Wenn ihr gerne ueber die Inkompetenz von Behoerden lacht, dann ist diese Geschichte gerade richtig fuer euch. Wenn ihr euch eher darueber aufregt, solltet ihr sie vielleicht besser nicht lesen. :)
Eigentlich wollte ich ja die Zeit in Tokyo nutzen, um meine Reisekasse etwas aufzubessern und dort zu jobben. Lotti musste ja auch arbeiten - sie ist seit Juli fuer ein Jahr in Japan und hier als Englischlehrer-Assistentin an einer internationalen Schule taetig - und ich hatte keine Lust, den ganzen Tag allein zu sein.
Gewissenhaft, wie ich auch manchmal bin, wollte ich mich also recht bald um das Buerokratische kuemmern, damit ich schnell eine Arbeit antreten konnte.
So sieht sie uebrigens aus:
(auch wenn ich die meisten der interessanten Schriftzeichen wegen Datenschutz uebermalen musste)
Praktischerweise wollte Lotti ohnehin nochmal im Rathaus von Musashino vorbei, um ihre eigene ar-card abzuholen. Deshalb konnte ich mich einfach anschliessen, weil ich ja nicht wusste, wo es sich befand.
Und damit begann der ganze Aerger...
Das Beantragen an sich ging schnell und machte wenige Probleme. Eine der Damen konnte sehr gut Englisch und es kamen keine Missverstaendnisse auf.
Erst als es um die Krankenversicherung ging, wurde es kompliziert. An sich hatte ich nichts dagegen, auch wenn ich mich etwas wunderte, da ich ja bereits in Deutschland eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen hatte und diese im Uebrigen Voraussetzung fuer die Genehmigung des Visums war. (Spaeter erfuhr ich in der Deutschen Botschaft, das diese in Japan gar nicht anerkannt wird - da kann sich schon die Frage nach dem Sinn stellen)
Dennoch, wenn es nun einmal Pflicht war, wie man mir versicherte, dann hatte es wohl keinen Sinn sich zu straeuben, denn auch wenn etwas unlogisch ist, lernen Japaner schon frueh, alles als gegeben zu akzeptieren und keine Fragen zu stellen. (Ausserdem schien mir eine zusaetzliche Absicherung gar nicht so bloed zu sein, denn beim Arzt wuerde ich damit nur 30 Prozent der Kosten bezahlen muessen und sowas kann ja schnell teuer werden. Soviel Geld hatte ich nun auch wieder nicht gespart, als dass ich das ohne Probleme vorstrecken koennte...)
Jedenfalls ging ich den armen Angestellten bestimmt gruendlich auf die Nerven, denn ich stellte jede Menge Fragen und je mehr Antworten ich erhielt, desto undurchdachter kam mir die ganze Sache vor.
Es verhielt sich naemlich folgendermassen:
Anders als in Deutschland, zahlt man hier monatlich das Geld fuer seine Versicherung an die Stadt, in der man lebt. (Es wird auch nicht vom Konto eingezogen, sondern man muss es bei der Post einzahlen) Wenn man nun umzieht, muss man sich also in der alten Stadt ab- und in der neuen anmelden, sowie seine Adresse beim Postamt aendern. Bis nun die ganzen Unterlagen an die Verwaltung der Stadt des neuen Wohnsitzes uebergegangen sind und die neue Adresse registriert ist, koennen einige Wochen vergehen.
Doch wie war dies fuer jemanden umsetzbar, der quasi alle paar Wochen seinen Aufenthaltsort wechselte und auch nicht an einen der Orte zurueckkehrte - jemanden wie mich?
In meinem Fall machte doch all das An- und Abmelden ueberhaupt keinen Sinn, dachte ich mir. Konnte ich nicht einfach den ganzen Jahresbetrag auf einmal an nur eine Stadt zahlen?
Aber nein! Das waere unmoeglich, wurde ich sofort zurechtgewiesen.
Ich wollte nicht lockerlassen; denn wenn ich nun einmal nicht mehrere Wochen bei einer Gastfamilie bleiben konnte (was durchaus moeglich war, wenn viele WWOOFer dort arbeiten wollten), wie sollte ich dann bitte auf den Bescheid der Stadt warten, um dann damit zur Post gehen und den Monatsbetrag zahlen zu koennen?
