Sonntag, 26. Dezember 2010

Sternstunden in Hyogo

Ein Zuhause in der Fremde...

Tatsaechlich gelang es mir, meine Gastfamilie und die anderen wwoofer zu ueberzeugen, mich alleine an der Strasse zurueckzulassen, an der ich mein erneutes Glueck als Tramper versuchen wollte.

Diesmal musste ich ein wenig laenger als gewoehnlich warten, doch nach ungefaehr 20 Minuten fuhr ein Auto an die Seite.

Durch die heruntergekurbelte Scheibe erklaerte mir ein beleibter und freundlicher Geschaeftsmann, er koenne mich leider nur ein Stueckchen mitnehmen. Doch das waere immerhin ein Stueckchen naeher an meinem Ziel (fuer heute erstmal Nagoya), deshalb stieg ich natuerlich trotzdem ein. Ich wollte mir die Stadt ansehen und dann am naechsten Tag versuchen, weiter nach Sueden, nach Osaka weiterzukommen.

Mein Fahrer arbeitete fuer ein internationales Hotel und sprach daher etwas Englisch. Ungefaehr 1 1/2 Stunden spaeter (also eher ein grosses Stueckchen und ungefaehr die Haelfte der Strecke nach Nagoya!) setzte er mich in einem kleinen Ort ab, wo er noch etwas zu erledigen hatte.

Ich lief ein paar Meter weiter bis zu einem Cafe, das eine eigene Einfahrt hatte. Das erschien mir sehr praktisch, denn dort konnten meine potentiellen weiteren Fahrer bequem halten und somit waere auch die Chance, dass sie dies taeten, groesser.

Dann zog ich mein, durch den an diesem Tage sehr starken Wind, inzwischen eingerissenes und zerfleddertes Schild mit meinem Wunschziel hervor und wartete.

Keine fuenf Minuten spaeter hielt (durch meinen strategisch guenstig ausgewaehlten Standpunkt) ein weiteres Auto. Auch diesmal handelte es sich um einen Geschaeftsmann, jedoch juenger aber ebenso hilfsbereit. Leider fuhr auch er nicht nach Nagoya und konnte mich nur eine kurze Strecke mitnehmen. Jedoch gab er mir einen wichtigen Hinweis: Von Nagoya aus sei es sehr schwierig jemanden zu finden, der nach Osaka fuehre, da die Autobahn dorthin nicht direkt an Nagoya vorbeifuehre. Ich solle lieber die Bahn nehmen oder noch heute versuchen nach Osaka zu gelangen.

Es war noch frueh am Tage, gerade mal Vormittag, deshalb beschloss ich spontan, Nagoya zu streichen und meinen Weg nach Osaka fortzusetzen. Das konnte ich leicht schaffen.

Als ich, diesmal am Rande einer etwas groesseren Stadt abgesetzt wurde, wusste ich erst nicht so recht, wohin. Es gab mehrere grosse Strassen, aber keine Schilder in Sichtweite. Welche fuehrte nach Osaka? Mein Fahrer hatte sich diesbezueglich etwas unklar ausgedrueckt, wie ich jetzt feststellen musste. Fussgaenger waren auch nicht unterwegs, die ich haette fragen koennen. Und Geschaefte gab es hier auch nicht.

Also lief ich die Strasse, an der ich herausgelassen worden war, ein wenig entlang und irgendwann hielt auf einmal ein Auto neben mir. Ein betagter Mann sass im Wagen, der einen Mundschutz trug, wie ihn in Japan alle benutzen, sobald die Nase nur ein wenig laeuft. Ich habe immer bezweifelt, ob das die Ansteckungsgefahr senkt. Aber ohne Frage ist dies eine nette Geste den Mitmenschen gegenueber.

Er fragte mich, wohin ich wollte und meinte daraufhin, er koenne mich ein Stueck bis zu einer Raststaette an der richtigen Autobahn mitnehmen, muesse dann aber leider woanders hin.

