Donnerstag, 18. November 2010

Mori no ie - Arbeiten in Kashimo

Von Wachschweinen im Hof und Ratten im Schlafzimmer

Mit dem Zug ging es also ganz gemaechlich von Toyama nach Kashimo. Die Haelfte der Strecke kannte ich ja bereits aus meiner vorherigen Zeit in Gero, als ich auf der kleinen Kuhfarm arbeitete, denn auch Kashimo liegt in der Praefektur Gifu und nur wenige Haltestellen von meiner damaligen Gastmutter entfernt.

Ma-san, mein neuer Gastvater und sein juengster Sohn Kanta holten mich vom Bahnhof ab. Waehrend der Fahrt wurde ich ueber den Lebensstil und Besonderheiten meiner neuen Gastfamilie aufgeklaert.
Vor fuenf Jahren hatte er zusammen mit seiner Frau Rie-san ein altes Bauernhaus, das bereits 150 Jahre alt war, erworben und restauriert. Sie nannten es "mori no ie" - Waldhaus (auch wenn es in Wirklichkeit nur am Waldrand liegt). Doch dieser Name beschreibt auch ihren Lebensstil, der sehr naturverbunden und umweltbewusst ist.
Sie finanzieren ihre Familie mit derzeit zwei Soehnen durch einen kleinen Laden, den sie auch online betreiben und wo man allerhand oekologische Produkte von Seifen ueber Lebensmittel und sogar Waermflaschen aus Deutschland kaufen kann. Rie-san backt zudem selber vegane Kuchen und Kekse, die uns manchmal in einer kleinen Pause zum Probieren gereicht wurden und welche tatsaechlich sehr gut schmecken, obwohl sie ohne Butter, Zucker, Milch und Ei hergestellt sind.
Allerdings muss sie schon sehr frueh morgens aufstehen, um die grosse Nachfrage befriedigen zu koennen (das heisst, ich hoerte sie manchmal schon gegen drei oder vier Uhr frueh in der Kueche rumoren) und war daher oft etwas gestresst und ungeduldig. Allerdings sprach sie so gut wie kein Englisch und wenn man deshalb eine ihrer Instruktionen nicht gleich auf Japanisch verstand, war sie veraergert und machte es lieber selber als es erneut zu erklaeren.

Auch organisierte Ma-san fuer fast jedes Wochenende einen Workshop, ein Seminar oder andere Treffen, nicht nur weil es ihm grossen Spass machte, sondern auch um sich selbst und damit den Laden bekannter zu machen. Das Bewirten fiel jedoch Rie-san zur Last, was ihren Stress nicht gerade linderte. Oft kamen bis zu 20 Personen. (Ein Seminar war zu Ehren einer Australierin, die in ihrem Heimatland ebenfalls eine organische Farm betreibt und ein Referat ueber ihre Methoden hielt, das andere war ein Workshop ueber den theoretischen und praktischen Umbau von Autos, so dass diese umweltfreundlicher mit WVO (waste vegetable oil - also altem Frittierfett) fahren konnten)

Das Leben der WWOOFer war hier ebenso geschaeftig.
Wir schliefen auf dem geraeumigen Dachboden und da das Haus, wie gesagt schon sehr alt war und wir bereits Ende Oktober schrieben, blies ein eiskalter Wind durch teilweise fingerbreite Spalten. Einige Tage nach meiner Ankunft vernagelten wir daher alles mit grossen Pappkartons. Da ich anfangs das einzige Maedchen war, wurde fuer mich nur eine kleine Nische mit Stellwaenden notduerftig abgetrennt.
Offenbar hielten auch Spinnen, Stinkwanzen und Mauese den Dachboden fuer ein ausgezeichnetes Winterquartier, denn des Nachts konnte ich viele kleine Fuesse ueber die Tatamimatten trippeln und kleine Zaehne an den Kartons nagen hoeren.
Eines Abends vernahm ich ungewoehnlich lautes Rascheln aus der Ecke, die meinem Futon am naechsten lag. Das konnte keine Maus sein. Ich versuchte mit meiner kleinen Taschenlampe die Ursache dieses Laerms auszumachen, sah aber nichts. Stattdessen verstaerkte sich das Rascheln nur. Letztendlich siegte doch die Neugier und ich kroch auf allen vieren unter die Schraege. Und dort in einer der Mausefallen, die Ma-san aufgestellt hatte, hing mit einer Pfote eine panische Ratte und versuchte sich mit Leibeskraeften zu befreien.
Ich hatte keine Ahnung, wie ich dem Tier helfen konnte und so blieb mir nur, meinen Gastvater zu holen, der die Falle samt Ratte einfach in Zeitungspapier wickelte und damit verschwand. Ich habe nie herausgefunden, was damit geschah...

