Schon vom Bahnhof aus, konnte man die Japanischen Alpen sehen, die sich rund um die Stadt in die Hoehe reckten. Ich hoffte, an meinem freien Tag vielleicht einen Ausflug dorthin unternehmen zu koennen. Bestimmt hatte meine Gastmama Informationen darueber.
Ausserdem wollte ich eine altertuemliche Strasse in Narai besichtigen, die in meinem Reisefuehrer empfohlen wurde und von der mir bereits Jamie (die Neuseelaenderin, mit der ich gemeinsam auf Hokkaido in Otaki gearbeitet hatte) erzaehlt hatte.
Ich machte mich auf, zur Bahnhofsinformation, wo man gute Tipps in Sachen Unterkunft und Sightseeing bekommt, um mich nach einem Internetcafe oder einer Jugendherberge zu erkundigen.
Leider gab weder das eine, noch das andere. Nur ein einigermassen preiswertes Businesshotel war vorhanden und so checkte ich mich notgedrungenermassen dort ein. Immerhin konnte ich meinen schweren Rucksack dort abladen, duschen und mich umziehen, bevor es auf Entdeckungstour ging. Natuerlich sah ich mir die Burg an, fuer die Matsumoto so beruehmt ist, und sie lohnte sich auch wirklich. Die Treppen im Gebaeude waren sehr drollig. Manche fast kniehoch. Und dazu die Tueren laecherlich niedrig. Man fragt sich, wie die Japaner, die damals bekanntlicherweise kleiner waren als heute und oft ihre schweren Ruestungen trugen, diese Stufen wohl gemeistert hatten.
In der Eintrittskarte war ausserdem die Besichtigung des staedtischen Museums enthalten. Auch das war sehenswert, denn es enthielt viele Gegenstaende des taeglichen Lebens aus frueheren Epochen.
Nach diesem kulturellen Teil goennte ich mir, ein wenig durch die Stadt zu schlendern, Postkarten zu erwerben (man wusste ja nie, ob sowas in der Naehe der Farm zu finden war) und das schoene Wetter an diesem freien Tag zu geniessen. Leider schaffte ich es an diesem Tag nicht mehr in die Berge. Ich hatte vorgehabt, im Hotelrestaurant Abends Pizza zu essen, weil ich das schon so lange nicht mehr gekostet hatte, aber leider war es gerade am heutigen Tage geschlossen. Deshalb verbachte ich meine Zeit stattdessen mit dem Schreiben meines Blogs, der mal wieder (inzwischen Normalzustand) ueberfaellig war.
Am naechsten Morgen fand ich mich um halb zehn vor dem Bahnhof an einer franzoesischen Baeckerei ein, die von meiner neuen Gastmutter als Treffpunkt vorgeschlagen worden war.
Ich wartete. Ueber eine Stunde. Was mochte passiert sein? Vielleicht steckten sie im Stau, oder ihr war etwas zugestossen, oder sie hatte mich vergessen...
In der Annahme, ich muesse meinen Weg wohl irgendwie alleine finden, kramte ich meine Stadtkarte und die Adresse, die mir Kazuko-san gegeben hatte aus meiner Tasche und versuchte die Gegend auf der Karte ausfindig zu machen. Als mir das nicht gelang, ueberlegte ich, ob ich nicht einfach zur naechsten Post gehen und mich dort erkundigen sollte, als mein Telefon klingelte.
Die Person am anderen Ende sprach Deutsch. Bereits meine Mails waren auf Deutsch beantwortet worden, weil momentan wohl Deutsche Studenten, oder WWOOFer bei Kazuko-san halfen. Immerhin gab es so keine Missverstaendnisse und ich war, um ehrlich zu sein auch etwas erleichtert, denn im Profil stand, man muesse gut Japanisch verstehen und sprechen koennen. Und auch, wenn ich inzwischen um einiges mehr verstand, als bei meiner Ankunft in Japan, so war es doch noch weit vom Level "gut" entfernt. Doch wenn es noch andere Leute dort gab (sogar aus meinem Heimatland) die mir helfen konnten, mich verstaendlich zu machen, dann hatte ich keine Bedenken mehr.
