Freitag, 30. April 2010

Taufe im Shiribeshikawa

Die vergangene Nacht wollte ich ja eigentlich in meinem Zelt verbringen. Nur um zu sehen, ob der Schlafsack den naechtlichen Minusgraden gewachsen sei, oder ob ich die ersten Naechte wohl doch eher in einem Riderhotel verbringen sollte.
Zudem sind Natsumi und Takashi ruehrend um mein Wohl besorgt und boten mir mehrmals an, ich koenne so lange bleiben wie ich wolle. Dies wuerde jedoch meine Plaene sehr durcheinanderbringen und obwohl ich mich hier inzwischen wie Zuhause fuehle und komplett in die Familie intigriert wurde, fuehle ich, dass es langsam an der Zeit ist, zu gehen.

Doch es kam alles anders als geplant... Und so begann mein erstes kleines Abenteuer.

Mein Zelt hatte ich schon am Vormittag aufgebaut und so gut es ging mit den Heringen im lockeren Schnee gesichert. So hatten wir einen gemuetlichen Abend. Die Kinder und Takashi waren beim Badminton und deshalb sahen Jamie und ich uns "the beauty and the biest" an, waehrend Natsumi eifrig backte. Es wurde recht spaet und als wir uns gegen halb zehn auf den Weg zu unserer Huette machten, war es schon lange finster.
Jamie fragte, wo denn mein Zelt stuende und ich leutete mit meiner kleinen LED Lampe auf den Platz, wo ich es am Morgen zurueckgelassen hatte.

Nur, dass dort kein Zelt mehr stand.

Ungluecklicherweise war es sehr dunkel, weil kein Mond schien und so tasteten wir uns in den winzigen Lichtkegeln unserer Lampen vorwaerts und versuchten den Schatten meines vermutlich nur umgepusteten Zeltes auszumachen. Das Gute an ihm ist ja, dass es so leicht, deshalb allerdings auch nicht sehr standfest ist.

Meine Panik wuchs, als wir nach fuenf Minuten noch immer nicht fuendig geworden waren. Nicht nur das Zelt an sich fehlte, auch die guten Heringe und mein kuerzlich erworbener, auf dieses Zelt zugeschnittener Extraunterboden, der mich zusaetzlich vor Kaelte, Naesse und scharfkantigen Steinen schuetzen sollte.
Jamie merkte in diesem Moment auch noch an, sollte das Zelt in den Fluss gefallen sein, so waere es sehr wahrscheinlich verloren.

Das versetzte mich vollends in Sorge, denn der Fluss ist zurzeit stark angeschwollen und so reissend, dass kaum eine Chance bestuende es jemals wiederzusehen.
So bewegten wir uns in Richtung Fluss, ich schaute in das tosende Wasser und mir drehte sich leicht der Magen um. In diesem Moment wusste ich, dass Jamie Recht hatte.

Auf einmal jedoch stiess sie mich von der Seite an und wies mit ihrer Lampe auf eine Stelle im Fluss am anderen Ufer, an der sich zwei Baumstaemme miteinander verkantet hatten. Und dort, halb in den Fluten versunken, hing mein kleines Zelt einsam an einem der Staemme und kaempfte trotzig gegen die Stroemung...

Im ersten Moment ueberkam mich Erleichterung.
Doch wie sollte ich es dort erreichen? Der Shiribeshikawa ist momentan an die drei bis vier Meter breit und wer weiss wie tief.
Was sollte ich tun?

Jamie hatte zum Glueck ihren Kopf auf den Schultern behalten und alarmierte sofort Takashi. Als dieser jedoch kam, konnte er mir nur wenig Hoffnung machen.
Morgen wuerde er es versuchen, wenn es hell waere. Jetzt koenne er nichts tun. Allerdings versicherte er mir, das Zelt sei inzwischen so mit Wasser gefuellt, dass es wohl eher nicht weggetrieben wuerde. Ausserdem war gluecklicherweise gerade diese Stelle, an der es hing, nicht ganz so stark umspuelt.

Und es sei ja nur ein Zelt, das solle ich nicht vergessen.