Der Alltag:
Gegen sechs Uhr Morgens wurden wir von dem lauten Quieken des Hausschweins Buddha geweckt, das nach seinem Fruehstueck verlangte. Die Menschen assen jedoch erst gegen acht Uhr und unsere Morgentaetigkeiten nahmen nicht so viel Zeit in Anspruch, da wir zu zweit waren und sie unter uns aufteilen konnten. Deshalb mussten wir uns erst eine Stunde spaeter langsam aus dem warmen Bett quaelen, auch wenn die Beschwerden von Buddha keinen Schlaf mehr zuliessen. Meine erste Aufgabe vor dem Fruehstueck bestand also daraus, dem armen verhungernden Schwein sowie den Huehnern den Topf mit Kuechenabfaellen zu servieren, anschliessend die Waesche zu waschen und aufzuhaengen, die Toilette zu putzen, die Boeden zu fegen, den Tisch zu decken und Rie-san beim Kochen zu helfen. Spaeter wuschen wir das Geschirr, raeumten das Haus fertig auf und dann rief uns Ma-san zur Farmarbeit.
Diese ging normalerweise bis gegen halb eins, dann halfen wir beim Mittagessen und ab halb zwei bekamen wir endlich eine kleine Mittagspause (die wir natuerlich alle verschliefen).
Um drei ging es weiter. Waehrend die anderen ihre Aufgaben vollendeten, wurde einer von uns abkommandiert, das abendliche Bad einzuheizen, was fast drei Stunden dauerte, denn der Ofen war sehr klein und das Holz brannte schlecht. Meisstens qualmte es so sehr, dass schon in den wenigen Sekunden, die man brauchte, um die Luke zu oeffnen und neue Scheite nachzuschieben, unter der Decke des Raums eine dicke Rauchwolke entstand. Diese war auch dafuer verantwortlich, dass ich jeden Tag das Waschbecken und den Fussboden putzen musste, da sich ueberall die feinen Russpartikel absetzten.
Die Farmarbeit an sich bestand aufgrund des fortgeschrittenen, dennoch waehrend des Tages noch immer herrlich warmen Wetters, nicht mehr ausschliesslich aus Feldtaetigkeiten, denn der Reis war bereits geerntet und hing zum Trocknen ueber langen Stangen.
Das Schoene an mori no ie war, dass die Arbeit, abgesehen von den haeuslichen alltaeglichen Aufgaben sehr vielfaeltig war:

So lernten wir unter anderem, wie man die Papierbespannung der typisch Japanischen Schiebetueren erneuert. (Ma-sans Soehne liebten es, mit ihren kleinen Fingern Loecher hineinzupieken, wann immer man nicht hinsah).
Dazu weicht man zunaechst das alte Papier an den Klebestellen mit warmen Wasser auf. So laesst es sich leichter abziehen und komplett entfernen. Nachdem das Holzgestell getrocknet ist, wird der Rahmen und die inneren Leisten mit Kleister (frueher machte man ihn aus Reisstaerke) bestrichen und anschliessend mit dem duennen Papier frisch beklebt. Das ganze laesst man wieder eine Weile trocknen, bevor die Tuer wieder einsetzt werden kann. Ein altes Japanisches Haus ist noch so konstruiert, dass man alle Waende leicht aushaken kann, denn im Sommer ist es sehr heiss und in dieser Zeit wurden frueher fast alle Papierwaende entfernt um die Luft zirkulieren zu lassen.

Einmal erzaehlte uns Ma-san eine interessante Geschichte. Drei Jahre nachdem er das Haus gekauft hatte, entruempelte er einen der Schuppen, die noch heute teilweise voll Krempel vom Vorbesitzer sind und fand bei dieser Aktion zwei alte Handmuehlen aus Holz, die fast auf 100 Jahre datiert werden konnten. Diese Handmuehlen bestehen aus zwei schweren Teilen. Das Untere hat die Form eines Kegels auf einem Sockel und dieser Kegel ist mit vielen Rillen versehen. Das obere Teil dagegen hat dieselbe Kegelform im Inneren und laesst sich deshalb nahtlos auf das Unterstueck setzen und bewegen. Das Korn wird in ein Oeffnung im Deckel gefuellt, rieselt in die Rillen und wenn man nun das Oberstueck bewegt, wird es dadurch zermahlen.
Das Interessante war nun, das Ma-san in diesen Muehlen einige alte Reiskoerner fand, die mindestens 50 Jahre alt sein mussten. Diese Reiskoerner pflanzte er auf gut Glueck ein und eines davon begann tatsaechlich zu spriessen! Waehrend der folgenden Jahre konnte er mit Geduld und Fuersorge durch wiederholtes Einpflanzen tatsaechlich letztenendes einige hundert Aehren gewinnen, die er nun zusammen mit uns dreschen wollte.
Aber nicht auf moderne, herkoemmliche Weise. Denn er hatte auch einige alte Geraetschaften in den Schuppen gefunden, mit denen die Menschen vor der Zeit der Elektrizitaet arbeiteten.
Als erstes verwendeten wir etwas, das aussah, wie ein grosser Kamm mit eisernen, dreieckigen Zacken. Durch diese zogen wir in kleinen Buendeln die Reishalme und bewirkten so, dass am unteren Ende, wo die Zacken spitz zusammenliefen, die Reiskoerner abgetrennt wurden. Das ganze Geraet war nicht sehr schwer und deshalb musste man es mit den Fuessen abstuetzen um dem Zug entgegenzuwirken.
Nachdem wir etwa ein fuenftel der Halme auf diese Weise bearbeitet hatten, was ziemlich viel Zeit in Anspruch nahm, zeigte uns Ma-san eine andere Maschine. Diese bestand aus einer grossen drehbaren Holztrommel mit kleinen Drahtboegen auf der Oberflaeche. Die Trommel brachte man mit den Fuessen durch ein Pedal in Bewegung, aehnlich den frueheren Naehmaschinen, und waehrend sich die Trommel drehte, legte man buendelweise die Halme darauf. Die kleinen Drahtboegen hatten in diesem Fall die Aufgabe, die Koerner abzutrennen und es ging dank der Rotation erheblich schneller, als mit den Eisenzacken. Dennoch brauchten wir einige Zeit, bis alle Reiskoerner eingesackt waren. Danach ging es weiter mit dem normalen Reis, der inzwischen gut durchgetrocknet war und davon gab es nicht nur hunderte sondern tausende von Halmen. Zum Schluss hatten wir alle ordentlichen Muskelkater in den Beinen und waren froh, als dieser Teil der Arbeit erledigt war.
Die letzte Maschine war ein grosser Holzkasten mit einem Trichter oben, sowie einige kleinere Oeffnungen an den Seiten und einer Handkurbel. Die Kurbel betaetigte einen Ventilator. Das gedroschene Korn wurde von einer Person in den Trichter gefuellt und waerend es rieselte betaetigte ein anderer den Ventilator um Halmreste, Huelsen und anderen leichten Abfall von den Koernern zu trennen. Die guten Koerner kamen flossen durch eine der Oeffnungen in den Sack, waehrend aus einer anderen der Staub und Abfall geweht wurde. Allerdings war dieser Vorgang nicht sehr zuverlaessig, denn schwerer Abfall konnte nicht weggeblasen werden.
Dennoch war es ein interessantes Projekt bei dem man vor allem Respekt vor dem Arbeitsaufwand damals lernte.

