviertelstunde gefahren, da wiesen sie nach rechts, wo sich ein kleines Dorf malerisch in ein Tal schmiegte. Dort laege Shirakawago, erklaerten sie mir.
Ich konnte von hier noch kein einziges Strohdach erspaehen und dachte, ich haette mir das alles vielleicht falsch vorgestellt, doch als wir die kleine Dorfstrasse entlangfuhren, hoerten die Backstein- und Betonhaueser an einer Stelle urploetzlich auf und stattdessen erhoben sich strohgedeckte Huetten gen Himmel, der mit seiner azurblauen Farbe einen tollen Kontrast herstellte.

Diese, von der UNESCO als Weltkulturerbe erklaerten Huetten werden auch "gassho-zukuri" genannt, was soviel wie "betende Haeuser" bedeutet, da die Daecher wie zwei, zum Gebet aneinandergelegte Haende aussehen.

Hier verabschiedete ich mich von dem netten Ehepaar, das spontan beschlossen hatte, sich die Sache auch einmal anzusehen, wo sie schon einmal dort waren.
Ich suchte erstmal einen Supermarkt auf, um dort mein Schild in einem der Muelleimer loszwerden und mir etwas zu trinken zu kaufen.

Als ich das Geschaeft wieder verliess, traf ich an der Strasse ein Paerchen, die Taiwanesin Emily und den Muenchner Markus. Wir verstanden uns gleich gut und nachdem wir fuer Markus eine Post gefunden hatten, wo er Geld abheben konnte, schlenderten wir gemeinsam durch das Dorf.
Sie zeigten mir sogar ein Infobuero, wo man Busfahrkarten kaufen und sein Gepaeck einlagern konnte. Das tat ich auch sofort mit meinem schweren Rucksack.

So erleichtert fuehrten wir unseren kleinen Spaziergang fort, ich wurde sogar auf einen Kaffee eingeladen, bis es fuer die beiden Zeit war, ihr Gepaeck zu holen und sich zur Bushaltestelle zu begeben. Sie wollten die Nacht in einem anderen, kleineren Gassho-Zukuri-Dorf (Ainokura) verbringen, das von Touristen nicht so ueberlaufen war.

Auch ich hatte vorgehabt, in einer der beruehmten Huetten zu uebernachten und mich zuvor in der Touristeninformation nach einem freien Platz erkundigt, doch da genau an diesem Tag ein Festival stattfand, war alles schon lange ausgebucht. Die Dame musterte mich daraufhin abschaetzend und fragte, wie hoch mein Budget sei, fuer 30.000 Yen sei sicher noch etwas in einem der besseren Hotels zu finden. (Das entspricht in etwa 300 Euro!)
Nun, ich brauche hier niemandem etwas vorzumachen - mein Budget hatte unter diesen Umstaenden nicht einmal fuer eine Stunde in einem dieser Hotels gereicht.

So beschloss ich, die Nacht in den Bergen in meinem Zelt zu verbringen. Markus hatte mir erzaehlt, dass er mit Emily zu einem Aussichtspunkt gegangen war, der nur etwa 10 Minuten entfernt lag und dort gaebe es genug Moeglichkeiten unbehelligt zu campen.

Also machte ich mich auf den Weg, um mir die Sache anzusehen. Die Aussicht auf das Dorf war wirklich herrlich und runherum gab es viele Buesche, unter denen ich mein Zelt aufschlagen konnte.
S0 machte ich mir einen restlichen schoenen Tag im Dorf, kaufte ein Gastgeschenk fuer Kati und heisse Maissuppe in der Dose, Milchbroetchen, Mohrrueben und eine Flasche Wasser als Proviant.
Ich wurde nicht ins Tal zurueckkehren, da ich oben am Aussichtspunkt ein Schild zur Autobahn gesehen hatte, wo ich morgen zunaechst mein Glueck versuchen wollte, Richtung Toyama zu trampen.

Gegen halb sechs, als es langsam daemmerte, holte ich meinen Rucksack von der Information und stieg den Berg hinauf. Als ich mein Zelt aufgebaut und mein Abendbrot aus Maissuppe und Broetchen unter dem schoenen Ausblick verspeist hatte, war es schon ganz dunkel.
Nun schimmerten nur noch die entferten Lichter der erleuchteten Fenster und Shemen der Huetten zu mir hinauf, die von einem grossen Strahler sanft beleuchtet wurden. Ich fragte mich, ob man unter diesen Umstaenden eine gute Nacht dort unten verbringen konnte, mit dem Strahler, der heller schien als der Mond...

Oft hielten Autos und Menschen stiegen aus, die diese Szenerie ebenfalls geniessen wollten. Auch, als ich schon lange in meinem Schlafsack lag, hoerte ich dann und wann Autotueren knallen, Schritte auf knirschendem Kies, die an meinem Zelt vorbeikamen und ab und zu Geraschel im Gebuesch. Gedaempft erklang die Trommelmusik des Festivals sogar noch bis hierher und wiegte mich in den Schlaf. Dennoch konnte ich nicht wirklich tief schlafen, aber dafuer genoss ich am naechsten Morgen die frische Luft und den Sonnenaufgang ueber den Bergen umso mehr.

Ich fruehstueckte, packte in aller Ruhe meine Sachen und begab mich auf die kleine Strasse Richtung Autobahn.
An einer Abzweigung zoegerte ich. Ich zog meine Karte zu Rate, konnte aber nicht entscheiden, welcher Weg besser sei. Beide fuehrten zu unterschiedlichen Autobahnen und es gab leider keine direkte Verbindung nach Toyama. Ein Auto fuhr langsam an mir vorbei, bog in die rechte Strasse ein und als es schon fast ausser Sicht war, hielt es in einer Kurve an.
Ich sagte mir, wenn ich diese Strasse waehlte, haette ich vielleicht die Chance, dass mich der Fahrer moeglicherweise mitnahm... Und genau so war es. Als er sah, welchen Weg ich waehlte, stieg er aus und kam auf mich zu. Offensichtlich hatte er nur darauf gewartet, wie ich mich entscheiden wuerde.

Er war Rentner und wollte heute einen Ausflug in die Naehe von Kamikochi, nach Nagano machen. Wir luden gemeinsam meinen Rucksack in den Kofferraum und ich bedankte mich mehrmals. Ich war froh, dass ich mal wieder so einfach einen Lift gefunden hatte. Mir war momentan auch egal, wohin es ging. Zeit hatte ich genug - bei Kati hatte ich mich erst fuer morgen angemeldet und solange er mich in irgendeinem Ort ablud, wo ich eine Zug nehmen konnte, war es mir recht.

Wir fuhren die kleine, enge Bergstrasse entlang, die sich oft wand und links und rechts mit den herrlichen bunten Baeumen bewachsen war. Sonst gab es nichts. Nur Berge und Baeume fuer mindestens eine Stunde! Da waere ich schoen gewandert mit meinem schweren Rucksack!

