Morgens, halb 10 in Deutschland - München Hauptbahnhof.
Ich steige aus dem Zug und merke gleich, dass es kälter als in Stuttgart ist.
Der Himmel ist bleigrau und es weht ein frischer Wind am Bahnhof. Ich bin froh, meine dicke Jacke angezogen zu haben, die zwar nicht formschön, aber warm ist.
Heute will ich endlich mein Visum beantragen. Extra habe ich mir frei genommen und mich früh aus dem Bett gequält. Ich gehöre zu den Menschen, die Stress und Hektik verabscheuen. Daher bin ich bei Terminen auch meist eine halbe Stunde zu früh dran.
Das Generalkonsulat hat von 9:00 - 12:00 Uhr und nachmittags nochmal von 14:00 - 16:00 Uhr auf. Aber man weiß ja nie. Vielleicht habe ich die falschen Passfotos gemacht (nicht verbrechermäßig genug) und muss nochmal in ein Fotogeschäft? Für solche und andere Fälle dieser Art ist mir ein gesundes Zeitpolster immer wichtig. Sollte dagegen alles problemlos laufen, würde ich mir in München noch die Zeit vertreiben, bzw. meine Schwägerin treffen, bis ich am Abend um halb sechs wieder nach Hause fahren würde. Unflexible Zugtickets sind billiger - besonders viel Geld habe ich zur Zeit nämlich nicht...
Um meinen grottenschlechten Orientierungssinn mal wieder unter Beweis zu stellen, brauche ich fast eine Stunde, bis ich endlich vor den Türen des Konsulats stehe. Zwar habe ich die U-Bahn und die richtige Haltestelle auf Anhieb gefunden, aber das Gelände am Odeonsplatz stimmt in den Maßen irgendwie nicht mit der winzigen Wegbeschreibung auf der Internetseite überein. (Oder aber mein Einschätzungsvermögen ist noch schlechter als mein Orientierungssinn - was quasi unmöglich ist)
Zum Glück gibt es auch in München nette, hilfsbereite Menschen, die sich eines verirrten Schäfchens annehmen. Ein Mann begleitet mich sogar ein Stück weit. Wahrscheinlich hat er Sorge, ich würde trotz seiner genauen Beschreibungen nicht in die richtige Straße einbiegen - was ich ihm nichtmal verübeln kann. Würde er mich genauer kennen, hätte er es wahrscheinlich erst recht gemacht.
Nach einer kleinen Wanderung (laut Plan hätte ich wirklich nicht gedacht, dass es so weit weg wäre) stehe ich also endlich vor dem ersehnten Gebäude und fahre mit dem Aufzug in den 4. Stock.
Dort erwartet mich bereits eine Art Portier und drückt für mich den Klingelknopf. Nun, das hätte ich mir jetzt schon zugetraut, auch wenn ich mich nicht gekannt hätte. Offensichtlich mache ich heute einen bemitleidenswerten Eindruck.
Die Lautsprecherstimme einer Japanerin fordert mein Begehr und ich piepse, gerade noch einigermaßen würdig aus Sorge, man würde mir sonst das Ersehnte aufgrund meiner mangelnden Kompetenz verweigern, ich hätte den Wunsch ein Visum zu beantragen. ("Bitte, tötet mich nicht", hätte zu dieser Stimme allerdings besser gepasst)
Daraufhin ertönt jedoch erstaunlicherweise trotzdem der Summer und ich drücke mich gegen die Tür, die wuchtiger aussieht, als sie dann im Endeffekt ist und stolpere deshalb ein wenig unbeholfen in einen kleinen Vorraum.
Wiederum werde ich empfangen. Diesmal von einem Angestellten, der auch beim Zoll am Flughafen hätte arbeiten können. Er fordert nämlich sofort Jacke und Rucksack und schleust sie auf einem Rollband durch den Scanner. Siedend heiß fällt mir mein Schweizer Taschenmesser ein, dass ich heute mitführe.
Nein, nicht als letzte Chance an ein Visum zu kommen, sollte man mich dessen als unwürdig erachten.
Aber zum Glück sieht dieser Mensch in ihm keine ernsthafte Bedrohung. Und ich befürchte fast, das liegt weniger an dem kleinen Messerchen, als wieder mal an meiner - wohl wirklich nicht ernst zu nehmenden Erscheinung.
Sollte ich es eines Tages schaffen, mir ein bisschen Respekt zu erarbeiten, werde ich drei dicke Kreuze in den Kalender malen.
Nach dieser flüchtigen Leibesvisitation bin ich befugt ein paar weitere Schritte bis zu einem Schalter zu gehen, an dem ich von der Lautsprecherstimme in Persona aufgefordert werde, mich zu einem der anderen zu begeben. Diese Schalter befinden sich alle hinter einer dicken Glasscheibe und der Angestellte spricht mithilfe eines kleinen Mikrofons zu den Besuchern. Für die Bittsteller wurde allerdings kein Mikrofon angebracht und so äußere ich, wohl etwas lauter als nötig, mein Dankeschön und schlurfe aus dem kleinen Vorraum in ein größeres, lichtdurchflutetes Zimmer.
