Dienstag, 26. Oktober 2010

Gifu - wo Kuehe entlaufen und Baumhaeuser aus Lehm sind

Als ich meine Busfahrkarte gekauft hatte und mich an das Terminal begab, warteten dort schon einige andere Leute. Viele trugen Trekkingkleidung und kleine Rucksaecke. Offensichtlich wollten sie in den Bergen wandern.
Es faellt mir inzwischen leicht, unverbindliche Gespraeche zu beginnen und bald unterhielten sich zwei nette Frauen ausgelassen mit mir, boten mir von ihrem Proviant an und fragten mich aus.
Als wir im Bus sassen und ich einen letzten Blick auf Matsumotos Strassen warf, winkte mir zu meiner grossen Ueberraschung Antonia von einer Kreuzung aus zu. Ich winkte zurueck, als wir gerade in die Strasse einbogen, die uns Richtung Alpen fuehren sollte.
Und das Geld fuer das Ticket zahlte sich aus!
Der Blick auf die Gipfel war einfach fantastisch, noch dazu war das Wetter gut und ich hatte als Sitznachbarn die beiden netten Damen.
Allerdings dachten sie wohl, ich langweile mich und so sprachen sie weiter mit mir. Aus Hoeflichkeit antwortete ich natuerlich, aber ich haette in diesem Moment lieber einfach nur weiter aus dem Fenster gesehen...
Sich lange auf Japanisch zu unterhalten ist nach wie vor auf Dauer anstrengend fuer mich.

Spaeter, als sie an einem beruehmten Onsen ausstiegen, kam eine der anderen Businsassinnen nach kurzer Zeit zurueck und gab mir schnell noch eine kleine Plastiktuete mit ein paar Kraeckern und etwas zu Trinken.
Es sind immer wieder kleine Gesten wie diese, die fuer mich einen Tag zu etwas Besonderem werden lassen, bevor er ueberhaupt richtig begonnen hat. Die einfache Tatsache, dass hier, zwischenmenschlich gesehen noch etwas stimmt, das in anderen Kulturen leider fast verloren ist.

Takayama ist eine sehr huebsche Stadt. Frei von Wolkenkratzern hat sie etwas Leichtes, Offenes an sich. Kleine Gassen, davon einige in altertuemlichen Stil, erstrecken sich links und rechts der Hauptstrasse und an ihrem Ende steigt das Gelaende leicht an und dort reiht sich Tempel an Tempel.
In einem davon befand sich meine Jugendherberge und ich muss sagen, dass keine zuvor so ideal gelegen war. Ein von Baeumen umgebener Tempelhof sorgte fuer etwas Privatsphaere vor den Touristen und unter uns breitete sich die Stadt in alle Richtungen aus.

Ich liess mein Gepaeck im Zimmer und schlenderte den ganzen Tag einfach nur durch die Gassen, kaufte ein Geschenk fuer meine neue Gastfamilie und schrieb ein paar Karten. Ich hatte sogar einen Fernseher, aber ausser den ueblichen hektischen Talkshows, die, anders als in Deutschland, eine Menge Entertainment von Promineten (die ich natuerlich nicht kannte) boten, lief leider nichts.

Am naechsten Morgen nahm ich den Zug bis Gero, wo mich Nanako-san, meine Gastmutter abholen wuerde. Mit mir sass ein grosses, blondes Maedchen mit im Abteil und als sie an der gleichen Haltestelle ausstieg wie ich, stellte sich heraus, dass auch sie fuer ein paar Tage bei der gleichen Gastfamilie arbeiten wuerde wie ich. Kati war Amerikanerin. Sie arbeitete normalerweise in Toyama als Englischlehrerin, hatte aber ungewoehnlicherweise einmal vier Tage am Stueck frei und deshalb beschlossen, diesen kleinen Urlaub besonders zu gestalten.

Gemeinsam fuhren wir also wenig spaeter im Auto zu Nanako-sans Farm. Ausser uns, so erzaehlte sie uns, habe sie derzeit noch drei weitere Helfer: Emy und Rita aus Taiwan und Hiroshi, ein Japaner der in der Gegend wohnte und nur am Wochenende kam.
Wir liessen die Sachen im Auto und ueberquerten zusammen die Kuhweide, bis wir vor einem Baumhaus standen. Allerdings war es ein merkwuerdiges Baumhaus, denn es bestand nicht aus Holz sondern aus Lehm und hatte die Form einer Halbkugel. Kleine Fenster waren hineinmodelliert worden und jetzt rief Nanako-san etwas in die Wipfel des Baumes, in dem das ganze Gebilde auf einer Holzplatte ruhte.
Drei Koepfe linsten ueber die Bruestung und wenig spaeter standen die anderen WWOOFer vor uns. Wir wurden schnell Freunde, denn sie waren alle sehr lieb.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen ging es zurueck zu dem Baum und diesmal durften auch wir uns in die luftigen Hoehen begeben. Wir, die wir neu waren, bekamen im Inneren der Lehmkugel ihren Platz und wir bekleisterten einen ganzen herrlichen Nachmittag lang die Waende mit einem Lehm-Stroh-Gemisch, bis wir selbst kaum noch zu erkennen waren. Ich hatte lange nicht mehr solchen Spass bei der Arbeit gehabt!

Abends fuhren wir zu einem anderen Haeuschen in der Naehe, das Nanako-san gehoerte. Hier wuerden wir allerdings nur die Naechte verbringen.
Morgens standen wir immer gegen sechs auf und fuhren zurueck zu dem groesseren Farmhaus, das ihren Eltern gehoerte und wo wir unsere Arbeit verrichteten.
Diese bestand aus vielen verschiedenen Dingen und war erfrischend abwechslungsreich! Kein Tag verlief wie der andere, mal abgesehen von den Mahlzeiten.
So ernteten wir Paprika, Salat und Kartoffeln, jaeteten in den kleinen Beeten und im Garten, pflanzten Knoblauch, schaufelten kiloweise Erde von der Kuhwiese in grosse Saecke, deren Inhalt dann wiederum auf die verschiedenen Felder verteilt wurde, raeumten in einer tagelangen Aktion die Schuppen auf, reinigten dreimal pro Woche das Haupthaus, befreiten den Boden des Baumhauses von Lehmresten und wuschen die alten, lehmverschmierten grossen Plastikplanen ab.

Wenn es regnete, gab es immer etwas im Haus zu tun. (Einmal bat uns Nanako-san, einen Kuchen zu backen und die Leitung dieser Ehre fiel mir zu. Ich entschied mich fuer den gedeckten Apfelkuchen, der Natsumi damals so gut geschmeckt hatte)
Oder wir pulten Getreidekoerner aus Aehren. Das war etwas ermuedend, wenn man den ganzen Tag damit beschaeftigt war und das Stoh piekte ueberall in der Hose, aber wir hatten waehrdessen viel Zeit zum Reden und Herumalbern.

Eine der schoensten Alltaeglichkeiten war mit Abstand die Teepause gegen zehn. Dann setzten wir uns, wo wir gerade arbeiteten nieder, tranken Tee, ruhten aus oder assen ein paar Snacks, die Nanako immer bereithielt. Das Arbeiten nach einer kleinen Pause faellt immer um so vieles leichter und ich bin stets froh, wenn meine aktuelle Familie diese Gewohnheit hat. (Meistens ist es in den Familien mit Kindern ueblich. ^^)
Gekocht und Abgewaschen wurde uebrigens von uns allen zusammen.