Doch auf diese Weise konnte ich diese wunderschoene Landschaft geniessen. Mein Sankt Martin war auch ein freundlicher, unterhaltsamer Genosse.

Er war etwas betruebt, dass er mir nicht sehr weit helfen konnte, denn nach dieser Bergstrasse musste ich nach Westen und er gen Norden, nach Nagano. Er redete sehr schnelles Japanisch und es war fuer mich wirklich anstrengend ihm zu folgen und alles zu verstehen.
Aber die Muehe lohnte sich, denn er fragte mich, ob ich heute noch etwas vorhabe, und nachdem ich verneinte, lud er mich ein, mit ihm den Ausflug nach Nagano zu machen. Gluecklich sagte ich zu, denn als ich damals bei Kazuko-san gearbeitet hatte, wollte ich unbedingt in die Berge nach Kamikochi und dass mir das nun wider Erwarten doch vergoennt war, sah ich als wahres Geschenk.

Wir fuhren eine ganze Weile durch laendliche Gegenden, ab und zu musste sich auch mein Ojiisan nach dem Weg erkundigen, trotz neustem Navigationssystem.

Schliesslich waehlte er eine kleine Strasse und wir fanden uns inmitten eines Gebirges wieder.
Hier gab es sogar eine Seilbahn, mit der man fahren konnte. Er war ganz versessen darauf, sie mir zu zeigen und so warteten wir einige Minuten, bis sie sich in der Ferne in unser Blickfeld schob.
Wir standen auf einer Art Plateau und er erklaerte mir, dass das eigentlich ein Hubschrauberlandeplatz war.

Von hier bot sich eine besonders schoene Aussicht!

Als wir uns nach etwa einer halben Stunde auf den Weg zurueck zum Auto machten, fragte Ojiisan mich, wie mein Verhaeltnis zu Onsen stuende und war hocherfreut, als ich erzaehlte, ich moege sie dermassen gern, dass ich am liebsten einen davon nach Stuttgart importieren wuerde!
Er wollte mir gerne eine sehr beruehmte heisse Quelle zeigen, die ganz in der Naehe war.
Und dann lud er mich dorthin ein!
Spaeter, als wir uns sauber und erhitzt im Warteraum wieder trafen, wollte er gern noch etwas essen, bevor es weiterging. Und auch hier war ich machtlos gegen seine Grosszuegigkeit, denn fuer ihn stand es ausser Frage, dass er mich auch noch zum Essen einlud! Es gab Udon mit dicken Nudeln und schmeckte herrlich...

Nach diesem magenwaermenden Mahl brachen wir auf. Ojiisan wollte mich an einer michi no eki absetzen, da ich von dort mehr Erfolg haette, ein Auto nach Toyama zu finden. Er wohnte naemlich in Nagoya und das lag an der Ostkueste - also genau entgegengesetzt von meinem Zielort.
Doch die erste Raststaette kam und ging, ohne dass er auch nur die Geschwindigkeit aenderte. Auf meinen fragenden Blick hin meinte er nur, etwas weiter sei eine andere, die geschickter laege.
Allerdings stellte sich das "etwas weiter" als gute 15 Kilometer heraus.
Aber auch hier hielt er nicht und als ich ihn, nun wirklich verwundert fragte, warum er weiterfuehre, da erklaerte er mir, nicht alle Menschen seien nett und er wuerde sich einfach Sorgen um mich machen und daher lieber direkt nach Toyama bringen!
Natuerlich versuchte ich, ihm das auszureden, doch es war vergebens. Ihm mache das Autofahren ohnehin Spass, deshalb solle ich mir keinen Kopf machen...

Das sagt sich so leicht. Immerhin brachte ich ihn um einen erholsamen Tag.
Als wir in Toyama ankamen, sah er auch wirklich muede aus und ich wollte ihn gern auf einen Kaffee einladen, doch den schlug er einfach aus! Nachdem ich meine Sachen ausgeladen hatte, verabschiedete er sich auch gleich von mir und brauste winkend davon.
Ich stand, von meinem Dusel noch immer etwas ueberrumpelt, am Strassenrand und musste mich erstmal sortieren. Eigentlich hatte ich ja erst am naechsten Tag hier ankommen wollen...

So setzte ich mich erstmal bei einem Springbrunnen auf eine Bank und uebelegte. Zwar war es unwahrscheinlich, dass Kati meine Nachricht rechtzeitig lesen wuerde, aber ich schrieb ihr von meinem Handy aus trotzdem erst einmal eine E-mail, erklaerte die Situation und bat sich, mich schon heute Nacht bei sich aufzunehmen. (Ich traute mich nicht, sie anzurufen, weil sie um diese Zeit vielleicht gerade arbeitete. Sie unterrichtet Englisch und mitten in ihrer Stunde anzurufen war bestimmt nicht gern gesehen)
Dann machte ich mich auf den Weg zum Bahnhofsgebaeude, denn dort konnte ich mich schonmal nach guenstigen Unterkuenften und einem Internetcafe erkundigen. Ein Businesshotel gab es in der Naehe fuer 1.900 Yen und Internetzugang sogar sehr guenstig direkt im zweiten Stock des Bahnhofs.

Also erkundigte ich mich zunaechst in dem Hotel nach freien Zimmern. Doch auch hier war aufgrund eines Festivals alles ausgebucht. Dann stand es wohl mit den anderen billigen Unterkuenften aehnlich.
Deshalb suchte ich am Bahnhofs-PC nach Internetcafes in der Naehe. Dann wuerde ich die eine Nacht eben dort verbringen. Das war auch weitaus flexibler, falls Kati mich doch noch kontaktieren sollte. Ich hatte auch Erfolg und fand eines, keine zwei Strassen weiter.

Ich schulterte wieder meinen Rucksack und machte mich auf den Weg um herauszufinden, ob man dort schlafen konnte. (Ist zwar normalerweise so, aber man kann nie wissen...)
Als ich an der Kreuzung ankam, wo es haette sein sollen und ich mich gerade bei einem netten Restaurantbesitzer danach erkundigte, hoerte ich auf einmal hinter mir jemanden meinen Namen rufen.

Es war Kati!
Sie kam auf mich zugeradelt und laechelte.
Was fuer ein Zufall aber auch! Sie hatte meine E-mail natuerlich noch nicht gelesen, war aber gerade auf dem Heimweg von einem Arztbesuch.
Gluecklicherweise war es auch kein Problem fuer sie, mich schon heute Nacht zu beherbergen. Im Gegenteil. Ihr Freund war zur Zeit auf Geschaeftsreise in China und sie langweile sich zu Tode.
Sie lachte nur ueber meine "unangemessene Ruecksichtsnahme", wie sie es ausdrueckte.

