Auch heute aenderte sich das Wetter nicht. Der Sturm blies mir weiterhin aus Norden ins Gesicht und schien sich einen Spass daraus zu machen.
Meine Haut war dadurch schon so trocken, dass nichtmal die Creme half, die ich mir inzwischen gekauft hatte, meine Lippen aufgesprungen und um der Ironie gerecht zu werden, hatte ich mir an den ersten beiden schoenen Tagen auch noch einen Sonnenbrand geholt, weil der Wind die Luft hatte kuehler erschienen lassen, als sie war.
Auch wenn der Himmel nun wieder truebe war und nichts von der Klarheit des letzten Abends beibehalten hatte, schien die Wolkendecke nun doch sehr viel duenner und ab und zu blitzte sogar ein Streifen von blauer Faerbung durch das Weiss.
Mit neuer Hoffnung und Kraft schob ich also mein Rad weiterhin die Huegel hinauf und strampelte sie wieder hinunter, denn an freie Fahrt war keine Sekunde zu denken. Stand man am Fusse einer Steigung, blockierte diese ein wenig den Wind, so dass man denken konnte, er haette sich endlich etwas gelegt, aber kaum, dass man den Kamm erreicht hatte, blies er einem erneut heftig entgegen und man musste sich wieder gegen ihn stemmen.
Auf diese Weise brachte ich also die letzten 80 Kilometer nach Wakkanai auch noch hinter mich. gegen Mittag klaerte sich sogar der Himmel nach und nach ganz auf, die Sonne kam heraus und sofort wurde es viel waermer. Ich konnte sogar meine Handschuhe, Schal und Muetze wegpacken, die in den letzten drei Tagen staendige Begleiter gewesen waren.
Endlich versprach ein Schild, es seien nur noch 25 Kilometer bis zu meinem Ziel, da wurde meine Fahrt ploetzlich von einem weiteren Schild gestoppt, das besagte, ab hier seien keine Fahrraeder mehr erlaubt. (Was eigentlich ein Witz ist, da sie nirgends zuvor durch Schilder gestattet worden waren und damit sowieso jeder faehrt, wo es ihm passt)
Man darf sich die Japanische Autobahn (die unpassenderweise auch noch als Highway bezeichnet wird) auch nicht vorstellen wie eine Deutsche, da hier durch die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 100 km pro Stunde alles viel gemaechlicher von Statten geht und sie zum Teil sogar ueber Fusswege sowie Ampeln verfuegen, durch kleinste Kaeffer fuehren, in denen die Geschwindigkeit auch gleich auf 40 km pro Stunde gedrosselt wird.
Sollte ich jetzt, durch dieses kleine Schild etwa gezwungen sein, den viel laengeren Umweg zu fahren?
Ratlos zog ich meine Strassenkarte aus der Tasche und studierte meine Moeglichkeiten. Viel gab es nicht und ich beschloss daher, einen der Bauarbeiter zu fragen, die gerade an dieser Stelle den Strassenbelag erneuerten. Einer hatte wohl meine Misere erahnt und kam schon auf mich zu.
Hilflos deutete ich erst auf das besagte Schild, dann mein Rad und teilte ihm mit, dass ich von Sapporo kaeme und nach Wakkanai wolle. Wo ich denn sonst langfahren solle?
Der Mann antwortete entwas, dass ich aus einem Japanischen Mund niemals erwartet haette> Ich solle doch tatsaechlich ein Verkehrsschild ignorieren! Naja, ganz so sagte er es natuerlich nicht, aber er meinte, solange ich aufpasste und ganz links am Strassenrand fuehre, nicht auf der Strasse selbst, waere das in Ordnung... Ich glaube, in diesem Moment glich meine Miene jemandem, dem man gerade verboten hatte etwas offensichtlich Giftiges und Unappetitliches zu essen. Als ware ich jemals auf den Gedanken gekommen, mitten auf der Strasse zu fahren! Ich bin doch nicht lebensmuede!
Natuerlich versprach ich jedoch brav, mich an seine Anweisungen zu halten und fuhr, gluecklich darueber einige Kilometer gespart zu haben, weiter. Dennoch zogen sich die letzten 25 nochmal ueber eine unerwartet lange Zeit, da es viele Heugel gab und mich der Wind nach wie vor nicht mochte. Ich ihn auch nicht.
Irgendwann nachmittags jedoch erreichte ich endlich die Stadt. Kurz ueberlegte ich noch, ob ich die Nacht nich erst ausserhalb verbringen solle und erst am naechsten Morgen hineinfahren solle, entschied mich aber dagegen, als ich keinen allzu guten Platz auf Anhieb finden konnte und ich schlicht und einfach zu neugierig war.