Die Stimme fragte, wo ich denn sei. Es stuende jemand bereits seit einer Stunde am Treffpunkt und warte auf mich...
Wahrheitsgemaess antwortete ich, dass auch ich bereits eine Stunde wartete, und zwar an der vereinbarten Baeckerei. Allerdings kenne ich mich nicht aus und deshalb sei es gut moeglich, dass es noch eine zweite gab, die der Beschreibung entsprach. Mir wurde die Telefonnummer des Wartenden durchgegeben und ich rief gleich an. Leider nahm keiner ab, doch kurz darauf stand ein verwirrter Japanischer Student vor mir und fragte mich, ob ich die Deutsche WWOOFerin war.
Erleichterung.
Solche ungeplanten Schwierigkeiten versetzen mich immer in leichte Aufregung.
Aber nun war ja alles gut und wir gingen gemeinsam zu seinem Auto.
Wir fuhren eine Weile durch die Stadt, dann wichen die Haeuser langsam den Bergen, bis unser Weg nur noch durch gruene Huegel fuehrte, die nur ab und zu von ein paar Farmhaeuschen links und rechts, oder Feldern unterbrochen wurden.
Es war wirklich sehr schoen. Und ruhig.
Auch wenn ich auf den Farmen immer viel Alltaegliches entbehren muss, wie Postaemter oder Supermaerkte, so macht diese Ruhe doch viel wett. Denn sie ist Voraussetzung fuer unberuehrte Natur und eine Vielzahl an Tieren, wie ich sie in Deutschland selten erlebt habe. So sind fuer die hier lebenden Japaner Adler, Reiher, Rehe, Wildschweine, Libellen, Gottesanbeterinnen, Affen und Kaninchen beinahe unspektakulaer. Doch bei all diesen herrlichen Tieren bin ich doch froh, dass mir bisher eine hautnahe Begegnung mit einem Baeren erspart geblieben ist.
Dafuer hatte ich eine etwas einschuechternde erste Begegnung mit meiner neuen Gastmutter Kazuko-san. Keinesfalls Negativ. Es war nur so, dass ich ueber den tatsaechlichen Grad ihrer Behinderung sehr schockiert war. Im Profil hatte es geklungen, als koenne sie alles selbststaendig machen, saesse aber eben im Rollstuhl. Nun sah ich, dass das nicht stimmte.
Sie sass zusammengesunken auf dem Boden, einen Arm krampfhaft angewinkelt, die andere an den Koerper gedrueckt und sah mich mit einem schiefen Grinsen von unten an.
Ihre Sprache bestand aus einzelnen Worten, die sie, wie es den Anschein hatte, unter grosser Anstrengung hervorbrachte und man gezwungen war, sich den Zusammenhang begreiflich zu machen.
Aber sie war wirklich eine sehr goldige Person.
Bei meiner letzten Gastfamilie in Haramura hatte ich eine getoepferte Schale, in die das Bild einer Katze eingeritzt war, erworben, die der Vater meiner Gastmutter gemacht hatte. Denn in Kazuko-sans Profil stand, sie habe drei Katzen. Da konnte das also nicht ganz falsch sein. Zumindest moegen musste sie diese Tiere...
Und ihr koennt euch nicht vorstellen, wie entzueckt sie war. Ihr "Oooh" dauerte mehrere Sekunden und es schraubte sich in die Hoehe, als sie mich ansah und mir ihr strahlendes, etwas schiefes Laecheln schenkte.
So war das Eis gebrochen und ich wurde noch ein bisschen ausgefragt, bevor ich meinen Rucksack auf mein Zimmer brachte und es anschliessend auf die Felder zu den anderen ging.
Denn ausser mir, war nur mein Fahrer und eine andere Japanische Studentin bei ihr, die mir halfen, Kazuko-san zu verstehen.
Die restlichen WWOOFer traf ich an, als sie gerade auf dem Heimweg waren, denn sie hatten alle Feldarbeit bereits erledigt. So lernte ich Antonia und Johanne (Wwooferinnen, die beide aus Deutschland kamen), Toto (einen der vielen Japanischen Studenten, der gerade Semesterferien hatte), sowie Rohan (Wwoofer aus England) und einen weiteren aus Japan kennen, dessen Namen ich aber leider schon wieder vergessen habe...