Auch dies war nur eine kurze, jedoch sehr merkwuerdige Begegnung und bewies, dass das, was ich ueber die Japaner in einem meiner Buecher gelesen habe, wohl (natuerlich nur teilweise) wirklich stimmt.

Sie sind pervers...

Zunaechst verlief die Unterhaltung aber ganz typisch. Wir unterhielten uns ueber Autos (wobei sich die Japaner stets freuen, wenn ich ihnen erzaehle, dass mein Vater einen Mitsubishi faehrt und es zudem fuer ein sehr gutes Fahrzeug haelt, da aeusserst selten etwas zu reparieren ist), dann ueber das Essen (nein, die Deutschen essen normalerweise nicht dreimal am Tag Wuerstchen und trinken auch kein Bier zum Fruehstueck!), gefolgt von der Frage, ob ich ihm nicht meine Unterhose verkaufen wolle...

...

"Ist sie weiss oder pink?"

...

Ich war sprachlos. Gerade hatten wir uns noch ueber Bier unterhalten und dann kam auf einmal sowas.

Da er aber kein Englisch sprach, konnte ich ihn leider nur mit den weniger hoeflichen Worten, die ich bisher bei den Gastfamilien mit kleinen Kindern gelernt hatte, bedenken.

DAME! (Sehr nuetzlich, weil man es fast immer anwenden kann, wenn einem etwas nicht passt - im einfach Gebrauch so aehnlich wie "lass das" oder "nein!". Ich verstaerkte die Betonung und brachte es damit auf ein "vergiss es und wage nicht nochmal zu fragen!"

Er lies trotzdem nicht locker und wollte mir am Ende um die 10.000 Yen (etwa 100 Euro) dafuer bezahlen.

Ich blieb trotzem bei meinem "dame!", das ich in regelmaessigen Abstaenden zu seinem Monolog einwarf. (Ich hatte keine Lust, eine ernsthafte Diskussion daraus zu machen, sondern bestand nur darauf, dass er mich bitte einfach an der versprochenen Raststaette absetzen sollte). Zum Glueck war er ein harmloses, kleines, duennes Maennchen, mit dem ich es im Zweifelsfalle locker haette aufnehmen koennen und er fuhr mich auch brav bis zum besprochenen Ziel.

Als er endlich davonbrauste, goennte ich mir an der Raststaette erstmal ein kleines Mittagesessen, bevor ich mein Glueck erneut versuchte. Hier war auf jeden Fall ein viel besserer Ausgangspunkt, als an den Abschnitten davor!

So stellte ich mich mit meinem Schild an die Ausfahrt und wartete.

Diesmal sogar verhaeltnismaessig lange. Viele schauten zwar interessiert oder fuhren langsamer, um mein Schild genauer lesen zu koennen, aber fast eine halbe Stunde hielt niemand.
(Ich nehme an, das lag an der guenstigen Lage - da kann man als Autofahrer die Verantwortung leichter an andere abgeben, weil die Chance so hoch ist, dass einen irgendwann doch jemand mitnimmt. Verloren an irgendeiner Strasse wirkt man dagegen armseliger.)
Dann fuhr einer dieser kleinen weissen Laster (die es wegen der kurzen Nase und damit verminderten Knautschzone nicht in Deutschland gibt) mit einer Vespa auf der Ladeflaeche an mir vorbeiund hielt kurz hinter der Ausfahrt, einige Meter von mir entfernt. Aber niemand stieg aus oder machte den Anschein, als wolle er mich mitnehmen...

Ich ueberlegte gerade, ob ich nicht einfach hinueberlaufen sollte, da hielt auf einmal eine Motorradfahrerin vor mir, drueckte mir laechelnd eine Petflasche heissen Tee in die Hand und verschwand mit dem ueblichen "ganbarre" (halte durch) so ploetzlich, wie sie gekommen war.