Wenn das also schlichtweg einmal nicht moeglich war, was wuerde dann passieren?
"Sie MUESSEN bezahlen!", war die sachliche Antwort, gerade so, als haette die japanische Buerokratie die Macht, selbst physikalische Gesetze ausser Kraft zu setzen!
Was soll man darauf antworten? Ich starrte nur verstaendnislos zurueck.
In dieser Form ging es weiter. Fast vier Stunden lang! (Insgesamt verbrachte ich waehrend meiner Zeit in Tokyo um die zehn Stunden dort)
Und das Ende vom Lied war trotzdem, dass ich keine andere Wahl hatte, als mich dieser Sinnlosigkeit zu beugen...
So kehrte ich nach einem Tag zurueck, weil ich mich mit diesem Schicksal einfach nicht abfinden konnte und wollte. Zumal mir Lotti und Jacki (die ich inzwischen nochmal getroffen hatte) beide versicherten, sie haben keine Extra-Versicherung aufgedrueckt bekommen. Warum nur ich??? (Auch das stellte sich spaeter heraus: sie waren durch ihre Arbeitgeber versichert. Wusste ich aber zu dem Zeitpunkt nicht)
Doch alle Muehe und geopferte Zeit - ganz zu schweigen von meinen Nerven - war vergebens. Es blieb dabei!
Ich war sogar, wie schon erwaehnt, einmal zur Deutschen Botschaft gefahren, um mir dort Rat zu holen, doch nach fast drei Stunden Warterei fertigte man mich nur mit der Erklaerung ab, man kenne sich hier nicht mit dem Japanischen Gesetz aus (zu aller Ironie war es eine Japanerin, die dies sagte) und ich solle gefaelligst in der Japanischen Botschaft in Deutschland anrufen, wenn ich darueber Auskunft haben wolle!!!
War das zu fassen?
Da blieb einem doch nichts anderes uebrig, als den Kopf zu schuetteln und lauthals zu lachen.
(Mir war in diesem Augenblick allerdings nicht so sehr zum Lachen zumute, weil ich mir mit meinem Problem ziemlich alleingelassen vorkam)
Als ich dann ein paar Tage, bevor ich Tokyo verliess, nochmals das Rathaus aufsuchte, um mich ordnungsgemaess (und in sarkastischem Ton) abzumelden, sah es fast so aus, als klaere sich die Sache doch noch zum Guten auf.
Mir wurde gesagt, ich koenne doch unter der Adresse in Tokyo registriert bleiben und solle einfach so tun, als wohne ich das ganze Jahr dort und reise eben viel herum.
(Ich hatte inzwischen auch den Versicherungsbescheid ueber 6200 Yen bekommen und brav den Jahresbetrag bei der Post bezahlt. Ich haette das Geld, das ich an diese Stadt zuviel bezahlt haette, zurueckerhalten, sobald ich in der neuen Stadt registriert waere. Dafuer hatte ich ihnen Lottis Japanische Bankverbindung gegeben, denn ich besass hier ja kein Konto.)
Doch nun sollte ich mich nicht ummelden und erst, wenn ich Japan vollstaendig verliesse, meine ar-card und die Versicherungskarte nach Musashino zurueckschicken.
Warum denn nicht gleich so, dachte ich mir in Hochstimmung, weil mir endlich jemand entgegen zu kommen schien.
Die ganze Reise waere mit all den Umregistrierungen sehr unschoen und kontrolliert geworden, dabei wollte ich doch ein Jahr lang mal nichts von derlei Dingen wissen und mich frei fuehlen...
Und alles nur wegen dieses bloeden Personalausweises, der mir noch nichteinmal von Nutzen gewesen war, denn ich hatte keine Arbeit gefunden. Zwar durfte ich einen Tag lang in einem Restaurant jobben, aber nur ein Monat Aufenthalt war allen potentiellen Arbeitgebern zu kurz.
Natuerlich musste ich mir erst noch Lottis Einverstaendnis einholen, dass ich unter ihrer Adresse wohnen bleiben koenne. Und das bereitete mir etwas Sorgen.
