Samstag, 19. Juni 2010

Fruehling in Otaki

Vom 19.05. bis 18.06.10 war ich also wieder bei meiner alten Gastfamilie in Otaki.
Der Schnee war auch hier endlich vollkommen verschwunden und inzwischen sind die Temperaturen fast sommerlich.
Deshalb begann auch die Arbeit auf den Feldern.

Fuer dieses Jahr hat sich Takashi eine Rasenflaeche in der Naehe gemietet, weil er mehr Platz zum Anbau von Bohnen, Kuerbis, Kohl und Karotten braucht und auch wieder Schafe halten moechte. Allerdings wurde dieses Gelaende schon seit fuenf Jahren nicht mehr bepflanzt und es ist dementsprechend verwildert: Viele kniehohe Gewaechse, junge Weiden, Bambus (wer haette das gedacht) und Steine... Viele. Steine.
Denn in frueheren Zeiten der Erdgeschichte verlief der Shiribeshikawa noch genau an dieser Stelle, war wohl auch breiter und hat im Transport von Fels und Kies ganze Arbeit geleistet. So bestand meine Taetigkeit anfangs im Praeperieren der kuenftigen Beete. Hierzu wurden erstmal die kniehohen Pfanzen abgeschoren, danach fuhr Takashi ein paar Mal mit dem Traktor ueber diese Flaeche (begleitet von markerschuetterndem Klappern, das die Steine im Kontakt mit den eisernen Pfluegehaken erzeugen) und ich lief hinter ihm her, raeumte die Brocken, die an die Oberflaeche kamen auf die Seite und riss die jungen Weiden aus, die nun lockerer in der Erde sassen.




Diese Taetigkeit wurde etwas durch die Fliegen erschwert, die es nun durch das waermere und feuchtere Wetter in Huelle und Fuelle gibt. Dabei handelt es scih jedoch nicht um gewoehnliche Moskitos, sondern sehr kleine Tiere, die zwar nicht stechen, aber beissen. Das Resultat ist dennoch fast das Gleiche... Um uns dagegen zu schuetzen trugen wir auch bei hohen Temperaturen stets Overall, Hut mit Moskitonetz (durch das sie dennoch manchmal gelangen) und Handschuhe. Sehr frustrierend, wo es endlich so schoen sonnig ist und man gerne etwas Farbe bekommen haette. Auch der erleichternde Wind kann so nicht an die Haut gelangen und man schwitzt sich halb tot. Manchmal entschied ich mich daher fuer das Uebel der Fliegenbisse.

Waehrend meiner Zeit bei der Gastfamilie lernte ich auch zwei weitere Hilfsarbeiterinnen kennen: May aus Taiwan und Degony aus Amerika leisteten mir im Gaestehaus Gesellschaft. May war zwar fast doppelt so alt wie ich, aber wir freundeten uns dennoch sofort an, weil wir einen aehnlichen Sinn fuer Humor und damit viel Spass hatten. Vor allem waehrend der Arbeit!
An unserem freien Tag, den wir gemeinsam verbrachten, fuhren wir an den Toya-See. Gemeinsam mit einer Kanadierin, Phedora, die hier in Otaki Englisch unterrichtet und die ich daher kannte, weil Natsumi einen Abend pro Woche einen Englisch-Aufbaukurs besucht und mich immer mitnahm.
Der Toya-See ist in sofern interessant, da es sich bei ihm um einen Vulkankrater handelt. Der Vulkan selbst explodierte vor einigen Jahrtausenden und so entstand ein Krater, der sich nach und nach mit Wasser fuellte. In der Mitte erhob sich spaeter ein neuer, kleinerer Vulkan, der nun aber nur noch eine gruen bewachsene Insel ist.
Wir fuhren Schwanen-Tretboot, was sehr lustig war, denn als wir entdeckten, dass man das Boot auch rueckwaerts fahren lassen konnte, machte Phedoras Tochter, die ebenfalls mitgekommen war, die unverkennbaren Piepgeraeusche eines ausparkenden Japanischen Lasters nach.






















Ausser dem Praeparieren der Felder half ich waehrend dieser Zeit bei Jaeten der Gemuesebeete, umsetzen von Zwiebeln, Rhabarber und Erdbeeren, Aufbauen des Gewaechshauses, Pflanzen von Tomaten, Bohnen und Mais, sowie dem Errichten von Elektrozaeunen (einen zum Abwehren von Rehen und einen fuer das Schafgehege) und vieles mehr.




















