Sonntag, 12. September 2010

summer in the city - Tokyo

Nachdem aus meinen Arbeitsplaenen fuer die Hauptstadt nun leider nichts wurde und ich zum Nichtstun verdammt war (ich arme!), mich aber trotzdem noch ein bisschen in dieser gigantischen Stadt aufhalten wollte, beschloss ich, ein paar neue Freunde in der Umgebung zu finden.
Mein einziger bisheriger Kontakt bestand aus Masashi, einem Japanischen Freund, der auch schon oefter in Stuttgart auf Dienstreise gewesen war. Allerdings war er zur Zeit sehr beschaeftigt und hatte keine Zeit fuer mich.

So schrieb ich also ueber "Couchsurfing" (eine weltweite Internetplattform fuer Reisende, auf der man kostenlose Logis fuer eine Nacht und nette Leute finden bzw. Schlafplaetze anbieten kann) ein paar Leute an, die ebenfalls in Musashino lebten.
Dadurch kamen ich und Lotti mit dem witzigen Taiwanesen Andy in Kontakt, mit dem wir uns ein paar Mal treffen konnten. Wie es der Zufall wollte, wuerde er im Fruehjahr nach Taiwan zuruckkehren und lud mich deshalb ein, ihn dort zu besuchen, wenn ich im April mit der Fahere von Okinawa uebersetzte. (May war inzwischen auch so lieb gewesen, mir einen Rueckflug zu organisieren - ihre Freundin arbeitet in einem Reisebuero in Taipei und konnte mir einen guten Preis herausschlagen. Allerdings muss ich ueber Hongkong und London fliegen, aber was solls)

Mit Andy besuchten wir an einem Abend eine gemuetliche Jazzbar, in der die Musiker zum Schluss sogar zu uns kamen, und sich dafuer bedankten, dass Auslaender ihnen zugehoert hatten. Bis dahin hatte ich Jazz eigentlich nicht besonders gemocht, aber diese Auffuehrung gefiel mir sehr gut.

Ein anderes Mal stuerzten wir uns in das unglaubliche Gewuehl eines Sommerfeuerwerks. Das war eine aufregende Erfahrung. Die Haelfte aller Japaner kam im Kimono oder Yukata, sie hatten auf dem Boden ueberall ihre blauen Plastikplanen ausgebreitet, hielten Picknick und vergnuegten sich, waehrend um uns herum die Raketen gigantische bunte, feuerspruehende Blumen, Smileys und Schmetterlinge an den Himmel malten und alles von stimmungsvoller Musik begleitet wurde.
Andy berichtete mir, dass es ueber 40.000 Feuerwerkskoerper waren - und das Spektakel dauerte auch ueber zweieinhalb Stunden...

Inzwischen hatten mir meine Eltern meinen grossen Rucksack geschickt, denn mit dem Rad, ohne Vordergepaecktraeger konnte ich nicht weiterreisen.
So schob ich es ein letztes Mal auf Japanischem Boden zur Post, verpackte es dort in seine Tasche und gab es auf. Ein paar Monate wuerde es unterwegs sein und sein eigenes Abenteuer erleben...

Als Lottis Urlaub begann, liesse wir uns auch Buecherreiausweise anfertigen, fuer die grosse Bibliothek in Mitaka, zu der ich auch viele Male alleine lief um ganze Tage dort Sitzend und Lesend zu verbringen.
Denn, ich habe es noch nicht erwaehnt, ist aber wichtig: ES WAR WARM!
Nicht die angenehme leichte Hitze eines Sommers. Stickig und drueckend war die Luft. Man hatte beinahe das Gefuehl, es waehre kein Sauerstoff vorhanden, das Denken fiel etwas schwer und ohne Grund lief der Schweiss den ganzen Tag. Nachts wurde es nicht besser. Selbst ohne Decke und trotz offener Balkontuer war es zu warm und auch, wenn dann und wann ein kleines Lueftchen Linderung schaffte, schlief ich schlecht und wachte am Morgen wenig erholt auf.

Es war einfach nicht angenehm.

