Donnerstag, 27. Mai 2010

Radtour nach Rishiri: 4. Tag 13.05.10

Am folgenden Tag regnete es nicht mehr. Es stuermte!

Ausser, dass ich mich gegen den starken Wind vorwaerts kaempfte, passierte auch nicht viel Aufregendes. Erstaunlicherweise kam ich trotzdem auf ca 80 km an diesem Tag. Dafuer war ich aber am Abend total erschoepft. (Naja, immerhin war ich auch von 5:00 Uhr Morgens bis 6:00 Uhr Abends unterwegs)

Conviniencestores fand ich immer unregelmaessiger. Oft vergingen Stunden, bis ich wieder einen sah. Vor allem gab es keinen 7eleven mehr, in dem ich haette Geld abheben koennen. (Es gibt verschiedenen Conbinis wie Lawson, 7eleven, oder Secomart, aber nur der oben genannte akzeptiert meine Kreditkarte)

Die Landschaft wurde auch sehr oede und bedrueckend, denn ich fuhr nun nicht laenger an der Kueste entlang, sondern durch sanfte Huegel. Diese erweckten aus der Ferne den Anschein, als seien sie mit weichem, trockenen Gras bewachsen, aus der Naehe jedoch konnte man erkennen, dass es sich mal wieder um den allgegenwaertigen Bambus handelte.
Dieses Gewaechs kann ich nicht unbedingt als meinen Freund bezeichnen. Es hat auch keinerlei Aehnlichkeit mit dem huebschen, langstaengeligen Zierbambus, der in so vielen Gaerten gerne als Sichtschutz gepflanzt wird. Nein, dieser ist klein, gedrungen, hat nur wenige, dafuer sehr breite Blaetter, die oft sehr vertrocknet wirken und waechst auf allem, was lange genug stillsteht. Wie ein Teppich breitet es sich ueber Kilometer aus und verdraengt alle kleineren Pflanzen. (Natsumi erzaehlte mir, um einen Ort Bambusfrei zu halten, muesse man ihn drei Jahre lang jaeten)
Und dieses Gewaechs macht staendig Geraeusche! Auch wenn kein Lueftchen weht, meint man ein menschliches Fluestern zu vernehmen. Fegt dagegen der Wind hindurch, klingt es, als schluegen sich grosse Tiere durchs Unterholz... Oft bin ich deshalb schon aus dem Schlaf geschreckt und lag lauschend da.

Gegen zwei Uhr ueberlegte ich mir ernsthaft, schon ein Nachtlager zu suchen, weil ich den zermuerbenden Wind so leid war. Deshalb folgte ich einem kleinen Pfad, der zu meiner Linken in den Wald, einen Abhang hinunter auf eine grosse Wiese fuehrte. Eigentlich war es perfekt: viel Platz, windstill (sehr wichtig), ausser Sichtweite und trotzdem in Naehe der Autobahn...
Aber dennoch fuehlte ich mich hier irgendwie unbehaglich. Zumal ich auf dem Pfad Hinterlassenschaften eines groesseren Tieres gefunden hatte, das wohl oefter dort vorbeizukommen pflegte.
So begab ich mich schweren Herzens zurueck auf die Strasse, um meinen Kampf mit dem Sturm wieder aufzunehmen. Doch es lohnte sich!

Nach etwa 5 km fuehrte die Strasse aus den Bambushuegeln hinaus zurueck an die Kueste, wo es mir sofort besser ging, obwohl der Wind sich hier (ungehindert von Baeumen und Buschwerk) fast verdoppelte. Ich kam auch endlich wieder an kleineren Doerfern vorbei. Die letzen lagen einige zig Kilometer zurueck. Der Abend brachte auch noch eine kleine Ueberraschung: Ich hatte gerade eine groessere Siedlung durchquert (in der mich eine Gruppe Jugendlicher angestarrt hatten, als haetten sie noch nie eine erschoepfte Auslaenderin hungrig eine Nudelsuppe verschlingen sehen), da klaerte sich der Himmel vom gewohnten bleigrau ueber hellgrau zu fast blau, die Sonne kam heraus und liess alles in ihrem goldenen Abendschein erstrahlen, waehrend ich durch saftige gruene Wiesen und Aecker fuhr.