Alle bereiteten mir einen herzlichen Empfang und ich hatte gleich das Gefuehl, dass es mit so vielen Leuten in meinem Alter, eine tolle Woche werden wuerde.
In ihrem Verlauf stiessen noch die zwei Tailaender, sowie ein franzoesische Schweizerpaerchen dazu.
Da Kazuko-san nur ein paar kleine Felder hatte, die eher Gaerten waren und auf denen es zur Zeit nicht viel zu tun gab, bestand unsere Arbeit eigentlich nur daraus, fuer alle zu kochen, das Haus zu putzen und fuer unsere Gastmutter zu sorgen. Da wir aber sehr viele waren, und es sich unter allen aufteilte, konnte man nicht wirklich von Arbeit reden. Eher umgekehrt. Man war froh, wenn es mal etwas zu tun gab und so kloppten wir uns beinahe ums Abspuelen, Abtrocknen oder die anderen kleinen Aufgaben, die hin und wieder anfielen. (Fuenf Leute zugleich in der Kueche, war deshalb keine Seltenheit)
Was das Betreuen unserer Gastmutter anging, so bestand es daraus, sie zu fuettern, ihr beim Toilettengang zu helfen (natuerlich nur die Maedchen, die Jungs trugen sie nur dorthin), sie umzuziehen und bettfertig zu machen. Einmal pro Nacht musste sie umgedreht werden. Dies uebernahm an den Wochenenden, wenn kein Pfleger kam, oft einer der Jungs, die eh auf der unteren Etage schliefen.
Das Besondere an dem Tagesablauf hier war, dass wir nicht um sechs aufstehen mussten.
Weil Kazuko-san ohne Hilfsmittel nicht schlafen konnte, blieben wir naemlich bis um elf oder zwoelf auf, um ihr Gesellschaft zu leisten, waehrend sie sich mit Sake betrank. Und sie trank leicht einen Liter davon pro Abend. Dann wurde sie sehr, sehr lustig, schlief manchmal kurz am Tisch ein und redete noch undeutlicher als sonst. Aber wir Maedchen mussten ihr noch ein letztes Mal beim Toilettengang helfen, bevor sie dann Anweisungen gab, ins Bett gebracht werden zu wollen. (Und wenn sie betrunken war, konnte man diese Aufgabe eigentlich nur zu dritt bewaeltigen)
Daher durften wir mindestens bis um acht oder halb neun schlafen. Manchmal wurde es auch spaeter, wenn unsere Gastmutter laenger schlief oder eine Pflegerin da war, die das Anziehen und die Toilette uebernahm.
Meine Zeit hier war wirklich sehr interessant und lehrreich. Denn obwohl Kazuko-san einen hilflosen Eindruck machte, war sie doch vollkommen klar im Kopf (auch wenn sie sich nicht gut ausdruecken konnte, weil ihre Behinderung auch den Mundbereich einschloss).
Sie wusste ganz genau, was auf den Feldern gemacht wurde, welches Gemuese reif sein sollte, wo gejaetet werden musste und vieles mehr, ohne selber dort gewesen zu sein. Das war schon sehr beeindruckend.
Manchmal fuhr sie sogar fuer einen halben Tag zum Arbeiten in die Stadt. Ich habe schon wieder vergessen, woraus diese Arbeit im Einzelnen bestand, aber es handelte sich um irgend etwas im Bereich Behindertenfoerderung.
Einmal kochten Johanna, Antonia und ich ein Deutsches Abendessen. Es gab selbstgemachten Kartoffelbrei, Buletten und Kuerbissuppe. Das fand sogar bei fast allen Anklang und mein Magen freute sich auch darueber.
Manchmal kochten Antonia und ich auch einen grossen Topf Milchreis, denn im Vergleich zu anderen Familien herrschte hier kein Mangel an Milch! Lustig war auch, dass mit jeder Milchreis-Party (wie wir sie zu nennen pflegten) neue Anhaenger dazukamen. Erst ein paar der Japaner, dann die Taiwanesen und spaeter die Schweizer. Auch wenn wir jedesmal mehr kochten, war es zum Schluss fast immer zu wenig.