Ich mag Sommer, aber nur, wenn man vor der Hitze auch irgendwie fliehen kann - in ein kuehles Haus oder in den Schatten. Doch hier bot nichtmal dieser Schutz. Dort war es zwar unsonnig, aber man fuehlte sich noch immer wie in einer Sauna.
Erleichterung brachte demnach nur die Klimaanlage. Und weil Lotti zwar eine solche besass, wir diese aber aus Kostengruenden nie benutzten, fluechtete ich eben in die Buecherei und verbrachte dort himmlische schwitzfreie Stunden, waehrend ich mich durch einen Grossteil der Englischen Abteilung frass. (Lottis persoenlicher kleiner Buchbestand, war mir schon laengst zum Opfer gefallen)

Waehrend Lottis Urlaub unternahmen wir natuerlich auch andere Sachen. Wir besichtigten den Tokyo Tower und andere Sehenswuerdigkeiten, spazierten durch Shibuya, assen Eis in Harajuku und beobachteten dabei die Menschen. Da gab es immer etwas zu lachen, denn anscheinden war es gerade Mode, seine Unterwaesche zu zeigen, indem man auf Guertel verzichtete oder sehr kurze Roecke trug.

Als Claus mit seiner Freundin nach Tokyo kam, trafen wir uns in Asakusa - dem Tempelviertel und schlenderten durch Ueno. Es war schoen, ihn nochmal zu sehen, und wir hatten eine schoene Zeit. Moeglicherweise kommt er in seinem naechsten Urlaub nach Okinawa und wir koennen uns dort nochmal sehen, bevor ich Japan verlasse.
Auch meine Schwaegerin reiste in ihrem Urlaub gerade mit Freunden durch Japan und so schafften auch wir es, uns an einem Tag zu treffen. Das war wie ein Stueckchen Heimat. Ich habe es sehr genossen. Zusammen gingen wir aufs Governement-Building, von dessen Spitze man eine grossartige Aussicht ueber Tokyo hat und besuchten ein kitschiges Romantikviertel am Hafen.

In meiner letzten Woche schaffte ich es dann auch noch, mich mit Masashi fuer das grosse Samba-Festival zu verabreden, das jedes Jahr stattfindet. Es war ein gigantischer Umzug mit toller Musik, vielen aufwaendigen Wagen und Kostuemen. Den Herren gefielen besonders die zahlreichen Damen im Bikini und mit Federschmuck. (Leider stand vor mir eine Dame, die sehr stark nach nasser Katze roch, was mich zusaetzlich zu meinen schmerzenden Fuessen ein bisschen ablenkte)

Und natuerlich war ich auf dem Fuji!
Das war nun schon seit zwei Jahren mein Wunsch und auch deshalb hatte ich meinen Besuch bei Lotti in den August gelegt. Die Klettersaison ist naemlich Ende August schon vorbei und die Versorgungsstationen haben geschlossen...
Den Aufstieg plante ich fuer einen Montag, denn dann waren vielleicht nicht so viele Menschen unterwegs. So nahm ich den Abendbus und kam gegen neun am Fusse des Berges (der immerhin schon auf 1.700 Metern liegt) an. Ich hatte mich naemlich fuer eine naechtliche Besteigung entschieden, denn ich wollte unbedingt den Sonnenaufgang vom Gipfel sehen!

Von meinen Alpenerfahrungen wusste ich, dass man sich zunaechst etwas akklimatiesiern sollte, bevor man aufsteigt.
Aber mir ging es eigentlich gut und die Warterei kam mir eher wie Zeitverschwenung vor. Zur Ablenkung gab es auch nur ein paar Souveniershops, die den gewohnten Kitsch fuer Touristen anboten. Immerhin konnte ich noch eine Flasche Wasser erwerben, die ich in meine Umhaengetasche (in Ermangelung eines Rucksackes) zu den Winterklamotten und den Keksen stopfte. Ich war mir nicht sicher, ob ich wirklich Muetze, Schal, Jacke und Handschuhe brauchen wuerde. Die Tasche war sehr prall gefuellt, aber ich hatte mich trotzdem dafuer entschieden das ganze Zeug mitzuschleppen, weil ich es hasse zu frieren.

Als ich wieder nach draussen ging (es war stockduster und alle hatten ihre kleinen Kopflampen in Betrieb) schnappte ich ein paar Brocken Deutsch auf. Ich dachte, ich haette mich verhoert und blieb deshalb stehen. Doch es war zweifelsohne meine Muttersprache und als ich die Personen ausfindig machte, die sich in ihr unterhielten, sah ich, dass es sich um einen Mann mit seinem Sohn handelte. Ich drueckte mich ein wenig in der Naehe herum und als die Gelegenheit guenstig schien, sprach ich den Mann an.

Er hiess Reinhold und hatte hier in Japan eine Zweigfirma. Sein Sohn hatte gerade sein Abi in der Tasche und kam ihn besuchen.
Reinhold kam aus Muenchen und so kamen wir ein bisschen ins Gespraech ueber die Stadt und was er dort so arbeitete. Er war sehr lustig und lachte gern und erzaehlte mir, dass er schon zweimal auf dem Fuji gewesen sei.
Diese Erfahrung imponierte mir und so fragte ich, ob ich mich fuer den Anfang ihnen anschliessen duerfte, denn ich hatte keine Ahnung, wo der Pfad anfing... (Es war nicht ausgeschildert und trotz Vollmond so dunkel, dass man gerade mal drei Meter weit sehen konnte.