Etwas ueberrumpelt schaute ich mich um. Der weisse Laster war noch immer da. Doch nun war der Fahrer ausgestiegen und blickte zu mir hinueber.

Eine offensichtlichere Einladung brauchte ich nicht, schnappte meinen Rucksack und rannte zum Auto. Der Fahrer war um die 30, trug eine lustige Muetze und zeigte erstaunlich viele Kronen fuer sein Alter, wenn er lachte. Er fuhr nicht direkt nach Osaka, aber in einen der kleinen Nebenorte und es gebe Zuege, falls es schon zu spaet waere um zu trampen. So warf ich meinen Rucksack zu seinem Motorroller auf die Ladeflaeche, vertaeute ihn mit einigen der Seile und kletterte in die kleine Fahrerkabine.

Bis Osaka war es tatsaechlich noch ein ganzes Stueck, aber das bemerkten wir kaum, denn nach der Auto-Wuerstchen-Bier-Huerde schafften wir es sogar in etwas interessantere Gefilde und mein Fahrer erzaehlte mir einiges ueber die Gegend, in der er wohnte.

Zum Schluss fuhr er mich sogar doch noch direkt bis zum Bahnhof von Osaka und ich verbrachte den Abend und die Nacht in einem Internetcafe. Diesmal wurde die Kabine von einem grossen, bequemen Sessel eingenommen. Doch zum Schlafen war er trotz seiner Gemuetlichkeit wenig geeignet. Erschwerend kommt immer hinzu, dass das Licht natuerlich die ganze Zeit ueber brennt und ich mir jedesmal meinen Schal um die Augen binden muss, um mich etwas entspannen zu koennen.

Doch es war immerhin warm, ich konnte duschen und als ich am naechsten Morgen bezahlte, war es um einiges weniger, als ich ausgerechnet hatte. Es war noch sehr frueh am Morgen und nur wenige Menschen waren auf den Strassen unterwegs. So beschloss ich, lieber gleich den Zug Richtung Himeji zu nehmen, dessen Schloss ueberall fuer seine Schoenheit geruehmt wird und was praktischerweise ein Zwischenbahnhof auf meiner Reise nach Suwa in der Praefektur Hyogo war.

Ausserdem wuerde ich in einem der Nebenorte vielleicht eine guenstigere Unterkunft fuer meine letzte Nacht finden koennen.

In Himeji angekommen, erwartete mich jedoch erst einmal eine Enttaeuschung: Das Schloss wurde von einem grossen Stahlgeruest verdeckt und die Kraene, sowie der Baustellenlaerm trugen auch nicht gerade dazu bei, den Charme alter Zeiten wieder aufleben zu lassen.

Ich troestete mich stattdessen mit dem dafuer sehr huebschen Park, der sich ueber eine gewaltige Flaeche erstreckte und in bunten Herbstfarben erstrahlte. Durch zahlreiche Ginko- und Ahornbaeume reicht die Farbpalette in Japan naemlich von intensivem goldgelb bis blutrot.

Ich fuehlte mich heute nicht in der Stimmung fuer einen langen Tag in diversen Museen, die es hier in Huelle und Fuelle gab, dazu war das Wetter einfach viel zu schoen. Nachdem ich also mehrere Stunden durch den Park flaniert war und der Nachmittag schon langsam in den Abend ueberging, machte ich mich per Zug weiter in Richtung Suwa auf. Nach einigem Suchen und Fragen fand ich in dem Ort vor meiner Endstation auch noch eine einigermassen preiswerte Minshuku.