Ihr Appartement war auch gar nicht weit entfernt. Nach nur 10 Minuten standen wir schon davor und sie erklaerte mir die PIN-Nummer fuer den automatischen Tueroeffner.
Die Wohnung war ein wenig kleiner als die von Claus, aber definitiv groesser als Lottis. Es gab ein relativ grosses Badezimmer, die Kuechenzeile befand sich nicht eingeklemmt im Flur, sondern in einem kleinen Vorzimmer und das Schlaf- oder Wohnzimmer liess sich mit Faltwaenden abtrennen. Dort passten leicht vier Matratzen nebeneinander und ich bekam auch sofort meine eigene Ecke. Kati stellte mir sogar einen kleinen Tisch hinein, worunter und worauf ich meine Sachen unterbringen konnte.

Die folgenen Tage waren sehr erholsam. Ich tat nicht besonders viel. Da Kati meisstens von Nachmittags bis Abends arbeitete, standen wir erst spaet auf, fruehstueckten, gingen einkaufen, kochten gemeinsam Mittagessen, redeten und alberten viel herum und manchmal kamen ihre Freundinnen zu Besuch.
Ihre beste Freundin kannte sie schon ihr ganzes Leben. Jules war auch Amerikanerin und wohnte im selben Gebaeude. Auch ihr Freund hauste nur zwei Stockwerke ueber ihr.
Das war natuerlich sehr praktisch fuer Kati. So war sie zumindest nie alleine.

Sie unterrichtete mich auch in Amerikanischer Kueche. So durfte ich Pancakes mit Ahornsirup, Oatmeal (In Wasser gekochte Haferflocken mit Rosinen) und diverse Smoothis aus Fruechten, Milch, Haferflocken, Erdnussbutter u. v. m. kosten. Allerdings stellte ich fest, dass ich Erdnussbutter ueberhaupt nichts abgewinnen kann!

Ab und zu unternahmen wir auch Ausfluege.
In Toyama gibt es viele schoene Orte und ein paar interessante Museen, die ich erkundete, wenn Kati gerade arbeitete.

Einer meiner Lieblingsplaetze wurde der "Berg der 1.000 Buddhas". Der Name an sich erklaert schon ziemlich gut, worum es sich dabei handelte.
Unendlich viele Steinfiguren reihten sich dicht an dicht den Huegel hinauf und dazwischen gab es eine ausgetretene Steintreppe, die man bis zum Gipfel erklimmen konnte.
Von dort aus hatte man eine tolle Sicht auf die Stadt. Leider gefiel das scheinbar auch den Muecken sehr gut, denn lange konnten wir dort nicht verweilen, ohne aufgefressen zu werden. Dabei war es schon Ende Oktober!

Am Wochenende hatte Kati frei und so machten wir alle zusammen einen Ausflug nach Kurobe.
Das ist eine huebsche kleine Stadt in den Alpen, inmitten unberuehrter Natur an einem grossen Fluss.

Hier konnte ich auch meine ersten Japanmakaken hautnah sehen - und natuerlich fotografieren! Ich hatte schon bei Nanako einen dieser rotgesichtigen Affen gesehen, aber nur vom Auto aus, wie er auf einem Baum sass.
Hier sassen sie auf der Strasse! Und auf den Gleisen der kleinen Gebirgsbahn, mit der wir spaeter weiterfahren wuerden.
Sie wanderten ganz gemaechlich herum, als wuessten sie, dass man ihnen hier nichts antun wuerde. Das war wirklich um einiges beeindruckender als im Zoo.










Die Einwohner schienen das gewohnt zu sein, denn sie beachteten die Affen kaum. Fast so, als handele es sich um streunende Katzen...

Leider kamen bald noch mehr Touristen hinzu und das wurde den Tieren dann wohl doch ein wenig zu viel und sie verzogen sich hinter eine Absperrung des Bahnhofs.

Also liessen wir sie in Ruhe und gingen unsere Fahrkarten fuer die kleine Gebirgsbahn kaufen.
Wir entschieden uns fuer die offene Variante, die nur ein Dach, aber keine Waende hat, denn es war zwar bewoelkt, regnete aber nicht.
Wir fuhren am Grat einer tiefen Schlucht entlang, die der Fluss geschaffen hatte und sich dort breit und von tuerkies-blauer Farbe noch immer entlangwaelzte.
Einen Staudamm gab es auch zu bewundern und viele kleine und grosse rote Bruecken, die sich ueber die Schlucht spannten.

Wir stiegen an einem kleinen Bahnhof aus, wo das Bahnhofsgebaeude und ein Restaurant die einzigen Gebaeude waren, und gingen zum Fluss hinunter. Reissend bahnte er sich seinen Weg, machte aber troztdem kaum Laerm dabei.
Wir wollten in einen Onsen gehen, den es hier geben sollte, aber wir hatten das wohl ein bisschen falsch verstanden, denn es handelte sich dabei um keinen, wie ich sie bisher kennen gelernt hatte.
Am Rand des Flusses, wo eine Menge Geroell und riesige Steine lagen, bildeten diese natuerliche Becken im Boden, in denen sich Wasser gesammelt hatte. Doch kein Flusswasser, denn diese kleinen Lachen waren richtig heiss und Dampf stieg in die kalte feuchte Luft...

Wir planschten mit den Fuessen in den Becken, bauten Sandburgen, liessen Steine huepfen und kletterten ueber die Felsen am Ufer entlang. Es war ein schoener Nachmittag und wir gingen erst, als es leicht zu nieseln anfing.

Ausserdem hatten wir uns beim Verlassen des Bahnhofs fuer einen bestimmten Zug zurueck anmelden muessen und dieser wuerde auch demnaechst fahren.
Die Rueckfahrt war nicht mehr sehr angenehm. Bis auf unsere Fuesse waren wir ziemlich unterkuehlt und der Fahrtwind blies uns frisch und tropfengeschwaengert entgegen. Doch das konnte unsere Stimmung nicht trueben, hatten wir doch einen schoenen Tag gehabt!



Auf diese Weise verging mein Urlaub in Toyama wie im Flug. Zumal ich jeden Tag Katis Laptop zur Verfuegung hatte und dieses sogar ueber Internet verfuegte. Endlich konnte ich mal wieder nach Herzenslust viele Stunden am PC verbringen, Filme auf YouTube sehen, Onlinebuecher lesen (obwohl es sogar eine Buecherrei direkt gegenueber mit einer kleinen Englischen Abteilung gab) und mit meiner Familie skypen!

Das Essen war natuerlich auch ausnahmslos westlich: Toast mit Marmelade, Haferflocken, Spaghetti in allen Variationen und das Wichtigste: Schwarztee mit Milch! Das vermisste ich ganz besonders! Misosuppe zum Fruehstueck war zwar auch nicht uebel, aber gegen meinen gewohnten Schwarztee kam einfach nichts an und ich konnte ihn sogar Kati schmackhaft machen, die sonst nur Kaffee trank.