Zum Glueck hatten beide nichts dagegen und so machten wir uns auf den Weg. Reinhold schien nichts von Akklimatisierung zu halten und mir war es auch lieber so. Ich hatte ein wenig Sorge, den Gipfel nicht rechtzeitig zu erreichen.
Die ersten Hoehenmeter waren sehr human. Es lief sich leicht und im Licht von drei Stirnlampen konnte man einen guten Teil des Weges beleuchten.
Doch dann kamen wir an eine Stelle, an der man bis zum Gipfel blicken konnte und ich wusste nicht recht, wie wir das jemals bis zum Sonnenaufgang bewaeltigen sollten. Es schien ziemlich weit!
Aber nun gab es kein Zurueck mehr. Der Weg war zu schmal, als dass sich zwei Personen aneinander vorbeizwaengen haetten koennen und deshalb ist man gezwungen, immer weiterzugehen, selbst wenn man lieber wieder umkehren moechte.
Die tatsaechliche Hoehe hatte mich zwar ein wenig geschockt, aber umkehren war das Letzte, was ich jetzt wollte. Es war angenehm, in der Dunkelheit zu laufen und es gab einige fiese Stellen, die bei Sonne und Hitze sehr muehsam geworden waeren.
An der ersten Huette, nach etwa zwei Stunden, kauften wir uns nur jeder einen Schokoriegel um Kraefte nachzutanken, goennten uns ein paar Minuten Rast und dann ging es weiter. Es wurde fast monoton. Man achtete nur auf den naechsten Schritt. Ein paar Mal musste man regelrecht kraxeln, weil der Weg nur aus Felsbrocken bestand. Ein Wanderstock, wie ihn so viele mit sich fuehrten und den man im Tal hatte kaufen koennen, um ihn an jeder Station fuer 200 Yen mit diversen Stempeln versehen zu lassen, waere hier mehr als hinderlich gewesen, wo man doch beide Haende brauchte, um sich nach oben zu ziehen...

So ging es weiter. Doch nach und nach konnte man kleine, ermutigende Fortschritte erkennen, wenn man den Abhang hinunterspaethe.
Unter uns schlaengelten sich auf dem Pfad hunderte von kleinen Lichtern den Berg empor. Wie eine Perlenkette aus Gluehwuermchen sahen die vielen Bergsteiger aus.
Reinhold mahnte nun zur Eile. Bald wuerden auch die Leute, die in den Huetten auf dem Berg geschlafen hatten, aufbrechen, um den Sonnenaufgang zu sehen. Wenn wir in diesen Stau kaemen, wo alles nur noch stockend voranging, haetten wir gute Chancen, ihn zu verpassen.

Deshalb legten wir einen Zahn zu und waren schnell am schnaufen. In einer der letzten Huetten goennten wir uns trotzdem eine kurze Rast und schluerften Nudelsuppe. Dann ging es weiter. Pausen wurden nun unangenehm, denn T-Shirt und Pulli waren laengst nassgeschwitzt und sobald man stehenblieb wurde es schnell kalt. Meine Winterklamotten hatte ich laengst angezogen.


Nach sechs Stunden erreichten wir den Gipfel.

Wir waren nicht in den Stau gekommen und dennoch tummelten sich hier bereits jede Menge Menschen aller Altersklassen. Der Getraenkeautomat war leer, aber dafuer ergatterten wir trotz anfaenglicher Skepsis einen tollen Aussichtsplatz in der ersten Reihe am Grat.
Die Gluehwuermchenkette riss nicht ab, sondern verdichtete sich zur Mitte des Berges hin noch. Inzwischen regelten sogar ein paar Polizisten mit ihren roten Leuchtstaeben den Verkehr. (Zusammen mit den uebervorsichtigen Japanern, die an jeder Biegung rasselnd Sauerstoff inhalierten, hatte man ein bisschen den Eindruck, mitten in Dreharbeiten zur neusten Star-Wars-Episode geraten zu sein)
Nun warteten wir. Es war halb vier und die Sonne wuerde erst gegen fuenf aufgehen. Noch war nichtmal ein Schimmer am Horizont auszumachen.

Es wurde sehr kalt. Ich war froh ueber meine Jacke und die anderen Sachen, aber dennoch war es zu wenig um mich vollstaendig zu schuetzen. Die nassen Klamotten, die ich darunter trug, schienen alle Waerme abzuweisen.