Am naecsten Morgen musste ich schon um neun Uhr auschecken, hatte mich mit meiner Gastfamilie (bei welcher ich einen ganzen Monat lang arbeiten wuerde) aber erst drei Stunden spaeter am Bahnhof verabredet. Deshalb erkundete ich den Ort, fand einen gigantischen, uralten Ginkobaum unter dem ich mein Fruehstueck hielt und schlenderte ziellos durch die langsam erwachenden Strassen. Die Stadt schien einen Faibel fuer Sterne zu haben. Auf den Messingschildern an den Bruecken und Gullideckeln (die in jeder Stadt andere Motive zeigen), and Mauern und Geschaeften - ueberall fand man sie wieder.

Ich sah das als gutes Omen. Denn schliesslich mag ich Sterne auch. Spaeter sollte ich auch noch den Grund erfahren, warum die Stadt gerade dieses Symbol gewaehlt hatte.

Die restliche Zeit vertrieb ich mir lesend am Bahnhof in der Sonne. Dann warf auf einmal etwas einen Schatten auf mein Buch und ich blickte auf.

Ein aelterer, schlanker und symphatisch laechelnder Mann stand vor mir. Es entpuppte sich als mein Gastvater Seji-san. Seine Frau Kazumi wartete, ebenfalls laechelnd, am Auto.

Der erste Eindruck sollte nicht taeuschen. Sie waren die liebsten, warmherzigsten und grosszuegigsten Menschen, die man sich nur vorstellen kann!
Sie wohnten nicht direkt in Suwa (das hatte ich insgeheim gehofft, weil es dort eine Post und Geschaefte gab). Aber auf dem Weg zu ihrem Haus, kamen wir an einem Schild vorbei, das besagte, dass es hier ganz in der Naehe eine Sternwarte gaebe und sie versprachen mir, irgendwann gemeinsam dorthin zu gehen.

Ihr Haus war sehr neu und modern. Ich muss gestehen, dass ich nach meiner Zeit in diversen zugigen und baufaelligen Heimen ein wenig erleichtert ueber etwas Komfort war. Das Badezimmer musste nicht mit Hand beheizt werden. Im Gegenteil. Es gab sogar einen kleinen Computer am Badewannenrand, auf dem man die exakte Temperatur einstellen konnte!

Mein Zimmer war ein Palast. Es war riesig, hatte zwei westliche Betten (pure Nostalgie), ein Regal mit Buechern (auch in Englisch!), einen eigenen Fernseher (den ich aber nur einmal benutzte, um fuer fuenf Minuten die Japanische Version von Harry Potter zu gucken. Harry hatte in der Synchronisation eine piepsige Maedchenstimme bekommen, die leider nicht lange zu ertragen war) und sogar einer eigenen Toilette...

Ich war im Himmel.

Man bemerkt gleich den Unterschied zwischen den Familien, die wwoofer akzeptieren, weil sie wenig Geld und zuviel Arbeit haben, und denen, die es rein aus Hobby und Interesse an anderen Kulturen tun. Diesmal war es letzteres, was ich erfahren durfte.

Kazumi und Seji hatten an einer Wand eine Weltkarte aufgehaengt und dort mit rotem Filzstift die Heimatlaender und -orte ihrer bisherigen Helfer eingetragen. Daneben prangten sogar Fotos! Das hatte ich zu diesem Zeitpunkt erstmals gesehen und es ruehrte mich zutiefst.
Ausser den beiden gehoerte auch noch die 98jaehrige Grossmutter zu unserer kleinen Familie. Sie war ein Engel - ich haette sie am liebsten eingepackt und mitgenommen! Auch den 19jaehrigen Sohn Kenji lernte ich kurz kennen, als er auf einen Besuch vorbeikam. Leider war er jedoch sehr schuechtern und nur selten wechselten wir ein paar Worte.

Die Arbeit war auch vielfaeltig und interessant. Wir praeparierten ein Feld fuer das kommende Jahr (ich durfte den kleinen Handtraktor fahren), holten Feuerholz aus dem Wald (wobei ich Seji-san, der bereits 70 Jahre alt war, verbieten musste, die schweren Staemme selbst zu schleppen), faellten einige erwachsene Bambusbaeume, um daraus einen Unterstand zu bauen, errichteten einen Kompost und vieles, vieles mehr.


