Nachdem mein Zelt eine Nacht mehr Zeit zum Trocknen hatte, konnte ich endlich am 3. Mai aufbrechen.
Die Sonne schien, es war warm und meine Hoffnungen auf eine angenehme erste Tour erfüllten sich somit vollständig. Die Abreise an sich verzögerte sich natürlich doch noch etwas. Mein Gepäck war viel zu schwer und ich ließ mal wieder mit blutendem Herzen einige Habseligkeiten zurück.
Anschließend galt es, sich noch von all den lieb gewonnenen Menschen zu verabschieden, die letzten Fotos zu machen und die kleinen Geschenke zu verstauen, die mir noch mit auf den Weg gegeben wurden. Besonders freute ich mich über den selbst hergestellten Proviant - bestehend aus zwei Stücken Käse, Müsli und Keksen von Natsumi oder befreundeten Farmerfamilien, die ich kennen gelernt hatte.
Dann jedoch fuhr ich und eine leichte Brise wehte die Haare aus dem Gesicht. Das Gefühl vollkommener Freiheit überkam mich.
Die ca. 25 Kilometer bis Kimobetsu, wo ich zwei Wochen zuvor schon gewesen war. verliefen auch recht unspektakulär. An einem kleinen Obst- und Gemüsestand kaufte ich zwei Äpfel und machte unter japanischer Dudelmusik aus dem Laden eine kurze Rast mit wundervollem Blick auf den Mt. Youteizan, der mich auf der gesamten Strecke hierher schon begleitet hatte und durch seine Ähnlichkeit mit dem Fuji-san hier in Hokkaido sehr berühmt ist.

Nun jedoch ließ ich ihn zu meiner Linken liegen und fuhr auf dem Highway Route 230 Richtung Sapporo weiter. Recht bald nach der Ortschaft ging es bergauf. Nicht stark, aber beständig. Die ersten Kilometer hielt ich auch noch durch, dann jedoch wurde es auch mir zu anstrengend und ich begann zu schieben, während rechts von mir die Autos vorbeibrausten, die Motorradfahrer gelegentlich winkten und ihr "ganbarre ne" - "halte durch" hören liessen.
Natürlich hielt ich durch. Sogar den ganzen Weg bergauf bis zum Nakayama Pass, für den ich schiebend fast vier Stunden brauchte. (Bis Kimobetsu ware es dagegen nur etwas mehr als eine bei etwa gleicher Kilometerzahl gewesen!) Hier oben erfrischte ich mich nochmal an der Raststätte einer Skihütte und bewunderte die Aussicht, die sich mir auf nun fast 1.000 Höhenmetern bot.
Die Abfahrt war berauschend! Kilometer um Kilometer flog an mir vorbei, die ich zuvor so mühselig erkämpfen musste. Sogar die Tunnel waren auf diese Weise erträglich und schnell überwunden. Ehe ich mich versah, befand ich mich auch schon in den Vororten von Sapporo und hatte nur noch um die 15 Kilometer bis zur Stadt zurückzulegen. So langsam wurde es also Zeit, nach dem Campingplatz Ausschau zu halten, den ich mir herausgesucht hatte.
Leider fand ich ihn nicht. Ich fragte einen netten älteren Bauern, der ihn leider nicht kannte und mir stattdessen viele wohl nette Sachen auf Japanisch erzählte, die ich jedoch leider nicht verstand und mich etwas später lächelnd und nickend verabschiedete. Selbst das sicherlich größere Motorradhotel, dass sich in der Nähe befinden sollte konnte ich nicht entdecken. Vielleicht erkannte ich auch einfach die Ausschilderungen nicht.
Das war aber auch nicht weiter tragisch, denn es war erst kurz nach vier und die Sonne schien noch immer über die Gipfel der Berge, die ich passiert hatte.
Eine Weile fuhr ich noch auf dem angenehm breiten Fußweg entlang, bis eine kleine Seitenstraße in einen Wald und nach etwa 500 Metern wieder auf die Hauptstraße führte. Diesem kleinen Weg folgte ich und baute dort in einem kleinen Wäldchen mein Zelt in einer Bambuslichtung auf. Das entfernte monotone und beruhigende Geräusch der Autobahn stets im Hintergrund begann ich mich häuslich einzurichten. Nur einmal fuhr ein Auto die Seitenstraße entlang und hielt ein paar Meter von meinem Zelt entfernt, wohl um eine kleinere Panne zu beheben. Sonst störte mich niemand. Das Zelt hatte ich bewusst hinter einer großen Wurzel aufgebaut, die es fast vollständig verdeckte. Als es begann zu dämmern kroch ich hinein und las im Licht meiner Stirnlampe noch so lange, bis mich die Müdigkeit übermannte und ich in einen nur duch gelegentliche kurze Wachphasen unterbrochenen Schlaf fiel, die durch den trocken raschelden Bambus verursacht wurden.
Der nächste Morgen kam viel zu schnell und ich krabbelte gegen halb sechs bereits wieder ans Tageslicht, weil ich noch einige Taschen umpacken wollte. Besonders die am Lenker waren viel zu schwer und es kostete allein viel Kraft ihn gerade zu halten. So schichtete ich alle meine schweren Habseligkeiten in die Hinterradtaschen und nur meine Kleidung und der Proviant blieben in den kleinen vorne. Das ging doch schon bedeutend besser und beschwingt nahm ich nach einem kleinen Frühstück, das aus dem letzten Stückchen Käse, zwei Keksen und ein paar Schlucken aus meinem Wasserbeutel bestand, meinen Weg zur Stadt wieder auf.
Dieser war tatsächlich in weniger als einer Stunde zurückgelegt und als ich den letzten kleinen Hügel im Morgenlicht erklomm, belohnte mich ein wundervoller Blick auf die Stadt und zu meiner Linken auf ein großartiges Bergpanorama für meine bisherigen Mühen.
In der Stadt dagegen kam ich bedeutend langsamer voran, aber nach etwa zwei Stunden erreichte ich das kleine ruhige Viertel, in dem mein Freund Claus wohnte, den ich besuchen wollte und der erst einen Tag zuvor hier angekommen war. Leider kannte ich nur die Nummer des Wohnblocks, keine Hausnummer, aber da seine Adresse eher nach einer Stundentenunterkunft klang, fand ich das einzige Gebäude, das in Frage kam recht schnell.
Als auf mein Klingeln keiner reagierte, warf ich ihm eine Notiz mit meiner Handynummer in den Briefkasten und wollte, bewaffnet mit einer Dose Pepsi aus dem dort befindlichen Getränkeautomaten schon wieder weiterfahren, um irgendwo mein kärgliches Mittagessen einzunehmen, da steckte er verschlafen den Kopf von seinem Balkon und lachte. Das Rütteln den Briefkastens hätte er gehört, nicht aber die Klingel.
So konnte ich also doch gleich meine Sachen in seiner kleinen Wohnung unterbringen und mein Rad zu den anderen Studentenrädern stellen.
Nun begann eine sehr erholsame Woche. Wir wickelten gemeinsam beinahe das komplette Touristenprogramm ab, kauften weitere Dinge für seine Wohnung um es gemütlicher zu machen und er war ab und zu damit beschäftigt, Dutzende von Formularen für die Bank und seinen Arbeitgeber auszufüllen. Währendessen ruhte ich mich in seiner Wohnung aus, schrieb Postkarten, ging spazieren oder einkaufen. Es war so erholsam, wie ich es mir seit langem gewünscht hatte.
Die Abende wurden auch stets gemütlich, bei einigen Dosen Bier aus dem Convinience-Store, sinnlosen Beschäftigungen oder dem Kochen eines einfachen Abendessens.
Es war auch sehr spannend zu erleben, wie es ist, in einer großen Japanischen Stadt zu leben. Besonders was die komplexe und aufwändige Mülltrennung oder Küchenausstattung (sie kochen auf ganz rustikalen Gasplatten!) angeht.


Nun nähert sich jedoch auch diese Zeit ihrem Ende. Schon morgen breche ich wieder auf, denn Claus muss nun anfangen zu arbeiten und ich habe Hokkaido zu umrunden. Die nächsten zwei Tage sollen laut Wetterbericht auch sehr schön warm und sonnig werden. Ein wahres Glück für mich, denn bei Regen wäre der Abschied noch schwerer geworden, als er jetzt sowieso schon ist. Mal wieder geht es mir viel zu gut und ich bin so dankbar für die schöne Zeit hier in Sapporo!
Doch bekanntlich soll man aufhören, wenn es am meisten Spaß macht...
Ich hoffe sehr, dass ich bald wieder Gelegenheit haben werde meinen Blog zu vervollständigen. Jedoch fürchte ich, dass es noch ein wenig dauern wird, bis ich wieder ins Internet komme. Hoch im Norden sollen diese Gelegenheiten mangels größerer Städte weniger werden.
Allerdings freue ich mich schon sehr, an der Küste entlangzufahren und das Meer zu sehen, vielleicht sogar mal am Strand zu schlafen... Ich schätze mal, dass ich bis Wakkanai, dem Punkt ganz im Norden, wo ich zwei kleine Inselchen besichtigen möchte ca. eine Woche brauchen werde.
Mata ne
Kira