Allzu bald war diese herrliche faule Zeit leider vorbei und der Tag der Abreise naehrte sich. Aber irgendwie freute ich mich auch schon wieder darauf, etwas Neues zu sehen und wieder etwas Sinnvolles zu tun. Zum Abschalten war der Urlaub genau richtig gewesen, aber mein Auslandsjahr wollte ich hauptsaechlich schon etwas Erlebnisreicher gestalten...

Kati stand mit mir am Morgen frueh auf und begleitete mich noch bis zum Bahnhof. Dann verabschiedeten wir uns, ich versprach zu schreiben und machte mich schliesslich auf den Weg zum Zug Richtung Gifu. Diesmal ging es allerdings nicht nach Gero, sondern nach Kashimo, ein Ort etwas weiter oestlich. Ich hatte diese Familie mit zwei kleinen Jungs bereits bei Nanako-san angeschrieben und die Zeit dort versprach sehr interessant zu werden. Ich war schon gespannt, was mich wohl erwartete...

Mata ne
Kira

Dienstag, 26. Oktober 2010

Gifu - wo Kuehe entlaufen und Baumhaeuser aus Lehm sind

Als ich meine Busfahrkarte gekauft hatte und mich an das Terminal begab, warteten dort schon einige andere Leute. Viele trugen Trekkingkleidung und kleine Rucksaecke. Offensichtlich wollten sie in den Bergen wandern.
Es faellt mir inzwischen leicht, unverbindliche Gespraeche zu beginnen und bald unterhielten sich zwei nette Frauen ausgelassen mit mir, boten mir von ihrem Proviant an und fragten mich aus.
Als wir im Bus sassen und ich einen letzten Blick auf Matsumotos Strassen warf, winkte mir zu meiner grossen Ueberraschung Antonia von einer Kreuzung aus zu. Ich winkte zurueck, als wir gerade in die Strasse einbogen, die uns Richtung Alpen fuehren sollte.
Und das Geld fuer das Ticket zahlte sich aus!
Der Blick auf die Gipfel war einfach fantastisch, noch dazu war das Wetter gut und ich hatte als Sitznachbarn die beiden netten Damen.
Allerdings dachten sie wohl, ich langweile mich und so sprachen sie weiter mit mir. Aus Hoeflichkeit antwortete ich natuerlich, aber ich haette in diesem Moment lieber einfach nur weiter aus dem Fenster gesehen...
Sich lange auf Japanisch zu unterhalten ist nach wie vor auf Dauer anstrengend fuer mich.

Spaeter, als sie an einem beruehmten Onsen ausstiegen, kam eine der anderen Businsassinnen nach kurzer Zeit zurueck und gab mir schnell noch eine kleine Plastiktuete mit ein paar Kraeckern und etwas zu Trinken.
Es sind immer wieder kleine Gesten wie diese, die fuer mich einen Tag zu etwas Besonderem werden lassen, bevor er ueberhaupt richtig begonnen hat. Die einfache Tatsache, dass hier, zwischenmenschlich gesehen noch etwas stimmt, das in anderen Kulturen leider fast verloren ist.

Takayama ist eine sehr huebsche Stadt. Frei von Wolkenkratzern hat sie etwas Leichtes, Offenes an sich. Kleine Gassen, davon einige in altertuemlichen Stil, erstrecken sich links und rechts der Hauptstrasse und an ihrem Ende steigt das Gelaende leicht an und dort reiht sich Tempel an Tempel.
In einem davon befand sich meine Jugendherberge und ich muss sagen, dass keine zuvor so ideal gelegen war. Ein von Baeumen umgebener Tempelhof sorgte fuer etwas Privatsphaere vor den Touristen und unter uns breitete sich die Stadt in alle Richtungen aus.

Ich liess mein Gepaeck im Zimmer und schlenderte den ganzen Tag einfach nur durch die Gassen, kaufte ein Geschenk fuer meine neue Gastfamilie und schrieb ein paar Karten. Ich hatte sogar einen Fernseher, aber ausser den ueblichen hektischen Talkshows, die, anders als in Deutschland, eine Menge Entertainment von Promineten (die ich natuerlich nicht kannte) boten, lief leider nichts.

Am naechsten Morgen nahm ich den Zug bis Gero, wo mich Nanako-san, meine Gastmutter abholen wuerde. Mit mir sass ein grosses, blondes Maedchen mit im Abteil und als sie an der gleichen Haltestelle ausstieg wie ich, stellte sich heraus, dass auch sie fuer ein paar Tage bei der gleichen Gastfamilie arbeiten wuerde wie ich. Kati war Amerikanerin. Sie arbeitete normalerweise in Toyama als Englischlehrerin, hatte aber ungewoehnlicherweise einmal vier Tage am Stueck frei und deshalb beschlossen, diesen kleinen Urlaub besonders zu gestalten.

Gemeinsam fuhren wir also wenig spaeter im Auto zu Nanako-sans Farm. Ausser uns, so erzaehlte sie uns, habe sie derzeit noch drei weitere Helfer: Emy und Rita aus Taiwan und Hiroshi, ein Japaner der in der Gegend wohnte und nur am Wochenende kam.
Wir liessen die Sachen im Auto und ueberquerten zusammen die Kuhweide, bis wir vor einem Baumhaus standen. Allerdings war es ein merkwuerdiges Baumhaus, denn es bestand nicht aus Holz sondern aus Lehm und hatte die Form einer Halbkugel. Kleine Fenster waren hineinmodelliert worden und jetzt rief Nanako-san etwas in die Wipfel des Baumes, in dem das ganze Gebilde auf einer Holzplatte ruhte.
Drei Koepfe linsten ueber die Bruestung und wenig spaeter standen die anderen WWOOFer vor uns. Wir wurden schnell Freunde, denn sie waren alle sehr lieb.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen ging es zurueck zu dem Baum und diesmal durften auch wir uns in die luftigen Hoehen begeben. Wir, die wir neu waren, bekamen im Inneren der Lehmkugel ihren Platz und wir bekleisterten einen ganzen herrlichen Nachmittag lang die Waende mit einem Lehm-Stroh-Gemisch, bis wir selbst kaum noch zu erkennen waren. Ich hatte lange nicht mehr solchen Spass bei der Arbeit gehabt!

Abends fuhren wir zu einem anderen Haeuschen in der Naehe, das Nanako-san gehoerte. Hier wuerden wir allerdings nur die Naechte verbringen.
Morgens standen wir immer gegen sechs auf und fuhren zurueck zu dem groesseren Farmhaus, das ihren Eltern gehoerte und wo wir unsere Arbeit verrichteten.
Diese bestand aus vielen verschiedenen Dingen und war erfrischend abwechslungsreich! Kein Tag verlief wie der andere, mal abgesehen von den Mahlzeiten.
So ernteten wir Paprika, Salat und Kartoffeln, jaeteten in den kleinen Beeten und im Garten, pflanzten Knoblauch, schaufelten kiloweise Erde von der Kuhwiese in grosse Saecke, deren Inhalt dann wiederum auf die verschiedenen Felder verteilt wurde, raeumten in einer tagelangen Aktion die Schuppen auf, reinigten dreimal pro Woche das Haupthaus, befreiten den Boden des Baumhauses von Lehmresten und wuschen die alten, lehmverschmierten grossen Plastikplanen ab.

