Mittwoch, 18. August 2010

Arbeitssuche in Niigata

Die Ueberfahrt dauerte etwa 20 Stunden und ich kam gegen 15:00 Uhr des folgenden Tages in Niigata an. Ich hatte nicht sehr gut geschlafen. Es gab nur eine duenne Decke, der Teppichboden war etwas hart und als Kopfunterlage bekam jeder nur ein quadratisches Lederkissen, das etwa so gemuetlich war wie ein Ziegelstein. Zudem brummte ununterbrochen der Schiffsmotor, was auch den gesamten Boden vibrieren liess...

So fluechtete ich mich schon frueh morgens auf das Deck und ging nur einmal in die Kabine zurueck um mir Mittags den Proviant aus Onigiri, Wasser und Keksen zu holen, den Naomi mir vorsorglich mitgegeben hatte.

Draussen war es viel schoener. Der Himmel war azurblau mit nur einigen Flockenwoelkchen und als ein paar Leute neben mir anfingen die Moeven zu fuettern wurden wir bald von ihnen umschwaermt, was einen fantastischen Anblick bot.



Ich genoss die salzige Luft, die Wellen, das Gleissen der Sonne auf dem Wasser und die Tiere, die ich hin und wieder zu Gesicht bekam. Darunter sogar einmal ein ganzer Schwarm fliegender Fische, die neben dem Schiff hersprangen, als waeren es Miniaturdelphine.

Es war eine sehr kurzweilige Fahrt und bald schon legten wir in Niigata an und ich schob mein Rad von Bord, das nun stolzer Besitzer eines kleinen gelben Faehnchens war, welches es von ein paar netten Motorradfahrern geschenkt bekommen hatte, die ebenfalls mit der Faehre uebergesetzt hatten.

Da es nun schon kurz vor vier war, wurde es langsam Zeit sich zu orientieren und nach einer Unterkunft fuer die Nacht Ausschau zu halten.

Leider konnte mir das Hafenofficepersonal nicht viel weiterhelfen, denn sie waren wohl normalerweise betuchtere Passagiere gewohnt und konnten mir nur mit Unterkuenften in einer Preisklasse von ueber 5.000 Yen dienen.

Jedoch hatte mir Naomi in Mukawa noch den Tipp gegeben, mich nach den sogenannten "Sudomari" zu erkundigen. Das sind reine Schlafgelegenheiten, ohne Essen und anderen Komfort. So machte ich mich auf den Weg zur naechsten Tankstelle. Dort konnte man meistens sachkundige Auskuenfte zur Umgebung erwarten.

Doch diesmal nicht. Auch der Tankwart empfahl mir das Businesshotel in der Naehe und weil ich annahm, dass es wohl wirklich nichts anderes gaebe und es immer spaeter wurde, beschloss ich, morgen weiterzusuchen und heute eben in den teuren sauren Apfel zu beissen. Im Hotel haette ich hoffentlich zumindest Internet...

Als ich mich in einer kleinen Waescherei nochmals des Weges versicherte (die Beschreibung, die ich an der Tankstelle erhalten hatte, war etwas vage) wurde ich von der netten Besitzerin spontan zu einem Getraenk eingeladen, weil es draussen so heiss war und sie wohl Mitleid mit mir hatte (Ich war von der Ueberfahrt mal wieder sonnenverbrannt).

Im Laufe unserer Unterhaltung stellte sich heraus, dass sie bereits in Europa gewesen war, damals, zu ihrer Hochzeitsreise, und die sogenannte, bei allen Asiaten beliebte "romantic line" entlanggefahren war (eine Schloessertour, teilweise am Rhein entlang, die von Italien, ueber Oesterreich nach Deutschland bis Frankreich fuehrt).

So kamen wir durch ihr Interesse an meiner Heimat nett ins Gespraech und ich fragte sie spaeter, ob es nicht eine billigere Unterkunft als das besagte Hotel gaebe.

Sofort fing sie darauf an, Kataloge fuer mich zu waelzen und fand sogar ein anderes Businesshoteol am anderen Ende der Stadt, das immerhin 2.000 Yen guenstiger war, heute aber leider geschlossen hatte.

In diesem Moment kam ihr Mann herein, der Sicherheitsbeamter war und mir gleich vorgestellt wurde. Nach einem kurzen, schnellen Dialog auf Japanisch, von dem ich leider nur Brocken verstand, wurde ich anschliessend tatsaechlich gefragt, ob ich nicht Lust haette, die Nacht in ihrem Hause zu verbringen. Ich koenne im Zimmer ihrer Tochter schlafen... Wow...

(Was danach kam, war sehr niedlich, denn sie hatten wohl Sorge, ich sei kein Tierfreund und fragten vorsichtig, ob ich denn Hunde moege... sie besaessen naemlich einen. Nun, jeder der mich kennt weiss, dass das fuer mich ja vielmehr noch ein Bonus ist und so beruhigte ich sie in dieser Hinsicht schnell.)

Sogar mein Eselchen bekam einen eigenen Unterstand, bei den anderen Fahrraedern.