In diesem Moment kamen mir jedoch die Traenen. Dieses Zelt war nicht einfach nur ein Stueck Stoff und ein paar Metallstaebe.
Es war mein Zuhause! Und das fuer das ganze kommende Jahr.
Zudem gehoerte es nichtmal mir, sondern war eine Leihgabe meiner Tante...

Doch Tatsache blieb Tatsache, dass wir zunaechst nichts ausrichten konnten. Es war zu gefaehrlich.
So begab ich mich geknickt und noch immer unter Traenen in die Huette, wo zumindest noch meine Luftmatratze und mein Schlafsack sicher lagen. (Ich hatte am Morgen mit dem Gedanken gespielt, sie schonmal ins Zelt zu bringen, um es am Abend gemuetlicher aufzufinden, es jedoch letztenendes zum Glueck nicht getan)

Ich brauche wohl nicht zu erwaehnen, dass ich in dieser Nacht kein Auge zumachen konnte.

Staendig tauchte vor mir das Bild meines, von den Fluten fortgerissenen und von scharfkantigem Holz komplett zerissenen Zeltes auf.

Gegen halb zwei hielt ich es nicht mehr aus.
Ich ging hinaus um mich zu vergewissern, dass all dies kein Traum war und ob mein Zelt wohl immer noch dort sei.

Dort hing es, so, wie wir es zurueckgelassen hatten. Es brach mir fast das Herz, es dort so hilflos zu sehen. Doch ich konnte nichts tun. Ausserdem regnete es und war ziemlich kalt.

So begab ich mich in dieser Nacht ein zweites Mal auf mein Lager in der Heutte, um mich bis zum Morgengrauen herumzuwaelzen und zu versuchen wenigstens ein bisschen zu schlafen.
Als ich das naechste Mal die Augen aufschlug war es immerhin schon kurz nach fuenf und hell genug, um ohne Lampe sehen zu koennen.
Ich zog mich warm an und begab mich abermals zu der markanten Stelle im Fluss.

Zunaechst bekam ich einen leichten Schock. Das Zelt war fort.

Aber dann sah ich ein paar Meter entfernt ein eckiges Stueck gruene Plane wie ein Finger aus dem Wasser ragen. Es lag nun auf dem Grund des Flusses und wurde von den Fluten leicht hin und her geschaukelt. Fast friedlich sah es aus...

Da ich noch immer nicht wusste, was ich tun sollte, ging ich auf die Suche nach dem zweiten Zeltboden und den Heringen. Wenn ich wenigstens zwei oder drei finden sollte, waere ich schon gluecklich, sagte ich mir.
Was ich als erstes fand, war die zweite Plane. Sie lag zusammengeknuddelt und durch einige Seen Regenwasser beschwert in der Naehe unserer Blockhuette.
Froh sammelte ich sie auf und hing sie ueber dem Stromkabel, das uns immer mit Licht versorgte, zum Trocknen auf. (Es regnete zwar immer noch, aber nasser konnte sie eh nicht mehr werden)
Heringe fand ich keine.

So ging ich noch ein bisschen am Flussufer entlang. Nur um zu sehen, ob man nicht an einer anderen Stelle leichter uebersetzen konnte...
Eine solche Stelle fand ich keine hundert Meter entfernt. Zwei umgestuerzte Baeume bildeten natuerliche Bruecken und die eine sah tatsaechlich so aus, als waere es moeglich, sie trockenen Fusses zu ueberqueren.

Dies versetzte mich natuerlich in Euphorie und ich wollte gleich mal testen, ober der Stamm auch nicht zu glitschig sei. Ein paar Zentimeter Schnee am Ende des Stammes erschwerten allerdings zunaechst das Betreten und ich versuchte den Schnee etwas loszutreten.
Ehe ich mich jedoch versah, sass ich rittlings auf dem Stamm und meine Fuesse baumelten im kalten Wasser. Nun, da ich schonmal halb nass war, hinderte mich nichts mehr daran, die Ueberquerung zu wagen.
Leider war der Stamm wirklich rutschig. Ich glitt sofort an der Seite ab und nun hing ich bis ueber die Huefte im Wasser, das stark an meiner Kleidung zerrte.

