Dienstag, 21. September 2010

Special: Schlafen auf Japanisch

Meine grosse Schwester hat mich vor einiger Zeit gebeten, irgendwann einmal genauer darueber zu schreiben, wie ich an verschiedenen Orten so naechtige, bzw. mich dort so einrichte.
Inzwischen befinde ich mich auch schon fast ein halbes Jahr auf Japanischem Boden, habe schon Etliches ausprobiert und denke, dass ich dieser Thematik nun einen eigenen Post widmen kann.

Ich fange wohl am Besten damit an, wo ich bisher die meissten Naechte verbracht habe... 
Gastfamilie:

Die Zimmer, die ich bei derzeit drei verschiedenen Familien hatte, waren sehr unterschiedlich!

In Otaki bekam ich gar kein Zimmer, sondern eine eigene kleine Holzhuette, die allerdings nur notduerftig eingerichtet war und eher den Eindruck machte, als stuenden dort jene Sachen, die man bei mir zuhause wohl eher in den Keller oder auf die Dachspitze verbannt haette. Doch das stoerte mich eigentlich weniger. Mir machte in der Winterzeit eher zu schaffen, dass ich Abends in einen eiskalten Raum kam, weil er mit Holz beheizt wurde, ich aber den ganzen Tag zum Arbeiten draussen oder im Haupthaus verbrachte. Auch in meiner einstuendigen Pause wurde es erst ertraeglich warm, wenn sie schon fast wieder vorbei war, obwohl ich mich immer unter meinen Futon verkroch. (Die Huette hatte ein sehr hohes Dach, wohin meine ganze ersehnte Waerme entwich) Strom fuer Lampe bekam ich nur durch ein Verlaengerungskabel, das ich Abends beim Haupthaus einstoepselte, den Tag ueber aber weggeraeumt werden musste, damit es nicht stoerte. Natuerlich vergass ich das Einstoepseln hin und wieder, machte mich mit meiner kleinen Lampe auf den Weg durch den Wald und merkte meine Schusseligkeit erst, als ich versuchte das Licht anzuknipsen. In den meissten Faellen hatte ich dann keine Lust mehr, nochmal zurueckzugehen...

In Mukawa dagegen bewohnte ich ein kleines Zimmer mit Teppichboden innerhalb des Haupthauses. Es aehnelte nur in seiner Eigenschaft als Rumpelkammer der Unterkunft in Otaki, war aber sonst ganz gemuetlich. Zumindest haette ich im Winter nicht gefroren. Waehrend die Holzhuette jedoch unbestritten mein Refugium war, kamen hier staendig die Kinder herein, stoeberten in meinen Sachen, kletterten ueber meine Matratze durchs Fenster aufs Dach und machten noch andere Dinge, die in der Mittagspause, wenn man gerne schlafen wollte, etwas stoerend waren. Anweisungen wurden einfach ignoriert. Deshalb breitete ich mich mit meinen persoenlichen Habseligkeiten auch gar nicht erst aus. Hier blieb ich ja auch nur zwei Wochen.
Auf der Canadianfarm in Haramura (Nagano) hatte ich ein richtiges Tatamizimmer mit altertuemlicher Bauerntapete in einem der vielen Nebengebaeude. Es war recht gemuetlich und durch die Strohmatten hatte es einen angenehmen Geruch. Auch war praktisch, weil man durch den ueberdachten Balkon, zu dem eine Schiebetuer herausfuerte hoeren konnte, wenn es regnete. So wusste ich, ob ich mich um sechs, wenn mein Wecker klingelte, langsam aus den warmen Laken schaelen musste, oder noch bis halb acht weiterdoesen durfte. (Bei Regen gingen wir naemlich nicht auf die Felder zum Ernten und Jaeten, sondern trafen uns erst gegen acht zum Fruehstueck). Ein richtiges Haupthaus gab es hier nicht.
Bei allen Familien bekam ich bisher den traditionellen Futon zum Schlafen.