Ich konnte mein Glueck immer noch nicht so recht fassen und nachdem ich all meine Sachen abgelegt hatte, machte ich mich gleich aufeinen kleinen Erkundungsspaziergang in die Gegend, auf den mich Hund und Gastmama begleiteten.

Sie wohnten in einem sehr huebschen Viertel, mit vielen alten Haeusern und kleinen Gaesschen. Abschliessend erklommen wir noch eine Art Turm, von dem wir einen herrlichen Sonnenuntergang ueber Niigata bewundern konnten.

Spaeter am Abend holten wir die Tochter von der Uni ab, die zum Glueck auch nichts gegen meine Anwesenheit hatte. Und dann gab es ein traumhaftes Abendessen! :)

Der folgende tag wurde ziemlich gammelig. Da ich erfahren hatte, es gaebe in der Naehe ein Internetcafe, ging ich am Vormittag dorthin, um mich nach den Preisen fuer eine Nacht zu erkundigen und meine E-mails abzurufen. Ich wartete ja immer noch auf Nachrichten von den Gastfamilien, die ich in Mukawa angeschrieben hatte. Eine Absage war dabei, blieben noch zwei Chancen. Sollte ich keine Familie bekommen, muesse ich eben weiterreisen, es in Gunma oder Nagano probieren oder gleich zu meiner Freundin Lotti nach Tokyo fahren...
Gluecklicherweise durfte ich noch den ganzen Nachmittag bei der netten Familie verbringen. Ich lernte die Freundin des Sohnes kennen, die sogar etwas Deutsch lernte und wir sahen uns gemeinsam den Michael Jackson Film an und assen dabei Wassermelone und Eis.

Gegen fuenf wollte ich die Gastfreundschaft nicht laenger in Anspruch nehmen, bedankte mich und begab mich langsam zum Internetcafe. Ich wuerde erst um 21:00 Uhr mit meinen Taschen reinduerfen und so verbrachte ich die letzten Stunden davor, Postkarten schreibend, Japanisch lernend und doesend. Die Sonne war schon lange untergegangen, als ich endlich alles zusammenpackte und mir eine Kabine geben lassen konnte.

Natuerlich dachte ich nicht in erster Linie ans Schlafen; wann konnte ich sonst wohl wieder acht Stunden am Stueck ins Internet? Diese Aussicht war einfach zu verlockend und erst lange nach Mitternacht, als ich wirklich, wirklich muede wurde, packte ich meinen Schlafsack aus und legte mich auf den gepolsterten Boden. (Leider kam wenig spaeter ein weiterer Uebernachtungsgast, der so laut schnarchte, dass die duennen Trennungswaende wackelten und fuer mich das Weiterschlafen unmoeglich machte)

Am naechsten Morgen begab ich mich ans andere Ende der Stadt, um dort weiterzuwarten und eine andere guenstige Unterkunft zu finden.

Das Businesshotel hatte wieder geschlossen, deshalb ging ich die Strasse weiter entlang und hielt die Augen offen, aber es schien fast unmoeglich hier etwas billiges zu finden.
Beim Ueberqueren einer Strasse traf ich auf eine Frau, die mich interessiert musterte und so fragte ich sie , ob sie mir weiterhelfen koenne.
Sie konnte.

Und sie begleitete mich nicht nur zum Ryokan, wo sie fuer mich sogar einen Sonderpreis herausschlug, sondern nahm mich anschliessend auch noch mit in eine tolle Onsenlandschaft an der Kueste, wo sie sich mit ihrer Freundin traf. Ich wurde auf ein Eis eingeladen und spaeter, als wir besagte Freundin zuhause absetzten, bekam ich von derem Mann noch eine wunderschone grosse Fotografie der Kirschbluete geschenkt. (Ich musste sie leider gleich heimschicken, weil dafuer in meinem Gepaeck einfach kein Platz mehr war).

Meine neue Bekanntschaft von der Strasse lud mich Abends sogar noch zu einem fantastischen Essen mit mehreren Gaengen (darunter Kartoffelsuppe, Kaesefondue, Spaghetti, Fisch und Salat) in ein suesses kleines Europaeisches Restaurant im Griechischen Stil ein und bot mir ihre Hilfe bei der Arbeitssuche an. Japan ist wirklich voll von gutherzigen, liebevollen Menschen, die sehr interessiert an der Westlichen Kultur und stets offen fuer Gespraeche sind. Man muss nur selbst dafuer offen sein...

Die naechsten zwei Naechte verbrachte ich in dem huebschen Ryokan und wartete noch immer auf die Antworten der letzten beiden Familien. Kurz darauf bekam ich leider eine weitere Absage...

Durch weiteres Umhoeren erfuhr ich von einem billigen Bed & Breakfast Hotel und beschloss, in der kommenden Nacht dort zu schlafen. Einen Tag wuerde ich noch warten. Haette ich dann immer noch nicht meine letzte Antwort, wuerde ich nach Tokyo weiterfahren.