In dieser herrlichen Stimmung fand ich auch meinen bisher schoensten Schlafplatz, auf dem ich mein Zelt aufschlug: Eine Erhebung, auf der eine weite gruene Wiese durch ein Waeldchen (mit dem unvermeidlichem Bambus als Bodenbewuchs) eingezaeunt wurde. In der Ferne konnte ich einen Bauernhof ausmachen, aber der war weit genug weg, als dass ich mit meiner kurzen Anwesenheit haette stoeren koennen. Hier verbrachte ich meine bisher erholsamste Nacht als Wildcamperin. Es war grossartig.




















... to be continued...

Mata ne
Kira

Mittwoch, 26. Mai 2010

Radtour nach Rishiri: 2. u. 3. Tag 11./12.05.10

Ich fruehstueckte, als ich mich den Abhang wieder hinaufgekaempft hatte (wobei ich mir etliche Kratzer zuzog) am Strassenrand. Hierfuer besass ich noch immer eines von drei hartgekochten Eiern, die ich mir bei Claus zubereitet hatte und wie immer Aepfel, Bananen und ein paar Nuesse.



















Der Tag verlief eher unspektakulaer, aber ich legte einige Kilometer zurueck. An der Kueste kommt man sehr schnell voran und als ich mein Zelt an einer Raststaette aufschlug, stand bereits "Wakkanai: 189 Kilometer" an den Autobahnschildern.
Mein fuer heute auserkorener Schlafplatz bestand aus einer Art Aussichtsplattform aus Holzbohlen und da ich keinen besseren Ort innerhalb der Stadt finden konnte und mir der Leuchtturm in der Naehe, sowie die abendliche Hafenstimmung so gefiel, wartete ich bis zum Einbruch der Dunkelheit, bevor ich das Zelt aufbaute. Es war eine sehr friedliche Nacht, begleitet vom Glucksen der Wellen unter mir und den hin und wieder kreischenden Moewen.
Gegen Mitte der Nacht fing es an zu regnen und das steigerte das Wohlbefinden, im trockenen warmen Schlafsack zu liegen gleich noch einmal.

Wach wurde ich so richtig, als ich Maennerstimmen vernahm, die klangen, als kaemen sie ganz aus der Naehe. So packte ich alles zusammen, was diesmal ein wenig muehsamer war als sonst, denn ich musste es wegen dem stetig fallenden Regen innerhalb des Zeltes erledigen. Der Boden meines Nylonheims war feucht, anscheindend hatte er bei seinem Abenteuer im Fluss doch einige Kratzer abbekommen...
Ein wenig gewoehnungsbeduerftig war es, das klatschnasse Zelt in die Huelle zu packen und zu wissen, dass es an diesem Abend wohl auch innen sehr feucht und ungemuetlich sein wuerde.

Der Regen fiel nicht sehr stark, aber bald war ich trotzdem von Kopf bis Fuss nass. Meine Bemuehungen, ihn stoisch ueber mich ergehen zu lassen scheiterten nach ein paar Stunden Fahrt, als ich fuehlte, dass aus meinen Schuhen Schwimmbecken geworden waren und meine Fuesse (trotz der Plastiktueten, in die ich sie gesteckt hatte) ebenfalls nass wurden.
Auf einmal war es auch sehr kalt geworden, denn es hatte begonnen ein heftiger Wind zu wehen, der mich auch in den kommenden Tagen nicht mehr verlassen sollte.
Zumal duschten mich die Laster nun jedes Mal von oben bis unten ab, wenn sie an mir vorbeifuhren.

Nein, das machte keinen Spass mehr!

Ich beschloss, die Nacht irgendwo im Trockenen zu verbringen und auch meine Sachen zu flicken. Es war gerade mal halb acht am Morgen und die ersten Conviniencestores ;effneten. Da ich immerhin auch schon um die 15 Kilometer hinter mir hatte, plagte mich kein schlechtes Gewissen, als ich im naechsten Lawson nach einer Unterkunft fragte.
Nach einigem Hin und Her bekam ich tatsaechlich heraus, dass es keinen Kilometer weiter eine Minshuku (eine Privatunterkunft) gaebe.

Dankbar machte ich mich auf den Weg. Zur Zeit ist noch Vorsaison und deshalb sind so ziemlich alle gewoehnlichen Touristenunterkuenfte wie Campingplaetze oder Strandhotels geschlossen.
Ein paar dieser Enttaeuschungen hatte ich auch schon hinter mir, bis ich diese frohe Botschaft erhielt.



















