Ich haette mich gar nicht zu fragen brauchen, wie ich die Farm finden sollte, denn meine neue Gastmama Naomi erwartete ich schon mit Regenschirm am Busstop.
Sogar ihr Auto hate sie mitgebracht, so beliess ich Eselchen in seiner Tasche und wir hievten es in den Kofferraum. Die Fahrt dauerte nur sehr kurz - ein paar Minuten spaeter rollten wir schon ueber knirschenden Kies in die Einfahrt zum Wohnhaus, das recht gross war.
In der Nahe des Hofes konnte ich bereits zu meiner rechten die Gewaechshaeuser, dazwischen den Kuhstall und zu meiner Linken einen kleinen, bunt bluehenden Garten mit Schaukel und einigen Scheunen im Hintergrund ausmachen.
Ausser dem Hund, der mich klaeffend als Eindringling meldete, war niemand zuhause. Die Kinder waren noch in der Schule und Kazu, der Vater, arbeitete auf den Feldern.
Gegen alle Erwartungen bekam ich den Rest des Tages zur Eingewoehnung und Erkundung der Umgebung frei. Ich hatte angenommen, gleich mit der Arbeit beginnen zu muessen, so wie es bei Natsumi der Fall gewesen war.
Am Abend lernte ich auch die Kinder Satoru (7), Asuka (9) und Hiroshi (11) kennen. Sie waren ganz anders, als Natsumis Sproesslinge. In erster Linie selbstbewusster und etwas gleichgueltig, was Anweisungen ihrer Mutter betraf.
Der Vater erinnerte in seiner Gutmuetigkeit, sowie Vorliebe fuer Schlafen und Essen an einen grossen Baeren, was ihm auch seinen Spitznamen "Kuma" (jap. fuer Baer) einbrachte.
Die Tage flossen ineinander. Es war ein komplett anderer Ablauf als in Otaki, der mir vor allem viel mehr Freiraum liess, da ich mich nicht um die Kinder kuemmern musste.
Ich hatte meine festen Arbeitszeiten jeweils von 9:00 - 12:00 und 14:00 - 17:00 Uhr. So konnte ich immerhin bis sieben Uhr schlafen, hatte eine Mittagspause von zwei Stunden und Abends vor dem Essen sogar noch genug Zeit und (manchmal) Energie um mich ein wenig umzusehen. (Es gab allerdings nicht viel zu sehen und oft war ich koerperlich einfach zu erschoepft um mich auch noch in meiner Freizeit zu bewegen)
Ein paar Tage nach meiner Ankunft bekam ich Gesellschaft von einer weiteren WWOOFerin - der Franzoesin Jacki, mit der ich mich sofort anfreundete. Sie war 25 und hatte Psychologie studiert, was uns viele interessante Gespraeche einbrachte. Sie arbeitete nur fuer einen Monat auf Hokkaido, danach wuerde sie wieder Englisch und Franzoesisch in Tokyo unterrichten. Somit wuerden wir uns im August wiedersehen, worauf ich mich schon jetzt freute, obwohl wir nichtmal Mitte Juli hatten.
Auch Jacki hatte ein grosses Beduerfnis nach Schlaf und da wir uns ein kleines Zimmer teilten war es gut, dass wir uns in dieser Sache entgegenkamen.
Nun machte die Arbeit gleich doppelt so viel Spass, denn wir konnten uns beim Jaeten in den Gewaechshaeusern und Kohlfeldern, beim Pflanzen von Kuerbissetzlingen, beim Ausmisten des Kuhstalls oder dem Fuettern immer unterhalten und amuesierten uns koeniglich.
Auf der Farm konnte ich ausser der alltaeglichen Arbeit einiges lernen. An unserem freien Tag durften wir naemlich mit den Kindern zusammen zum Kalligraphiunterricht gehen. Danach besuchten wir noch einen nahegelegenen Onsen und Abends fand in der Gemeinde eine Grillfeier statt. Da Naomi ehrenamtlich Kinder, an der Schule ihrer Tochter, in Englisch unterrichtet, und die Rektorin den Wunsch geaeussert hatte auch uns kennen zu lernen, begleiteten wir sie an einem Vormittag und sangen mit den Kinder das Lied "head, shoulders, knees and toes". Und weil das Interesse an anderen Sprachen sehr gross war, nicht nur auf Japanisch und Englisch, sondern auch auf Deutsch und Franzoesisch (wobei ich und Jacki zu den Lehrern wurden).
Selbst die ganz Kleinen waren mit soviel Ernst und Eifer bei der Sache, dass es eine wahre Freude war. (Naomi meinte sogar spaeter, so viele seien noch nie zu dem freiwilligen Unterricht gekommen und war sehr gluecklich)
In meiner zweiten Woche begann das Ernten der Kohlkoepfe. Dafuer mussten wir zunaechst das ganze Unkraut in den Trampelpfaden zwischen den einzelnen Kohlreihen jaeten, was allein drei Tage in Anspruch nahm. Anschliessend wurde Nachmittags drei Stunden lang geerntet und Morgens mussten wir nun gegen vier aufstehen, um die Kohlkoepfe in Kisten zu verpacken, was allein schon eine Wissenschaft fuer sich war. (Es mussten alle die gleich Groesse haben und je nach Groesse passten entweder 9 (wenn sie sehr klein waren), 8, 7 oder nur sechs in eine Schachtel. Auch das Muster, nach dem man sie reinlegen sollte war festgelegt. Acht in einer Kiste brachten allerdings den besten Preis, weil sie die perfekte Groesse hatten)
Das Ernten an sich war etwas tragisch, da fast jeder zweite Kohlkopf durch den Regen bereits vergammelt war.
Die zwei Wochen auf Mukawa vergingen fast wie im Flug und ehe ich mich versah, war bereits der Tag der Abreise nahe. Ich wollte mit der Faehre nach Niigata, das an Honshus Westkueste liegt, uebersetzen und dort bei einer neuen Gastfamilie arbeiten. Leider war jedoch die Suche nach einer solchen bisher erfolglos geblieben. Daran aenderte sich auch in den letzten Tagen nichts. Es gab sowieso nur fuenf Familien und diese hatten entweder bereits alle genug helfende Haende, oder hatten sich noch nicht gemeldet. Mit der Hoffnung, das wuerde schon noch werden, und dem Versprechen an Jacki, dass wir uns in Tokyo wiedersehen wuerden, kletterte ich also mit meinem Eselchen am Abend meines letzten Tages an Bord...
Mata ne
Kira

Die Familie sieht ja super nett aus. Vorallem die Oma (?) vorne links möchte man am liebsten drücken. ;-)
AntwortenLöschenSchöne Grüße
Christina