Ausser den oben erwaehnten, kleineren Arbeiten, hatten wir auch ab und zu wirklich Interessante Aufgaben:

An einem sonnigen Tag holten wir zum Beispiel die Reisernte ein. Schon seit Wochen, waehrend meiner Reise durch Nagano und Gifu hatte ich ueberall auf den stoppeligen, kahlen Reisfeldern kleine Holzgestelle gesehen, ueber denen in Buendeln die Reisaehren zum Trocknen hingen.
Nun war es wohl an der Zeit, die vollstaendig getrockneten Koerner zu enthuelsen.
Dazu begaben wir uns mit einer grossen, lauten Maschine auf das Feld. Dann wurden ich, Emy und Rita (Kati war vor ein paar Tagen schon abgereist) an verschiedenen Plaetzen postiert. Wir rotierten allerdings im Verlauf der Arbeit, damit es nicht langweilig wurde und wir alles lernen konnten.
Nanako bediente die Maschine und lenkte sie an den Holzgestellen entlang (es gab insgesamt sieben Stueck, ueber alle Felder verteilt und jedes davon war um die 15 Meter lang) , waehrend Rita die goldenen Buendel abnahm und auf ein Tablett legte, das an der Seite des elektrischen Enthuelsers angebracht war. Nanako nahm daraufhin Buendel um Buendel und fuehrte es in eine Art Schleuse, wo jedes einzelne geruettelt und geschuettelt wurde.
Die Koerner flossen ueber einen Trichter in die Saecke, die hinten angebracht waren. War ein Sack voll, ertoente ein schrilles Signal und einer von uns eilte zum prallen Sack, lenkte den Trichter in einen neuen, verschloss den vollen und schleifte ihn an den Feldrand.
Die geschuettelten Aehren wurden von Emy ueberprueft. Waren noch zuviele Koerner enthalten, die die Maschine nicht erwischt hatte, wurden sie an Nanako zurueckgegeben, die sie nochmals durch die Schleuse laufen lies.
Die vollstaendig entkorten wurden dann wiederum von mir mit Stricken gebuendelt und ebenfalls am Feldrand gestapelt. Sie wuerden spaeter als Futter fuer die Kuehe dienen.

Ein anderes Mal halfen uns die Kuehe dabei, das interessante Arbeit entstand.
Das Gelaende, auf dem sie grasen, besteht naemlich nicht nur aus einer Wiese, die zu einem grossen Fluss hin steil abfaellt, welcher somit eine natuerliche Sperre bildet.
Auch ein Wald erhebt sich auf einem Berg empor, bis er von einer kleinen Strasse unterbrochen wird. Und hier ist es schwer, einen wirklichen Zaun zu errichten, denn in dem Stein halten die Pfosten nicht gut.
Nanako-san dachte wohl, die Erhebung an sich waere Schutz genug, doch sie irrte sich. Kuehe scheinen grosse Gemsen zu sein, denn oft kraxeln sie dort herum, als waere es das Normalste der Welt.
Nun, an den meissten kritischen Stellen kommen sie durch die Abgrenzung der Strasse nicht weiter, aber eines Tages, als sie sich so vorwaerts frassen, schafften sie es anscheinend doch irgendwie, einen Weg zu finden, der durch den Wald aus dem Grundstueck von Nanako-san fuehrte, denn sie fand die Tiere erst einige Kilometer entfernt.
Natuerlich zog das Probleme nach sich: Einige Polizisten kamen, um die Weide zu begutachten und da der Zaun an vielen Stellen nicht mehr wirklich intakt war, wurde befohlen, ihn komplett zu erneuern.
Das Weideland war ziemlich gross und so brachten wir also einen ganzen Tag damit zu, neue Pfosten in die Erde zu treiben, Draehte zu spannen und durch den Wald zu stapfen, um an den unmoeglichsten Stellen ein Durchkommen zu verhindern.

Mit ein bisschen Glueck geschieht auf den Farmen, ausser der Arbeit auch mal ein bisschen was anderes. In diesem Fall hatte ich sogar dreifaches Glueck, denn uns waren ein Barbeque-Abend, ein grosses Feuer (das wir aus grossen Balken und anderem Holz, das uns beim Aufraeumen in die Haende gefallen war und von dem Nanako-san nicht wusste, was sie damit anfangen sollte, errichteten) sowie eine Mochi-Party vergoennt.

Fuer Letzteres durften wir bereits um vier Uhr Feierabend machen. Zusammen fuhr
en wir zu ein paar Freunden der Familie, die verschiedene Aktivitaeten in der Region anbieten und damit ihr Geld verdienen.
Momentan waren dort eine Gruppe Deutscher Angestellter zu Gast, die in Gifu eine Zweigfirma besuchten - zur Verbesserung der Zusammenarbeit, wie mir schien.

Und heute wollten ihnen ihre Japanischen Kollegen zeigen wie man Mochi macht. Das ist eine Art kleiner Kloss aus Klebreis, der, mit Sojapuder paniert, oft "anko" enhaelt - eine suesse Paste aus roten Bohnen.

Die Prozedur uebernehmen heutzutage meisstens Maschinen, weil sie sehr aufwaendig ist:
In der Kule eines huefthohen Sockels, wir ein Klebreis-Klumpen so lange von zwei bis vier Personen mit hoelzernen Haemmern bearbeitet, bis sich die Staerke verbindet und das ganze zu einer Art Teig wird.
Dieser wird dann mit der besagten Bohnenpaste gefuellt und paniert. Es gibt verschiedene Arten von Mochi, doch diese ist die, bei Auslaendern wohl bekannteste.

Auch wir durften die Haemmer schwingen, auch wenn die Maenner natuerlich bei weitem kraeftiger waren, lautere Schlaege erzielten und ohne uns bestimmt auch schneller gewesen waeren, doch heute hatten alle Zeit und nur der Spassfaktor zaehlte.

Spaeter am Abend revangierten sich die Deutschen Kollegen mit einem Europaeischen Festmahl aus improvisierter Lasagne (die dennoch sehr gut war), Tortillas, Pizza und Bratkartoffeln. Und auch, wenn ich mich an all dem nicht sattsehen konnte, so war doch mein, durch die Japanische leichte Kost inzwischen geschrumpfter Magen begrenzt und ich konnte bei Weitem nicht so viel essen, wie ich gerne gewollt haette.

Leider musste ich mich ein paar Tage spaeter bereits von Emy und Rita verabschieden. Sie kehrten zurueck nach Taiwan. Vielleicht haben wir ja eine Chance uns dort noch einmal zu sehen.

Die beiden waren mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen, denn wir hatten viel gemeinsam: Auch sie waren beide Sekretaerinnen und Emy genauso frustriert, wie ich es gewesen war.
Als wir uns verabschiedeten sagte sie mir noch, dass auch sie bald kuendigen wolle. Ich hoffe nicht, dass ich es war, die sie dazu inspiriert hat, denn auf Asiatischem Boden ist eine Kuendigung laengst nicht so selbstverstaendlich oder einfach wie in Deutschland...

Noch am selben Tag jedoch, kamen zwei andere Taiwanesen und auch, wenn sie ueberaus freundlich, hilfsbereit und herzensgut waren, so waren sie doch kein Ersatz fuer die zwei, die ich hatte entbehren muessen.

Ich war ein bisschen deprimiert, weil es mir in diesem Moment so schien, als bestuende meine ganze Reise aus einer einzigen Serie von Abschieden, denn wann immer ich jemanden ins Herz schloss, ich musste ihm frueher oder spaeter Lebewohl sagen.