Kurz vor meiner Abreise bekam ich zusammen mit den beiden sogar noch einen Tag frei. (Naja, eigentlich war er erst nur fuer Johanna und Antonia gedacht, immerhin waren sie schon seit Anfang September dort, aber sie waren so lieb und fragten Kazuko-san, ob ich mitkommen koenne und weil wir sowieso viel zu viele waren, machte es keinen Unterschied, ob ich mitkam oder blieb). Wir wurden sogar in die Stadt gefahren, denn der Bus fuhr hier nur dreimal am Tag.
Ich hatte ihnen von Narai erzaehlt und sie fuer diese Idee begeistert. Am Bahnhof erkundigten wir uns jedoch erstmal nach dem Fahrpreis, den das Budget meiner Gefaehrtinnen war nicht hoeher als das meine. Doch zu unserer Freude kostete die Fahrkarte nur 700 Yen und so tuckerten wir mit der Regionalbahn wenig spaeter durch die Berge.
Narai lag wirklich wunderschoen. Ueberall konnte man die sanften gruenen Huegel sehen, die Sonne schien und der Himmel war blau. Was fuer ein Urlaubstag!
Auch der Ort selber enttaeuschte nicht. Kleine, alte Haeuschen reihten sich dicht an dicht, links und rechts die breite, ruhige Strasse entlang. Nur ein paar wenige Autos stoerten die Illusion der Vergangenheit.
Die Souveniershops boten hier sogar wirklich huebsche Dinge an. Ein alter Ladenbesitzer, der bestimmt schon ueber neunzig war und einen schlimmen Tatterich hatte, servierte uns Tee, malte uns Erinnerungsbildchen und beschenkte uns mit selbstgedruckten Karten, waehrend wir uns dort umsahen.
Die Strasse war lang, aber wir gingen sie ein paar Mal auf und ab und genossen den Anblick. Am oberen Ende gab es einen schoenen roten Shintoschrein, der die ganze Szenerie abrundete.
Als am Nachmittag langsam Wolken aufzogen und wir alles gesehen hatten, goennten wir uns in einem der niedlichen Cafes ein Stueck Kuchen und machten uns danach auf den Rueckweg.
Ich musste in der Stadt noch ein paar Einkaeufe fuer die Schweizer erledigen, die am folgenden Abend Spaghetti Bolognese kochen wollten.
Um uns die Zeit zu vertreiben, bis uns jemand abholen wuerde, gingen wir anschliessend in eine nahegelegene Karaokebar.
An diesem Abend wuerden die Taiwanesen kochen und wir waren alle schon gespannt darauf. (Kazuko-sans Lieblingsessen beinhaltet naemlich immer Rettich. Der ist dann in Form von Blaettern oder Wurzeln ueberall zu finden und wir freuten uns, ihm fuer die naechsten Abende zu entkommen, denn der bittere Geschmack ist nicht so sehr unser Fall).
Der Morgen der Abreise kam schneller als gehofft. Hier hatte es mir wirklich gut gefallen. All die vielen jungen Leute und der entspannte Alltag waren sehr erholsam gewesen.
Doch ich freute mich auch auf meine neue Gastmutter in Gero (Gifu). Sie besass nach ihren Angaben acht Rinder und betrieb als Hobby ein Puppentheater. Das hoerte sich doch spannend an.
Ich hatte beschlossen mit dem Bus von Matsumoto nach Takayama zu fahren, denn die Strecke fuehrt mitten durch die Japanischen Alpen. Ich war nicht in der Lage gewesen, sie zu besichtigen, geschweige denn zu besteigen, da wollte ich sie wenigstens einmal aus der Naehe sehen...
Mit mir verliessen auch Johanna und Antonia die Farm. Sie hatten ebenfalls eine neue Gastfamilie, etwas noerdlicher.
Einer der Studenten fuhr uns deshalb gemeinsam zum Bahnhof, wo wir uns verabschiedeten. Ich Richtung Busterminal, die beiden anderen zur Bahn. :)
Mata ne
Kira

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