Es war ein Samstag und wir alle fuhren Vormittags ins Dorf, weil in Ikkyous Schule Elterntag war. Natuerlich wollte ich mir das trotzdem nicht entgehen lassen, denn ich hatte noch nie eine Japanische Schule von innen gesehen. Wir durften bei einer Unterrichtsstunde zusehen, die sehr niedlich war, denn Ikkyou geht erst in die zweite Klasse.
Und weil ich sowieso mal mein Fahrrad auf Japanischem Boden ausprobieren wollte, packte ich es zusammen mit einem Lunchpacket von Natsumi am Morgen mit ins Auto. Das Dorf ist etwa 20 Kilometer von meinem neuen Zuhause entfernt. Allerdings leben wir hier in einer sehr bergigen Umgebung, deshalb wuerde das fuers Erste ausreichen.
Nachdem die Unterrichtsstunde also beendet war, begann der Teil, in dem die Eltern Gespraeche mit den Lehrern fuehren. Fuer mich nicht weiter interessant, weil es mich nichts anging und ich sowieso nichts verstanden haette. Also schnappte ich meine Provianttasche und machte mich auf den Weg.
Natsumi hatte mir am Abend zuvor noch gezeigt, wo ich einen schoenen Wasserfall finden wuerde und als Insidertipp auf meinem Plan noch eine Landstrasse gezeigt, von der aus man wohl eine herrliche Aussicht haette. Mit diesen Zielen fuhr ich also los. Natuerlich erstmal in die falsche Richtung. Das fand ich allerdings erst heraus, als ich ausser Atem (ich war gerade einen Berg hinaufgestrampelt) meinen Kompass zu Rate zog... Doch beim naechsten Versuch fand ich die richtige Abzweigung und fuhr eine Weile auf der Hauptstrasse entlang.
Die Autofahrer waren allesamt sehr ruecksichtsvoll und umfuhren mich stets in weitem Bogen. Daher war dieser Streckenabschnitt nicht so stressig, wie zunaechst befuerchtet.
Die Abzweigung zum Sangaidaki (dreifacher Wasserfall) fand ich diesmal sogar auf Anhieb und radelte dann genuesslich eine fast leere Strasse entlang, die durch wunderschoene Berge fuehrte.
Am Ziel (einem kleinen Parkplatz mit geschlossenem Souveniershop und oeffentlichen Toiletten in aeussert ansehnlichen Blockhuetten) angekommen konnte man schon von Weitem das Brausen und Rauschen des Wasserfalls hoeren. Aber ich sah ihn nicht. Auch gab es keine Schilder, die mir beschrieben haetten, in welche Richtung ich gehen muesste. Nur ein kleiner Fluss floss gemaechlich dahin und erweckte keinesfalls den Anschein, als wolle er sich demnaechst in die Tiefe stuerzen.
So war ich gezwungen mein begrenztes Vokabular zusammenzukratzen und einen Mann anzusprechen, der gerade mit seiner Tochter Schlitten fuhr. Zu meiner Erleichterung war er sehr freundlich, lachte viel und seine ausfuehrliche Beschreibung habe ich sogar verstanden. Ein kleiner Triumpf, wo mir das doch nur selten gelingt.
Seiner Instruktion folgend begab ich mich also auf einen kleinen Trail, der nach einer Weile ueber eine Brucke zum Wasserfall fuehrte. Und es war wirklich eine sehr schoene Aussicht, die sich mir da bot.
Im Sommer waere es mit Sicherheit noch angenehmer gewesen, denn nach einer Stunde Rast wurde es doch sehr kalt. Immerhin war ich gerade (mit Umweg) 15 Kilometer bergauf geradelt und hatte keine Kleidung zum Wechseln dabei. Nachdem ich also mein Lunchpaket halb aufgegessen und noch einen kurzen Abstecher zu einem nahe gelegenen Berg gemacht hatte, um die dort aufgestellten kanadischen Totempfaehle zu bewundern, machte ich mich wieder auf den Weg zum zweiten Punkt meines Tagesausfluges.
Die Schilder wollten mich zwar in die Irre fuehren, aber zum Glueck hoerte ich auf meinen Instinkt und nahm die erste kleine Strasse, die sich zu meiner Rechten bot. Eine Weile war ich zwar unsicher, ob meine Entscheidung wirklich richtig war, aber die Umgebung war eindeutig huebsch und selbst wenn ich falsch abgebogen waere, so war dies trotz bergiger Beschaffenheit eine angenehme Strecke. Ausserdem wies der Kompass zweifelsfrei immer wieder nach Sueden, so fuhr ich also auch wenigstens in die gewuenschte Richtung.
Umgeben von duftenden Nadelbaeumen, herrlichem Gebirgspanorama und ab und zu einem Sonnenstrahl fuhr ich also eine ganze Weile gemaechlich dahin, bis ich vor mir auf der Strasse ploetzlich ein merkwuerdiges grosses Tier sah. Obwohl fuer einen Baeren viel zu klein konnte ich es zunaechst nicht einordnen. Es erinnerte mich an kein Tier, das ich jemals gesehen haette.
Da es hinkte, war ich mit meinem Fahrrad schneller und es liess sich auch nicht von mir stoeren, sondern trottete vor sich hin, als ich an ihm vorbeifuhr. Und da erkannte ich, dass es sich um eine Art Waschbaer handelte. Jedoch war er nicht schwarz und weiss wie jene, die ich kannte, sonders ausschliesslich braun. Spaeter erklaerte mir Natsumi, dass ich einen Japanischen Waschbaeren, einen Tanuki gesehen hatte. Was mich jedoch in Erstaunen versetzte war die Groesse des Tieres. Dieser Tanuki konnte es von der laenge fast mit meinem Rad aufnehmen, war sehr dick und ich waere ihm ungern naeher gekommen, wenn er ein gesundes Bein gehabt haette.
Zu dem Zeitpunkt konnte ich noch nicht wissen, dass ich zwei Tage spaeter erneut einem solchen Wesen gegenueberstehen wuerde. Auge in Auge beim Holz aufschichten.
Leider habe ich kein gutes Foto von ihm bekommen, weil er kurz darauf im Wald verschwunden ist. Aber als er sich ein letztes Mal umdrehte, konnte ich noch auf den Ausloeser drucken.
Mata ne
Kira

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