Die Unterkunft war zwar fuer den Preis von 3.000 Yen sehr spartanisch und die Zimmer etwas heruntergekommen, aber die Hauseigentuemerin war dafuer umso herzlicher, nahm mich und mein Rad unter ihre Fittiche, beheizte mein Zimmer, bereitete Abends ein heisses Bad und war wirklich lieb.
Mittags machte ich noch einen Spaziergang und besichtigte den Ort. Es gab sogar eine Post und ein Heimatmuseum, das allerdings geschlossen hatte. Danach zog ich mich auf mein Zimmer zurueck, schrieb Karten und mein Tagebuch und verbrachte eine sehr angenehme, trockene und warme Nacht.

... to be continued

Mata ne
Kira

Sonntag, 23. Mai 2010

Radtour nach Rishiri: Erster Tag 10.05.10

Der Abschied von Claus und seiner huebschen Wohnung fiel sehr schwer. Zumal ich nicht wusste, wann mir ein Komfort und nette Gesellschaft wie hier wieder vergoennt sein wuerde...
Jedoch trug das sonnige und warme Wetter dazu bei, dass ich mich recht bald auch auf das freute, was nun vor mir lag. Auch dieser Teil meiner Reise wuerde seinen Reiz, seine Hochs und Tiefs haben. (Wobei fuer mich als Radfahrer die Hochs je eher die Tiefs waren und umgekehrt)
Recht bald, nachdem ich die Route 5, die aus dem Stadtzentrum fuert, hinter mir gelassen hatte und schon auf der 231 fuhr, die mich auch an die Kueste bringen wuerde, konnte man bereits den erhoehten Salzgehalt der in Luft ausmachen und ich wurde immer beschwingter. Noch heute wuerde ich das Meer sehen!

Natuerlich zog sich die Strecke durch die Stadt doch noch ein wenig hin, aber nachdem ich aus ihr heraus war, vergingen Zeit und Kilometer recht schnell. Solange man den Highway fuhr, war es auch nicht so bergig, obwohl ich auch dies ab und zu auf mich nahm, um schoenere Ausblicke und etwas Ruhe vor den schnell dahinbrausenden Autos zu haben.
Zunaechst war die Jueste noch nicht gut einsehbar. Die Promenade, auf der ich gerade entlang fuhr fuehrte nur durch duenige Landschaft mit hohem Gras, so dass man den Eindruck hatte, man befaende sich irgendwo in Nordeuropa (an der Ostsee vielleicht), nicht aber in Japan!




















Als ich mich dann jedoch zwangslaeufig zurueck auf die Autobahn begeben musste, wichen die Duenen sehr bald fantastischen Steilklippen, die mir den Blick auf das Meer nicht laenger vorenthielten. Anschliessend aenderte sich dieses Landschaftsbild kaum noch.























In der Post eines kleinen Oertchens versorgte ich mich mit neuen Briefmarken und bekam von dem Postmann sogar, der deshalb extra noch zweimal hinter mir her lief, noch ein kleines Handtuch fuer den Onsen und Suessigkeiten aus Okinawa geschenkt. Ich freute mich sehr, denn das Handtuch konnte ich sehr gut fuer kleinere Erfrischungen am Strassenrand gebrauchen und Essen ist ja sowieso immer gut...

Die Freundlichkeit des Postmannes kam mir als Aufmunterung ebenfalls entgegen, den kurz zuvor war mir auf der Autobahn die erste Panne wiederfahren. Das Reparieren an sich war nicht das Problem gewesen (fuers Erste hatte ich sowieso Ersatzschlaeuche dabei, denn das Flicken braucht immer etwas Zeit und das tat ich lieber Abends im Ruhe vor dem Zelt), nein, was mir Kummer bereitete, war der Verlust meiner kleinen Luftpumpe.