Aber natuerlich ist das Unsinn, denn der Abschiedsschmerz zeigt doch immerhin, dass meine Reise von vielen liebenswerten Menschen gekreuzt wird und das ist doch allein schon die ganze Sache wert. :)

Es war nun Mitte Oktober und auch ich musste mich von Nanako-san verabschieden, denn neue Helfer standen bereits auf der Warteliste und sie hatte nicht genug Platz fuer uns alle.
Meine neue Gastfamilie hatte ich schon gefunden - ganz in der Naehe von dieser Farm, denn ich wollte unbedingt erleben, wenn sich all die gruen bewaldeten Huegel bunt faerbten. Der Herbst kam spaeter als erwatet, ich hatte angenommen, dass ich bereits bei Nanako-san in diesen Genuss kaeme, doch auch, wenn es morgens bereits sehr frisch war und die Naechte kalt, machten die Blaetter nur vereinzelt Anstalten ihre Farbe zu aendern.

Aber bevor ich die neue Arbeit antrat, wollte ich erst ein bisschen durch die Gegend reisen. Mein Auslandsjahr sollte schliesslich etwas lockerer sein, als ein normaler Alltag mit nur 30 Tagen Urlaub. Ausserdem hatte mich Kati fuer eine Woche zu sich nach Toyama eingeladen und gesagt, ich duerfe bei ihr wohnen. Das wuerde mir die Moeglichkeit geben, mich umzusehen und gleichzeitig meine Reisekasse etwas schonen. Ganz zu schweigen von mir, denn ich fuehlte mich zu diesem Zeitpunkt ein wenig ausgelaugt.

Auch die beiden Taiwanesen verliessen die Farm am selben Morgen. Eine Freundin von Nanako-san fuhr uns mit dem Auto bis nach Takayama. Von dort wollte ich versuchen, bis nach Shirakawago zu trampen, einem kleinen Dorf, dass fuer seine strohgedeckten Haeuser bekannt war.

Wir sehen uns dort :)

Mata ne
Kira

Dienstag, 19. Oktober 2010

Nagano Teil II

Nach gut einer Stunde kam ich in Matsumoto an.
Schon vom Bahnhof aus, konnte man die Japanischen Alpen sehen, die sich rund um die Stadt in die Hoehe reckten. Ich hoffte, an meinem freien Tag vielleicht einen Ausflug dorthin unternehmen zu koennen. Bestimmt hatte meine Gastmama Informationen darueber.
Ausserdem wollte ich eine altertuemliche Strasse in Narai besichtigen, die in meinem Reisefuehrer empfohlen wurde und von der mir bereits Jamie (die Neuseelaenderin, mit der ich gemeinsam auf Hokkaido in Otaki gearbeitet hatte) erzaehlt hatte.

Ich machte mich auf, zur Bahnhofsinformation, wo man gute Tipps in Sachen Unterkunft und Sightseeing bekommt, um mich nach einem Internetcafe oder einer Jugendherberge zu erkundigen.
Leider gab weder das eine, noch das andere. Nur ein einigermassen preiswertes Businesshotel war vorhanden und so checkte ich mich notgedrungenermassen dort ein. Immerhin konnte ich meinen schweren Rucksack dort abladen, duschen und mich umziehen, bevor es auf Entdeckungstour ging. Natuerlich sah ich mir die Burg an, fuer die Matsumoto so beruehmt ist, und sie lohnte sich auch wirklich. Die Treppen im Gebaeude waren sehr drollig. Manche fast kniehoch. Und dazu die Tueren laecherlich niedrig. Man fragt sich, wie die Japaner, die damals bekanntlicherweise kleiner waren als heute und oft ihre schweren Ruestungen trugen, diese Stufen wohl gemeistert hatten.
In der Eintrittskarte war ausserdem die Besichtigung des staedtischen Museums enthalten. Auch das war sehenswert, denn es enthielt viele Gegenstaende des taeglichen Lebens aus frueheren Epochen.
Nach diesem kulturellen Teil goennte ich mir, ein wenig durch die Stadt zu schlendern, Postkarten zu erwerben (man wusste ja nie, ob sowas in der Naehe der Farm zu finden war) und das schoene Wetter an diesem freien Tag zu geniessen. Leider schaffte ich es an diesem Tag nicht mehr in die Berge. Ich hatte vorgehabt, im Hotelrestaurant Abends Pizza zu essen, weil ich das schon so lange nicht mehr gekostet hatte, aber leider war es gerade am heutigen Tage geschlossen. Deshalb verbachte ich meine Zeit stattdessen mit dem Schreiben meines Blogs, der mal wieder (inzwischen Normalzustand) ueberfaellig war.

Am naechsten Morgen fand ich mich um halb zehn vor dem Bahnhof an einer franzoesischen Baeckerei ein, die von meiner neuen Gastmutter als Treffpunkt vorgeschlagen worden war.
Ich wartete. Ueber eine Stunde. Was mochte passiert sein? Vielleicht steckten sie im Stau, oder ihr war etwas zugestossen, oder sie hatte mich vergessen...
In der Annahme, ich muesse meinen Weg wohl irgendwie alleine finden, kramte ich meine Stadtkarte und die Adresse, die mir Kazuko-san gegeben hatte aus meiner Tasche und versuchte die Gegend auf der Karte ausfindig zu machen. Als mir das nicht gelang, ueberlegte ich, ob ich nicht einfach zur naechsten Post gehen und mich dort erkundigen sollte, als mein Telefon klingelte.

Die Person am anderen Ende sprach Deutsch. Bereits meine Mails waren auf Deutsch beantwortet worden, weil momentan wohl Deutsche Studenten, oder WWOOFer bei Kazuko-san halfen. Immerhin gab es so keine Missverstaendnisse und ich war, um ehrlich zu sein auch etwas erleichtert, denn im Profil stand, man muesse gut Japanisch verstehen und sprechen koennen. Und auch, wenn ich inzwischen um einiges mehr verstand, als bei meiner Ankunft in Japan, so war es doch noch weit vom Level "gut" entfernt. Doch wenn es noch andere Leute dort gab (sogar aus meinem Heimatland) die mir helfen konnten, mich verstaendlich zu machen, dann hatte ich keine Bedenken mehr.
Die Stimme fragte, wo ich denn sei. Es stuende jemand bereits seit einer Stunde am Treffpunkt und warte auf mich...
Wahrheitsgemaess antwortete ich, dass auch ich bereits eine Stunde wartete, und zwar an der vereinbarten Baeckerei. Allerdings kenne ich mich nicht aus und deshalb sei es gut moeglich, dass es noch eine zweite gab, die der Beschreibung entsprach. Mir wurde die Telefonnummer des Wartenden durchgegeben und ich rief gleich an. Leider nahm keiner ab, doch kurz darauf stand ein verwirrter Japanischer Student vor mir und fragte mich, ob ich die Deutsche WWOOFerin war.

Erleichterung.
Solche ungeplanten Schwierigkeiten versetzen mich immer in leichte Aufregung.
Aber nun war ja alles gut und wir gingen gemeinsam zu seinem Auto.

Wir fuhren eine Weile durch die Stadt, dann wichen die Haeuser langsam den Bergen, bis unser Weg nur noch durch gruene Huegel fuehrte, die nur ab und zu von ein paar Farmhaeuschen links und rechts, oder Feldern unterbrochen wurden.

Es war wirklich sehr schoen. Und ruhig.
Auch wenn ich auf den Farmen immer viel Alltaegliches entbehren muss, wie Postaemter oder Supermaerkte, so macht diese Ruhe doch viel wett. Denn sie ist Voraussetzung fuer unberuehrte Natur und eine Vielzahl an Tieren, wie ich sie in Deutschland selten erlebt habe. So sind fuer die hier lebenden Japaner Adler, Reiher, Rehe, Wildschweine, Libellen, Gottesanbeterinnen, Affen und Kaninchen beinahe unspektakulaer. Doch bei all diesen herrlichen Tieren bin ich doch froh, dass mir bisher eine hautnahe Begegnung mit einem Baeren erspart geblieben ist.