Merkwuerdigerweise war mir nicht kalt. Vielleicht der Schreck. Aber da mir nun wirklich nichts Schlimmeres mehr passieren konnte, wagte ich am Stamm entlang einige Schritte in den Fluss hinein. Er war jedoch viel zu reissend und ich wusste, ich hatte keine Chance heil ans andere Ufer zu kommen.

So gab ich mich pudelnass geschlagen und kroch unter einigen Muehen wieder zurueck ans Ufer. Mir war noch immer nicht wirklich kalt, aber ich fuerchtete eine Blasenentzuendung und deshalb begab ich mich schnell zurueck zur Huette, wo ich kurz meine Kleidung wechselte um dann erneut ans Flussufer zurueckzukehren. Dort harrte ich im Nieselregen aus, bis (es war etwa sieben Uhr) Takashi, Natsumi und Jamie kamen.

Er trug einen Gummianzug, der ihm bis zur Brust reichte und in Null Komma Nichts hatte er eine Leiter ueber den Fluss gelegt, war hinuebergekrabbelt und zog mein Zelt in Einzelteilen aus dem Wasser. Zwei Heringe waren verloren, aber ich hatte mein Zuhause wieder!

Ich konnte kaum so schnell gucken, da war er schon wieder bei uns und gemeinsam haengten wir die tropfenden Planen ueber eine Schnur, die er fuer mich gespannt hatte. (Das Stromkabel war zu gefaehrlich, sagte er, womit er natuerlich Recht hatte)

Ueberhaupt kam ich mir in diesem Moment ein bisschen einfaeltig vor. Vor allem, als Natsumi mir auch noch den Tag freigab und mich in eine Decke gewickelt vor dem heissen Ofen mit ihrem herrlichen Ingwertee verwoehnte.

Ich kann niemals gutmachen, was diese Familie schon fuer mich getan hat!
Jamie taufte das Zelt nach seinem Abenteuer uebrigens auf den Namen "Lucky" und sagte, es sei wirklich ein sehr starkes Zelt, weil es all dies gut und ohne einen Riss ueberstanden hatte.

Nun verzoegert sich allerdings meine Abreise bis zum 3. Mai.
Ich habe keine Lust mit tropfnassen Sachen aufzubrechen und morgen beginnt die Softeissaison auf der Takara Farm. Natsumi moechte dort ihre Leckereien verkaufen und ich wollte ein paar der netten Menschen wiedersehen um Tschuess zu sagen und Adressen auszutauschen.

Ihr hoert von mir deshalb spaeter aus Sapporo.

Mata ne
Kira

Sapporo

Meinen dritten freien Tag verbrachte ich mit Jamie, Takashi und den Kindern in Sapporo.
Es war naemlich auch Natsumis freier Tag und so brachen wir gegen halb neun Morgens in dem fuer sechs Personen viel zu kleinem Auto auf.
Mit den Kindern auf dem Schoss fuhren wir zunaechst allerdings bei einem Freund der Familie vorbei um deren groesseren Van zu borgen. (Die Frau dieses Freundes lebte zehn Jahre in der Schweiz. Inzwischen bin ich ja daran gewoeht Japaner Deutsch sprechen zu hoeren, da ich zum Glueck ein paar gute Japanische Freunde in Deutschland habe, aber einen Japaner Schweizerdeutsch sprechen zu hoeren, klang wirklich drollig. Dennoch freuten sich meine Ohren ueber diese paar Brocken Heimat)

In dem Van hatte nun jeder einen Platz fuer sich und so wurde die zweieinhalbstuendige Fahrt sehr kurzweilig. Ich versuchte mir die Strecke einzupraegen, die ich eine Woche spaeter mit dem Fahrrad zuruecklegen wuerde muessen.
(An ein paar Stellen ist es ziemlich huegelig, aber ich werde Rast in der Naehe eines Onsenhotels machen, wo man den Onsen separat nutzen darf. (Empfehlung von Natsumi. Heute werde ich auch eine Nacht im Zelt verbringen, um sie zu beruhigen, dass ich am naechsten Morgen lebendig daraus hervorzukrabbeln vermag)

In Sapporo angekommen besuchten wir gemeinsam einen Japanischen Flohmarkt. Im Gegensatz zu den Deutschen, die ich kenne, war dieser jedoch komfortabel in einer riesigen Halle untergebracht und alles blieb trocken, waehrend draussen wechselmuetiges Wetter herrschte.
Leider fand ich nichts Brauchbares, obwohl viele Sachen zum Kaufen verleiteten. Japaner verkaufen zwar auch den gleichen Kruscht wie die Deutschen, allerdings sind deren Sachen im Vergleich zu den unseren in tadellosem Zustand.

