Die vergangene Nacht wollte ich ja eigentlich in meinem Zelt verbringen. Nur um zu sehen, ob der Schlafsack den naechtlichen Minusgraden gewachsen sei, oder ob ich die ersten Naechte wohl doch eher in einem Riderhotel verbringen sollte.
Zudem sind Natsumi und Takashi ruehrend um mein Wohl besorgt und boten mir mehrmals an, ich koenne so lange bleiben wie ich wolle. Dies wuerde jedoch meine Plaene sehr durcheinanderbringen und obwohl ich mich hier inzwischen wie Zuhause fuehle und komplett in die Familie intigriert wurde, fuehle ich, dass es langsam an der Zeit ist, zu gehen.
Doch es kam alles anders als geplant... Und so begann mein erstes kleines Abenteuer.
Mein Zelt hatte ich schon am Vormittag aufgebaut und so gut es ging mit den Heringen im lockeren Schnee gesichert. So hatten wir einen gemuetlichen Abend. Die Kinder und Takashi waren beim Badminton und deshalb sahen Jamie und ich uns "the beauty and the biest" an, waehrend Natsumi eifrig backte. Es wurde recht spaet und als wir uns gegen halb zehn auf den Weg zu unserer Huette machten, war es schon lange finster.
Jamie fragte, wo denn mein Zelt stuende und ich leutete mit meiner kleinen LED Lampe auf den Platz, wo ich es am Morgen zurueckgelassen hatte.
Nur, dass dort kein Zelt mehr stand.
Ungluecklicherweise war es sehr dunkel, weil kein Mond schien und so tasteten wir uns in den winzigen Lichtkegeln unserer Lampen vorwaerts und versuchten den Schatten meines vermutlich nur umgepusteten Zeltes auszumachen. Das Gute an ihm ist ja, dass es so leicht, deshalb allerdings auch nicht sehr standfest ist.
Meine Panik wuchs, als wir nach fuenf Minuten noch immer nicht fuendig geworden waren. Nicht nur das Zelt an sich fehlte, auch die guten Heringe und mein kuerzlich erworbener, auf dieses Zelt zugeschnittener Extraunterboden, der mich zusaetzlich vor Kaelte, Naesse und scharfkantigen Steinen schuetzen sollte.
Jamie merkte in diesem Moment auch noch an, sollte das Zelt in den Fluss gefallen sein, so waere es sehr wahrscheinlich verloren.
Das versetzte mich vollends in Sorge, denn der Fluss ist zurzeit stark angeschwollen und so reissend, dass kaum eine Chance bestuende es jemals wiederzusehen.
So bewegten wir uns in Richtung Fluss, ich schaute in das tosende Wasser und mir drehte sich leicht der Magen um. In diesem Moment wusste ich, dass Jamie Recht hatte.
Auf einmal jedoch stiess sie mich von der Seite an und wies mit ihrer Lampe auf eine Stelle im Fluss am anderen Ufer, an der sich zwei Baumstaemme miteinander verkantet hatten. Und dort, halb in den Fluten versunken, hing mein kleines Zelt einsam an einem der Staemme und kaempfte trotzig gegen die Stroemung...
Im ersten Moment ueberkam mich Erleichterung.
Doch wie sollte ich es dort erreichen? Der Shiribeshikawa ist momentan an die drei bis vier Meter breit und wer weiss wie tief.
Was sollte ich tun?
Jamie hatte zum Glueck ihren Kopf auf den Schultern behalten und alarmierte sofort Takashi. Als dieser jedoch kam, konnte er mir nur wenig Hoffnung machen.
Morgen wuerde er es versuchen, wenn es hell waere. Jetzt koenne er nichts tun. Allerdings versicherte er mir, das Zelt sei inzwischen so mit Wasser gefuellt, dass es wohl eher nicht weggetrieben wuerde. Ausserdem war gluecklicherweise gerade diese Stelle, an der es hing, nicht ganz so stark umspuelt.
Und es sei ja nur ein Zelt, das solle ich nicht vergessen.
In diesem Moment kamen mir jedoch die Traenen. Dieses Zelt war nicht einfach nur ein Stueck Stoff und ein paar Metallstaebe.
Es war mein Zuhause! Und das fuer das ganze kommende Jahr.
Zudem gehoerte es nichtmal mir, sondern war eine Leihgabe meiner Tante...
Doch Tatsache blieb Tatsache, dass wir zunaechst nichts ausrichten konnten. Es war zu gefaehrlich.
So begab ich mich geknickt und noch immer unter Traenen in die Huette, wo zumindest noch meine Luftmatratze und mein Schlafsack sicher lagen. (Ich hatte am Morgen mit dem Gedanken gespielt, sie schonmal ins Zelt zu bringen, um es am Abend gemuetlicher aufzufinden, es jedoch letztenendes zum Glueck nicht getan)
Ich brauche wohl nicht zu erwaehnen, dass ich in dieser Nacht kein Auge zumachen konnte.
Staendig tauchte vor mir das Bild meines, von den Fluten fortgerissenen und von scharfkantigem Holz komplett zerissenen Zeltes auf.
Gegen halb zwei hielt ich es nicht mehr aus.
Ich ging hinaus um mich zu vergewissern, dass all dies kein Traum war und ob mein Zelt wohl immer noch dort sei.
Dort hing es, so, wie wir es zurueckgelassen hatten. Es brach mir fast das Herz, es dort so hilflos zu sehen. Doch ich konnte nichts tun. Ausserdem regnete es und war ziemlich kalt.