Ob verloren oder vielleicht in Sapporo entwendet... als ich den Reifen aufpumpen wollte, war sie jedenfalls nicht mehr an ihrem Platz. Da es sich hierbei auch um ein Geschenk (diesmal von meinem Vater) gehandelt hatte, war ich natuerlich ungluecklicher, als es ein solcher Gegenstand vielleicht wert gewesen waere. Noch dringender war allerdings das Problem, wie ich nun den Reifen gefuellt bekam. Es blieb mir nichts anderes uebrig, als mein Rad erneut zu beladen und es zu einer kleinen Gruppe von Farmhaeuschen zurueckzuschieben, wo hoffentlich jemand eine Luftpumpe besass.
Hier hatte ich jedoch sofort Glueck. Nachdem ich das erste Haus erreicht hatte, kam in ebendiesem Moment ein aelterer Farmer heraus, den ich auch gleich auf mein kleines Problem ansprach.
Klar koenne er mir helfen, meinte er und eilte auch schon davon. Ich ging mit meinem hinkenden Eselchen hinterher und gemeinsam machten wir es wieder strassentauglich. Allerdings war der gute Mann zu eifrig gewesen: Der Reifen war an einigen Stellen merkwuerdig ausgebeult und als ich gerade ein Geschenk als Dankeschoen zusammenstellte, machte es auf einmal laut und vernehmlich "Zzzzsssch" und der Reifen war wieder platt.
So baute ich ihn ein zweites Mal aus und sah, dass der Schlauch regelrecht geplatzt war. Ein unflickbarer Riss, fast eine Hand breit, klaffte im Gummi.
Ich begab mich mit dem Schlauch auf die Suche nach dem netten mann um zu fragen, ob ich seine Hilfe ein zweites Mal in Anspruch nehmen koenne. Er war ebenfalls betroffen und wollte sich nicht davon abbringen lassen, den alten Reifen mit dem kleinen Loch eigenhaendig zu flicken.
Beim Aufpumpen bremste ich ihn diesmal jedoch rechtzeitig, obwohl er es ungern einsah und lieber so lange weitergepumpt haette, bis der Reifen steinhart war. Ich erinnerte mich jedoch an die guten Ratschlaege meines Vaters und meines Kollegen, die mir beim Aufruesten meines Eselchens geholfen hatten und bestand darauf aufzuhoeren (Trotz sichtlich enttaeuschter Mine meines Retters, der auch noch zu nobel war, eines meiner Geschenke anzunehmen.)

Dies sollte auch nicht das einzige gute Ereignis fuer diesen Tag bleiben. Spaeter, es war schon fast Abend und ich machte erschoepft Rast, weil ich mich gerade durch mehrere Tunnel gequaelt hatte, in denen selbst ein kleines Auto klingt wie ein Jumbojet und man staendig glaubt, man befaende sich auf einer Landebahn, begegnete ich einem jungen Ehepaar aus Sapporo. Sie waren sehr interessiert und fragten mich bei einem Kaffee und Reisbaellchen, die sie mir spendiert hatten, fast eine halbe Stunde lang aus. Zum Abschied schenkten sie mir noch einen merkwuerdigen eingeschweissten Riegel, der aussah wie roher Teig mit Fruechten und beschloss ihn mir fuer ein fuerstliches Fruehstueck aufzusparen. (Natuerlich habe ich ihn vergessen und erst gegen Mittag gefunden und gegessen was ein Glueck war, denn er schmeckte statt suess nur nach furchtbar vielen Proteinen aus Krabbenfleisch oder Fisch)
Zumindest dieses Ehepaar nahm jedoch meine Dankesgaben an und gaben mir sogar ihre Telefonnummer. Ich solle sie anrufen, wenn ich wieder in Sapporo sei.





















Diese erste Nacht verbrachte ich unweit der Autobahn an einem kleinen Abhang, zu dem ich mich erst einmal durchs Unterholz schlagen musste. Ich schlief recht gut und wachte am naechsten Tag mit der Sonne um halb fuenf auf.

... to be continued...

Mata ne
Kira

Freitag, 7. Mai 2010

Sissipus laesst gruessen: Mein Weg nach Sapporo

Nachdem mein Zelt eine Nacht mehr Zeit zum Trocknen hatte, konnte ich endlich am 3. Mai aufbrechen.
Die Sonne schien, es war warm und meine Hoffnungen auf eine angenehme erste Tour erfüllten sich somit vollständig. Die Abreise an sich verzögerte sich natürlich doch noch etwas. Mein Gepäck war viel zu schwer und ich ließ mal wieder mit blutendem Herzen einige Habseligkeiten zurück.
Anschließend galt es, sich noch von all den lieb gewonnenen Menschen zu verabschieden, die letzten Fotos zu machen und die kleinen Geschenke zu verstauen, die mir noch mit auf den Weg gegeben wurden. Besonders freute ich mich über den selbst hergestellten Proviant - bestehend aus zwei Stücken Käse, Müsli und Keksen von Natsumi oder befreundeten Farmerfamilien, die ich kennen gelernt hatte.