Nach dem Flohmarkt und einem kurzen Abstecher zu Takashis Eltern trennten sich unsere Wege am grossen Schrein von Sapporo. Jamie und ich wollten ein bisschen Zeit fuer uns und die anderen wuerden solange ein paar Freunde besuchen fahren.
Sapporo gefiel mir auf den ersten Blick sehr. Nicht unbedingt, weil es sonderlich huebsch ist, aber es gibt doch die eine oder andere nette Ecke und die Stadt ist nicht so ueberlaufen. Man muss sich nicht nach jedem zweiten Schritt entschuldigen, weil man staendig kollidiert und man fuehlt sich auch nicht so auffalled als Europaeer. Die Leute beachteten uns kaum, was ich sehr angenehm fand.
Wir besichtigten einige der Sehenswuerdigkeiten, von denen ich den Fernsehturm am liebsten mochte. Man hat eine tolle Aussicht und erst von oben wird einem bewusst, dass die ganze Stadt kesselfoermig von Bergen umgeben ist. Wunderschoenen Bergen um genau zu sein! Allerdings wurde mir auch bewusst, dass es eine sehr grosse Stadt ist...






















Auf jeden Fall freue ich mich schon darauf, eine ganze Woche dort verbringen zu koennen. Dann werde ich mir endlich ein paar Taschenbuecher kaufen und ein paar neue Socken. :) (Natsumi hat mir mit ihrer Englischen Literatur sehr geholfen und ich habe mich bisher begeistert durch Treasure Planet, The old man an the sea und Prince Caspian gelesen. Buecher sind etwas, das mir zu Beginn wirklich sehr gefehlt hat)

Den naechsten Post schaffe ich wahrscheinlich erst aus Sapporo, weil morgen mein letzter Tag hier ist. Ich bin schon sehr gespannt!

Mata ne
Kira

Montag, 26. April 2010

Mein Eselchen wird Ackergaul

Jetzt muss ich doch auch mal einen Erfolg meines drahtigen Freundes hier einstellen. Es ist naemlich ebenfalls bei meiner Gastfamilie in Dienst getreten. Als kleiner Ackergaul.
Zweimal hat er mir schon geholfen schwere Lasten mittels eines Handkarren zu befoerdern, den ich an seinem Gepaecktraeger befaestigt habe.
Einmal waren es mehrere Saecke Asche fuer die Felder (wir bestreuen sie damit, um den Schnee schneller zum Schmelzen zu bringen sowie als ersten Duenger) und das andere Mal schleppte er fuer mich mehrere leere Kisten zum sechs Kilometer entfernten Nachbarhof, wo wir wieder einmal Holz holen mussten. Allerdings waren die Kisten zu gross, um sie gefuellt zurueckzubringen, also bat ich Natsumi, sie dort spaeter mit dem Auto abzuholen.

Aber es ist unheimlich praktisch, wenn Arbeit anderswo zu verrichten ist und gerade keiner da ist oder Zeit hat, um mich dorthin zu fahren. So bin ich wenigstens ein bisschen selbstaendig und mein Eselchen war auch stolz, helfen zu koennen. :)


Dienstag, 20. April 2010

Mein erster Ausflug

Da ich meinen ersten freien Tag (pro Woche steht mir ein solcher zu) damit verbracht habe, in Date eine Kamera (die nur Japanisch kann) und ein Handy (das hier in Otaki keinen Empfang hat) zu kaufen, wollte ich meinen zweiten freien Tag mit etwas Erfreulicherem verbringen.

Es war ein Samstag und wir alle fuhren Vormittags ins Dorf, weil in Ikkyous Schule Elterntag war. Natuerlich wollte ich mir das trotzdem nicht entgehen lassen, denn ich hatte noch nie eine Japanische Schule von innen gesehen. Wir durften bei einer Unterrichtsstunde zusehen, die sehr niedlich war, denn Ikkyou geht erst in die zweite Klasse.