Ausserdem stand in meinem Rough Guide keine Uhrzeit der ersten Faehre nach Rishiri, nur dass sie sehr frueh fuehre. Ausserdem konnte ich so ohne Stress noch etwas die Stadt erkunden, bzw. etwas Geld abheben, da es laut meines Buches auf der Insel fuer Auslaender keine Moeglichkeiten dafuer gab.
So erkundigte ich mich zuerst nach einer Bank. Aber ich hatte etwas Pech. Entweder nahmen sie meine Karte nicht, oder waren geschlossen...
Vor einer kleinen Baeckerei machte ich Halt und fragte eine nette Verkaeuferin, die zu meinem Glueck auch noch etwas Englisch sprach, nach anderen Optionen. Bei der Post koenne ich es versuchen. Wir unterhielten uns noch ein wenig und sie erzaehlte mir, sie sei vor ein paar Jahren einmal in Sueddeutschland gewesen. Was fuer ein Zufall!
Wie sich herausstellte, war sie die Tochter des Eigentuemers der Baeckerei, der mir, nachdem ich mich verabschiedet und bedankt hatte, noch ein ganzes Baguette schenkte.
Bei der Post angekommen versuchte ich mein Glueck erneut. Es sah zunaechst auch alles gut aus. Ich konnte sogar den Betrag angeben, den ich ausbezahlt haben wollte. Dann jedoch spuckte der Automat meine Karte einfach wieder aus und statt des Geldes erhielt ich nur einen Zettel, auf dem stand, dass die Auszahlung nicht moeglich sei.
Das durfte doch nicht wahr sein... Wie sollte ich nun an Geld kommen? Ich wollte schon einen der Schalterbeamten fragen, da kam ploetzlich die kleine Verkaeuferin auf mich zu. Sie wollte sich nur erkundigen, ob alles geklappt habe, weil sie sich Sorgen um mich gemacht haette. Und nur deshalb war sie mir extra gefolgt? Ich war geruehrt!
Leider konnte ich ihr nichts Positives berichten, so erzaehlte ich ihr von meinem Fehlschlag und versuchte dabei optimistisch zu klingen, obwohl mir in diesem Moment wirklich nicht so zumute war. Zusammen mit einem der Schalterbeamten versuchten wir es dann nochmal erneut, aber wieder nichts... Ich solle bei meiner Bank anrufen, meinte er anschliessend zu mir.
Ich ueberlegte angestrengt, woran es liegen koennte, dass ich "invalid" war, wie mich (bzw. meine Karte) der Automat netterweise bezeichnete. Mein Vater hatte erst ein paar Tage zuvor nochmal genuegend Geld von meinen Ersparnissen auf das Onlinekonto ueberwiesen, das war also auszuschliessen. Vielleicht war ich einfach zu gierig gewesen, als ich 10.000 Yen angegeben hatte? Ich versuchte mein Glueck erneut mit dem bescheideneren Betrag von 5.000 Yen, und siehe da, auf einmal oeffnete er mir die Pforten zu neuem Reichtum ohne Zoegern. Moeglicherweise lag es ja an meiner geringen Kreditwuerdigkeit, dass ich nicht so viel abheben konnte, wie ich wollte. Naja, mir sollte es erstmal egal sein, denn nun stand meinem kleinen Urlaub auf Rishiri nichts mehr im Wege.
Zunaechst bedankte ich mich aber nochmal ueberschwaenglich bei allen und die Brotverkaeuferin gab mir sogar noch ihre Telefonnummer. Ich solle sie anrufen, wenn ich Probleme haette. Was soll man zu so viel Freundlichkeit noch sagen?
Nach dieser netten Begegnung fuhr ich weiter in Richtung haven. Ich fand die Faehre auch sofort, aber das Terminal, wo man die Tickets kaufen konnte, hatte schon geschlossen und Abfahrtszeiten standen leider auch nirgendwo. Was solls, dann wuerde ich morgen frueh eben schon zeitig vor Ort sein. Mit Warten hatte ich noch nie Schwierigkeiten.
Es wurde naemlich wirklich langsam Zeit, einen Schlafplatz zu suchen. Zu diesem Zweck versuchte ich, aus der Stadt herauszufahren, um mein Zelt irgendwo ausserhalb aufzuschlagen. Aber die Stadt hoerte und hoerte einfach nicht auf. Ich hatte auch nur die Option, die Kueste entlangzufahren, denn zu meiner Rechten erhob sich eine Bergkette, die viel zu steil war, um sie mit dem Rad passieren zu koennen (selbst ohne Rad haette ich es wohl nicht versucht).