Wir verbrachten auch mehrere Tage damit, ein junges Bambuswaeldchen abzuholzen, weil es leider (aus mir unverstaendlichen Gruenden) vielen Einwohnern ein Dorn im Auge war.

Dennoch war es trotz allen Bedauerns ein lustiges Projekt, besonders weil das Wetter schoen und meine Gastfamilien sehr streng im Einhalten von Pausen mit zugehoeriger Verpflegung war. :)

Ich genoss nicht nur das Schlafen in einem richtigen Bett (zum ersten Mal, seit ich in Japan angekommen war!), sondern auch das Essen! Nach meiner Curry-Diaet bei der letzten Gastfamilie konnte ich mich kaum noch daran erinnern, dass es noch etwas anderes gibt.

Doch hier assen wir fast jeden Morgen Toast (richtig braun und knusprig!) mit Marmelade oder Ei, tranken Kaffee oder Schwarztee mit Milch (Kazumi wurde nach wenigen Tagen und zu meinem Glueck selbst abhaengig) und Mittag gab es Gerichte, wie sie in einem Restaurant angemessen gewesen waeren. Kazumi konnte wirklich ausgezeichnet kochen... Manchmal stellten sie auch mich an die Toepfe und wollten Deutsche Kueche. Dann gab es Spaghetti Bolognese, Pizza (ist beides nicht Deutsch, ich weiss), Brat- oder Backofenkartoffeln, Pfannkuchen, Tomatensuppe und eben alles, was nur einfache Zutaten erfordert, da es hier in Japan nicht so einfach ist, spezielle Gewuerze zu bekommen und generell alles teuer ist.

Da wir inzwischen fortgeschrittenen Dezember schrieben und ich Kazumi von den Keksen erzaehlt hatte, die meine Mama in Deutschland nun bestimmt schon backte, wurde ich eines Tages auch noch darum gebeten. Aber nicht nur ein paar, denn sie wollte wollte eine Curry-Party geben und das Gebaeck als Nachtisch reichen. Drei Tage stand ich deshalb in der Kueche und fabrizierte fuer die 30 Gaeste Tonnen an Weihnachtsplaetzchen und Apfelkuchen. (Beruhigenderweise konnten sich auch die Japaner nicht zurueckhalten und alles wurde bis auf den letzten Kruemel verputzt. Es scheint sich damit nicht nur um eine Schwaeche der Deutschen zu handeln, sondern liegt einfach an den gemeinen Keksen! Das war mir unterbewusst schon immer klar xD)

Meine Gastfamilie besass auch drei Haustiere: Chibie, der Wachhund, mit dem ich jeden Abend einen Spaziergang machte; Mame, eine junge Huendin, die aber gerade in der Hundeschule war und natuerlich Uka, das Kaninchen. ("uka" bedeutet auf Japanisch, wenn ein Ei aufbricht und etwas schluepft)

Wegen Uka hatte ich mich eigentlich erst fuer diese Gastfamilie entschieden. (Ein wwoofer-paerchen, das ich in Gifu traf, hatte mir von dieser Familie erzaehlt) Und ich hatte mich auch nicht getaeuscht. Kaninchenbesitzer sind alle nett (sofern sie die Tiere nicht halten, um sie zu essen!) Uka gehoerte eigentlich der Tochter, die aber in Osaka war und sich nicht mehr darum kuemmern konnte... Deshalb war niemand richtig mit dem armen Ding vertraut und seit zwei Jahren fristete es daher ein einsames Leben im Kaefig. Kazumi traute sich nicht, es auf den Arm zu nehmen, weil es immer so strampelte.