Und weil ich sowieso mal mein Fahrrad auf Japanischem Boden ausprobieren wollte, packte ich es zusammen mit einem Lunchpacket von Natsumi am Morgen mit ins Auto. Das Dorf ist etwa 20 Kilometer von meinem neuen Zuhause entfernt. Allerdings leben wir hier in einer sehr bergigen Umgebung, deshalb wuerde das fuers Erste ausreichen.
Nachdem die Unterrichtsstunde also beendet war, begann der Teil, in dem die Eltern Gespraeche mit den Lehrern fuehren. Fuer mich nicht weiter interessant, weil es mich nichts anging und ich sowieso nichts verstanden haette. Also schnappte ich meine Provianttasche und machte mich auf den Weg.
Natsumi hatte mir am Abend zuvor noch gezeigt, wo ich einen schoenen Wasserfall finden wuerde und als Insidertipp auf meinem Plan noch eine Landstrasse gezeigt, von der aus man wohl eine herrliche Aussicht haette. Mit diesen Zielen fuhr ich also los. Natuerlich erstmal in die falsche Richtung. Das fand ich allerdings erst heraus, als ich ausser Atem (ich war gerade einen Berg hinaufgestrampelt) meinen Kompass zu Rate zog... Doch beim naechsten Versuch fand ich die richtige Abzweigung und fuhr eine Weile auf der Hauptstrasse entlang.
Die Autofahrer waren allesamt sehr ruecksichtsvoll und umfuhren mich stets in weitem Bogen. Daher war dieser Streckenabschnitt nicht so stressig, wie zunaechst befuerchtet.

Die Abzweigung zum Sangaidaki (dreifacher Wasserfall) fand ich diesmal sogar auf Anhieb und radelte dann genuesslich eine fast leere Strasse entlang, die durch wunderschoene Berge fuehrte.
Am Ziel (einem kleinen Parkplatz mit geschlossenem Souveniershop und oeffentlichen Toiletten in aeussert ansehnlichen Blockhuetten) angekommen konnte man schon von Weitem das Brausen und Rauschen des Wasserfalls hoeren. Aber ich sah ihn nicht. Auch gab es keine Schilder, die mir beschrieben haetten, in welche Richtung ich gehen muesste. Nur ein kleiner Fluss floss gemaechlich dahin und erweckte keinesfalls den Anschein, als wolle er sich demnaechst in die Tiefe stuerzen.
So war ich gezwungen mein begrenztes Vokabular zusammenzukratzen und einen Mann anzusprechen, der gerade mit seiner Tochter Schlitten fuhr. Zu meiner Erleichterung war er sehr freundlich, lachte viel und seine ausfuehrliche Beschreibung habe ich sogar verstanden. Ein kleiner Triumpf, wo mir das doch nur selten gelingt.

Seiner Instruktion folgend begab ich mich also auf einen kleinen Trail, der nach einer Weile ueber eine Brucke zum Wasserfall fuehrte. Und es war wirklich eine sehr schoene Aussicht, die sich mir da bot.




























Im Sommer waere es mit Sicherheit noch angenehmer gewesen, denn nach einer Stunde Rast wurde es doch sehr kalt. Immerhin war ich gerade (mit Umweg) 15 Kilometer bergauf geradelt und hatte keine Kleidung zum Wechseln dabei. Nachdem ich also mein Lunchpaket halb aufgegessen und noch einen kurzen Abstecher zu einem nahe gelegenen Berg gemacht hatte, um die dort aufgestellten kanadischen Totempfaehle zu bewundern, machte ich mich wieder auf den Weg zum zweiten Punkt meines Tagesausfluges.
























Die Schilder wollten mich zwar in die Irre fuehren, aber zum Glueck hoerte ich auf meinen Instinkt und nahm die erste kleine Strasse, die sich zu meiner Rechten bot. Eine Weile war ich zwar unsicher, ob meine Entscheidung wirklich richtig war, aber die Umgebung war eindeutig huebsch und selbst wenn ich falsch abgebogen waere, so war dies trotz bergiger Beschaffenheit eine angenehme Strecke. Ausserdem wies der Kompass zweifelsfrei immer wieder nach Sueden, so fuhr ich also auch wenigstens in die gewuenschte Richtung.






