In dessen Mitte nimmt ein großer Tisch mit einigen japanischen Broschüren und Formularen den meisten Platz ein, in einer Ecke läuft ein Fernseher mit irgendwelchen Reiseberichten und eine Wand ist gesäumt von einem Regal, auf dem noch mehr Broschüren zur Ansicht angeboten werden. Keiner der Schalter ist besetzt und niemand sieht auf, als ich mich nähere. Deshalb gehe ich aufs geratewohl zu einer der Glasfronten und warte, bis mich ein Angestellter bemerkt und sofort darauf geschäftig auf mich zueilt.
Wieder habe ich es mit einem hilfsbereiten Japaner zu tun, der allerdings erst nicht versteht, was ich möchte. Aber ich glaube, das lag mehr an der Akustik, als an seinen Sprachkenntnissen. Diese erweisen sich nämlich als ausgesprochen gut, als er mich auffordert, alle Unterlagen in ein kleines Schiebekästchen unter der Glasscheibe zu legen. Aus lauter Hast, da es nun an mir ist etwas zu tun, lege ich unbeabsichtigt auch noch einige andere Dokumente dazu, die gar nicht gefordert waren und mir dann zwischen einigen Missverständissen umständlich wieder zurückgereicht werden.
Eine andere schlimme Eigenschaft meinerseits ist die Fähigkeit, in nahezu jedes sich bietende Fettnäpfchen zu treten, das es gibt.
Der Japaner wuselt mit den Dokumenten davon und ich flaniere solange an dem Regal mit den Prospekten vorbei, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich bin gerade dabei, etwas über die nächtliche Besteigung des Fuji zu lesen, als mich jemand aufruft. Es ist gerade mal eine Viertelstunde her. Ich fange an, den öffentlichen Dienst mit anderen Augen zu sehen. Wahrscheinlich müsste man einfach ein paar Japaner dazwischensetzen, damit der Laden läuft? Ich würde das mal probieren. Viele Einrichtungen hätten es nötig!
Eine sehr freundliche Frau (diesmal allerdings eine Deutsche) teilt mir die erhofften Worte mit, alles sei in Ordnung und ich könne das Visum am 26. Januar abholen.
Wie jetzt? Zwar hatte man mich schon zuhause beruhigt und gesagt, nur selten dauere es wirklich länger als sechs Wochen, dennoch bin ich zutiefst schockiert.
Alle Dokumente sind in Ordnung UND ich kann die Aufenthaltserlaubnis in weniger als zwei Wochen abholen? Ich bin eindeutig im falschen Film, bitte weckt mich nicht auf!
Doch Tatsache bleibt Tatsache... Dabei hatte ich mit allen möglichen Komplikationen gerechnet und mich darauf vorbereitet. Nicht, dass ich misstrauisch oder pessimistisch wäre. Im Gegenteil! Aber ich arbeite selbst im öffentlichen Dienst und weiß, dass da manches drunter und drüber geht. Alles reine Vorsicht. Nun kommen weder der USB-Stick mit den Kopien aller Dokumente, noch meine Zeugnismappe oder meine Visitenkartensammlung, die meine sämtlichen japanischen Kontakte und damit meine guten Absichten beweist, zur Anwendung? Ich bin fast enttäuscht.
Dabei war ich sicher, dass zumindest zu meiner Reiseroute noch Fragen gestellt würden. Sie beschränkt sich nämlich nur auf eine einzige genaue Angabe, betreffend meine erste Woche in Hokkaido, die ich bei der bereits erwähnten Gastfamilie verbringen darf. Die restichen Monate sind ein vages Larifari aus "travel", "sightseeing", "visiting friends" und "wwoofing" - jeweils ohne genaue Orte und Adressen. Bei der Spalte mit Frage nach der jeweiligen Unterkunft habe ich nur auf "camping side", "tenting", "youth hostel" und "farmstay" nennen können.
Doch anscheinend ist diese ausweichende Art, den Bogen auszufüllen, normal.
Wenigstens versucht mich niemand von meiner Idee abzubringen, mit dem Zelt zu reisen. Ein Umstand, für den ich aus tiefstem Herzen dankbar bin. Nach den vielen mahnenden und skeptischen Worten bisher bin ich froh über jede Unterstützung. Und sei sie auch passiv.
Als ich das Generalkonsulat verlasse, ist es gerade mal elf Uhr. Ich habe noch einen ganzen herrlichen Tag in München vor mir und von meinen Schultern scheint eine schwere Last genommen worden zu sein, von der ich bis eben nicht wusste, dass sie existiert hatte.
Bis zum heutigen Tag konnte ich mich noch nicht richtig auf das Bevorstehende freuen. Solange nicht alles in die Wege geleitet war und vielleicht noch schief gehen konnte, war es mir nicht möglich das zuzulassen.
Ich habe mir in den letzten Jahren angewöhnt, nicht immer allzu enthuisiastisch und optimistisch zu sein, da dies meist nur Enttäuschungen nach sich zieht. Ich wollte die Sache diesmal komplett neutral angehen. Dabei die Linie zum Pessimismus nicht zu überschreiten, war manchmal gar nicht so leicht.
Doch nun durchströmen mich zum ersten Mal nur positive Gefühle. Rein und klar in Form von freudiger Erwartung auf das, was kommen mag.
In diesem Moment ist mir ganz egal, ob alles gut laufen würde - ich bin schlicht und einfach glücklich, endlich in der Lage zu sein, es herauszufinden!
mata ne
Kira