Dafuer hatte ich eine etwas einschuechternde erste Begegnung mit meiner neuen Gastmutter Kazuko-san. Keinesfalls Negativ. Es war nur so, dass ich ueber den tatsaechlichen Grad ihrer Behinderung sehr schockiert war. Im Profil hatte es geklungen, als koenne sie alles selbststaendig machen, saesse aber eben im Rollstuhl. Nun sah ich, dass das nicht stimmte.
Sie sass zusammengesunken auf dem Boden, einen Arm krampfhaft angewinkelt, die andere an den Koerper gedrueckt und sah mich mit einem schiefen Grinsen von unten an.
Ihre Sprache bestand aus einzelnen Worten, die sie, wie es den Anschein hatte, unter grosser Anstrengung hervorbrachte und man gezwungen war, sich den Zusammenhang begreiflich zu machen.

Aber sie war wirklich eine sehr goldige Person.
Bei meiner letzten Gastfamilie in Haramura hatte ich eine getoepferte Schale, in die das Bild einer Katze eingeritzt war, erworben, die der Vater meiner Gastmutter gemacht hatte. Denn in Kazuko-sans Profil stand, sie habe drei Katzen. Da konnte das also nicht ganz falsch sein. Zumindest moegen musste sie diese Tiere...
Und ihr koennt euch nicht vorstellen, wie entzueckt sie war. Ihr "Oooh" dauerte mehrere Sekunden und es schraubte sich in die Hoehe, als sie mich ansah und mir ihr strahlendes, etwas schiefes Laecheln schenkte.
So war das Eis gebrochen und ich wurde noch ein bisschen ausgefragt, bevor ich meinen Rucksack auf mein Zimmer brachte und es anschliessend auf die Felder zu den anderen ging.

Denn ausser mir, war nur mein Fahrer und eine andere Japanische Studentin bei ihr, die mir halfen, Kazuko-san zu verstehen.

Die restlichen WWOOFer traf ich an, als sie gerade auf dem Heimweg waren, denn sie hatten alle Feldarbeit bereits erledigt. So lernte ich Antonia und Johanne (Wwooferinnen, die beide aus Deutschland kamen), Toto (einen der vielen Japanischen Studenten, der gerade Semesterferien hatte), sowie Rohan (Wwoofer aus England) und einen weiteren aus Japan kennen, dessen Namen ich aber leider schon wieder vergessen habe...
Alle bereiteten mir einen herzlichen Empfang und ich hatte gleich das Gefuehl, dass es mit so vielen Leuten in meinem Alter, eine tolle Woche werden wuerde.
In ihrem Verlauf stiessen noch die zwei Tailaender, sowie ein franzoesische Schweizerpaerchen dazu.

Da Kazuko-san nur ein paar kleine Felder hatte, die eher Gaerten waren und auf denen es zur Zeit nicht viel zu tun gab, bestand unsere Arbeit eigentlich nur daraus, fuer alle zu kochen, das Haus zu putzen und fuer unsere Gastmutter zu sorgen. Da wir aber sehr viele waren, und es sich unter allen aufteilte, konnte man nicht wirklich von Arbeit reden. Eher umgekehrt. Man war froh, wenn es mal etwas zu tun gab und so kloppten wir uns beinahe ums Abspuelen, Abtrocknen oder die anderen kleinen Aufgaben, die hin und wieder anfielen. (Fuenf Leute zugleich in der Kueche, war deshalb keine Seltenheit)

Was das Betreuen unserer Gastmutter anging, so bestand es daraus, sie zu fuettern, ihr beim Toilettengang zu helfen (natuerlich nur die Maedchen, die Jungs trugen sie nur dorthin), sie umzuziehen und bettfertig zu machen. Einmal pro Nacht musste sie umgedreht werden. Dies uebernahm an den Wochenenden, wenn kein Pfleger kam, oft einer der Jungs, die eh auf der unteren Etage schliefen.

Das Besondere an dem Tagesablauf hier war, dass wir nicht um sechs aufstehen mussten.
Weil Kazuko-san ohne Hilfsmittel nicht schlafen konnte, blieben wir naemlich bis um elf oder zwoelf auf, um ihr Gesellschaft zu leisten, waehrend sie sich mit Sake betrank. Und sie trank leicht einen Liter davon pro Abend. Dann wurde sie sehr, sehr lustig, schlief manchmal kurz am Tisch ein und redete noch undeutlicher als sonst. Aber wir Maedchen mussten ihr noch ein letztes Mal beim Toilettengang helfen, bevor sie dann Anweisungen gab, ins Bett gebracht werden zu wollen. (Und wenn sie betrunken war, konnte man diese Aufgabe eigentlich nur zu dritt bewaeltigen)
Daher durften wir mindestens bis um acht oder halb neun schlafen. Manchmal wurde es auch spaeter, wenn unsere Gastmutter laenger schlief oder eine Pflegerin da war, die das Anziehen und die Toilette uebernahm.

Meine Zeit hier war wirklich sehr interessant und lehrreich. Denn obwohl Kazuko-san einen hilflosen Eindruck machte, war sie doch vollkommen klar im Kopf (auch wenn sie sich nicht gut ausdruecken konnte, weil ihre Behinderung auch den Mundbereich einschloss).
Sie wusste ganz genau, was auf den Feldern gemacht wurde, welches Gemuese reif sein sollte, wo gejaetet werden musste und vieles mehr, ohne selber dort gewesen zu sein. Das war schon sehr beeindruckend.

Manchmal fuhr sie sogar fuer einen halben Tag zum Arbeiten in die Stadt. Ich habe schon wieder vergessen, woraus diese Arbeit im Einzelnen bestand, aber es handelte sich um irgend etwas im Bereich Behindertenfoerderung.

Einmal kochten Johanna, Antonia und ich ein Deutsches Abendessen. Es gab selbstgemachten Kartoffelbrei, Buletten und Kuerbissuppe. Das fand sogar bei fast allen Anklang und mein Magen freute sich auch darueber.
Manchmal kochten Antonia und ich auch einen grossen Topf Milchreis, denn im Vergleich zu anderen Familien herrschte hier kein Mangel an Milch! Lustig war auch, dass mit jeder Milchreis-Party (wie wir sie zu nennen pflegten) neue Anhaenger dazukamen. Erst ein paar der Japaner, dann die Taiwanesen und spaeter die Schweizer. Auch wenn wir jedesmal mehr kochten, war es zum Schluss fast immer zu wenig.

Kurz vor meiner Abreise bekam ich zusammen mit den beiden sogar noch einen Tag frei. (Naja, eigentlich war er erst nur fuer Johanna und Antonia gedacht, immerhin waren sie schon seit Anfang September dort, aber sie waren so lieb und fragten Kazuko-san, ob ich mitkommen koenne und weil wir sowieso viel zu viele waren, machte es keinen Unterschied, ob ich mitkam oder blieb). Wir wurden sogar in die Stadt gefahren, denn der Bus fuhr hier nur dreimal am Tag.
Ich hatte ihnen von Narai erzaehlt und sie fuer diese Idee begeistert. Am Bahnhof erkundigten wir uns jedoch erstmal nach dem Fahrpreis, den das Budget meiner Gefaehrtinnen war nicht hoeher als das meine. Doch zu unserer Freude kostete die Fahrkarte nur 700 Yen und so tuckerten wir mit der Regionalbahn wenig spaeter durch die Berge.