Deshalb machte ich es mir zum Projekt, dem Haeschen ein besseres Leben zu ermoeglichen und zeigte ihr, dass das mit etwas Uebung kein Hexenwerk war. Nach einigen Tagen konnte meine Gastmama es bereits selbst aus dem Kaefig holen und war auf einmal richtig verliebt in Uka. Das war so schoen anzusehen. Ich baute an meinem ersten freien Tag auch ein Holzhaeuschen, denn bisher stellte sein einziger Unterschlupf ein alter, zernagter Pappkarton dar.

Waehrend meiner dritten Woche in Suwa besuchten wir endlich die Sternwarte. Die Bedingungen waren ideal: die Nacht war warm und der Himmel ganz klar!

Die Fuehrung war natuerlich auf Japanisch, deshalb verstand ich nicht alles, was erklaert wurde, doch die Objekte, die wir beobachteten sprachen ohnehin fuer sich. Das Teleskop war riesig und mit 2 m Durchmesser sogar das groesste in ganz Japan!.

Wir betrachteten den Andromedanebel, den Kugelsternhaufen M15, den blauen Schneeball (erstmals davon gehoert), den Orionnebel und Jupiter.

Ich hatte sogar das Glueck, auf einen Japanischen Astro-Fotografen zu treffen, der mir nach unserer Unterhaltung seine Mailadresse gab und ein paar Tage spaeter die Himmelsaufnahmen des Abends schickte. Sogar jetzt noch erhalte ich hin und wieder schoene Fotos per Mail, wenn er etwas Besonderes vor die Linse bekommen hat.

Mir gefiel auch, dass Kazumi und Seji ein so aktives Leben fuehrten. Nicht nur die Arbeit machte Spass, auch privat wurde viel geboten. Wir gingen zusammen zu einem Kaffeekraenzchen der Dorfbevoelkerung mit anschliessendem Bingoabend (lustigerweise gewannen wir drei gleichzeitig), besuchten die Huendin Mame in der Hundeschule, machten kleine Ausfluege in die Gegend und einmal nahm micht Seji-san sogar mit, um mit vielen anderen Bewohnern zusammen die Neujahrsdekoration fuer Haus und Auto zu basteln.

Wir verwendeten altes Reisstroh, das noch von der letzten Ernte aufgehoben worden war und da auch mein Gastvater zum ersten Mal teilnahm, war es umso vergnueglicher. Aber Seji-san schien es einfach mehr im Blut zu liegen, denn seine Gebilde sahen am Ende um einiges professioneller aus.

Ich fuehlte mich pudelwohl in Suwa. Es war wie eine richtige Familie und es mangelte mir an nichts. Mit dem Fahrrad konnte ich ab und zu zur nahegelegensten Post fahren um meine Briefe und Karten zu verschicken, ich hatte viel zu lesen und das Telefonieren stellte auch zum ersten Mal kein Problem dar; Meine Familie durfte anrufen, wann immer sie wollte!

Daher war es kein Wunder, dass die Zeit wie im Fluge verging. Auch die freudige Aussicht, bald meine kleine Schwester zu Weihnachten in Osaka zu treffen, trug natuerlich dazu bei. Nur noch eine Woche wuerde ich vorher bei einer anderen Familie am Biwa-See in der Praefektur Shiga arbeiten.

Der letzte Abend war sehr traurig. Ich wollte eigentlich gar nicht weg aus diesem Paradis, doch meine Reise musste weitergehen.
Zum Abschied wurde ich reich beschenkt und gebeten, wiederzukommen. (Da ich naechstes Jahr auch meine kleine Schwester in Japan besuchen will, die dann dort ihr Auslandsjahr macht, wird das in jedem Fall eine Station werden!)


Sie brachten mich mit dem Auto zum Bahnhof und wir fielen uns alle schniefend in die Arme. Dann setzte ich mich ziemlich niedergeschlagen in den Zug Richtung Otsu, wo ich einen Tag Urlaub am See machen wollte, bevor es mit der Arbeit weiterging.


Mata ne

Kira

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