Wenn es regnete, gab es immer etwas im Haus zu tun. (Einmal bat uns Nanako-san, einen Kuchen zu backen und die Leitung dieser Ehre fiel mir zu. Ich entschied mich fuer den gedeckten Apfelkuchen, der Natsumi damals so gut geschmeckt hatte)
Oder wir pulten Getreidekoerner aus Aehren. Das war etwas ermuedend, wenn man den ganzen Tag damit beschaeftigt war und das Stoh piekte ueberall in der Hose, aber wir hatten waehrdessen viel Zeit zum Reden und Herumalbern.

Eine der schoensten Alltaeglichkeiten war mit Abstand die Teepause gegen zehn. Dann setzten wir uns, wo wir gerade arbeiteten nieder, tranken Tee, ruhten aus oder assen ein paar Snacks, die Nanako immer bereithielt. Das Arbeiten nach einer kleinen Pause faellt immer um so vieles leichter und ich bin stets froh, wenn meine aktuelle Familie diese Gewohnheit hat. (Meistens ist es in den Familien mit Kindern ueblich. ^^)
Gekocht und Abgewaschen wurde uebrigens von uns allen zusammen.

Ausser den oben erwaehnten, kleineren Arbeiten, hatten wir auch ab und zu wirklich Interessante Aufgaben:

An einem sonnigen Tag holten wir zum Beispiel die Reisernte ein. Schon seit Wochen, waehrend meiner Reise durch Nagano und Gifu hatte ich ueberall auf den stoppeligen, kahlen Reisfeldern kleine Holzgestelle gesehen, ueber denen in Buendeln die Reisaehren zum Trocknen hingen.
Nun war es wohl an der Zeit, die vollstaendig getrockneten Koerner zu enthuelsen.
Dazu begaben wir uns mit einer grossen, lauten Maschine auf das Feld. Dann wurden ich, Emy und Rita (Kati war vor ein paar Tagen schon abgereist) an verschiedenen Plaetzen postiert. Wir rotierten allerdings im Verlauf der Arbeit, damit es nicht langweilig wurde und wir alles lernen konnten.
Nanako bediente die Maschine und lenkte sie an den Holzgestellen entlang (es gab insgesamt sieben Stueck, ueber alle Felder verteilt und jedes davon war um die 15 Meter lang) , waehrend Rita die goldenen Buendel abnahm und auf ein Tablett legte, das an der Seite des elektrischen Enthuelsers angebracht war. Nanako nahm daraufhin Buendel um Buendel und fuehrte es in eine Art Schleuse, wo jedes einzelne geruettelt und geschuettelt wurde.
Die Koerner flossen ueber einen Trichter in die Saecke, die hinten angebracht waren. War ein Sack voll, ertoente ein schrilles Signal und einer von uns eilte zum prallen Sack, lenkte den Trichter in einen neuen, verschloss den vollen und schleifte ihn an den Feldrand.
Die geschuettelten Aehren wurden von Emy ueberprueft. Waren noch zuviele Koerner enthalten, die die Maschine nicht erwischt hatte, wurden sie an Nanako zurueckgegeben, die sie nochmals durch die Schleuse laufen lies.
Die vollstaendig entkorten wurden dann wiederum von mir mit Stricken gebuendelt und ebenfalls am Feldrand gestapelt. Sie wuerden spaeter als Futter fuer die Kuehe dienen.

Ein anderes Mal halfen uns die Kuehe dabei, das interessante Arbeit entstand.
Das Gelaende, auf dem sie grasen, besteht naemlich nicht nur aus einer Wiese, die zu einem grossen Fluss hin steil abfaellt, welcher somit eine natuerliche Sperre bildet.
Auch ein Wald erhebt sich auf einem Berg empor, bis er von einer kleinen Strasse unterbrochen wird. Und hier ist es schwer, einen wirklichen Zaun zu errichten, denn in dem Stein halten die Pfosten nicht gut.
Nanako-san dachte wohl, die Erhebung an sich waere Schutz genug, doch sie irrte sich. Kuehe scheinen grosse Gemsen zu sein, denn oft kraxeln sie dort herum, als waere es das Normalste der Welt.
Nun, an den meissten kritischen Stellen kommen sie durch die Abgrenzung der Strasse nicht weiter, aber eines Tages, als sie sich so vorwaerts frassen, schafften sie es anscheinend doch irgendwie, einen Weg zu finden, der durch den Wald aus dem Grundstueck von Nanako-san fuehrte, denn sie fand die Tiere erst einige Kilometer entfernt.
Natuerlich zog das Probleme nach sich: Einige Polizisten kamen, um die Weide zu begutachten und da der Zaun an vielen Stellen nicht mehr wirklich intakt war, wurde befohlen, ihn komplett zu erneuern.
Das Weideland war ziemlich gross und so brachten wir also einen ganzen Tag damit zu, neue Pfosten in die Erde zu treiben, Draehte zu spannen und durch den Wald zu stapfen, um an den unmoeglichsten Stellen ein Durchkommen zu verhindern.

Mit ein bisschen Glueck geschieht auf den Farmen, ausser der Arbeit auch mal ein bisschen was anderes. In diesem Fall hatte ich sogar dreifaches Glueck, denn uns waren ein Barbeque-Abend, ein grosses Feuer (das wir aus grossen Balken und anderem Holz, das uns beim Aufraeumen in die Haende gefallen war und von dem Nanako-san nicht wusste, was sie damit anfangen sollte, errichteten) sowie eine Mochi-Party vergoennt.

Fuer Letzteres durften wir bereits um vier Uhr Feierabend machen. Zusammen fuhr
en wir zu ein paar Freunden der Familie, die verschiedene Aktivitaeten in der Region anbieten und damit ihr Geld verdienen.
Momentan waren dort eine Gruppe Deutscher Angestellter zu Gast, die in Gifu eine Zweigfirma besuchten - zur Verbesserung der Zusammenarbeit, wie mir schien.

Und heute wollten ihnen ihre Japanischen Kollegen zeigen wie man Mochi macht. Das ist eine Art kleiner Kloss aus Klebreis, der, mit Sojapuder paniert, oft "anko" enhaelt - eine suesse Paste aus roten Bohnen.

Die Prozedur uebernehmen heutzutage meisstens Maschinen, weil sie sehr aufwaendig ist:
In der Kule eines huefthohen Sockels, wir ein Klebreis-Klumpen so lange von zwei bis vier Personen mit hoelzernen Haemmern bearbeitet, bis sich die Staerke verbindet und das ganze zu einer Art Teig wird.
Dieser wird dann mit der besagten Bohnenpaste gefuellt und paniert. Es gibt verschiedene Arten von Mochi, doch diese ist die, bei Auslaendern wohl bekannteste.