Narai lag wirklich wunderschoen. Ueberall konnte man die sanften gruenen Huegel sehen, die Sonne schien und der Himmel war blau. Was fuer ein Urlaubstag!
Auch der Ort selber enttaeuschte nicht. Kleine, alte Haeuschen reihten sich dicht an dicht, links und rechts die breite, ruhige Strasse entlang. Nur ein paar wenige Autos stoerten die Illusion der Vergangenheit.
Die Souveniershops boten hier sogar wirklich huebsche Dinge an. Ein alter Ladenbesitzer, der bestimmt schon ueber neunzig war und einen schlimmen Tatterich hatte, servierte uns Tee, malte uns Erinnerungsbildchen und beschenkte uns mit selbstgedruckten Karten, waehrend wir uns dort umsahen.
Die Strasse war lang, aber wir gingen sie ein paar Mal auf und ab und genossen den Anblick. Am oberen Ende gab es einen schoenen roten Shintoschrein, der die ganze Szenerie abrundete.
Als am Nachmittag langsam Wolken aufzogen und wir alles gesehen hatten, goennten wir uns in einem der niedlichen Cafes ein Stueck Kuchen und machten uns danach auf den Rueckweg.

Ich musste in der Stadt noch ein paar Einkaeufe fuer die Schweizer erledigen, die am folgenden Abend Spaghetti Bolognese kochen wollten.
Um uns die Zeit zu vertreiben, bis uns jemand abholen wuerde, gingen wir anschliessend in eine nahegelegene Karaokebar.
An diesem Abend wuerden die Taiwanesen kochen und wir waren alle schon gespannt darauf. (Kazuko-sans Lieblingsessen beinhaltet naemlich immer Rettich. Der ist dann in Form von Blaettern oder Wurzeln ueberall zu finden und wir freuten uns, ihm fuer die naechsten Abende zu entkommen, denn der bittere Geschmack ist nicht so sehr unser Fall).

Der Morgen der Abreise kam schneller als gehofft. Hier hatte es mir wirklich gut gefallen. All die vielen jungen Leute und der entspannte Alltag waren sehr erholsam gewesen.
Doch ich freute mich auch auf meine neue Gastmutter in Gero (Gifu). Sie besass nach ihren Angaben acht Rinder und betrieb als Hobby ein Puppentheater. Das hoerte sich doch spannend an.
Ich hatte beschlossen mit dem Bus von Matsumoto nach Takayama zu fahren, denn die Strecke fuehrt mitten durch die Japanischen Alpen. Ich war nicht in der Lage gewesen, sie zu besichtigen, geschweige denn zu besteigen, da wollte ich sie wenigstens einmal aus der Naehe sehen...

Mit mir verliessen auch Johanna und Antonia die Farm. Sie hatten ebenfalls eine neue Gastfamilie, etwas noerdlicher.
Einer der Studenten fuhr uns deshalb gemeinsam zum Bahnhof, wo wir uns verabschiedeten. Ich Richtung Busterminal, die beiden anderen zur Bahn. :)

Mata ne
Kira



Freitag, 1. Oktober 2010

Das Tor zum Himmel - Nagano Teil I

Die Zugfahrt nach Haramura (Nagano) genoss ich Gegensatz zu der nach Tokyo sehr.
Ich musste diesmal zur zweimal umsteigen, hatte keine grossen Gepaeckberge zu bewegen und konnte mich viel der Landschaft widmen, die nach und nach huegeliger wurde. Immer oefter fuhr ich durch Tunnel und langsam gingen die Huegel in ein Gebirge ueber.

Auf diesen Teil der Reise hatte ich mich unter anderem am meisten gefreut. Ich mag Berge sehr und fuer die naechsten Wochen wuerde ich sie taeglich sehen koennen.
Der Zug fuhr nur bis Chino, aber es gab einen Bus bis Haramura. Von dort waren es allerdings noch etwa 40 Minuten zu laufen, bis zu der abgelegenen Farm, wo meine neue Gastfamilie wohnte. Immerhin war das ein Zeichen fuer eine ungestoerte Lage in der Natur und konnte huebsch sein. Dennoch war mein Rucksack schwer und ich hatte eigentlich nicht so grosse Lust lange damit zu wandern...
Ich musste eine ganze Weile auf den naechsten Bus warten. Als ich mich dann jedoch zur Station begab und dort, an meinen Rucksack gelehnt, wartete, kam ein aelteres Ehepaar auf mich zu und sprach mich an. Woher ich denn kaeme und wo ich hinwolle, fragten sie.
Leider konnten sie kein Englisch, aber ich verstand trotzdem, dass die Farm, zu der ich wollte, wohl auf ihrem Weg laege und sie mich gern mitnehmen wuerden.
Und schon schickte die Frau den Mann los, um das Auto zu holen und schleifte mich, die immer noch ein wenig unsicher war, ob sie auch alles richtig verstanden hatte, zum Ticketschalter, wo sie mein Busticket zurueckgab und mir das Rueckgeld in die Hand drueckte.
Nach wenigen Minuten hatten wir meinen Rucksack in das kleine Auto gequetscht und ich sass auf der Rueckbank. Das war natuerlich eine sehr bequeme Loesung und ich freute mich, dass mir der lange Fussmarsch bei der Hitze erspart blieb. Diesmal hatte ich mich noch nicht einmal fuer einen Lift mit einem Schild an die Strasse stellen muessen. Und irgendwie erschien es mir als des Guten fast zuviel, dass mir das Glueck immer wieder so zugeflogen kam...
Das nette Ehepaar fuhr mich tatsaechlich bis in den Hof, wo mich meine neue Gastmama schon erwartete. Sie schrieben mir noch auf meine Stadtkarte ihre ungefaehre Adresse, gaben mir einen huebschen Faecher als Abschiedsgeschenk (war es nicht eigentlich ich, die sie beschenken sollte?) und baten mich, sie zu besuchen, wenn ich einen Tag frei hatte. Leider sollte ich dies jedoch nie hinbekommen, weil die Adresse unvollstaendig war.

Der Empfang war ein wenig kuehl und bei dieser Stimmung blieb es auch die ganzen zweieinhalb Wochen.
Die Farm erinnerte mehr an ein kleines Dorf, denn sie bestand nicht nur aus einem Haus, sondern aus mehreren Gebaeuden, darunter eine grosse Kueche, ein Inside- und ein Outside-Restaurant, einer kleinen Verkaufstheke, die zugleich als Kasse und Baeckerei diente, ein Wohnhaus fuer meine Gasteltern, ein Wohnhaus fuer die Mitarbeiter, einigen Staellen fuer die Tiere, einer Fisch- und einer Fleischraeucherei, und noch vielen anderen kleineren Einrichtungen.
Ausser mir, gab es dort eine Ziege, einen Hund, viele Huehner, meine Gasteltern, ein Paerchen, das hier arbeitete um zu lernen, wie man seine eigene Farm aufbaute, eine Freundin der Familie, die mithalf, die Schwester meines Gastvaters und einen anderen WWOOFer aus Irland, James, der gerade eine Reise durch ganz Asien machte und zufaelligerweise auch Sekretaer war.