Ratlos setzte ich mich erstmal ans Ufer, um zumindest den wunderschoenen Sonnenuntergang zu geniessen. Und dabei ueberkam mich auf einmal schreckliches Heimweh!
Es ueberrollte mich so ploetzlich und unerwartet, dass ich nur mit Muehe die Traenen unterdruecken konnte. Wie gern waere ich jetzt daheim gewesen und haette irgendwas Lustiges mit meiner Schwester im Fernsehen angeguckt oder mit meiner Mutter gesprochen, oder mit Freunden ausgegangen...
Ich vermisste sie alle so heftig, dass es schon weh tat.
Doch immerhin, eines dieser Dinge konnte ich mir, soweit eben moeglich, erfuellen. Und so zog ich ohne nochmal zu ueberlegen mein Handy aus der Tasche (das mich in den letzten Tagen mit fast staendigem Empfang ueberrascht hatte) und waehlte die Nummer von daheim. In Deutschland musste es jetzt gerade Mittag sein... vielleicht hatte ich Glueck und jemand war da.
Es klingelte keine zwei Mal, da hoerte ich die Stimme des Menschen, an den ich in der letzten Zeit am haeufigsten hatte denken muessen.
"Hi Kiri" floetete meine kleine Schwester froehlich und der Klang ihrer Stimme trieb mir nun doch die Traenen in die Augen und ich fuehlte ploetzlich schmerzhaft einen dicken Kloss in meinem Hals. Wie sehr ich sie vermisste!
Nachdem wir uns ein wenig unterhalten hatten (sie backte gerade Kuchen), ging es mir schon etwas besser. Doch nach diesem Telefonat beschloss ich, nach Otaki zurueckzufahren, sobald ich Rishiri gesehen hatte. Es war, durch den verzoegerten Winter und das momentan noch unbestaendige Wetter sowieso noch nirgends etwas los. Ich war viel zu frueh dran... Also schluckte ich meine ehrgeizigen Plaene, ganz Hokkaido umrunden zu wollen hinunter.
Was sollte es mir denn bringen, wenn es durch den staendigen Wind keinen Spass machte? Und beweisen wollte ich auch niemandem etwas. Alles war viel mehr eine Plackerei als Freude.
Immerhin war ich nach Japan zu kommen, um zu lernen und nur durch stumpfsinniges Fahren, das momentan nur darin bestand, Kilometer zu fressen, lernte ich weder Sprache noch sonst etwas. Bei meiner Gastfamilie hatte ich schon so viel aufschnappen koennen und nun begann die Zeit der Feldvorbereitung und des Aussaehens. Das war doch viel interessanter!
Nachdem ich diesen Entschluss gefasst hatte, war mir schon wieder viel froher zumute. Die Reise hatte mich wohl einfach mehr geschlaucht, als ich mir selber hatte eingestehen wollen und nun, da ich am ersten Ziel war, und das naechste noch nicht wirklich abgesteckt hatte, kam wohl die Erschoepfung.
Die Sonne war inzwischen vollstaendig untergegangen und die Welt erstrahlte nur noch in ihrem rasch sterbenden Licht. Also stand ich von der kalten Kaimauer auf, packte meine Sachen zusammen und fuhr wieder Richtung Stadtkern zurueck, da ich meiner Schwester versprochen hatte, in einem Hotel zu naechtigen, sollte ich keinen passenden Ort fuer mein Zelt finden.
Nach nur einigen Minuten fand ich jedoch eine idyllische Parkanlage, die ich zuvor nicht bemerkt hatte. Man konnte dort Minigolf spielen und es gab einen Kinderspielplatz, aber das Wichtigste und Vollkommenste war, dass der Untergrund aus weichem, gruenen Rasen bestand, wie ich ihn schon lange nicht mehr gesehen hatte. Kein Bambus weit und breit! Mein Himmel auf Erden...
Also bog ich sofort in einen der kleinen Pfade ein und auf einmal erblickte ich auf einem der Huegelchen, die diese Anlage zierten, eine Gruppe aus acht oder neun Rehen, die dort im Abendschein friedlich grasten.
Das bestaerkte mich in meiner Entscheidung. Wenn diese Tiere es hier sicher fanden, dann war das auch fuer mich richtig.
Ich hatte auch schon einen huebschen Platz fuer mein Zelt erspaeht, auf dem ich von drei Seiten Sichtschutz genoss und die andere Seite der Parkmitte zugewandt war.