Auch wir durften die Haemmer schwingen, auch wenn die Maenner natuerlich bei weitem kraeftiger waren, lautere Schlaege erzielten und ohne uns bestimmt auch schneller gewesen waeren, doch heute hatten alle Zeit und nur der Spassfaktor zaehlte.

Spaeter am Abend revangierten sich die Deutschen Kollegen mit einem Europaeischen Festmahl aus improvisierter Lasagne (die dennoch sehr gut war), Tortillas, Pizza und Bratkartoffeln. Und auch, wenn ich mich an all dem nicht sattsehen konnte, so war doch mein, durch die Japanische leichte Kost inzwischen geschrumpfter Magen begrenzt und ich konnte bei Weitem nicht so viel essen, wie ich gerne gewollt haette.

Leider musste ich mich ein paar Tage spaeter bereits von Emy und Rita verabschieden. Sie kehrten zurueck nach Taiwan. Vielleicht haben wir ja eine Chance uns dort noch einmal zu sehen.

Die beiden waren mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen, denn wir hatten viel gemeinsam: Auch sie waren beide Sekretaerinnen und Emy genauso frustriert, wie ich es gewesen war.
Als wir uns verabschiedeten sagte sie mir noch, dass auch sie bald kuendigen wolle. Ich hoffe nicht, dass ich es war, die sie dazu inspiriert hat, denn auf Asiatischem Boden ist eine Kuendigung laengst nicht so selbstverstaendlich oder einfach wie in Deutschland...

Noch am selben Tag jedoch, kamen zwei andere Taiwanesen und auch, wenn sie ueberaus freundlich, hilfsbereit und herzensgut waren, so waren sie doch kein Ersatz fuer die zwei, die ich hatte entbehren muessen.

Ich war ein bisschen deprimiert, weil es mir in diesem Moment so schien, als bestuende meine ganze Reise aus einer einzigen Serie von Abschieden, denn wann immer ich jemanden ins Herz schloss, ich musste ihm frueher oder spaeter Lebewohl sagen.

Aber natuerlich ist das Unsinn, denn der Abschiedsschmerz zeigt doch immerhin, dass meine Reise von vielen liebenswerten Menschen gekreuzt wird und das ist doch allein schon die ganze Sache wert. :)

Es war nun Mitte Oktober und auch ich musste mich von Nanako-san verabschieden, denn neue Helfer standen bereits auf der Warteliste und sie hatte nicht genug Platz fuer uns alle.
Meine neue Gastfamilie hatte ich schon gefunden - ganz in der Naehe von dieser Farm, denn ich wollte unbedingt erleben, wenn sich all die gruen bewaldeten Huegel bunt faerbten. Der Herbst kam spaeter als erwatet, ich hatte angenommen, dass ich bereits bei Nanako-san in diesen Genuss kaeme, doch auch, wenn es morgens bereits sehr frisch war und die Naechte kalt, machten die Blaetter nur vereinzelt Anstalten ihre Farbe zu aendern.

Aber bevor ich die neue Arbeit antrat, wollte ich erst ein bisschen durch die Gegend reisen. Mein Auslandsjahr sollte schliesslich etwas lockerer sein, als ein normaler Alltag mit nur 30 Tagen Urlaub. Ausserdem hatte mich Kati fuer eine Woche zu sich nach Toyama eingeladen und gesagt, ich duerfe bei ihr wohnen. Das wuerde mir die Moeglichkeit geben, mich umzusehen und gleichzeitig meine Reisekasse etwas schonen. Ganz zu schweigen von mir, denn ich fuehlte mich zu diesem Zeitpunkt ein wenig ausgelaugt.

Auch die beiden Taiwanesen verliessen die Farm am selben Morgen. Eine Freundin von Nanako-san fuhr uns mit dem Auto bis nach Takayama. Von dort wollte ich versuchen, bis nach Shirakawago zu trampen, einem kleinen Dorf, dass fuer seine strohgedeckten Haeuser bekannt war.

Wir sehen uns dort :)

Mata ne
Kira

Dienstag, 19. Oktober 2010

Nagano Teil II

Nach gut einer Stunde kam ich in Matsumoto an.
Schon vom Bahnhof aus, konnte man die Japanischen Alpen sehen, die sich rund um die Stadt in die Hoehe reckten. Ich hoffte, an meinem freien Tag vielleicht einen Ausflug dorthin unternehmen zu koennen. Bestimmt hatte meine Gastmama Informationen darueber.
Ausserdem wollte ich eine altertuemliche Strasse in Narai besichtigen, die in meinem Reisefuehrer empfohlen wurde und von der mir bereits Jamie (die Neuseelaenderin, mit der ich gemeinsam auf Hokkaido in Otaki gearbeitet hatte) erzaehlt hatte.

Ich machte mich auf, zur Bahnhofsinformation, wo man gute Tipps in Sachen Unterkunft und Sightseeing bekommt, um mich nach einem Internetcafe oder einer Jugendherberge zu erkundigen.
Leider gab weder das eine, noch das andere. Nur ein einigermassen preiswertes Businesshotel war vorhanden und so checkte ich mich notgedrungenermassen dort ein. Immerhin konnte ich meinen schweren Rucksack dort abladen, duschen und mich umziehen, bevor es auf Entdeckungstour ging. Natuerlich sah ich mir die Burg an, fuer die Matsumoto so beruehmt ist, und sie lohnte sich auch wirklich. Die Treppen im Gebaeude waren sehr drollig. Manche fast kniehoch. Und dazu die Tueren laecherlich niedrig. Man fragt sich, wie die Japaner, die damals bekanntlicherweise kleiner waren als heute und oft ihre schweren Ruestungen trugen, diese Stufen wohl gemeistert hatten.
In der Eintrittskarte war ausserdem die Besichtigung des staedtischen Museums enthalten. Auch das war sehenswert, denn es enthielt viele Gegenstaende des taeglichen Lebens aus frueheren Epochen.
Nach diesem kulturellen Teil goennte ich mir, ein wenig durch die Stadt zu schlendern, Postkarten zu erwerben (man wusste ja nie, ob sowas in der Naehe der Farm zu finden war) und das schoene Wetter an diesem freien Tag zu geniessen. Leider schaffte ich es an diesem Tag nicht mehr in die Berge. Ich hatte vorgehabt, im Hotelrestaurant Abends Pizza zu essen, weil ich das schon so lange nicht mehr gekostet hatte, aber leider war es gerade am heutigen Tage geschlossen. Deshalb verbachte ich meine Zeit stattdessen mit dem Schreiben meines Blogs, der mal wieder (inzwischen Normalzustand) ueberfaellig war.