Im Gegensatz zu meinen bisherigen Gastfamilien, verlief hier jeder Tag genau gleich!
Morgens um sechs ging es fuer mich, James und das Paerchen raus auf die kleinen Felder, wo wir Tomaten, Zucchini, Auberginen, gruene Paprika, Bohnen und Salat ernteten. Das gab es dann zum Fruehstueck, Mittags und Abends zu essen. Und ich kann versichern, dass es einem bereits nach ein paar Tagen zum Hals raushaengt, denn viele Variationen sind damit nicht moeglich!
Unser Gastvater Haseyan kam erst gegen halb acht auf die Felder nach. Unter seiner Anweisungen jaeteten wir dann, duengten, oder pflanzten Saetzlinge ein. Um halb neun fuhren wir dann endlich zurueck, um Fruehstueck zu machen. Wenn man so frueh aufsteht und auf leeren Magen gleich arbeiten muss, haengt einem zu dieser Zeit der Magen bereits in den Kniekehlen und man wuerde alles essen... (Oft stibiezte ich mir deshalb noch auf dem Feld ein paar Tomaten von den Straeuchern)
Nach dem Fruehstueck ging es gleich weiter. Die Blumen waren zu giessen, die Restaurantboeden und die Tische zu wischen, das gepflueckte Gemuese zu waschen und je nach Bedarf wurde es anschliessend verarbeitet. Meisstens kamen gegen halb elf die ersten Gaeste und die Kellnerarbeit begann. Ansonsten wurde zwischendurch eigentlich nur die ganze Zeit sauber gemacht, abgewaschen oder Gemuese geschaelt.
An Wochenenden war immer besonders viel los. Da war fuer uns vor vier Uhr nichtmal an Essen zu denken, weil der Laden so brummte. Die Arbeit an sich war nicht besonders hart, aber da hier nicht wie ueblich nur sechs Stunden gearbeitet wurde, sondern von Morgens bis Abends, schlauchte es dennoch. Fairerweise bekamen James und ich dafuer zwei Tage frei, aber bei den alltaeglichen Dingen wurde unsere Mithilfe trotzdem erwartet, wenn man sich nicht wie ich, ab und zu ganz vom Acker machte und Tagesausfluege unternahm. Das war aber natuerlich nur bei gutem Wetter moeglich und mir nur zweimal vergoennt. An meinen anderen freien Tagen regnete es leider, denn bei Regen kamen keine Gaeste, es gab nicht viel Arbeit und unsere Hilfe wurde nicht gebraucht.
Allgemein fuehlte ich mich dort ziemlich ausgenutzt. Arbeiten sollte man koennen wie eine Maschine und wenn die Arbeit getan und der Tag vorbei war, wollten sie nichts mehr von mir wissen. Den reden tat hier fast nie jemand mit mir. Sogar Fragen stellen war ihnen zuviel. Besass ich die Frechheit und erkundigte mich nach Arbeit oder fragte, wie etwas zu erledigen sei, bekam ich zur Antwort nur, ich solle mich gefaelligst selber nach Arbeit umsehen und sie haetten jetzt keine Zeit mir das zu erklaeren... Na, das hoert man doch gern. Es war nicht sehr motivierend und deshalb fuehlte ich mich hier auch nie wie in einer Familie, sondern einfach nur als Arbeitskraft. Allerdings ohne Lohn. Paprika und Zucchini waren ja auch nicht gerade kostspielige Verpflegungen...
Das einzige Entgegenkommen bestand aus unregelmaessigen Onsenbesuchen. Die wurden uns sogar bezahlt. Doch wenn man bedachte, dass sich die Dusche der Mitarbeiter in einem kalten und schmutzigen Kellerloch befand, in dem alle moeglichen Tiere hausten, dann bin ich mir nicht so sicher, ob ich ihnen das als Grosszuegigkeit anrechnen soll.

Unter anderem hatte ich mir diese Familie ausgesucht, weil sie in ihrem Profil allerlei aufregende Aktivitaeten angegeben hatte. Toepfern, Brot und Kuchen backen, Suessigkeiten herstellen, ein Farmladen, Waldhaeuser bauen, eine Kunstgallerie, angeln und vieles mehr.
Aus der Art, wie sie diese Sachen angaben, schloss ich, dass man all das dort lernen konnte und ich war wirklich aufgeregt und freute mich darauf. Nach einigen Tagen merkte ich jedoch, dass uns all das gar nicht zur Verfuegung stand. Nicht einmal an unseren freien Tagen!
Ich erkundigte mich sogar einmal direkt nach dem Toepfern und da wurde mir erklaert, dass sich die Toepferei gar nicht hier, sondern bei meiner Gastmutter Kumi zuhause in Tokyo befand. Ausserdem waere der Holzverbrauch viel zu hoch und sie machten das nur fuer Gruppen, die bezahlten... Als ich das hoerte, war ich schon etwas enttaeuscht.
Ich erzaehlte Kumi, dass ich schon in Deutschland als Konditorin gearbeitet hatte, aber sie interessierte sich nicht fuer Deutsche Baeckerei und wollte mir nicht einmal etwas Japanisches zeigen. Keine Zeit!

Haette ich James nicht gehabt, mit dem ich mich wenigstens ab und zu ueber die Situation aussprechen konnte, waere ich wahrscheinlich nach einer Woche wieder gegangen.
Kumi hatte mir an meinem ersten Tag bereits erzaehlt, dass die meisten nach dieser Zeitspanne leider schon wieder abreisten, weil sie die Arbeit dort so erschoepfte, aber ich glaube ja eher, dass es daran liegt, weil man sich dort einfach nicht richtig wohl fuehlen kann...

Dennoch passierten ab und zu Dinge, die mich wieder etwas besaenftigten und weshalb ich es doch weiterversuchte.

Das Erste bestand aus einem Handwerker-Wochenende, an dem viele verschiedene Handwerker auf dem Farmgelaende ihre Zelte aufschlugen, Staende errichteten und ihre selbstgefertigten Dinge anpriesen. Das war aufregend, auch wenn ich kaum Zeit hatte, mir die Sachen anzusehen, weil wir durch die zahlreichen Besucher, die das Spektakel anzog, im Restaurant alle Haende voll zu tun hatten.
Dennoch freundete ich mich mit einigen der netten Leute an und wurde zum Schluss sogar von ihnen beschenkt und gebeten, sie hier und dort zu besuchen, wenn mich meine Reise zufaellig vorbeifuehrte.
Abends holten sie mich an ihre Lagerfeuer, wir tranken Sake und Bier, redeten (wobei ich mein Japanisch um einiges verbessern konnte, denn unter etwas Alkohol geht das Sprechen einfach leichter), lachten viel und ich genoss diese Stunden freundlicher Gesellschaft in vollen Zuegen.
Bei einer dieser Gelegenheiten erkannte ich auch, dass mein Handy unter einem der Baeume, wo ich gerade sass, sogar Empfang hatte. Auf dem ganzen Gelaende hatte ich damit naemlich bisher keinen Erfolg gehabt. Nun konnte ich auch endlich wieder meinen Freunden und meiner Familie schreiben. Einen PC gab es zwar, dennoch benutzte James ihn immer dann, wenn ich gerade dieselbe Idee hatte. :)

Es tat mir ehrlich leid, als die Handwerker wieder abreisten. Sofort wurde es sehr still und ziemlich einsam auf der Farm. Ich haette unter Tage gern wieder so viel gearbeitet, wenn sie dafuer geblieben waeren und wir die lustigen Abende haetten fortsetzen koennen.

Auch mein erster Ausflug in die Berge gehoerte zu den Dingen, die ich nicht vergessen werde und in sehr guter Erinnerung behalten habe.
Ich hatte mich schon in den ersten Tagen nach Orten erkundigt, die gut zu erreichen waren und wohin ich an meinem ersten freien Tag fahren wollte.
Unter anderem bot sich der Kurumayama an, ein Berg, der touristisch sehr gut erschlossen ist und im Winter als Skigebiet dient. Ich musste unbedingt in die Berge - weil ich sie jeden Tag vor der Nase hatte, war dieser Wunsch am Groessten und ich plante, den Kurumayama zu besteigen.

Ich hatte wirklich Glueck. An meinem freien Tag schien die Sonne und zufaellig waren zwei Mitarbeiter eines Zweigrestaurants, das Haseyans Tochter gehoerte, auf der Canadianfarm. Nach dem Fruehstueck wollten sie wieder zurueck und das lag genau auf meinem Weg. Somit hatte ich meinen ersten Lift schon bequem gefunden.
Im Ort konnte ich sogar praktischerweise gleich meine Post erledigen, denn im Umkreis der Farm, auf der ich arbeitete, gab es sowas natuerlich mal wieder nicht.
Unglaublicherweise befand sich in dem anderen Restaurant mein zweiter Lift. Ein Vater mit seiner Tochter, die in der Naehe des besagten Berges wohnten und mich gerne mitnehmen wollten. Sie fuhren mich sogar direkt dorthin!