Nun wartete ich nur noch auf die Dunkelheit, damit ich es mir gemuetlich machen konnte. Ich hatte bereits meine Taschen vom Fahrrad genommen und mein Zelt entrollt, da gingen auf einem ueberall Strassenlaternen an, die ich zuvor gar nicht registriert hatte. Von Dunkelheit und Schutz konnte nun keine Rede mehr sein. So packte ich alles wieder enttaeuscht zusammen und machte mich auf die Suche nach einer Stelle, an der keine Laterne stand.
Diese waren jedoch leider sehr ueberlegt angebracht und beleuchteten jeden Zentimeter des Parks mit mattem Licht. Verdammt.
Ich kehrte an den Kinderspielplatz zurueck und stellte fest, dass eins der Gerueste eine breite Holzverkleidung besass, die sich einem Dach gleich, schraeg an die Stangen lehnte. Sie war mit einigen Seilen versehen, so dass die Kinder an ihr heraufklettern konnten, doch fuer mich bedeutete sie genug Platz fuer mich und mein Rad und sogar Schutz vor Regen. Ausserdem war es darunter so dunkel, dass man mich garantiert nicht bemerken wuerde.
Leider reichte der Platz nicht aus, um mein Zelt aufzubauen und so entrollte ich nur dessen Unterboden auf dem schmutzigen Grund, wickelte mich in meinen Schlafsack und versuchte mich zu entspannen.
Jedoch kroch nach ein paar Minuten die Bodenkaelte selbst durch meinen dicken Schlafsack (meine gute Luftmatrazte wollte ich hier auf diesem dreckigen Boden nicht benutzen) und ich fuehlte mich an die Naechte in den Alpen erinnert, die ich letztes Jahr im Januar hinter mich gebracht hatte. Damals hatte mich ein Kollege zu einem Survivaltraining ueberredet und vergessen mich in Sachen Ausruestung besser aufzuklaeren. Oder wahrscheinlich vorausgesetzt, dass ich besser Bescheid wusste. So hatte ich nur eine Turnmatte als Unterlage und einen viel zu duennen Schlafsack dabei. Auch damals zelteten wir. Mitten auf dem Gletscher in einigen Schneeloechern, die wir zu diesem Zweck ausgehoben hatten. Und auch damals frohr ich so erbaermlich wie jetzt, weil die Kaelte des Gletschers durch Matte, Schlafsack und selbst meinen dicken Anorak kroch.
Diesmal haette ich sie vielleicht mit einer dicken Jacke abwehren koennen, da hier keine 25 Grad minus herrschten.
Aber der Anorak lag zuhause in Deutschland und hier verfuegte ich nur ueber meinen Kapuzenpulli, zwei duenne Sportjacken und meine Windjacke. Ich zog dennoch alles uebereinander, massierte meine kalten Beine, bis sie wieder warm wurden, legte den Regenschutz meines Fahrrades noch zusaetzlich unter und klemmte meine Hand zwischen Schulter und Boden.
Auf diese Weise doeste ich immer mal wieder ein, wachte auf, massierte mich wieder warm, schrieb meiner Familie Mails von meinem Handy und doeste danach wieder ein.
Ich empfand es als kleine Ewigkeit, aber endlich wurde alles um mich herum merkbar heller. Da wusste ich, dass die Sonne nicht mehr allzu lange brauchen wuerde, denn hier geht sie schon vor vier Uhr auf.
Also machte ich mich steif aber froh ueber Bewegung auf den Weg zum Hafen. Es war etwa halb vier und die ganze Stadt schlief noch. An einem Getraenkeautomaten, die hier in Japan zum Glueck ueberall stehen, zog ich mir einen heissen Kakao, der erst meine Finger und dann meinen Magen waermte.
Das Faehrenterminal hatte natuerlich noch geschlossen, als ich dort ankam. So fruehstueckte ich erstmal. Ich besass ja noch das Baguette und etwas Milch fuer mein Muesli, das ich mir gestern geleistet hatte. Nach diesem, fuer meine Verhaeltnisse fuerstlichen Mahl lief ich auf und ab um mich zu waermen. Die Sonne hatte es noch nicht ueber die Gebaeude geschafft...
... to be continued...
P.S. Entschuldigt den verspaeteten und etwas langen Post, aber ich musste ihn in mehreren Abschnitten schreiben, weil ich gerne auch noch meine Emails lesen und beantworten wollte und nur begrenzt ins Internet darf...

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen