Dienstag, 26. Oktober 2010

Gifu - wo Kuehe entlaufen und Baumhaeuser aus Lehm sind

Als ich meine Busfahrkarte gekauft hatte und mich an das Terminal begab, warteten dort schon einige andere Leute. Viele trugen Trekkingkleidung und kleine Rucksaecke. Offensichtlich wollten sie in den Bergen wandern.
Es faellt mir inzwischen leicht, unverbindliche Gespraeche zu beginnen und bald unterhielten sich zwei nette Frauen ausgelassen mit mir, boten mir von ihrem Proviant an und fragten mich aus.
Als wir im Bus sassen und ich einen letzten Blick auf Matsumotos Strassen warf, winkte mir zu meiner grossen Ueberraschung Antonia von einer Kreuzung aus zu. Ich winkte zurueck, als wir gerade in die Strasse einbogen, die uns Richtung Alpen fuehren sollte.
Und das Geld fuer das Ticket zahlte sich aus!
Der Blick auf die Gipfel war einfach fantastisch, noch dazu war das Wetter gut und ich hatte als Sitznachbarn die beiden netten Damen.
Allerdings dachten sie wohl, ich langweile mich und so sprachen sie weiter mit mir. Aus Hoeflichkeit antwortete ich natuerlich, aber ich haette in diesem Moment lieber einfach nur weiter aus dem Fenster gesehen...
Sich lange auf Japanisch zu unterhalten ist nach wie vor auf Dauer anstrengend fuer mich.

Spaeter, als sie an einem beruehmten Onsen ausstiegen, kam eine der anderen Businsassinnen nach kurzer Zeit zurueck und gab mir schnell noch eine kleine Plastiktuete mit ein paar Kraeckern und etwas zu Trinken.
Es sind immer wieder kleine Gesten wie diese, die fuer mich einen Tag zu etwas Besonderem werden lassen, bevor er ueberhaupt richtig begonnen hat. Die einfache Tatsache, dass hier, zwischenmenschlich gesehen noch etwas stimmt, das in anderen Kulturen leider fast verloren ist.

Takayama ist eine sehr huebsche Stadt. Frei von Wolkenkratzern hat sie etwas Leichtes, Offenes an sich. Kleine Gassen, davon einige in altertuemlichen Stil, erstrecken sich links und rechts der Hauptstrasse und an ihrem Ende steigt das Gelaende leicht an und dort reiht sich Tempel an Tempel.
In einem davon befand sich meine Jugendherberge und ich muss sagen, dass keine zuvor so ideal gelegen war. Ein von Baeumen umgebener Tempelhof sorgte fuer etwas Privatsphaere vor den Touristen und unter uns breitete sich die Stadt in alle Richtungen aus.

Ich liess mein Gepaeck im Zimmer und schlenderte den ganzen Tag einfach nur durch die Gassen, kaufte ein Geschenk fuer meine neue Gastfamilie und schrieb ein paar Karten. Ich hatte sogar einen Fernseher, aber ausser den ueblichen hektischen Talkshows, die, anders als in Deutschland, eine Menge Entertainment von Promineten (die ich natuerlich nicht kannte) boten, lief leider nichts.

Am naechsten Morgen nahm ich den Zug bis Gero, wo mich Nanako-san, meine Gastmutter abholen wuerde. Mit mir sass ein grosses, blondes Maedchen mit im Abteil und als sie an der gleichen Haltestelle ausstieg wie ich, stellte sich heraus, dass auch sie fuer ein paar Tage bei der gleichen Gastfamilie arbeiten wuerde wie ich. Kati war Amerikanerin. Sie arbeitete normalerweise in Toyama als Englischlehrerin, hatte aber ungewoehnlicherweise einmal vier Tage am Stueck frei und deshalb beschlossen, diesen kleinen Urlaub besonders zu gestalten.

Gemeinsam fuhren wir also wenig spaeter im Auto zu Nanako-sans Farm. Ausser uns, so erzaehlte sie uns, habe sie derzeit noch drei weitere Helfer: Emy und Rita aus Taiwan und Hiroshi, ein Japaner der in der Gegend wohnte und nur am Wochenende kam.
Wir liessen die Sachen im Auto und ueberquerten zusammen die Kuhweide, bis wir vor einem Baumhaus standen. Allerdings war es ein merkwuerdiges Baumhaus, denn es bestand nicht aus Holz sondern aus Lehm und hatte die Form einer Halbkugel. Kleine Fenster waren hineinmodelliert worden und jetzt rief Nanako-san etwas in die Wipfel des Baumes, in dem das ganze Gebilde auf einer Holzplatte ruhte.
Drei Koepfe linsten ueber die Bruestung und wenig spaeter standen die anderen WWOOFer vor uns. Wir wurden schnell Freunde, denn sie waren alle sehr lieb.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen ging es zurueck zu dem Baum und diesmal durften auch wir uns in die luftigen Hoehen begeben. Wir, die wir neu waren, bekamen im Inneren der Lehmkugel ihren Platz und wir bekleisterten einen ganzen herrlichen Nachmittag lang die Waende mit einem Lehm-Stroh-Gemisch, bis wir selbst kaum noch zu erkennen waren. Ich hatte lange nicht mehr solchen Spass bei der Arbeit gehabt!

Abends fuhren wir zu einem anderen Haeuschen in der Naehe, das Nanako-san gehoerte. Hier wuerden wir allerdings nur die Naechte verbringen.
Morgens standen wir immer gegen sechs auf und fuhren zurueck zu dem groesseren Farmhaus, das ihren Eltern gehoerte und wo wir unsere Arbeit verrichteten.
Diese bestand aus vielen verschiedenen Dingen und war erfrischend abwechslungsreich! Kein Tag verlief wie der andere, mal abgesehen von den Mahlzeiten.
So ernteten wir Paprika, Salat und Kartoffeln, jaeteten in den kleinen Beeten und im Garten, pflanzten Knoblauch, schaufelten kiloweise Erde von der Kuhwiese in grosse Saecke, deren Inhalt dann wiederum auf die verschiedenen Felder verteilt wurde, raeumten in einer tagelangen Aktion die Schuppen auf, reinigten dreimal pro Woche das Haupthaus, befreiten den Boden des Baumhauses von Lehmresten und wuschen die alten, lehmverschmierten grossen Plastikplanen ab.

Wenn es regnete, gab es immer etwas im Haus zu tun. (Einmal bat uns Nanako-san, einen Kuchen zu backen und die Leitung dieser Ehre fiel mir zu. Ich entschied mich fuer den gedeckten Apfelkuchen, der Natsumi damals so gut geschmeckt hatte)
Oder wir pulten Getreidekoerner aus Aehren. Das war etwas ermuedend, wenn man den ganzen Tag damit beschaeftigt war und das Stoh piekte ueberall in der Hose, aber wir hatten waehrdessen viel Zeit zum Reden und Herumalbern.

Eine der schoensten Alltaeglichkeiten war mit Abstand die Teepause gegen zehn. Dann setzten wir uns, wo wir gerade arbeiteten nieder, tranken Tee, ruhten aus oder assen ein paar Snacks, die Nanako immer bereithielt. Das Arbeiten nach einer kleinen Pause faellt immer um so vieles leichter und ich bin stets froh, wenn meine aktuelle Familie diese Gewohnheit hat. (Meistens ist es in den Familien mit Kindern ueblich. ^^)
Gekocht und Abgewaschen wurde uebrigens von uns allen zusammen.

Ausser den oben erwaehnten, kleineren Arbeiten, hatten wir auch ab und zu wirklich Interessante Aufgaben:

An einem sonnigen Tag holten wir zum Beispiel die Reisernte ein. Schon seit Wochen, waehrend meiner Reise durch Nagano und Gifu hatte ich ueberall auf den stoppeligen, kahlen Reisfeldern kleine Holzgestelle gesehen, ueber denen in Buendeln die Reisaehren zum Trocknen hingen.
Nun war es wohl an der Zeit, die vollstaendig getrockneten Koerner zu enthuelsen.
Dazu begaben wir uns mit einer grossen, lauten Maschine auf das Feld. Dann wurden ich, Emy und Rita (Kati war vor ein paar Tagen schon abgereist) an verschiedenen Plaetzen postiert. Wir rotierten allerdings im Verlauf der Arbeit, damit es nicht langweilig wurde und wir alles lernen konnten.
Nanako bediente die Maschine und lenkte sie an den Holzgestellen entlang (es gab insgesamt sieben Stueck, ueber alle Felder verteilt und jedes davon war um die 15 Meter lang) , waehrend Rita die goldenen Buendel abnahm und auf ein Tablett legte, das an der Seite des elektrischen Enthuelsers angebracht war. Nanako nahm daraufhin Buendel um Buendel und fuehrte es in eine Art Schleuse, wo jedes einzelne geruettelt und geschuettelt wurde.
Die Koerner flossen ueber einen Trichter in die Saecke, die hinten angebracht waren. War ein Sack voll, ertoente ein schrilles Signal und einer von uns eilte zum prallen Sack, lenkte den Trichter in einen neuen, verschloss den vollen und schleifte ihn an den Feldrand.
Die geschuettelten Aehren wurden von Emy ueberprueft. Waren noch zuviele Koerner enthalten, die die Maschine nicht erwischt hatte, wurden sie an Nanako zurueckgegeben, die sie nochmals durch die Schleuse laufen lies.
Die vollstaendig entkorten wurden dann wiederum von mir mit Stricken gebuendelt und ebenfalls am Feldrand gestapelt. Sie wuerden spaeter als Futter fuer die Kuehe dienen.

Ein anderes Mal halfen uns die Kuehe dabei, das interessante Arbeit entstand.
Das Gelaende, auf dem sie grasen, besteht naemlich nicht nur aus einer Wiese, die zu einem grossen Fluss hin steil abfaellt, welcher somit eine natuerliche Sperre bildet.
Auch ein Wald erhebt sich auf einem Berg empor, bis er von einer kleinen Strasse unterbrochen wird. Und hier ist es schwer, einen wirklichen Zaun zu errichten, denn in dem Stein halten die Pfosten nicht gut.
Nanako-san dachte wohl, die Erhebung an sich waere Schutz genug, doch sie irrte sich. Kuehe scheinen grosse Gemsen zu sein, denn oft kraxeln sie dort herum, als waere es das Normalste der Welt.
Nun, an den meissten kritischen Stellen kommen sie durch die Abgrenzung der Strasse nicht weiter, aber eines Tages, als sie sich so vorwaerts frassen, schafften sie es anscheinend doch irgendwie, einen Weg zu finden, der durch den Wald aus dem Grundstueck von Nanako-san fuehrte, denn sie fand die Tiere erst einige Kilometer entfernt.
Natuerlich zog das Probleme nach sich: Einige Polizisten kamen, um die Weide zu begutachten und da der Zaun an vielen Stellen nicht mehr wirklich intakt war, wurde befohlen, ihn komplett zu erneuern.
Das Weideland war ziemlich gross und so brachten wir also einen ganzen Tag damit zu, neue Pfosten in die Erde zu treiben, Draehte zu spannen und durch den Wald zu stapfen, um an den unmoeglichsten Stellen ein Durchkommen zu verhindern.

Mit ein bisschen Glueck geschieht auf den Farmen, ausser der Arbeit auch mal ein bisschen was anderes. In diesem Fall hatte ich sogar dreifaches Glueck, denn uns waren ein Barbeque-Abend, ein grosses Feuer (das wir aus grossen Balken und anderem Holz, das uns beim Aufraeumen in die Haende gefallen war und von dem Nanako-san nicht wusste, was sie damit anfangen sollte, errichteten) sowie eine Mochi-Party vergoennt.

Fuer Letzteres durften wir bereits um vier Uhr Feierabend machen. Zusammen fuhr
en wir zu ein paar Freunden der Familie, die verschiedene Aktivitaeten in der Region anbieten und damit ihr Geld verdienen.
Momentan waren dort eine Gruppe Deutscher Angestellter zu Gast, die in Gifu eine Zweigfirma besuchten - zur Verbesserung der Zusammenarbeit, wie mir schien.

Und heute wollten ihnen ihre Japanischen Kollegen zeigen wie man Mochi macht. Das ist eine Art kleiner Kloss aus Klebreis, der, mit Sojapuder paniert, oft "anko" enhaelt - eine suesse Paste aus roten Bohnen.

Die Prozedur uebernehmen heutzutage meisstens Maschinen, weil sie sehr aufwaendig ist:
In der Kule eines huefthohen Sockels, wir ein Klebreis-Klumpen so lange von zwei bis vier Personen mit hoelzernen Haemmern bearbeitet, bis sich die Staerke verbindet und das ganze zu einer Art Teig wird.
Dieser wird dann mit der besagten Bohnenpaste gefuellt und paniert. Es gibt verschiedene Arten von Mochi, doch diese ist die, bei Auslaendern wohl bekannteste.

Auch wir durften die Haemmer schwingen, auch wenn die Maenner natuerlich bei weitem kraeftiger waren, lautere Schlaege erzielten und ohne uns bestimmt auch schneller gewesen waeren, doch heute hatten alle Zeit und nur der Spassfaktor zaehlte.

Spaeter am Abend revangierten sich die Deutschen Kollegen mit einem Europaeischen Festmahl aus improvisierter Lasagne (die dennoch sehr gut war), Tortillas, Pizza und Bratkartoffeln. Und auch, wenn ich mich an all dem nicht sattsehen konnte, so war doch mein, durch die Japanische leichte Kost inzwischen geschrumpfter Magen begrenzt und ich konnte bei Weitem nicht so viel essen, wie ich gerne gewollt haette.

Leider musste ich mich ein paar Tage spaeter bereits von Emy und Rita verabschieden. Sie kehrten zurueck nach Taiwan. Vielleicht haben wir ja eine Chance uns dort noch einmal zu sehen.

Die beiden waren mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen, denn wir hatten viel gemeinsam: Auch sie waren beide Sekretaerinnen und Emy genauso frustriert, wie ich es gewesen war.
Als wir uns verabschiedeten sagte sie mir noch, dass auch sie bald kuendigen wolle. Ich hoffe nicht, dass ich es war, die sie dazu inspiriert hat, denn auf Asiatischem Boden ist eine Kuendigung laengst nicht so selbstverstaendlich oder einfach wie in Deutschland...

Noch am selben Tag jedoch, kamen zwei andere Taiwanesen und auch, wenn sie ueberaus freundlich, hilfsbereit und herzensgut waren, so waren sie doch kein Ersatz fuer die zwei, die ich hatte entbehren muessen.

Ich war ein bisschen deprimiert, weil es mir in diesem Moment so schien, als bestuende meine ganze Reise aus einer einzigen Serie von Abschieden, denn wann immer ich jemanden ins Herz schloss, ich musste ihm frueher oder spaeter Lebewohl sagen.

Aber natuerlich ist das Unsinn, denn der Abschiedsschmerz zeigt doch immerhin, dass meine Reise von vielen liebenswerten Menschen gekreuzt wird und das ist doch allein schon die ganze Sache wert. :)

Es war nun Mitte Oktober und auch ich musste mich von Nanako-san verabschieden, denn neue Helfer standen bereits auf der Warteliste und sie hatte nicht genug Platz fuer uns alle.
Meine neue Gastfamilie hatte ich schon gefunden - ganz in der Naehe von dieser Farm, denn ich wollte unbedingt erleben, wenn sich all die gruen bewaldeten Huegel bunt faerbten. Der Herbst kam spaeter als erwatet, ich hatte angenommen, dass ich bereits bei Nanako-san in diesen Genuss kaeme, doch auch, wenn es morgens bereits sehr frisch war und die Naechte kalt, machten die Blaetter nur vereinzelt Anstalten ihre Farbe zu aendern.

Aber bevor ich die neue Arbeit antrat, wollte ich erst ein bisschen durch die Gegend reisen. Mein Auslandsjahr sollte schliesslich etwas lockerer sein, als ein normaler Alltag mit nur 30 Tagen Urlaub. Ausserdem hatte mich Kati fuer eine Woche zu sich nach Toyama eingeladen und gesagt, ich duerfe bei ihr wohnen. Das wuerde mir die Moeglichkeit geben, mich umzusehen und gleichzeitig meine Reisekasse etwas schonen. Ganz zu schweigen von mir, denn ich fuehlte mich zu diesem Zeitpunkt ein wenig ausgelaugt.

Auch die beiden Taiwanesen verliessen die Farm am selben Morgen. Eine Freundin von Nanako-san fuhr uns mit dem Auto bis nach Takayama. Von dort wollte ich versuchen, bis nach Shirakawago zu trampen, einem kleinen Dorf, dass fuer seine strohgedeckten Haeuser bekannt war.

Wir sehen uns dort :)

Mata ne
Kira

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