Umgeben von duftenden Nadelbaeumen, herrlichem Gebirgspanorama und ab und zu einem Sonnenstrahl fuhr ich also eine ganze Weile gemaechlich dahin, bis ich vor mir auf der Strasse ploetzlich ein merkwuerdiges grosses Tier sah. Obwohl fuer einen Baeren viel zu klein konnte ich es zunaechst nicht einordnen. Es erinnerte mich an kein Tier, das ich jemals gesehen haette.
Da es hinkte, war ich mit meinem Fahrrad schneller und es liess sich auch nicht von mir stoeren, sondern trottete vor sich hin, als ich an ihm vorbeifuhr. Und da erkannte ich, dass es sich um eine Art Waschbaer handelte. Jedoch war er nicht schwarz und weiss wie jene, die ich kannte, sonders ausschliesslich braun. Spaeter erklaerte mir Natsumi, dass ich einen Japanischen Waschbaeren, einen Tanuki gesehen hatte. Was mich jedoch in Erstaunen versetzte war die Groesse des Tieres. Dieser Tanuki konnte es von der laenge fast mit meinem Rad aufnehmen, war sehr dick und ich waere ihm ungern naeher gekommen, wenn er ein gesundes Bein gehabt haette.
Zu dem Zeitpunkt konnte ich noch nicht wissen, dass ich zwei Tage spaeter erneut einem solchen Wesen gegenueberstehen wuerde. Auge in Auge beim Holz aufschichten.
Leider habe ich kein gutes Foto von ihm bekommen, weil er kurz darauf im Wald verschwunden ist. Aber als er sich ein letztes Mal umdrehte, konnte ich noch auf den Ausloeser drucken.





















Mata ne
Kira

Die ersten Wochen Teil 2

Da ich heute das grosse Glueck habe, den Vormittag ueber alleine zu sein (Ikkyou ist in der Schule und die restliche Familie ist mit der Neuseelaenderin, die seit zwei Tagen die kleine Huette mit mir teilt in Date) nutze ich diese Gelegenheit, um meinen Blog etwas auf Vordermann zu bringen.

Die Familie ist sehr nett und sie kuemmern sich ruehrend um mich. Auch wenn das bedeutet, dass einem die Kinder auf Schritt und Tritt folgen und ich seit zwei Wochen kaum mehr alleine war. Wir verbringen den ganzen Tag zusammen und Abends falle ich todmuede gegen neun ins Bett!
Seit zwei Tagen bin ich also auch dort nicht mehr allein, sondern lebe mit der Neuseelaenderin Jamie zusammen, die dort auch etwa zwei Wochen verbringen wird. Sie spricht allerdings fliessend Japanisch und daher hat sich mein Leben hier etwas veraendert.
Zuvor hat meine Gastmama Natsumi fuer mich in Englisch uebersetzt, aber nun reden sie alle so viel mit Jamie in Japanisch, dass sie dazu wohl keine Lust mehr hat. Und weil ich noch immer nicht wirklich viel von dieser Sprache verstehe, ist es manchmal ein wenig frustriernd, nicht mitlachen zu koennen und nur noch dabeizusitzen.

So nutze ich jede Gelegenheit, um Arbeiten draussen verrichten zu koennen. Ich habe schon einige Sachen ausprobiert und sie machen alle Spass. Vor allem das Fuettern der Laemmchen, die fuer ein paar Tage bei uns waren und das Spazierengehen mit der Huendin Lucky, die immer auf ihrer Hundehuette sitzt, als sei Snoopy ihr groesstes Vorbild.



















Aber es gibt auch anstrengendere Taetigkeiten: Ich habe schon Tonnen von Schnee geschippt, damit man in verschiedene Verschlaege kommen oder dort Holzscheite aufstapeln kann. Letzteres mache ich nun seit fast einer Woche. Die Familie hat naemlich den gesamten Holzvorrat eines Nachbarn bekommen und wir sind nun dabei sie nach und nach hierher zu karren und aufzustapeln... Ich hoffe, dass wir bald damit fertig sind.



