Langsam erhellte sich der Himmel, die Sternenpracht ueber uns, sowie das Lichtermeer der grossen Stadt im Tal verblassten und die Menschen um uns herum wurden lebhafter.
Einige, die wie Raupen kokongleich in ihre Rettungsdecken gewickelt auf dem Boden lagen und versuchten zu schlafen, regten sich muede und spaehten hoffnungsvoll gen Horizont, der nun unter einer dicken Wolkendecke lag.

Weiterwarten. Die Zeit schien sehr lang. Trotz Handschuhe und der dicksten Socken, die ich besass wurden mir Finger und Zehen klamm. Immerhin musste ich nicht mit dem kalten Boden vorlieb nehmen, sondern konnte mich auf einen Baumstamm setzen, der am Grat vor der Absperrung lag.

Endlich nahm der Himmel einen azurfarbenen Ton an und ueber der Wolkendecke entwickelte sich ein immer intensiveres Orange, das langsam ins Gelbliche ueberging.
Dann ertoenten erste Ausrufe.
Die Sonne!

Allerdings nicht in ihrer gewohnt gleissenden Pracht, sondern zunaechst nur ein orangeroter Tropfen, der unter den Wolken hing und wie eine Luftblase langsam nach oben stieg.
Dann erklomm der Tropfen die Wolken.
Sofort schien es waermer zu werden, als uns die ersten Strahlen erreichten. Noch tat es nicht weh, in die Sonne zu schauen, denn das Licht fiel noch flach. So war es moeglich viele schoene Fotos zu schiessen - in meinem Fall vielleicht zu viele, denn nach ein paar Minuten war die Batterie meiner Kamera leer.

Wir genossen etwa eine halbe Stunde dieses kleines Wunder der ersehnten Waerme und dann lud Reinhold mich und seinen Sohn auf eine heisse Misosuppe und einen noch heisseren Tee in eine der Huetten auf dem Gipfel ein, die inzwischen geoeffnet hatten. Dazu konnten wir unsere noch immer steifen Finger an einer kleinen ersterbenden Feuerstelle waermen.
Ganz allmaehlich wich die Kalte der Muedigkeit und wir wurden traege.

Wir rafften uns jedoch nochmal auf und gingen anschliessend bis zum Krater um hinabzublicken, aber er lag noch immer unter einer Eisschicht und war mehr oder weniger unspektakulaer.

Gegen sechs begannen wir den Abstieg.
Und er war weitaus anstrengender als der Aufstieg, obwohl er nur dreieinhalb Stunden dauerte.
Denn der Weg war sehr steil und bedeckt von einer dicken Dreckschicht und losem Geroell, das einen immer wieder ins Schlittern brachten und oft auch zu Fall.
Nach einer Stunde bereits schmerzten Knie und Waden. Man merkte deutlich, dass das eigentlich nicht gesund sein konnte.
Dennoch hielten wir durch. Natuerlich. Was blieb denn anderes uebrig?
Irgendwann lies auch die Steigung nach und wir kamen an die Stelle, wo sich Aufstieg und Abstieg deckten. Hier wurde es angenehmer zu gehen.

Um halb zehn waren wir wieder im Tal, wo sich nun jede Menge Leute tummelten. Einige in Aufbruchsstimmung, mit frischem Mut und wippendem Schritt, andere voellig geraedert am Boden liegend. Wir gesellten uns zu den Geraederten und bedienten uns erstmal ausgiebig an den Getraenkeautomaten.
Kurz darauf verabschiedeten sich Vater und Sohn. Reinhold gab mir aber noch seine Emailadresse, er wolle mir die Fotos schicken, die er gemacht habe, weil doch meine Kamera ihren Geist aufgegeben hatte.
Da war ich dann voellig zufrieden mit dem Erlebnis und verabschiedete die beiden herzlich.

Ich musste noch eine ganze Weile auf meinen Bus warten, aber diesmal im Warmen.
Den Muskelkater in den Beinen wurde ich allerdings erst nach ein paar Tagen los, obwohl ich weiterhin tapfer jeden Tag zur Buecherei lief, um den Heilungsprozess zu beschleunigen.

Der letzte Tag stand nun vor der Tuer und ich konnte sogar noch eine letzte Verabredung umsetzen, mit einer Japanerin von Couchsurfing, mit der sich Lotti hoffentlich noch einmal treffen kann, denn sie war wirklich eine sehr liebe Frau.

Dann brach der Morgen an und ich auf. Mit der Bahn Richtung Nagano,
Diesmal etwas entspannter, nur mit Rucksack...

Mata ne
Kira

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