Das lag allerdings nicht an meiner Freundin, sie haette sicher nichts dagegen gehabt, doch einen Tag zuvor war ihre Chefin von einem langen Urlaub zurueckgekommen und Lottis Vermieterin hatte sich gleich bei ihr darueber beschwert, dass nun zwei Personen in einer Singlewohnung registriert waeren und das sei gegen das Japanische Gesetz!
Leider stellte sich in der Tat heraus, dass das nicht ginge und ich mich beim Verlassen von Tokyo abzumelden haette.
Auch die Damen im Rathaus waren bedrueckt, ob dieser Auskunft. Verstaendlich, sie hatten sich ja stundenlang mit meinem Fall beschaeftigt...
Und so hoffte ich nur, dass ich vielleicht die Adresse meiner neuen Gastfamilie in Nagano behalten koenne.
Als ich vor ein paar Tagen in der Stadtverwaltung von Haramura war, kam jedoch alles etwas anders.
Anscheinend gelten ueberall in Japan andere Gesetze, denn sie sagten, es waere gegen das Gesetz, eine Adresse zu behalten und ich haette die Regeln zu befolgen.
Na grossartig. Nun ging das Ganze von vorne los...
Ich konnte mich gerade noch davon abhalten, meinen Kopf ganz fest auf den Tisch zu hauen.
Auf eine abermalige stundenlange Diskussion hatte ich nun wirklich keine Lust! Und sie weigerten sich strikt in Musashino anzurufen. Dabei haetten die ihnen alles viel besser und schneller erklaeren koennen...
Doch immerhin erledigten die Angestellten alle Formalitaeten, waehrend ich (mal wieder etliche Stunden) wartete. Zum Schluss bekam ich meine geaenderte ar-card, den Bescheid ueber einen weiteren Jahresbeitrag (diesmal komischerweise 6300 Yen) und meine neue Versicherungskarte ausgehaendigt.
Waehrend ich wartete, hatte ich weiter mit einer der Damen geredet und sie sagte mir, sie verstehe die Regeln im Rathaus von Musashino nicht, denn ich muesse mich nach ihrer Kenntnis weder abmelden, noch meinen Ausweis zurueckgeben, wenn ich Japan verliess.
Aber wo lag dann noch das Problem? Warum sollte ich mich nochmal all dem aussetzen, wenn es im Grunde nicht wichtig war, dass ich mich in der Stadtverwaltung meines Wohnsitzes abmeldete oder ihnen den Ausweis zurueckgab?
Ich verlor nun entgueltig die Geduld und beschloss, zwar ein allerletztes Mal die Versicherung an Haramura zu bezahlen, wo ich ja nun offiziell wohnte, mich dann aber nicht noch einmal um diesen Muell zu scheren, von dem sowieso niemand eine Ahnung zu haben schien!
Die Adresse meiner neuen Gastfamilie durfte ich auch behalten (hatte bereits deren Einverstaendnis), ich besass meine neue Versicherungskarte (die ich wahrscheinlich sowieso niemals brauchen wuerde) und sollte mir doch etwas passieren, dann war ich eben gerade zufaellig auf Reisen. Die Karte galt ueberall, das hatte mir mein Gastvater Haseyan versichert.
Wozu also noch weiter darueber nachdenken? Ich war wahrscheinlich sowieso die Einzige, die sich jemals ernsthaft damit beschaeftigt hatte. Alle anderen, die viel reisten, waehrend ihrem Auslandsjahr, hatten sich bestimmt einfach nie registrieren lassen... haette ich nur nie nach Arbeit in Tokyo gesucht!
Meine grosse Sorge, wenn ich "die Regeln" nicht befolgte, hatte sowieso nur darin bestanden, dass man mich bei meiner Ausreise in die Stadt zurueckschicken wuerde, in der ich mich nicht ordnungsgemaess abgemeldet hatte. Das war den sturen Beamten durchaus zuzutrauen...
Ab jetzt bin ich also wieder frei. Oder zumindest ist es mir Schnuppe...
Ich bin ein Rebell der Japanischen Buerokratie!!!
(Ob die mich dann nochmal in ihr Land lassen? xD)
Mata ne,
Kira

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