Zelten (Campingplatz):

Zelten kann man hier in Japan sehr gut. Besonders auf Hokkaido gibt es viele huebsche Plaetze, einige daven sehr natuerlich und rustikal gehalten - eher einfache Rasenflaechen, mit nur einem kleinen Waschhaus.Diese waren mir auch am Liebsten, weil man ungestoert blieb.
Mein Zelt an sich ist ja sehr klein - gross eingerichtet habe ich mich deshalb nie, alle Sachen lieber in den Taschen gelassen und diese rechts und links von meiner Matratze als kleine Schutzmauer drapiert. Auch fuer den Fall, dass es regnen sollte, was es nicht klug, etwas ausserhalb der wasserdichten Packtaschen aufzubewahren.
An meinem Zelt mag ich, dass es fast nichts wiegt und schnell aufzubauen ist. Ausserdem trocknet es gut, wenn es mal nass wird.

Appartements:

Die typisch Japanischen Singlewohnungen sind sehr klein. Besonders in Tokyo. In Lottis Fall gab es ausser der winzigen Nasszelle gar kein richtiges Zimmer, wenn man ein solches, als mit Tuer abgetrennten Raum definiert. Der Raum, in dem wir schliefen, war eher eine Verbreiterung des Flurs, in dem sich auch eine Kuechenzeile befand. Deshalb war hier meine Luftmatratze sehr praktisch - die konnte ich tagsueber auf den Balkon raeumen oder einfach an eine Wand lehnen.










Claus Wohnung war etwas groesser und hatte ausser dem verbreiterten Kuechenflur noch ein, durch Schiebetuer verschliessbares Tatamizimmer. So hatte ich sogar die Wahl zwischen Luftmatratze auf Tatami oder westlichem Bett im Flur. Beides war sehr gemuetlich.








Die Wohnung der hilfsbereiten Familie in Niigata ueber der Waescherei hatte dagegen viele Raeume und ich durfte ja sogar im Zimmer der Tochter auf einem Futon schlafen, obwohl ich natuerlich auch mit dem Sofa im Wohnzimmer Vorlieb genommen haette!







Hotel:

das meisste Geld habe ich mit Abstand fuer Hotels ausgegeben. Deshalb erlaubte ich mir diesen Luxus bisher auch nur zwei Mal - fuer die Nacht meiner Ankunft mit dem Flugzeug in Chitose und in Matsumoto, wo es schlicht und einfach nichts Anderes gab! (und ich bin inzwischen gut im Finden der guenstigsten Unterkunft in einer fremden Stadt...)
Natuerlich rechtfertigte sich der Preis in beiden Faellen durch eigene Dusche und WC, Kosmetikartikel, westliches Bett und Fernseher (wer es noetig hat).
Da ich all das aber eigentlich nicht brauche und auch mit weniger luxurioesen Unterkuenften sehr zufrieden bin, vermeide ich es wenn moeglich. Auch die fehlende Gesellschaft ist eher ein Minuspunkt. Zu viel Privatsphaere ist hinderlich, um neue Bekanntschaften zu machen.

Ryokan:

Dabei handelt es sich um Gasthaeuser im Japanischen Stil, in denen man auch noch traditionell empfangen und umsorgt wird.
Ich habe in Niigata meine Ryokan-Erfahrung gemacht und war positiv ueberrascht, wie huebsch die Zimmer sind. Sie haben nichts vom sterilen Charakter der meisten Hotelzimmer und man fuehlt sich gleich wohl. So verbrachte ich auch gerne mehr Zeit innerhalb dieser vier Waende und war nicht nur zum Schlafen dort.
Ich bekam umsonst gruenen Tee, (natuerlich) einen Futon und erhielt einen Yukata (eine Art Japanischer Morgenmantel fuer alle Tages- und Nachtzeiten)
Viele Moeglichkeiten mich einzurichten, gab es aus Ermangelung von Schraenken allerdings nicht. Deshalb liess ich alles in den Taschen, die ich vorsichtshalber auf Zeitungspapier abgestellt hatte.

Minshuku:

Ich habe bisher nur in einer dieser unprofessionellen Privatunterkuenfte geschlafen, damals auf dem Weg nach Wakkanai und es war gerade gut genug, um eine trockene Nacht zu verbringen. Ich erhielt einen ziemlich heruntergekommenen, modrigen Raum mit fleckigem Teppichboden, dessen einziges Moebelstueck aus einem kleinen Tisch bestand. Ein richtiges Fenster gab es auch nicht, nur eine Art waagerechte Schiessscharte, deren Verglasung sich nicht oeffnen liess und weshalb es durch meine trocknenden Sachen in Kombination mit der voll aufgedrehten Heizung schnell tropisch wurde.
Das Bad teilte ich mir mit den anderen Gaesten und eine Reihe von Waschbecken befand sich im Eingangsbereich.
Dafuer haette ich fuer einen geringen Aufpreis eine warme, selbstgekochte Mahlzeit erhalten.