Zu meiner Freude lag die neue Unterkunft fast direkt am Meer- nur fuenf Minuten mit dem Fahrrad entfernt. Deshalb verbrachte ich den ganzen Tag am Strand und badete im lauwarmen Japanischen Ozean. Es war wie Urlaub.
Ausser mir uebernachteten im Gasthaus noch ein Japaner und ein gleichaltriger Junge aus Neuseeland, mit dem man sich gut unterhalten konnte, wenn man sich erstmal an den Akzent gewoehnt hatte.

Am naechsten Morgen, dem 22. Juli, verabschiedete ich mich und fuhr wie geplant zum Bahnhof um ein Busticket nach Tokyo zu kaufen. Es war inzwischen schon so heiss, dass ich mir eine mehrtaegige Fahrradtour ueber die Bergkette einfach nicht antun wollte.
Dort bekam ich am Ticketschalter erstmal einen Schreck: Das Mitfuehren von Fahrraedern sei sowohl in den Bussen, als auch den Bahnen nicht erlaubt, teilte mir eine Angestellte kuehl mit. In Hokkaido war das nie ein Problem gewesen. Wie sollte ich jetzt nach Tokyo kommen, ohne einem Hitzschlag zu erliegen? Warum war denn das hier auf Honshu anders?

Sicherheitshalber fragte ich nochmal im Bahnbuero nach, denn ich war mir fast 100%ig sicher, dass es in den Zuegen erlaubt war, sofern man das Rad in einer Tasche transportierte...

Dies erwies sich auch Gott sei Dank als korrekt. Die Zugfahrkarte war nichtmal um so vieles teurer als der Bus, allerdings handelte es sich um regionale Bahnen und ich muesse fuenf mal umsteigen... Prost Mahlzeit. Mit all dem Gepaeck wuerde das sicher kein Vergnuegen.

Auf meine Bitte hin, suchte die nette Bahnangestellte mir sogar noch die Abfahrts- und Ankunftsgleise, sowie die Fahrzeiten heraus und so ausgestattet begab ich mich nach draussen, um mein Rad ordnungsgemaess zu verpacken.

Dort traf ich dann noch auf eine Art Hippi-Yakuza, mit Ganzkoerpertattoo und in Jedikutte, der mir seinen Musikerfreund in Tokyo empfahl und gerade nach Hokkaido fuhr, sowie auf eine nette, schuechterne Japanerin, die mich auf Deutsch ansprach, weil sie meine "Sendung mit der Maus-Hupe" erkannt hatte und zuhause fuer sich Deutsch lernte. (Respekt!)

Es war eine furchtbare Fahrt.

Nicht wegen dem Umsteigen, aber wegen all dem Gepaeck, das ich nun, ohne Hilfe meines Eselchens bewegen musste. Ich fuehlte mich nun selber wie ein Packesel. Ueber der einen Schulter die grosse Tasche mit meinem Fahrrad, in die ich auch noch eine der kleinen Vorderrad-Gepaecktaschen, meine Lenkertasche, Schlafsack, Isomatte und Zelt gestopft hatte, ueber der anderen Schulter meine beiden grossen Hinterrad-Gepaecktaschen und die zweite Kleine.

Ich wankte. Ich fluchte. Immerhin waren es wohl um die 45 Kilo Gepaeck, die ich so durch die Gegend schleppte und die ungepolsterten Riemen schnitten mir unangenehm in die Haut.

Ich musste letztendlich sogar acht Mal umsteigen, weil wegen eines Gewitters ein Zug ausfiel und wir deshalb auf einem Umweg mit zwei anderen Bahnen und einem Bus nach Tokyo fahren mussten. Haette ich im vierten Zug nicht die Bekanntschaft mit einer netten, kraeftigen, hilfsbereiten Japanerin gemacht, dann waere ich wohl wirklich unter dem Gewicht zusammengeklappt.

Aber sie schwang sich meine beiden grossen Hinterradtaschen ueber die Schultern und half mir so, mein Gepaeck von Gleis zu Gleis zu schleppen... Ich wankte trotzdem.
Bei einer dieser Aktionen ging auch leider mein Vorderrad-Gepaecktraeger zu Bruch, den mir meine Tante zum Abschied geschenkt hatte. Ich war untroestlich.

Der Vorfall entschied jedoch, dass ich mein Eselchen von Tokyo wieder nach Deutschland schicken wuerde, da es in Japan keinen Ersatz dafuer gab und er nicht aussah, als koenne man ihn nochmal reparieren.

Hier auf Honshu war der Verkehr ausserdem wirklich toedlich. Es gab auch nicht mehr die komfortabel breiten Seitenstreifen fuer Radler und ich nehme an, dass es wirklich keine Freude mehr gewesen waere, auf diese Weise weiterzureisen.

Als ich endlich erschoepft, mit zitternden Knien und unzaehligen Prellungen und Schuerfwunden am Endbahnhof ankam, erwarteten mich bereits meine Freundin Lotti und ihr Kollege. Dieser war gluecklicherweise gross und stark und nahm mir mein Rad ab. Gemeinsam fuhren wir zu ihrer kleinen Wohnung, wo ich mich erstmal eine Woche pflegen musste, bis alle Blessuren verschwunden waren.

Und hier beginnt auch mein Abenteuer Tokyo...
Mata ne
Kira

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