Ein paar Mal wurde ich auch an Bekannte oder Freunde "ausgeliehen" und half dort beim Scheren der Schafe oder Aussaehen, denn durch den verzoegerten Winter sind alle Bauern nun in Eile. Einmal habe auch auf einem Campingplatz gearbeitet und dort das ganze alte Laub zusammengeharkt. Das hat den ganzen Tag gedauert, aber ich bin sogar bezahlt worden. (Fast 6.000 Yen habe ich bekommen, die ich eigentlich meiner Gastfamilie abtreten wollte, weil ich ja an diesem Tag nicht fuer sie arbeiten konnte, aber sie bestanden darauf, dass ich zumindest die Haelfte des Geldes behielt)

Doch natuerlich musste ich nicht nur arbeiten. Wir hatten auch so viele schoene Abende. An einem hatten Freunde Sommerfeuerwerk mitgebracht, das hier "Hanabi" genannt wird. (Japaner sind in dieser Beziehung ja sowieso viel intelligenter, weil sie Feuerwerk lieber im Sommer machen, wenn es warm ist und nicht zu Neujahr)
Im schwindenden Licht und ersterbenden Gezirpe der Millionen von Zikaden, die es jetzt gibt, entzuendeten wir Wunderkerzen, kleine Raketen und das Senko-Hanabi. Das ist eine Art bunt gestreifter Faden, den man oben haelt, unten entzuendet und in dessen Verlauf sich eine kleine gluehende Kugel bildet, die sich nach oben frisst, dabei Funken sprueht und abfaellt, wenn man den Faden nicht still genug haelt. Dieses Senko-Hanabi wird vor allem am Ende des Sommers entzuendet und loest bei den Japanern eine gewisse Melancholie aus, weil die abfallende Kugel den Uebergang zum Herbst symbolisiert.
Ausserdem durfte ich mal fuer einen ganzen Tag mit Ikkyou in die Schule gehen, was sehr niedlich war, weil er in der zweiten Klasse ist. Am Morgen holte uns der Schulbus ab, wo ich bereits ziemlich angestarrt wurde. Im Klassenzimmer erhielt ich dann meinen eigenen (winzigen) Tisch unter den meine Beine leider nicht passten. Wir hatten Sport, Mathe und Japanisch. Die Kinder waren alle goldig und ihre Lieblingsbeschaeftigung war, sich von mir fangen zu lassen (natuerlich in der Pause), an mir herumzuturnen, mit meinen Haaren zu spielen oder begeistert meine Taschen zu durchwuehlen und deren Inhalt zu studieren. Auch Ikkyou war ganz stolz und fuehrte mich erhobenen Hauptes herum. Ich fuehlte mich so an meine Grundschuljahre erinnert, dass ich die Zeit gerne nochmal zurueckgedreht haette... damals hatte man es schon gut.























An meinem letzten Tag bei meiner Gastfamilie, bevor ich ein allerletztes Mal Claus in Sapporo besuchen und danach zu meiner zweiwoechigen Urlaubstour zum Kushiro Nationalpark aufbrechen wuerde, lernte ich noch einen Imker aus Deutschland kennen, der jedes Jahr nach Otaki kommt, um seine Bienen nach Kagoshima zu bringen, wo er unter anderem auch eine Campingplatz besitzt. Er lud mich ein, auf meiner Durchreise mal vorbeizukommen und gab mir seine Karte.


Vorgestern bin ich dann also nach Sapporo getrampt. Ein nettes Ehepaar nahm mich bis nach Kimobetsu mit, wo zur Not auch der Bus gefahren waere, aber dort musste ich keine 30 Sekunden mit meinem Schild an der Strasse entlanglaufen, bis ein Mann neben mir hielt. Ob es mich stoeren wuerde, einen Umweg ueber Otaru zu machen, wo er etwas einkaufen wolle...
Natuerlich stoerte mich das keineswegs, solange ich das Geld fuer den Bus sparen konnte und sowieso gehoert hatte, in Otaru solle es sehr huebsch sein.
Sogar etwas zu trinken kaufte er mir. Sein Auto war zudem gut klimatisiert, die Musik angenehm (irgendeine Band aus Okinawa) und an jeder Ampel nutzte er die Gelegenheit seinen Wagen zu putzen, der gut roch, obwohl er Zigaretten rauchte.