Ansonsten helfe ich viel im Haushalt: Abwasch, Waesche aufhaengen und abhaengen, putzen, Feuer fuer das Bad machen, usw.
Hier wird naemlich nur mit Holz geheizt, was die unglaubliche Menge an Stapelarbeit erklaert.
Strom gibt es zwar, aber die Familie moechte moeglichst oekonomisch leben. Daher ist auch mein kleines Reich jeden Abend bitterkalt, bis ich das Feuer im Ofen entfacht und mich in meinen Futon gekuschelt habe.

So ist es wohl auch nicht verwunderlich, dass ich mir in der zweiten Woche hier eine ordentliche Erkaeltung eingefangen habe, die ich trotz des guten Ingwertees von Natsumi noch immer nicht ganz ueberstanden habe. Das wird sich wohl auch noch eine Weile hinziehen, denn ich muss nach wie vor um sechs aufstehen, um Ikkyou fuer die Schule zu verabschieden, mit Lucky vor dem Fruehstueck spazieren zu gehen und dann meine Arbeit draussen zu erledigen. Und wenn ich drinnen bin, wollen die Kinder spielen. So komme ich kaum dazu mich zu erholen.

Was das Betreuen der Kinder angeht, so hatte ich es mir Schlimmer vorgestellt, aber weniger anstrengend. Sie wollen staendig unterhalten werden, auch wenn ich gerade draussen Arbeit zu verrichten habe. Dauernd sind sie am zanken, machen Bloedsinn und aergern ihre acht Monate alte Schwester... Richtige Rouwdies. Daher waren die ersten neuen Worte, die ich gelernt habe "abunai" (gefaehrlich), "dame" (lass das) und "yamete" (hoer auf)
Vor allem weil ich die Sprache noch nicht wirklich kann, ist es sehr ermuedend den Kleinen klarzumachen, was ich von ihnen will. Aber sonst kommen wir ganz gut miteinander aus, denke ich.

Doch auch, wenn es hier noch so familiaer und freundlich ist, so ist das Fehlen von Freiraum etwas, dass mit der Zeit sehr an den Nerven zehrt. Ich habe zwar meine eigene Huette, aber dorthin darf ich mich erst Abends zurueckziehen...
Deshalb hoffe ich , dass bald der Schnee schmilzt und es allgemein ein wenig waermer wird. Aber in jedem Fall werde ich gegen Ende April mein Fahrrad satteln und Hokkaido erkunden. :)

Soweit erstmal, was meinen Alltag hier angeht. :)

Mata ne
Kira

Montag, 19. April 2010

die ersten Wochen Teil 1

Leider komme ich erst heute dazu, meinen ersten Bericht aus Japan zu schreiben:

Die Reise an sich werde ich lieber nicht im Detail beschreiben. Sie war, wie nicht anders zu erwarten sehr anstrengend, langwierig und ermuedend. Aber ich und mein Gepaeck sind einigermassen unbeschadet in Chitose angekommen und am naechsten Tag hatte ich sogar das Glueck, von Natsumi abgeholt zu werden, weil die Strassen noch vereist sind.
Seit gestern ist zwar langsam der Fruehling zu spueren, aber wir haben noch immer ordentlich Schnee und letzte Woche wurde es sogar richtig kalt und wir sassen, von Schneestuermen gefangen fast drei Tage im Haus.



















Dabei ist zu erwaehnen, dass ich nicht mit der Familie zusammenwohne, sondern eine eigene kleine Hutte habe, ein paar hundert Meter vom Haupthaus entfernt. Bei Dunkelheit und Schnee ist es Abends ein kleines Abendteuer, dort unbeschadet hinzukommen.


















Ich werde im naechsten Blog ein wenig was ueber meine bisherigen Taetigkeiten und die Familie erzaehlen. Hier wollte ich nur schonmal die ersten Fotos online stellen, weil mich mehrere bereits darum gebeten haben :)







































Leider ist meine Internetzeit pro Tag auf 30 Minuten beschraenkt und die sind ziemlich schnell weg, wenn ich meine Mails beantwortet habe...

Deshalb leider fuer heute schon wieder

mata ne
Kira