Dann jedoch fuhr ich und eine leichte Brise wehte die Haare aus dem Gesicht. Das Gefühl vollkommener Freiheit überkam mich.

Die ca. 25 Kilometer bis Kimobetsu, wo ich zwei Wochen zuvor schon gewesen war. verliefen auch recht unspektakulär. An einem kleinen Obst- und Gemüsestand kaufte ich zwei Äpfel und machte unter japanischer Dudelmusik aus dem Laden eine kurze Rast mit wundervollem Blick auf den Mt. Youteizan, der mich auf der gesamten Strecke hierher schon begleitet hatte und durch seine Ähnlichkeit mit dem Fuji-san hier in Hokkaido sehr berühmt ist.























Nun jedoch ließ ich ihn zu meiner Linken liegen und fuhr auf dem Highway Route 230 Richtung Sapporo weiter. Recht bald nach der Ortschaft ging es bergauf. Nicht stark, aber beständig. Die ersten Kilometer hielt ich auch noch durch, dann jedoch wurde es auch mir zu anstrengend und ich begann zu schieben, während rechts von mir die Autos vorbeibrausten, die Motorradfahrer gelegentlich winkten und ihr "ganbarre ne" - "halte durch" hören liessen.

Natürlich hielt ich durch. Sogar den ganzen Weg bergauf bis zum Nakayama Pass, für den ich schiebend fast vier Stunden brauchte. (Bis Kimobetsu ware es dagegen nur etwas mehr als eine bei etwa gleicher Kilometerzahl gewesen!) Hier oben erfrischte ich mich nochmal an der Raststätte einer Skihütte und bewunderte die Aussicht, die sich mir auf nun fast 1.000 Höhenmetern bot.

Die Abfahrt war berauschend! Kilometer um Kilometer flog an mir vorbei, die ich zuvor so mühselig erkämpfen musste. Sogar die Tunnel waren auf diese Weise erträglich und schnell überwunden. Ehe ich mich versah, befand ich mich auch schon in den Vororten von Sapporo und hatte nur noch um die 15 Kilometer bis zur Stadt zurückzulegen. So langsam wurde es also Zeit, nach dem Campingplatz Ausschau zu halten, den ich mir herausgesucht hatte.

Leider fand ich ihn nicht. Ich fragte einen netten älteren Bauern, der ihn leider nicht kannte und mir stattdessen viele wohl nette Sachen auf Japanisch erzählte, die ich jedoch leider nicht verstand und mich etwas später lächelnd und nickend verabschiedete. Selbst das sicherlich größere Motorradhotel, dass sich in der Nähe befinden sollte konnte ich nicht entdecken. Vielleicht erkannte ich auch einfach die Ausschilderungen nicht.
Das war aber auch nicht weiter tragisch, denn es war erst kurz nach vier und die Sonne schien noch immer über die Gipfel der Berge, die ich passiert hatte.

Eine Weile fuhr ich noch auf dem angenehm breiten Fußweg entlang, bis eine kleine Seitenstraße in einen Wald und nach etwa 500 Metern wieder auf die Hauptstraße führte. Diesem kleinen Weg folgte ich und baute dort in einem kleinen Wäldchen mein Zelt in einer Bambuslichtung auf. Das entfernte monotone und beruhigende Geräusch der Autobahn stets im Hintergrund begann ich mich häuslich einzurichten. Nur einmal fuhr ein Auto die Seitenstraße entlang und hielt ein paar Meter von meinem Zelt entfernt, wohl um eine kleinere Panne zu beheben. Sonst störte mich niemand. Das Zelt hatte ich bewusst hinter einer großen Wurzel aufgebaut, die es fast vollständig verdeckte. Als es begann zu dämmern kroch ich hinein und las im Licht meiner Stirnlampe noch so lange, bis mich die Müdigkeit übermannte und ich in einen nur duch gelegentliche kurze Wachphasen unterbrochenen Schlaf fiel, die durch den trocken raschelden Bambus verursacht wurden.