Am naechsten Morgen fand ich mich um halb zehn vor dem Bahnhof an einer franzoesischen Baeckerei ein, die von meiner neuen Gastmutter als Treffpunkt vorgeschlagen worden war.
Ich wartete. Ueber eine Stunde. Was mochte passiert sein? Vielleicht steckten sie im Stau, oder ihr war etwas zugestossen, oder sie hatte mich vergessen...
In der Annahme, ich muesse meinen Weg wohl irgendwie alleine finden, kramte ich meine Stadtkarte und die Adresse, die mir Kazuko-san gegeben hatte aus meiner Tasche und versuchte die Gegend auf der Karte ausfindig zu machen. Als mir das nicht gelang, ueberlegte ich, ob ich nicht einfach zur naechsten Post gehen und mich dort erkundigen sollte, als mein Telefon klingelte.

Die Person am anderen Ende sprach Deutsch. Bereits meine Mails waren auf Deutsch beantwortet worden, weil momentan wohl Deutsche Studenten, oder WWOOFer bei Kazuko-san halfen. Immerhin gab es so keine Missverstaendnisse und ich war, um ehrlich zu sein auch etwas erleichtert, denn im Profil stand, man muesse gut Japanisch verstehen und sprechen koennen. Und auch, wenn ich inzwischen um einiges mehr verstand, als bei meiner Ankunft in Japan, so war es doch noch weit vom Level "gut" entfernt. Doch wenn es noch andere Leute dort gab (sogar aus meinem Heimatland) die mir helfen konnten, mich verstaendlich zu machen, dann hatte ich keine Bedenken mehr.
Die Stimme fragte, wo ich denn sei. Es stuende jemand bereits seit einer Stunde am Treffpunkt und warte auf mich...
Wahrheitsgemaess antwortete ich, dass auch ich bereits eine Stunde wartete, und zwar an der vereinbarten Baeckerei. Allerdings kenne ich mich nicht aus und deshalb sei es gut moeglich, dass es noch eine zweite gab, die der Beschreibung entsprach. Mir wurde die Telefonnummer des Wartenden durchgegeben und ich rief gleich an. Leider nahm keiner ab, doch kurz darauf stand ein verwirrter Japanischer Student vor mir und fragte mich, ob ich die Deutsche WWOOFerin war.

Erleichterung.
Solche ungeplanten Schwierigkeiten versetzen mich immer in leichte Aufregung.
Aber nun war ja alles gut und wir gingen gemeinsam zu seinem Auto.

Wir fuhren eine Weile durch die Stadt, dann wichen die Haeuser langsam den Bergen, bis unser Weg nur noch durch gruene Huegel fuehrte, die nur ab und zu von ein paar Farmhaeuschen links und rechts, oder Feldern unterbrochen wurden.

Es war wirklich sehr schoen. Und ruhig.
Auch wenn ich auf den Farmen immer viel Alltaegliches entbehren muss, wie Postaemter oder Supermaerkte, so macht diese Ruhe doch viel wett. Denn sie ist Voraussetzung fuer unberuehrte Natur und eine Vielzahl an Tieren, wie ich sie in Deutschland selten erlebt habe. So sind fuer die hier lebenden Japaner Adler, Reiher, Rehe, Wildschweine, Libellen, Gottesanbeterinnen, Affen und Kaninchen beinahe unspektakulaer. Doch bei all diesen herrlichen Tieren bin ich doch froh, dass mir bisher eine hautnahe Begegnung mit einem Baeren erspart geblieben ist.

Dafuer hatte ich eine etwas einschuechternde erste Begegnung mit meiner neuen Gastmutter Kazuko-san. Keinesfalls Negativ. Es war nur so, dass ich ueber den tatsaechlichen Grad ihrer Behinderung sehr schockiert war. Im Profil hatte es geklungen, als koenne sie alles selbststaendig machen, saesse aber eben im Rollstuhl. Nun sah ich, dass das nicht stimmte.
Sie sass zusammengesunken auf dem Boden, einen Arm krampfhaft angewinkelt, die andere an den Koerper gedrueckt und sah mich mit einem schiefen Grinsen von unten an.
Ihre Sprache bestand aus einzelnen Worten, die sie, wie es den Anschein hatte, unter grosser Anstrengung hervorbrachte und man gezwungen war, sich den Zusammenhang begreiflich zu machen.

Aber sie war wirklich eine sehr goldige Person.
Bei meiner letzten Gastfamilie in Haramura hatte ich eine getoepferte Schale, in die das Bild einer Katze eingeritzt war, erworben, die der Vater meiner Gastmutter gemacht hatte. Denn in Kazuko-sans Profil stand, sie habe drei Katzen. Da konnte das also nicht ganz falsch sein. Zumindest moegen musste sie diese Tiere...
Und ihr koennt euch nicht vorstellen, wie entzueckt sie war. Ihr "Oooh" dauerte mehrere Sekunden und es schraubte sich in die Hoehe, als sie mich ansah und mir ihr strahlendes, etwas schiefes Laecheln schenkte.
So war das Eis gebrochen und ich wurde noch ein bisschen ausgefragt, bevor ich meinen Rucksack auf mein Zimmer brachte und es anschliessend auf die Felder zu den anderen ging.

Denn ausser mir, war nur mein Fahrer und eine andere Japanische Studentin bei ihr, die mir halfen, Kazuko-san zu verstehen.

Die restlichen WWOOFer traf ich an, als sie gerade auf dem Heimweg waren, denn sie hatten alle Feldarbeit bereits erledigt. So lernte ich Antonia und Johanne (Wwooferinnen, die beide aus Deutschland kamen), Toto (einen der vielen Japanischen Studenten, der gerade Semesterferien hatte), sowie Rohan (Wwoofer aus England) und einen weiteren aus Japan kennen, dessen Namen ich aber leider schon wieder vergessen habe...
Alle bereiteten mir einen herzlichen Empfang und ich hatte gleich das Gefuehl, dass es mit so vielen Leuten in meinem Alter, eine tolle Woche werden wuerde.
In ihrem Verlauf stiessen noch die zwei Tailaender, sowie ein franzoesische Schweizerpaerchen dazu.

Da Kazuko-san nur ein paar kleine Felder hatte, die eher Gaerten waren und auf denen es zur Zeit nicht viel zu tun gab, bestand unsere Arbeit eigentlich nur daraus, fuer alle zu kochen, das Haus zu putzen und fuer unsere Gastmutter zu sorgen. Da wir aber sehr viele waren, und es sich unter allen aufteilte, konnte man nicht wirklich von Arbeit reden. Eher umgekehrt. Man war froh, wenn es mal etwas zu tun gab und so kloppten wir uns beinahe ums Abspuelen, Abtrocknen oder die anderen kleinen Aufgaben, die hin und wieder anfielen. (Fuenf Leute zugleich in der Kueche, war deshalb keine Seltenheit)

Was das Betreuen unserer Gastmutter anging, so bestand es daraus, sie zu fuettern, ihr beim Toilettengang zu helfen (natuerlich nur die Maedchen, die Jungs trugen sie nur dorthin), sie umzuziehen und bettfertig zu machen. Einmal pro Nacht musste sie umgedreht werden. Dies uebernahm an den Wochenenden, wenn kein Pfleger kam, oft einer der Jungs, die eh auf der unteren Etage schliefen.