Den Freitagmittag verbrachte ich dann noch damit eine neue Prepaidkarte, eine Luftpumpe und eine Fahrradtasche zu kaufen, die man braucht, um das Fahrrad vorschriftsgemaess mit Bus und Bahn transportieren zu duerfen. (Ein netter Japaner, der eigentlich seinen freien Tag hatte, aber trotzdem zufaellig im Laden war beriet mich sehr ausfuehrlich.) Mit seiner Hilfe fand ich auch die richtige Pumpe mit dem richtigen Aufsatz fuer mein Ventil. Er liess sich zum Dank sogar auf einen Kaffee einladen. Dabei erfuhr ich, dass er nicht nur hervorragend Englisch, sondern auch etwas Deutsch und Franzoesisch sprach und ehrenamtlich versucht Touristen zu helfen. (Nun, das konnte ich ja bestaetigen) Er gab mir noch seine Emailadresse, falls ich Fragen zur Japanischen Kultur haben sollte, die er mir gerne beantworten wuerde. xD
Den Abend verbrachten Claus und ich Fussball guckend gemuetlich bei ihm daheim.

Gestern bummelten wir einfach nur durch Sapporo. Durch Parks, durch Shoppingmalls und durch Supermaerkte, wo wir uns mit Getraenken fuer den naechsten Fussballabend und Essen eindeckten. Dabei amuesierten wir uns mal wieder koeniglich ueber diverse Dinge in den 100-Yen-Laeden, Englische Uebersetzungen (deren Sinn uns unverstaendlich war) und die Koerpergroessenkomplexe der jungen Japanerinnen, die trotz offensichtlicher Schmerzen ihre Fuesse in Schuhe mit enormen Absaetzen zwaengten.

Naja und heute geht es schon wieder nach Otaki. Meine Gastfamilie ist auch zufaellig in Sapporo, weil sie hier einige ihrer Produkte verkaufen will und wird mich lieberweise mit zuruecknehmen.
Morgen frueh werde ich dann meine sieben Sachen packen und (diesmal ganz gemuetlich) die ca. 400 km zum Nationalpark zuruecklegen, zwischendurch auf richtigen Campingplaetzen naechtigen (die inzwischen alle geoeffnet haben) und dann ein paar Tage in dem, von Kranichen, Rehen und wahrscheinlich vielen, vielen Moskitos bevoelkerten Feuchtgebiet verbringen.
Vom 2. bis 8. Juli muss ich dann wieder arbeiten. Diesmal auf einer Kuhfarm in Mukawa, in der Naehe von Tomakomae. Um dorthin zu gelangen, werde ich mir wohl eine Zugfahrkarte leisten, da es leider keine Buslinie dorthin gibt und die Zeit zu knapp ist, um mit dem Fahrrad zu fahren. (Ausser ich lege es wieder auf 80 Kilometer pro Tag an, aber dann waere der Erholungseffekt gleich Null und die Kuehe muessten ihre Staelle selber ausmisten, weil ich wahrscheinlich tot irgendwo auf der Strecke bleibe)

Ich habe geplant, anschliessend gen Tokyo aufzubrechen. Allerdings habe ich noch keine Highlights, die ich auf dem Weg dorthin erleben moechte. Ein paar Ideen sind da, aber das sieht dann auf meinem Routenplan zu zickzackmaessig aus, als dass es umsetzbar waere. (Immerhin ist da eine grosse Bergkette in der Mitte von Honshu)
Deshalb werde ich das wohl eher auf mich zukommen lassen... Jetzt gehts erstmal nach Osthokkaido. :)
Spaetestens von der Kuhfarm werde ich dann auch wieder schreiben koennen. Aber ich habe ja mein Handy, eine neue Prepaidkarte, wahrscheinlich Empfang und freue mich immer ueber Mails an diese Adresse.

Mata ne
Kira

1 Kommentar:

  1. Hi Kiri,

    wie die Zeit vergeht jetzt bist du schon 3 Monaten in Japan, und ich untreue Zomate schaffe es jetzt endlich mich hier zu melden.
    Ich wollte zwar schon langst mal was schreiben, aber es kam immer wieder was dazwischen.
    Aber ich habe mir fest vorgenommen das ich es spätestens zu deinem Geburtstag schaffe und wenn mich nicht alles täuscht ist es bei euch doch jetzt schon der 07.07. 2010

    ALLES ALLES gute dem Geburtstagskind.
    Ich denke ganz feste an dich und es freut mich was ich hier jetzt gelesen habe klingt als hättest du viel Spaß.
    Das freut mich.
    Feier schön im fernen Japan und genieße deren Traditionen :D

    LG Miri

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