Mit so einem Start konnte der Tag doch nur gut weitergehen. Ich kaufte mir ein Ticket fuer den Skilift und fuhr ein Stueck einen anderen Huegel hinauf, bis zu einem kleinen Cafe. Von dort aus, erklomm ich den Gipfel und genoss die Aussicht. Das Wetter war wirklich herrlich und man hatte eine unglaubliche Sicht. Ich fuehlte mich so frei und leicht, dass ich eigentlich gar nicht mehr runter wollte.
Doch ich hatte ja noch einiges vor und entschloss mich nach ein paar Stunden in den luftigen Hoehen zum Abstieg. Auf dem Weg nach unten goennte ich mir in dem kleinen Cafe noch einen heissen Kakao um Kraefte nachzutanken. Dann fuhr ich mit der Gondel wieder nach unten und begab mich auf dem Pfad, der mich zum Kurumayama fuehren sollte.
Leider war es fuer einen Aufstieg schon zu spaet. Ich wanderte und wanderte und der Berg schien trotzdem nicht naeher zu kommen... Gegen zwei Uhr kehrte ich daher wieder um.
Es gab noch einen anderen Ort in der Naehe, der sehr huebsch sein sollte und den ich mir deshalb gern ansehen wollte.
Ich ging an der Bergstrasse entlang, die nur leicht befahren war und versuchte zu trampen. Doch diesmal gelang es mir nicht gleich. Erst, nachdem ich etwa eine Dreiviertelstunde gelaufen war, hielt ein LKW-Fahrer und nahm mich den Rest des Weges mit.
Die Gegend, die ich mir nun ansah, nannte sich Kirigamine. Aber sie war weitaus unspektakulaerer als das Gebirge, welches ich gerade verlassen hatte und ich war ein wenig enttaeuscht. Als huebsch konnte ich das leider nicht wirklich bezeichnen. Ein Wanderweg, einige Laeden und ein kleiner Ponyhof.
Letzterer schien mir ein naeherer Blick wert und ich sah mir die Tiere an. Eine Gruppe Cowboys sass in einem Unterstand und trank Kaffee und ich wurde von einem niedlichen Dackel schwanzwedelnd begruesst.

Als ich mir ein Schild ansah, auf dem eine kurze Reittour durch das Gelaende angepriesen wurde und ich mir gerade ueberlegte, ob ich das nicht wagen sollte, (das letzte Mal hatte ich vor etwa 15 Jahren auf einem Pferd gesessen) rief mir einer der Cowboys zu, woher ich denn kaeme.
"Deutschland" erwiederte ich. Das schien sie sehr zu interessieren, denn sofort baten sie mich, auf einem der Klappstuehle Platz zu nehmen und einer sprang sogar davon, um mir am naechsten Getraenkeautomaten etwas zu Trinken zu holen.
Sie erzaehlten mir, dass vor zwei Jahren ein Junge aus Deutschland ein paar Monate lang fuer sie gearbeitet hatte und sie noch heute mit ihm Kontakt hatten. Er lebe in Stuttgart.
Was fuer ein Zufall. Die Gruppe konnte sich kaum halten vor Erstaunen und fragten, ob ich ihn kenne. Leider sagte mir sein Name nichts, trotzdem wurde ich gebeten, ihm dies und das auszurichten... Als waere Stuttgart ein Kuhdorf. Bestimmt werde ich ihm gleich nach meiner Rueckkehr zufaellig in der S-Bahn treffen...

Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile. Es waren sehr liebe Leute. Ein Grossvater (der sehr schwerhoerig war), sein Sohn, sein Enkel (der immerhin schon Mitte zwanzig war und fuer zehn Jahre in Neuseeland gelebt hatte) und dessen Freund, der mit ihm dort gewesen war.
Im Winter arbeiteten sie als Snowboard- und Skilehrer und sagten, wenn ich wiederkaeme, wuerden sie mir Skifahren beibringen.

Wir hatten einen schoenen Nachmittag zusammen und gegen sechs, als es langsam begann dunkel zu werden und ich mich deshalb zum Aufbruch bereit machte, fragten sie mich, wann ich denn wieder auf der Farm sein muesse. Nun, ich war erwachsen und keiner kuemmerte sich um mich, daher war es eigentlich egal, aber ich wollte ungern im Dunkeln trampen, wo man schwerer zu sehen war und Haramura war ja nicht gerade um die Ecke.
Doch zu meinem Erstaunen luden sie mich zum Abendessen ein. Danach wuerden sie mich auch nach Hause fahren, versprachen sie mir.
Wow
Natuerlich nahm ich an und nachdem wir die Pferde auf ihre Farm zurueckgebracht und versorgt hatten (Ich durfte helfen sie einzufangen und vorne im grossen Pferdetransporter mitfahren) machten wir uns auf den Weg zu ihrer Wohnung.
Nur das es keine Wohnung war, sondern ein richtiges Hotel, gleich am Kurumayama, das sie betrieben.

Es gab Spaghetti Carbonara, Ananas und verschiedenes Gemuese. Ihren Dackel hatte ich auch schon ins Herz geschlossen und er sass die ganze Zeit ueber auf meinem Schoss.
Schade, dass ich am naechsten Tag arbeiten musste. Es war so gemuetlich, dass ich eigentlich gar nicht gehen wollte.
Doch leider hat alles ein Ende und so brachen ich und die zwei Jungs gegen halb zehn auf.
Aber auch die Fahrt war noch sehr lustig und sie versprachen mir, mich irgendwann einmal Abends mit zum Bowlen zu nehmen. (Klappte allerdings nie xD)
Es war spaet, als ich auf der Farm ankam und keiner ausser Kumi war zuhause. Die anderen assen irgendwo ausserhalb zu Abend...

An einem anderen Tag war mir kuenstlerisches Glueck beschert. Und zwar durfte ich in einem ruhigen Moment der Schwester von Haseyan dabei zusehen, wie sie einen Lampenschirm auf Japanische Art beklebte. Dazu verwendete sie verschiedenfarbiges Papier und machte sich den Durchscheineffekt zunutze, um farbige Highlights zu setzen. Das war das erste wirklich Interessante, was ich hier sah.
Und es wurde noch besser! Denn sie zeigte mir zwei alte Lampenschirme, bei denen die Papierbespannung eingerissen war und bat mich, ihr zu helfen und einen davon auf meine Art zu restaurieren.
Leider kam ich an diesem Tage nur so weit, die alte Bespannung zu entfernen und das Rohgestell zu saeubern, dann rief die Arbeit erneut, doch meine folgenden Feierabende und freien verregneten Tage brachte ich nun damit zu, den Schirm zu bekleben. Das machte so Spass, dass ich trotz stumpfer Kinderplastikschere versuchte ins Detail zu gehen und die verschiedenen Seiten nicht nur mit einfachem Papier, sondern kleinen Bildern wie Huehnern, Ziegen, Blumen, Libellen, Schmetterlingen und Herbstlaub verzierte, um mich laenger damit beschaeftigen zu koennen.
Natuerlich musste ich ihn bei meiner Abreise zuruecklassen, denn er gehoerte ja trotz allem nicht mir, aber ich hatte dennoch viel Freude an diesem Zeitvertreib gehabt und es waere mir ohnehin nicht moeglich gewesen, ihn in meinen Rucksack zu packen. :)