Das Besondere an dem Tagesablauf hier war, dass wir nicht um sechs aufstehen mussten.
Weil Kazuko-san ohne Hilfsmittel nicht schlafen konnte, blieben wir naemlich bis um elf oder zwoelf auf, um ihr Gesellschaft zu leisten, waehrend sie sich mit Sake betrank. Und sie trank leicht einen Liter davon pro Abend. Dann wurde sie sehr, sehr lustig, schlief manchmal kurz am Tisch ein und redete noch undeutlicher als sonst. Aber wir Maedchen mussten ihr noch ein letztes Mal beim Toilettengang helfen, bevor sie dann Anweisungen gab, ins Bett gebracht werden zu wollen. (Und wenn sie betrunken war, konnte man diese Aufgabe eigentlich nur zu dritt bewaeltigen)
Daher durften wir mindestens bis um acht oder halb neun schlafen. Manchmal wurde es auch spaeter, wenn unsere Gastmutter laenger schlief oder eine Pflegerin da war, die das Anziehen und die Toilette uebernahm.

Meine Zeit hier war wirklich sehr interessant und lehrreich. Denn obwohl Kazuko-san einen hilflosen Eindruck machte, war sie doch vollkommen klar im Kopf (auch wenn sie sich nicht gut ausdruecken konnte, weil ihre Behinderung auch den Mundbereich einschloss).
Sie wusste ganz genau, was auf den Feldern gemacht wurde, welches Gemuese reif sein sollte, wo gejaetet werden musste und vieles mehr, ohne selber dort gewesen zu sein. Das war schon sehr beeindruckend.

Manchmal fuhr sie sogar fuer einen halben Tag zum Arbeiten in die Stadt. Ich habe schon wieder vergessen, woraus diese Arbeit im Einzelnen bestand, aber es handelte sich um irgend etwas im Bereich Behindertenfoerderung.

Einmal kochten Johanna, Antonia und ich ein Deutsches Abendessen. Es gab selbstgemachten Kartoffelbrei, Buletten und Kuerbissuppe. Das fand sogar bei fast allen Anklang und mein Magen freute sich auch darueber.
Manchmal kochten Antonia und ich auch einen grossen Topf Milchreis, denn im Vergleich zu anderen Familien herrschte hier kein Mangel an Milch! Lustig war auch, dass mit jeder Milchreis-Party (wie wir sie zu nennen pflegten) neue Anhaenger dazukamen. Erst ein paar der Japaner, dann die Taiwanesen und spaeter die Schweizer. Auch wenn wir jedesmal mehr kochten, war es zum Schluss fast immer zu wenig.

Kurz vor meiner Abreise bekam ich zusammen mit den beiden sogar noch einen Tag frei. (Naja, eigentlich war er erst nur fuer Johanna und Antonia gedacht, immerhin waren sie schon seit Anfang September dort, aber sie waren so lieb und fragten Kazuko-san, ob ich mitkommen koenne und weil wir sowieso viel zu viele waren, machte es keinen Unterschied, ob ich mitkam oder blieb). Wir wurden sogar in die Stadt gefahren, denn der Bus fuhr hier nur dreimal am Tag.
Ich hatte ihnen von Narai erzaehlt und sie fuer diese Idee begeistert. Am Bahnhof erkundigten wir uns jedoch erstmal nach dem Fahrpreis, den das Budget meiner Gefaehrtinnen war nicht hoeher als das meine. Doch zu unserer Freude kostete die Fahrkarte nur 700 Yen und so tuckerten wir mit der Regionalbahn wenig spaeter durch die Berge.

Narai lag wirklich wunderschoen. Ueberall konnte man die sanften gruenen Huegel sehen, die Sonne schien und der Himmel war blau. Was fuer ein Urlaubstag!
Auch der Ort selber enttaeuschte nicht. Kleine, alte Haeuschen reihten sich dicht an dicht, links und rechts die breite, ruhige Strasse entlang. Nur ein paar wenige Autos stoerten die Illusion der Vergangenheit.
Die Souveniershops boten hier sogar wirklich huebsche Dinge an. Ein alter Ladenbesitzer, der bestimmt schon ueber neunzig war und einen schlimmen Tatterich hatte, servierte uns Tee, malte uns Erinnerungsbildchen und beschenkte uns mit selbstgedruckten Karten, waehrend wir uns dort umsahen.
Die Strasse war lang, aber wir gingen sie ein paar Mal auf und ab und genossen den Anblick. Am oberen Ende gab es einen schoenen roten Shintoschrein, der die ganze Szenerie abrundete.
Als am Nachmittag langsam Wolken aufzogen und wir alles gesehen hatten, goennten wir uns in einem der niedlichen Cafes ein Stueck Kuchen und machten uns danach auf den Rueckweg.

Ich musste in der Stadt noch ein paar Einkaeufe fuer die Schweizer erledigen, die am folgenden Abend Spaghetti Bolognese kochen wollten.
Um uns die Zeit zu vertreiben, bis uns jemand abholen wuerde, gingen wir anschliessend in eine nahegelegene Karaokebar.
An diesem Abend wuerden die Taiwanesen kochen und wir waren alle schon gespannt darauf. (Kazuko-sans Lieblingsessen beinhaltet naemlich immer Rettich. Der ist dann in Form von Blaettern oder Wurzeln ueberall zu finden und wir freuten uns, ihm fuer die naechsten Abende zu entkommen, denn der bittere Geschmack ist nicht so sehr unser Fall).

Der Morgen der Abreise kam schneller als gehofft. Hier hatte es mir wirklich gut gefallen. All die vielen jungen Leute und der entspannte Alltag waren sehr erholsam gewesen.
Doch ich freute mich auch auf meine neue Gastmutter in Gero (Gifu). Sie besass nach ihren Angaben acht Rinder und betrieb als Hobby ein Puppentheater. Das hoerte sich doch spannend an.
Ich hatte beschlossen mit dem Bus von Matsumoto nach Takayama zu fahren, denn die Strecke fuehrt mitten durch die Japanischen Alpen. Ich war nicht in der Lage gewesen, sie zu besichtigen, geschweige denn zu besteigen, da wollte ich sie wenigstens einmal aus der Naehe sehen...

Mit mir verliessen auch Johanna und Antonia die Farm. Sie hatten ebenfalls eine neue Gastfamilie, etwas noerdlicher.
Einer der Studenten fuhr uns deshalb gemeinsam zum Bahnhof, wo wir uns verabschiedeten. Ich Richtung Busterminal, die beiden anderen zur Bahn. :)

Mata ne
Kira