Der nächste Morgen kam viel zu schnell und ich krabbelte gegen halb sechs bereits wieder ans Tageslicht, weil ich noch einige Taschen umpacken wollte. Besonders die am Lenker waren viel zu schwer und es kostete allein viel Kraft ihn gerade zu halten. So schichtete ich alle meine schweren Habseligkeiten in die Hinterradtaschen und nur meine Kleidung und der Proviant blieben in den kleinen vorne. Das ging doch schon bedeutend besser und beschwingt nahm ich nach einem kleinen Frühstück, das aus dem letzten Stückchen Käse, zwei Keksen und ein paar Schlucken aus meinem Wasserbeutel bestand, meinen Weg zur Stadt wieder auf.

Dieser war tatsächlich in weniger als einer Stunde zurückgelegt und als ich den letzten kleinen Hügel im Morgenlicht erklomm, belohnte mich ein wundervoller Blick auf die Stadt und zu meiner Linken auf ein großartiges Bergpanorama für meine bisherigen Mühen.

In der Stadt dagegen kam ich bedeutend langsamer voran, aber nach etwa zwei Stunden erreichte ich das kleine ruhige Viertel, in dem mein Freund Claus wohnte, den ich besuchen wollte und der erst einen Tag zuvor hier angekommen war. Leider kannte ich nur die Nummer des Wohnblocks, keine Hausnummer, aber da seine Adresse eher nach einer Stundentenunterkunft klang, fand ich das einzige Gebäude, das in Frage kam recht schnell.

Als auf mein Klingeln keiner reagierte, warf ich ihm eine Notiz mit meiner Handynummer in den Briefkasten und wollte, bewaffnet mit einer Dose Pepsi aus dem dort befindlichen Getränkeautomaten schon wieder weiterfahren, um irgendwo mein kärgliches Mittagessen einzunehmen, da steckte er verschlafen den Kopf von seinem Balkon und lachte. Das Rütteln den Briefkastens hätte er gehört, nicht aber die Klingel.
So konnte ich also doch gleich meine Sachen in seiner kleinen Wohnung unterbringen und mein Rad zu den anderen Studentenrädern stellen.

Nun begann eine sehr erholsame Woche. Wir wickelten gemeinsam beinahe das komplette Touristenprogramm ab, kauften weitere Dinge für seine Wohnung um es gemütlicher zu machen und er war ab und zu damit beschäftigt, Dutzende von Formularen für die Bank und seinen Arbeitgeber auszufüllen. Währendessen ruhte ich mich in seiner Wohnung aus, schrieb Postkarten, ging spazieren oder einkaufen. Es war so erholsam, wie ich es mir seit langem gewünscht hatte.
Die Abende wurden auch stets gemütlich, bei einigen Dosen Bier aus dem Convinience-Store, sinnlosen Beschäftigungen oder dem Kochen eines einfachen Abendessens.
Es war auch sehr spannend zu erleben, wie es ist, in einer großen Japanischen Stadt zu leben. Besonders was die komplexe und aufwändige Mülltrennung oder Küchenausstattung (sie kochen auf ganz rustikalen Gasplatten!) angeht.
























Nun nähert sich jedoch auch diese Zeit ihrem Ende. Schon morgen breche ich wieder auf, denn Claus muss nun anfangen zu arbeiten und ich habe Hokkaido zu umrunden. Die nächsten zwei Tage sollen laut Wetterbericht auch sehr schön warm und sonnig werden. Ein wahres Glück für mich, denn bei Regen wäre der Abschied noch schwerer geworden, als er jetzt sowieso schon ist. Mal wieder geht es mir viel zu gut und ich bin so dankbar für die schöne Zeit hier in Sapporo!
Doch bekanntlich soll man aufhören, wenn es am meisten Spaß macht...

Ich hoffe sehr, dass ich bald wieder Gelegenheit haben werde meinen Blog zu vervollständigen. Jedoch fürchte ich, dass es noch ein wenig dauern wird, bis ich wieder ins Internet komme. Hoch im Norden sollen diese Gelegenheiten mangels größerer Städte weniger werden.

Allerdings freue ich mich schon sehr, an der Küste entlangzufahren und das Meer zu sehen, vielleicht sogar mal am Strand zu schlafen... Ich schätze mal, dass ich bis Wakkanai, dem Punkt ganz im Norden, wo ich zwei kleine Inselchen besichtigen möchte ca. eine Woche brauchen werde.

Mata ne
Kira