Eines Tages kam ein Freund der Familie vorbei, den alle wegen seiner Vorliebe fuer Alkohol nur "Brandy-san" nannten, um Buddha sein jaehrliches Bad zu verpassen. Buddha war in der Tat so schmutzig, dass man nicht mehr sagen konnte, welcher der Flecken auf dunkle Pigmente zurueckzufuehren war und welcher auf den Matsch im Hof. Also lockten wir das arme nichtsahnende Tier an seiner Leine (es trug eine Art Harnisch um die Brust, wie man ihn auch manchmal bei Hunden sieht) und mithilfe eines Topfes voll Koernern, die ich nach Haensel & Gretel-Manier vor seiner Schnauze plazierte auf die Strasse.
Dort hatte Brandy-san bereits einen Eimer warmes Wasser, Seife, sowie einige Buersten und Schrubber bereitgestellt. Schon beim Anweichen des Schmutzes mit Wasser fing es an zu quitschen, als hinge sein Leben davon ab. Das wurde auch nicht besser, als die Buersten zum Einsatz kamen, doch bald fanden wir heraus, dass man es sehr gut mit Futter ablenken konnte. Waehrend der eine es also mit ein paar Koernern beschaeftigte, nahm es von den Bemuehungen des anderen, es sauberzuschrubben, keine Notiz mehr. Das klappte aber natuerlich nicht mehr, als die Schnauze selbst an der Reihe war, doch nach gut zwei Stunden konnten wir es beinahe blitzeblank von diesen Qualen erloesen.

Ich war sogar noch dort, als Buddha endlich den graesslichen Harnisch loswurde, den es seit fast zwei Jahren trug, denn ich half dabei, einen Zaun um das Huehnerhaus zu bauen, welches sein neues Zuhause werden sollte. Die Huehner selbst wuerden in einem groesseren Schuppen untergebracht werden, denn Ma-san wollte bald anfangen sie zu zuechten.
Ich dachte, das Schweinchen wuerde Freudenspruenge machen, als es endlich frei war, doch nichts dergleichen. Es hing nur mit der Nase im Matsch und wedelte mit dem Schwanz, als es sich seinen Weg durch das neue Terretorium wuehlte.

Aber genau wie schon bei anderen Gastfamilien, bestand meine Zeit in mori no ie nicht nur aus Arbeit (wie ich die interesannten Taetigkeiten trotzdem nennen muss, da sie sehr den Koerper ermuedeten) sondern auch aus Ausfluegen und Unterricht.
Uns wurde gezeigt, wie man selbst Bier braut und abfuellt. (Lustigerweise verwendete Ma-san dafuer als Grundlage deutschen konservierten Hopfen)
An einem anderen Vormittag nahm er uns mit zu seiner Tanzgruppe, die sich hin und wieder trifft und, durch Trommeln begleitet, Afrikanische Taenze probt. Das machte sehr viel Spass, denn wenn man eine lange Zeit in einem fremden Land verbringt, erscheinen einem dort andere Kulturen ebenso aufregend, wie im eigenen Land. Wir bekamen sogar Einfuehrungsunterricht im Trommeln.
Als wir Besuch von der Australierin hatten, machten wir alle zusammen einen Ausflug zu einem grossen Gebirgsbach, der durch einen herrlichen, und nun im Herbst bunten Wald floss. Wir erklommen ein ganzes Stueck des Berges auf schoenen Holztreppen und -wegen, die wiederum auf Stelzen standen. Man ging praktisch auf Laminat, nobler ist eine Wanderung kaum moeglich. :)
Anschliessend fuhr Ma-san an einem Tempel vorbei, in dem ein gigantisch grosser, uralter Baum stand. Man datierte ihn auf mindestens 1.500 Jahre!










Nachdem wir auch diesen ausgiebig bewundert hatten zeigte uns unser Gastvater auch noch ein Noh-Theater, das zwar nur 100 Jahre alt war, aber dennoch beeindruckte. Wir bekamen eine richtige Fuehrung, nicht nur hinter, sondern auch unter die Kulissen und durften mit einigen der Requisiten, wie alten Samuraischwertern posieren.













Alles in allem verging meine Zeit durch all diese aufregenden Events sehr schnell, obwohl es an ein paar besonders langen und harten Tagen nicht so schien.

Meine naechste Station wuerde die Praefektur Hyogo sein, wo meine neue Gastfamilie in Suwa lebte. Da ich meine Reisekasse schonen wollte, hatte ich beschlossen ueber Nagoya und Osaka dorthin zu trampen. Sehr zur Belustigung meines Gastvaters, der sich meines Erfolges nicht sicher war. Zudem war ich wohl der erste WWOOFer der etwas in dieser Art betrieb und er wollte es sich nicht entgehen lassen, mich zu beobachten.

Ich praeparierte mir also mal wieder ein Schild und stellte mich damit am Morgen meiner Abreise an die Strasse.
Tatsaechlich begleiteten mich alle anderen WWOOFer und meine Gastfamilie bis dorthin und wollten allen Ernstes warten, bis mich ein Auto mitnahm.
Doch ich fuerchtete, die Autofahrer koennten denken, ich sollte fuer die ganze Gruppe eine Mitfahrgelegenheit ergattern und wuerden aus diesem Grund gar nicht erst anhalten. Deshalb gelang es mir am Ende doch, sie zu ueberzeugen mich allein zu lassen...

Mata ne
Kira

Sonntag, 7. November 2010

Urlaub auf Amerikanisch - Toyama

In Takayama angekommen, teilte ich Mario-san (Nanakos Freundin) meinen Plan mit, versuchen zu wollen, nach Shirakawago zu trampen. Der Bus war doch recht teuer und bisher hatte ich damit ja immer Glueck gehabt. Sie meinte, dass ich gar keine schlechten Chancen haette, weil dieses Dorf sehr beruehmt ist und viele Leute dorthin fahren.

Allerdings war die Stadt selbst kein guter Startpunkt und so fuhr Mario-san mich ein paar Kilometer weiter, zu einer "michi no eki" - was uebersetzt so viel wie "Strassenbahnhof" heisst und nichts weiter ist, als eine Raststaette.
Dort half sie mir sogar, einen alten Pappkarton mit meinem Wunschziel auf Japanisch zu beschriften. So wuerde ich bestimmt jemanden finden, der mich mitnahm.
Zum Abschied kaufte sie mir ein paar Kekse und versprach, in zwei Stunden wieder vorbeizukommen um mich aufzulesen, falls ich keinen Erfolg gehabt haben sollte. Dann wuerde sie mich zum Bahnhof bringen, wo ich doch noch den Bus nach Shirakawago nehmen koennte.

So verabschiedeten wir uns und ich lenkte meine Schritte, das Pappschild unter dem einen Arm, erstmal Richtung Toilette.
Als ich die Kabine verliess, stand an den Waschbecken bei meinem Rucksack eine Dame, die offensichtlich auf mich wartete und fragte, ab dieses Gepaeck mir gehoere.
Ich befuerchtete schon, ich haette meine Sachen dort widerrechtlich abgestellt (obwohl ich keine Verbotsschilder sehen konnte, aber die Japaner sind in vielen Dingen etwas eigen) und wollte mich schon entschuldigen, als die Frau auf das Pappschild zeigte und sich erkundigte, ob ich dorthin wolle.
Ich bejahte, woraufhin sie davonwuselte, mir ungeduldig winkend, ich solle ihr folgen.
Im Gehen erzaehlte sie mir, sie und ihr Mann kaemen an Shirakawago vorbei und koennten mich dort absetzen.

Hat man von so unverschaemten Dusel schon gehoert? Waere ich aberglaeubisch, wuerde ich vermuten, dass dafuer das Pech eines Tages geballt ueber mich hereinbrechen muesse...

Wir quetschten also meinen dicken Rucksack in den Kofferraum und fuhren los. Unterwegs schrieb ich Mario-san noch eine kurze SMS, dass ich Erfolg gehabt habe und sie sich nicht weiter Sorgen muesse.
Die Fahrt verlief still. Das Ehepaar redete viel miteinander auf schnellem Japanisch und fragten mich kaum aus. Doch das war mir sehr recht. Ich war etwas muede und so konnte ich einfach aus dem Fenster gucken und die herbstlich-bunte Landschaft vorbeisausen sehen. Ein Auto war doch etwas Schoenes. Jedenfalls in manchen Situationen. Ansonsten bleibe ich meinem Rad treu.

Wir waren nach meinem Zeitgefuehl vielleicht gerade eine Dreiviertelstunde gefahren, da wiesen sie nach rechts, wo sich ein kleines Dorf malerisch in ein Tal schmiegte. Dort laege Shirakawago, erklaerten sie mir.
Ich konnte von hier noch kein einziges Strohdach erspaehen und dachte, ich haette mir das alles vielleicht falsch vorgestellt, doch als wir die kleine Dorfstrasse entlangfuhren, hoerten die Backstein- und Betonhaueser an einer Stelle urploetzlich auf und stattdessen erhoben sich strohgedeckte Huetten gen Himmel, der mit seiner azurblauen Farbe einen tollen Kontrast herstellte.

Diese, von der UNESCO als Weltkulturerbe erklaerten Huetten werden auch "gassho-zukuri" genannt, was soviel wie "betende Haeuser" bedeutet, da die Daecher wie zwei, zum Gebet aneinandergelegte Haende aussehen.

Hier verabschiedete ich mich von dem netten Ehepaar, das spontan beschlossen hatte, sich die Sache auch einmal anzusehen, wo sie schon einmal dort waren.
Ich suchte erstmal einen Supermarkt auf, um dort mein Schild in einem der Muelleimer loszwerden und mir etwas zu trinken zu kaufen.

Als ich das Geschaeft wieder verliess, traf ich an der Strasse ein Paerchen, die Taiwanesin Emily und den Muenchner Markus. Wir verstanden uns gleich gut und nachdem wir fuer Markus eine Post gefunden hatten, wo er Geld abheben konnte, schlenderten wir gemeinsam durch das Dorf.
Sie zeigten mir sogar ein Infobuero, wo man Busfahrkarten kaufen und sein Gepaeck einlagern konnte. Das tat ich auch sofort mit meinem schweren Rucksack.

So erleichtert fuehrten wir unseren kleinen Spaziergang fort, ich wurde sogar auf einen Kaffee eingeladen, bis es fuer die beiden Zeit war, ihr Gepaeck zu holen und sich zur Bushaltestelle zu begeben. Sie wollten die Nacht in einem anderen, kleineren Gassho-Zukuri-Dorf (Ainokura) verbringen, das von Touristen nicht so ueberlaufen war.

Auch ich hatte vorgehabt, in einer der beruehmten Huetten zu uebernachten und mich zuvor in der Touristeninformation nach einem freien Platz erkundigt, doch da genau an diesem Tag ein Festival stattfand, war alles schon lange ausgebucht. Die Dame musterte mich daraufhin abschaetzend und fragte, wie hoch mein Budget sei, fuer 30.000 Yen sei sicher noch etwas in einem der besseren Hotels zu finden. (Das entspricht in etwa 300 Euro!)
Nun, ich brauche hier niemandem etwas vorzumachen - mein Budget hatte unter diesen Umstaenden nicht einmal fuer eine Stunde in einem dieser Hotels gereicht.

So beschloss ich, die Nacht in den Bergen in meinem Zelt zu verbringen. Markus hatte mir erzaehlt, dass er mit Emily zu einem Aussichtspunkt gegangen war, der nur etwa 10 Minuten entfernt lag und dort gaebe es genug Moeglichkeiten unbehelligt zu campen.

Also machte ich mich auf den Weg, um mir die Sache anzusehen. Die Aussicht auf das Dorf war wirklich herrlich und runherum gab es viele Buesche, unter denen ich mein Zelt aufschlagen konnte.
S0 machte ich mir einen restlichen schoenen Tag im Dorf, kaufte ein Gastgeschenk fuer Kati und heisse Maissuppe in der Dose, Milchbroetchen, Mohrrueben und eine Flasche Wasser als Proviant.
Ich wurde nicht ins Tal zurueckkehren, da ich oben am Aussichtspunkt ein Schild zur Autobahn gesehen hatte, wo ich morgen zunaechst mein Glueck versuchen wollte, Richtung Toyama zu trampen.

Gegen halb sechs, als es langsam daemmerte, holte ich meinen Rucksack von der Information und stieg den Berg hinauf. Als ich mein Zelt aufgebaut und mein Abendbrot aus Maissuppe und Broetchen unter dem schoenen Ausblick verspeist hatte, war es schon ganz dunkel.
Nun schimmerten nur noch die entferten Lichter der erleuchteten Fenster und Shemen der Huetten zu mir hinauf, die von einem grossen Strahler sanft beleuchtet wurden. Ich fragte mich, ob man unter diesen Umstaenden eine gute Nacht dort unten verbringen konnte, mit dem Strahler, der heller schien als der Mond...

Oft hielten Autos und Menschen stiegen aus, die diese Szenerie ebenfalls geniessen wollten. Auch, als ich schon lange in meinem Schlafsack lag, hoerte ich dann und wann Autotueren knallen, Schritte auf knirschendem Kies, die an meinem Zelt vorbeikamen und ab und zu Geraschel im Gebuesch. Gedaempft erklang die Trommelmusik des Festivals sogar noch bis hierher und wiegte mich in den Schlaf. Dennoch konnte ich nicht wirklich tief schlafen, aber dafuer genoss ich am naechsten Morgen die frische Luft und den Sonnenaufgang ueber den Bergen umso mehr.

Ich fruehstueckte, packte in aller Ruhe meine Sachen und begab mich auf die kleine Strasse Richtung Autobahn.
An einer Abzweigung zoegerte ich. Ich zog meine Karte zu Rate, konnte aber nicht entscheiden, welcher Weg besser sei. Beide fuehrten zu unterschiedlichen Autobahnen und es gab leider keine direkte Verbindung nach Toyama. Ein Auto fuhr langsam an mir vorbei, bog in die rechte Strasse ein und als es schon fast ausser Sicht war, hielt es in einer Kurve an.
Ich sagte mir, wenn ich diese Strasse waehlte, haette ich vielleicht die Chance, dass mich der Fahrer moeglicherweise mitnahm... Und genau so war es. Als er sah, welchen Weg ich waehlte, stieg er aus und kam auf mich zu. Offensichtlich hatte er nur darauf gewartet, wie ich mich entscheiden wuerde.

Er war Rentner und wollte heute einen Ausflug in die Naehe von Kamikochi, nach Nagano machen. Wir luden gemeinsam meinen Rucksack in den Kofferraum und ich bedankte mich mehrmals. Ich war froh, dass ich mal wieder so einfach einen Lift gefunden hatte. Mir war momentan auch egal, wohin es ging. Zeit hatte ich genug - bei Kati hatte ich mich erst fuer morgen angemeldet und solange er mich in irgendeinem Ort ablud, wo ich eine Zug nehmen konnte, war es mir recht.

Wir fuhren die kleine, enge Bergstrasse entlang, die sich oft wand und links und rechts mit den herrlichen bunten Baeumen bewachsen war. Sonst gab es nichts. Nur Berge und Baeume fuer mindestens eine Stunde! Da waere ich schoen gewandert mit meinem schweren Rucksack!

Doch auf diese Weise konnte ich diese wunderschoene Landschaft geniessen. Mein Sankt Martin war auch ein freundlicher, unterhaltsamer Genosse.

Er war etwas betruebt, dass er mir nicht sehr weit helfen konnte, denn nach dieser Bergstrasse musste ich nach Westen und er gen Norden, nach Nagano. Er redete sehr schnelles Japanisch und es war fuer mich wirklich anstrengend ihm zu folgen und alles zu verstehen.
Aber die Muehe lohnte sich, denn er fragte mich, ob ich heute noch etwas vorhabe, und nachdem ich verneinte, lud er mich ein, mit ihm den Ausflug nach Nagano zu machen. Gluecklich sagte ich zu, denn als ich damals bei Kazuko-san gearbeitet hatte, wollte ich unbedingt in die Berge nach Kamikochi und dass mir das nun wider Erwarten doch vergoennt war, sah ich als wahres Geschenk.

Wir fuhren eine ganze Weile durch laendliche Gegenden, ab und zu musste sich auch mein Ojiisan nach dem Weg erkundigen, trotz neustem Navigationssystem.

Schliesslich waehlte er eine kleine Strasse und wir fanden uns inmitten eines Gebirges wieder.
Hier gab es sogar eine Seilbahn, mit der man fahren konnte. Er war ganz versessen darauf, sie mir zu zeigen und so warteten wir einige Minuten, bis sie sich in der Ferne in unser Blickfeld schob.
Wir standen auf einer Art Plateau und er erklaerte mir, dass das eigentlich ein Hubschrauberlandeplatz war.

Von hier bot sich eine besonders schoene Aussicht!

Als wir uns nach etwa einer halben Stunde auf den Weg zurueck zum Auto machten, fragte Ojiisan mich, wie mein Verhaeltnis zu Onsen stuende und war hocherfreut, als ich erzaehlte, ich moege sie dermassen gern, dass ich am liebsten einen davon nach Stuttgart importieren wuerde!
Er wollte mir gerne eine sehr beruehmte heisse Quelle zeigen, die ganz in der Naehe war.
Und dann lud er mich dorthin ein!
Spaeter, als wir uns sauber und erhitzt im Warteraum wieder trafen, wollte er gern noch etwas essen, bevor es weiterging. Und auch hier war ich machtlos gegen seine Grosszuegigkeit, denn fuer ihn stand es ausser Frage, dass er mich auch noch zum Essen einlud! Es gab Udon mit dicken Nudeln und schmeckte herrlich...

Nach diesem magenwaermenden Mahl brachen wir auf. Ojiisan wollte mich an einer michi no eki absetzen, da ich von dort mehr Erfolg haette, ein Auto nach Toyama zu finden. Er wohnte naemlich in Nagoya und das lag an der Ostkueste - also genau entgegengesetzt von meinem Zielort.
Doch die erste Raststaette kam und ging, ohne dass er auch nur die Geschwindigkeit aenderte. Auf meinen fragenden Blick hin meinte er nur, etwas weiter sei eine andere, die geschickter laege.
Allerdings stellte sich das "etwas weiter" als gute 15 Kilometer heraus.
Aber auch hier hielt er nicht und als ich ihn, nun wirklich verwundert fragte, warum er weiterfuehre, da erklaerte er mir, nicht alle Menschen seien nett und er wuerde sich einfach Sorgen um mich machen und daher lieber direkt nach Toyama bringen!
Natuerlich versuchte ich, ihm das auszureden, doch es war vergebens. Ihm mache das Autofahren ohnehin Spass, deshalb solle ich mir keinen Kopf machen...

Das sagt sich so leicht. Immerhin brachte ich ihn um einen erholsamen Tag.
Als wir in Toyama ankamen, sah er auch wirklich muede aus und ich wollte ihn gern auf einen Kaffee einladen, doch den schlug er einfach aus! Nachdem ich meine Sachen ausgeladen hatte, verabschiedete er sich auch gleich von mir und brauste winkend davon.
Ich stand, von meinem Dusel noch immer etwas ueberrumpelt, am Strassenrand und musste mich erstmal sortieren. Eigentlich hatte ich ja erst am naechsten Tag hier ankommen wollen...

So setzte ich mich erstmal bei einem Springbrunnen auf eine Bank und uebelegte. Zwar war es unwahrscheinlich, dass Kati meine Nachricht rechtzeitig lesen wuerde, aber ich schrieb ihr von meinem Handy aus trotzdem erst einmal eine E-mail, erklaerte die Situation und bat sich, mich schon heute Nacht bei sich aufzunehmen. (Ich traute mich nicht, sie anzurufen, weil sie um diese Zeit vielleicht gerade arbeitete. Sie unterrichtet Englisch und mitten in ihrer Stunde anzurufen war bestimmt nicht gern gesehen)
Dann machte ich mich auf den Weg zum Bahnhofsgebaeude, denn dort konnte ich mich schonmal nach guenstigen Unterkuenften und einem Internetcafe erkundigen. Ein Businesshotel gab es in der Naehe fuer 1.900 Yen und Internetzugang sogar sehr guenstig direkt im zweiten Stock des Bahnhofs.

Also erkundigte ich mich zunaechst in dem Hotel nach freien Zimmern. Doch auch hier war aufgrund eines Festivals alles ausgebucht. Dann stand es wohl mit den anderen billigen Unterkuenften aehnlich.
Deshalb suchte ich am Bahnhofs-PC nach Internetcafes in der Naehe. Dann wuerde ich die eine Nacht eben dort verbringen. Das war auch weitaus flexibler, falls Kati mich doch noch kontaktieren sollte. Ich hatte auch Erfolg und fand eines, keine zwei Strassen weiter.

Ich schulterte wieder meinen Rucksack und machte mich auf den Weg um herauszufinden, ob man dort schlafen konnte. (Ist zwar normalerweise so, aber man kann nie wissen...)
Als ich an der Kreuzung ankam, wo es haette sein sollen und ich mich gerade bei einem netten Restaurantbesitzer danach erkundigte, hoerte ich auf einmal hinter mir jemanden meinen Namen rufen.

Es war Kati!
Sie kam auf mich zugeradelt und laechelte.
Was fuer ein Zufall aber auch! Sie hatte meine E-mail natuerlich noch nicht gelesen, war aber gerade auf dem Heimweg von einem Arztbesuch.
Gluecklicherweise war es auch kein Problem fuer sie, mich schon heute Nacht zu beherbergen. Im Gegenteil. Ihr Freund war zur Zeit auf Geschaeftsreise in China und sie langweile sich zu Tode.
Sie lachte nur ueber meine "unangemessene Ruecksichtsnahme", wie sie es ausdrueckte.

Ihr Appartement war auch gar nicht weit entfernt. Nach nur 10 Minuten standen wir schon davor und sie erklaerte mir die PIN-Nummer fuer den automatischen Tueroeffner.
Die Wohnung war ein wenig kleiner als die von Claus, aber definitiv groesser als Lottis. Es gab ein relativ grosses Badezimmer, die Kuechenzeile befand sich nicht eingeklemmt im Flur, sondern in einem kleinen Vorzimmer und das Schlaf- oder Wohnzimmer liess sich mit Faltwaenden abtrennen. Dort passten leicht vier Matratzen nebeneinander und ich bekam auch sofort meine eigene Ecke. Kati stellte mir sogar einen kleinen Tisch hinein, worunter und worauf ich meine Sachen unterbringen konnte.

Die folgenen Tage waren sehr erholsam. Ich tat nicht besonders viel. Da Kati meisstens von Nachmittags bis Abends arbeitete, standen wir erst spaet auf, fruehstueckten, gingen einkaufen, kochten gemeinsam Mittagessen, redeten und alberten viel herum und manchmal kamen ihre Freundinnen zu Besuch.
Ihre beste Freundin kannte sie schon ihr ganzes Leben. Jules war auch Amerikanerin und wohnte im selben Gebaeude. Auch ihr Freund hauste nur zwei Stockwerke ueber ihr.
Das war natuerlich sehr praktisch fuer Kati. So war sie zumindest nie alleine.

Sie unterrichtete mich auch in Amerikanischer Kueche. So durfte ich Pancakes mit Ahornsirup, Oatmeal (In Wasser gekochte Haferflocken mit Rosinen) und diverse Smoothis aus Fruechten, Milch, Haferflocken, Erdnussbutter u. v. m. kosten. Allerdings stellte ich fest, dass ich Erdnussbutter ueberhaupt nichts abgewinnen kann!

Ab und zu unternahmen wir auch Ausfluege.
In Toyama gibt es viele schoene Orte und ein paar interessante Museen, die ich erkundete, wenn Kati gerade arbeitete.

Einer meiner Lieblingsplaetze wurde der "Berg der 1.000 Buddhas". Der Name an sich erklaert schon ziemlich gut, worum es sich dabei handelte.
Unendlich viele Steinfiguren reihten sich dicht an dicht den Huegel hinauf und dazwischen gab es eine ausgetretene Steintreppe, die man bis zum Gipfel erklimmen konnte.
Von dort aus hatte man eine tolle Sicht auf die Stadt. Leider gefiel das scheinbar auch den Muecken sehr gut, denn lange konnten wir dort nicht verweilen, ohne aufgefressen zu werden. Dabei war es schon Ende Oktober!