Etwa zwei Wochen waren vergangen, da geriet James mit meinem Gastvater in einen grossen Streit. James war es nun endgueltig zuviel geworden und er war wohl der erste WWOOFer, der seine Meinung ueber die Missstaende laut aussprach, denn es endete damit, dass mein Gastvater ihn offensichtlich nicht mehr leiden konnte und mir nun dauernd beteuerte, "was fuer eine gute Arbeiterin ich im Gegensatz zu James sei, denn nach mir brauchte man nicht zu suchen, wenn es Arbeit gab" und aehnlicher Schwachsinn, der mich sehr beleidigte, denn schliesslich war ich ja kein Hund, der um seine Gunst flehte und sich deshalb mustergueltig benahm.
Diese Aeusserungen machten mich so wuetend, dass ich mir an James ein Beispiel nahm und Haseyan ebenfalls sagte, was ich dachte.
Und man haelt es nicht fuer moeglich, aber er entschuldigte sich bei mir! Sogar richtig kleinlaut sagte er mir, er fuehle sich ganz schlecht, wenn er wuesste, das er mich gekraenkt habe und hasse (!) sich selber dafuer... Ich weiss bis heute nicht, ob er das ernst gemeint hat. Irgendwie habe ich das Gefuehl, dass das nur Show war. Er ist viel zu selbstbewusst und von sich selbst eingenommen, um sich vor jemandem wie mir so zu erniedrigen.
Aber noch am selben Abend lud er uns zu Sushi und Okonomiyaki in die Stadt ein...

Warum nur, muss man sich von Menschen wie ihm erst wie der letzte Dreck behandeln lassen, bis auch einem gutmuetigen Charakter der Geduldsfaden reisst, um dann wieder durch Handlungen wie diese gnaedig gestimmt zu werden, und man schuldbewusst denkt, sich in der Person vielleicht geirrt und sie zu Unrecht als Sklaventreiber abgestempelt zu haben... Sowas irritiert mich.

Leider packte James ein paar Tage spaeter trotzdem seine Sachen und machte sich nach Korea auf. In diesem Moment beneidete ich ihn sehr. Denn auch, wenn ich selbst die Nase voll hatte, besass ich immer noch (in diesem Fall vielleicht falsches) Pflichtbewusstsein und wollte nicht einfach so verschwinden. Ich hatte mit ihnen ueber Mail damals naemlich ausgemacht, den ganzen September zu helfen und wegen mir hatten sie daher vielleicht andere WWOOFer abgelehnt und meine Hilfe eingeplant.
Ich wollte ihnen zumindest eine Frist geben und so kuendigte ich an, naechste Woche Montag zu gehen. (Denn am Wochenende war sicher wieder viel los und auch wenn ich gegenueber meinen Gasteltern keine Reue empfunden haette, sie mit der ganzen Arbeit sitzen zu lassen, so gab es dennoch auch liebe Menschen, denen ich den vermehrten Stress nicht antun wollte. Eriko zum Beispiel, die Freundin der Familie. Sie war immer sehr lieb zu mir gewesen und eine Seele von Mensch. Stets um mein Wohl besorgt und herzensgut. Oder das Paerchen, das sehr eifrig war und schon seit sechs Monaten dort arbeitete. Ich frage mich, wie sie das durchgehalten haben...)

Ich hatte im Internet bereits nach einer neuen Gastfamilie gesucht und eine nette Frau in Matsumoto gefunden. Dieser Ort schien mir sehr interessant, denn Kazuko-san hatte leider eine koerperliche Behinderung, sass nach ihren Angaben im Rollstuhl und ich fand, dass man sehr stark sein musste, wenn man es in diesem Zustand schaffte, mehrere Felder zu bestellen, WWOOFer anzunehmen und zu versorgen. Auch ihre Bewertungen waren sehr gut und deshalb beschloss ich, naechste Woche nach Matsumoto zu fahren, mir dort einen Tag frei zu nehmen um mir die Stadt und das Schloss anzusehen und dann bei meiner neuen Gastmutter eine Woche zu arbeiten, bevor es am 2. Oktober zu der naechsten Familie in die Praefektur Gifu ging.

Die letzten Tage vergingen natuerlich nicht ganz so schnell, wie ich gerne gewollt haette.
Doch gibt es noch eine Begebenheit zu erwaehnen, die ich in meinem Kalender mit "Haseyans nice day" vermerkt habe:
Dieser Tag war wirklich merkwuerdig. Er begann damit, dass mich mein Gastvater zum Einkauf von Knoblauch und Zwiebeln mitnahm, die er gerne pflanzen wollte. Auf dem Weg zur Stadt fuhr er extra durch Fujimi (was soviel bedeutet wie "den Fuji sehen"). Dabei handelte es sich um ein kleines Dorf, das seinem Namen auch gerecht wird, denn von dort aus sah ich tatsaechlich zum ersten Mal den beruehmten Vulkan. Das Lustige war ja, dass ich damals zwar auf ihm herumgeklettert bin, ihn aber bisher nie aus der Ferne gesehen hatte.
Anschliessend kaufte mir Haseyan in der Stadt sogar einen Crepes...

Spaeter am Tage nahm er mich mit auf einen Ausflug nach Suwa, wo eine kleine Burg steht. Ich hatte einmal erwaeht, dass ich mir diese gerne ansehen wuerde und daran hatte er sich wohl erinnert. Es blieb auch nicht bei der Burgbesichtigung, sondern wurde noch mit einem anschliessenden Restaurant- sowie Onsenbesuch getoppt. (Letzteres war mir allerdings ziemlich unangenehm, denn wir waren die einzigen Gaeste und die Besitzer, die glaubten, wir waeren verheiratet (danke fuer das Kompliment, er war fast 30 Jahre aelter als ich!), boten uns an, wir koennten gerne zusammen in das Maennerbad. Mein Gastvater wollte das Angebot auch tatsaechlich annehmen, doch das stand fuer mich wirklich ausser Frage und so stellte ich mich einfach taub und ging schnurstracks zum Frauenbereich.) Sachen gibts, die gibts gar nicht...

Mein letzter Abend auf der Farm war dafuer wirklich schoen, denn Eriko lud mich in ein kleines Restaurant ein, mit deren Besitzern sie befreundet war. Es gab Huehnersuppe, Salat und als Nachtisch sogar Schokoladenkuchen, der traumhaft schmeckte!

Am naechsten Morgen gab sie mir als Abschiedsgeschenk eine Tuete Kekse und einen Muffin, allerdings unter der Voraussetzung, dass ich Haseyan nichts davon erzaehlte und auch fuer mich behielt, dass sie die Restaurantrechnung bezahlt hatte.
Dann fuhr sie mich sogar zum Bahnhof und da mein Zug schon am Gleis wartete und sie sich zunutze machte, dass ich mich im Gebaeude nicht auskannte, rannte sie schnell zum Fahrkartenschalter und hatte mir mein Ticket nach Matsumoto schon gekauft, bevor ich ueberhaupt Zeit hatte zu protestieren, da ich mit meinem schweren Rucksack nur hinterherschnaufen konnte. (Immerhin kostete die Karte 700 Yen, das war doch wirklich nicht noetig!)
Nicht einmal richtig verabschieden konnte ich mich, denn der Zug hielt hier nicht lange und Eriko draengte mich panisch Richtung Absperrung. So winkte ich ihr nur noch einmal zu, dann war sie auch schon in der Menschenmenge verschwunden.

Eriko war mit Abstand das Beste, was mir auf dieser Farm passiert ist. Ich werde ihre Grossherzigkeit nie vergessen!

Weiter geht es in Nagano Teil II mit meiner Zeit in Matsumoto :)

Mata ne
Kira