So begab ich mich in dieser Nacht ein zweites Mal auf mein Lager in der Heutte, um mich bis zum Morgengrauen herumzuwaelzen und zu versuchen wenigstens ein bisschen zu schlafen.
Als ich das naechste Mal die Augen aufschlug war es immerhin schon kurz nach fuenf und hell genug, um ohne Lampe sehen zu koennen.
Ich zog mich warm an und begab mich abermals zu der markanten Stelle im Fluss.
Zunaechst bekam ich einen leichten Schock. Das Zelt war fort.
Aber dann sah ich ein paar Meter entfernt ein eckiges Stueck gruene Plane wie ein Finger aus dem Wasser ragen. Es lag nun auf dem Grund des Flusses und wurde von den Fluten leicht hin und her geschaukelt. Fast friedlich sah es aus...
Da ich noch immer nicht wusste, was ich tun sollte, ging ich auf die Suche nach dem zweiten Zeltboden und den Heringen. Wenn ich wenigstens zwei oder drei finden sollte, waere ich schon gluecklich, sagte ich mir.
Was ich als erstes fand, war die zweite Plane. Sie lag zusammengeknuddelt und durch einige Seen Regenwasser beschwert in der Naehe unserer Blockhuette.
Froh sammelte ich sie auf und hing sie ueber dem Stromkabel, das uns immer mit Licht versorgte, zum Trocknen auf. (Es regnete zwar immer noch, aber nasser konnte sie eh nicht mehr werden)
Heringe fand ich keine.
So ging ich noch ein bisschen am Flussufer entlang. Nur um zu sehen, ob man nicht an einer anderen Stelle leichter uebersetzen konnte...
Eine solche Stelle fand ich keine hundert Meter entfernt. Zwei umgestuerzte Baeume bildeten natuerliche Bruecken und die eine sah tatsaechlich so aus, als waere es moeglich, sie trockenen Fusses zu ueberqueren.
Dies versetzte mich natuerlich in Euphorie und ich wollte gleich mal testen, ober der Stamm auch nicht zu glitschig sei. Ein paar Zentimeter Schnee am Ende des Stammes erschwerten allerdings zunaechst das Betreten und ich versuchte den Schnee etwas loszutreten.
Ehe ich mich jedoch versah, sass ich rittlings auf dem Stamm und meine Fuesse baumelten im kalten Wasser. Nun, da ich schonmal halb nass war, hinderte mich nichts mehr daran, die Ueberquerung zu wagen.
Leider war der Stamm wirklich rutschig. Ich glitt sofort an der Seite ab und nun hing ich bis ueber die Huefte im Wasser, das stark an meiner Kleidung zerrte.
Merkwuerdigerweise war mir nicht kalt. Vielleicht der Schreck. Aber da mir nun wirklich nichts Schlimmeres mehr passieren konnte, wagte ich am Stamm entlang einige Schritte in den Fluss hinein. Er war jedoch viel zu reissend und ich wusste, ich hatte keine Chance heil ans andere Ufer zu kommen.
So gab ich mich pudelnass geschlagen und kroch unter einigen Muehen wieder zurueck ans Ufer. Mir war noch immer nicht wirklich kalt, aber ich fuerchtete eine Blasenentzuendung und deshalb begab ich mich schnell zurueck zur Huette, wo ich kurz meine Kleidung wechselte um dann erneut ans Flussufer zurueckzukehren. Dort harrte ich im Nieselregen aus, bis (es war etwa sieben Uhr) Takashi, Natsumi und Jamie kamen.
Er trug einen Gummianzug, der ihm bis zur Brust reichte und in Null Komma Nichts hatte er eine Leiter ueber den Fluss gelegt, war hinuebergekrabbelt und zog mein Zelt in Einzelteilen aus dem Wasser. Zwei Heringe waren verloren, aber ich hatte mein Zuhause wieder!
Ich konnte kaum so schnell gucken, da war er schon wieder bei uns und gemeinsam haengten wir die tropfenden Planen ueber eine Schnur, die er fuer mich gespannt hatte. (Das Stromkabel war zu gefaehrlich, sagte er, womit er natuerlich Recht hatte)
Ueberhaupt kam ich mir in diesem Moment ein bisschen einfaeltig vor. Vor allem, als Natsumi mir auch noch den Tag freigab und mich in eine Decke gewickelt vor dem heissen Ofen mit ihrem herrlichen Ingwertee verwoehnte.
Ich kann niemals gutmachen, was diese Familie schon fuer mich getan hat!
Jamie taufte das Zelt nach seinem Abenteuer uebrigens auf den Namen "Lucky" und sagte, es sei wirklich ein sehr starkes Zelt, weil es all dies gut und ohne einen Riss ueberstanden hatte.
Nun verzoegert sich allerdings meine Abreise bis zum 3. Mai.
Ich habe keine Lust mit tropfnassen Sachen aufzubrechen und morgen beginnt die Softeissaison auf der Takara Farm. Natsumi moechte dort ihre Leckereien verkaufen und ich wollte ein paar der netten Menschen wiedersehen um Tschuess zu sagen und Adressen auszutauschen.
Ihr hoert von mir deshalb spaeter aus Sapporo.
Mata ne
Kira
Freitag, 30. April 2010
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Hii Kiri,
AntwortenLöschenwas für ein Krimi !
Halte dich besser von Schmelzwasserflüssen (und Stromleitungen) fern.
Liebe Grüße aus dem sonnigen Kalifornien,
Moritz.