Am Wochenende hatte Kati frei und so machten wir alle zusammen einen Ausflug nach Kurobe.
Das ist eine huebsche kleine Stadt in den Alpen, inmitten unberuehrter Natur an einem grossen Fluss.

Hier konnte ich auch meine ersten Japanmakaken hautnah sehen - und natuerlich fotografieren! Ich hatte schon bei Nanako einen dieser rotgesichtigen Affen gesehen, aber nur vom Auto aus, wie er auf einem Baum sass.
Hier sassen sie auf der Strasse! Und auf den Gleisen der kleinen Gebirgsbahn, mit der wir spaeter weiterfahren wuerden.
Sie wanderten ganz gemaechlich herum, als wuessten sie, dass man ihnen hier nichts antun wuerde. Das war wirklich um einiges beeindruckender als im Zoo.










Die Einwohner schienen das gewohnt zu sein, denn sie beachteten die Affen kaum. Fast so, als handele es sich um streunende Katzen...

Leider kamen bald noch mehr Touristen hinzu und das wurde den Tieren dann wohl doch ein wenig zu viel und sie verzogen sich hinter eine Absperrung des Bahnhofs.

Also liessen wir sie in Ruhe und gingen unsere Fahrkarten fuer die kleine Gebirgsbahn kaufen.
Wir entschieden uns fuer die offene Variante, die nur ein Dach, aber keine Waende hat, denn es war zwar bewoelkt, regnete aber nicht.
Wir fuhren am Grat einer tiefen Schlucht entlang, die der Fluss geschaffen hatte und sich dort breit und von tuerkies-blauer Farbe noch immer entlangwaelzte.
Einen Staudamm gab es auch zu bewundern und viele kleine und grosse rote Bruecken, die sich ueber die Schlucht spannten.

Wir stiegen an einem kleinen Bahnhof aus, wo das Bahnhofsgebaeude und ein Restaurant die einzigen Gebaeude waren, und gingen zum Fluss hinunter. Reissend bahnte er sich seinen Weg, machte aber troztdem kaum Laerm dabei.
Wir wollten in einen Onsen gehen, den es hier geben sollte, aber wir hatten das wohl ein bisschen falsch verstanden, denn es handelte sich dabei um keinen, wie ich sie bisher kennen gelernt hatte.
Am Rand des Flusses, wo eine Menge Geroell und riesige Steine lagen, bildeten diese natuerliche Becken im Boden, in denen sich Wasser gesammelt hatte. Doch kein Flusswasser, denn diese kleinen Lachen waren richtig heiss und Dampf stieg in die kalte feuchte Luft...

Wir planschten mit den Fuessen in den Becken, bauten Sandburgen, liessen Steine huepfen und kletterten ueber die Felsen am Ufer entlang. Es war ein schoener Nachmittag und wir gingen erst, als es leicht zu nieseln anfing.

Ausserdem hatten wir uns beim Verlassen des Bahnhofs fuer einen bestimmten Zug zurueck anmelden muessen und dieser wuerde auch demnaechst fahren.
Die Rueckfahrt war nicht mehr sehr angenehm. Bis auf unsere Fuesse waren wir ziemlich unterkuehlt und der Fahrtwind blies uns frisch und tropfengeschwaengert entgegen. Doch das konnte unsere Stimmung nicht trueben, hatten wir doch einen schoenen Tag gehabt!



Auf diese Weise verging mein Urlaub in Toyama wie im Flug. Zumal ich jeden Tag Katis Laptop zur Verfuegung hatte und dieses sogar ueber Internet verfuegte. Endlich konnte ich mal wieder nach Herzenslust viele Stunden am PC verbringen, Filme auf YouTube sehen, Onlinebuecher lesen (obwohl es sogar eine Buecherrei direkt gegenueber mit einer kleinen Englischen Abteilung gab) und mit meiner Familie skypen!

Das Essen war natuerlich auch ausnahmslos westlich: Toast mit Marmelade, Haferflocken, Spaghetti in allen Variationen und das Wichtigste: Schwarztee mit Milch! Das vermisste ich ganz besonders! Misosuppe zum Fruehstueck war zwar auch nicht uebel, aber gegen meinen gewohnten Schwarztee kam einfach nichts an und ich konnte ihn sogar Kati schmackhaft machen, die sonst nur Kaffee trank.

Allzu bald war diese herrliche faule Zeit leider vorbei und der Tag der Abreise naehrte sich. Aber irgendwie freute ich mich auch schon wieder darauf, etwas Neues zu sehen und wieder etwas Sinnvolles zu tun. Zum Abschalten war der Urlaub genau richtig gewesen, aber mein Auslandsjahr wollte ich hauptsaechlich schon etwas Erlebnisreicher gestalten...

Kati stand mit mir am Morgen frueh auf und begleitete mich noch bis zum Bahnhof. Dann verabschiedeten wir uns, ich versprach zu schreiben und machte mich schliesslich auf den Weg zum Zug Richtung Gifu. Diesmal ging es allerdings nicht nach Gero, sondern nach Kashimo, ein Ort etwas weiter oestlich. Ich hatte diese Familie mit zwei kleinen Jungs bereits bei Nanako-san angeschrieben und die Zeit dort versprach sehr interessant zu werden. Ich war schon gespannt, was mich wohl erwartete...

Mata ne
Kira