Bed & Breakfast Hotel:

Jaaa, die gibt es sogar in Japan! Die Zimmer waren in meinem Fall in Niigata, auf vier Personen ausgelegt, aber ich hatte Glueck und den ganzen Raum fuer mich! (Er war auch eng genug und es gab keine Schraenke, um seine persoenlichen Dinge zu verstauen)
Essen war nicht beinhaltet und ich teilte mir auch hier das Bad mit den anderen. Mir gefiel auch der grosse Gemeinschaftsraum, in dem fast immer jemand anzutreffen war und der Gelegenheit bot, neue Leute kennen zu lernen und sich zu unterhalten.


Jugendherberge:

Fuer mich liegt sie etwa auf dem gleichen Level, wie ein Bed & Breakfast Hotel, aber mir hat Letzteres trotzdem von der Atmosphaere besser gefallen. Die Herbergen waren manchmal etwas heruntergekommen oder schlecht zu erreichen. Doch je schlechter die Herberge, desto freundlicher das Personal. Jedenfalls habe ich das so empfunden.
Doch man muss ihnen auch zugute halten, dass sie viele Prospekte ueber Sehenswuerdigkeiten oder schoene Landschaften in der Naehe bereithalten. (Kann man allerdings auch am Bahnhof finden oder in Postaemtern erfragen)
In den Jugendherbergen hat man einen eigenen Spint im Zimmer, den man auch abschliessen kann. So musste ich mich nicht um mein Gepaeck sorgen, wenn ich auf Entdeckungstour ging.

Rider House:

Am Liebsten habe ich in diesen Unterkuenften geschlafen. (Leider gibt es sie nur in Hokkaido, was sich dadurch erklaert, das diese fuer Motorradfahrer ausgelegt sind und in Hokkaido nun einmal die schoensten und einsamsten Strecken existieren)
Sie sind nicht nur unheimlich preiswert, ich habe auch immer nette und interessante Menschen getroffen und es war stets eine Ueberraschung, was man wohl vorfinden wuerde. Ich habe sie oft auf den ersten Blick gar nicht als Unterkunft realisiert, weil es sich um unscheinbare, verfallen aussehende Haeuschen oder im anderen Fall um einen Eisenbahnwaggon gehandelt hat.
Dennoch waren es meine persoenlichen Favouriten, trotz fehlender oder kaputter Dusche. Ein Kombini war meistens in der Naehe, so konnte ich mich auch mit Essen versorgen.


























Internetcafe:

Als ich einmal zwei Fliegen mit einer billigen Klappe schlagen wollte, wich ich auf diese Schlafmoeglichkeit aus. Fuer nicht besonders kuschelig, aber zweckmaessig habe ich sie empfunden. Man kann eine Kabine zu einem Sonderpreis fuer acht Stunden mieten und in dieser Zeit ins Internet gehen oder eben schlafen. Leider sind die Trennwaende nur ein Sichtschutz. Vor Geraeuschen bewahrten sie mich jedoch nicht und daher wachte ich auch auf, als neben mir ein Mann anfing, laut zu schnarchen...
Dafuer darf man sich am Getraenkeautomaten gratis bedienen, manchmal gibt es auch Automaten fuer Ramen oder Maissuppe.
Die Kabine war allerdings ziemlich eng und ich war froh, nicht besonders hoch gewachsen zu sein, ansonsten haette ich mich arg einrollen muessen.

Anderes:

An meine Nacht im Park von Wakkanai denke ich war nicht so gern zurueck, aber sie muss der Vollstaendigkeit halber wohl trotzdem erwaehnt werden...
Von romantischen Naechtigen unter Sternenhimmel konnte jedoch hier keine Rede sein, da es furchtbar kalt war, ich natuerlich kein Lagerfeuer hatte und mein einziger Schutz aus dem besagten Klettergeruest bestand, unter dem ich meinen Schlafsack ausgerollt hatte. Mein Fahrrad liess ich bepackt um im Ernstfall abhauen zu koennen. Fuer ein Foto war es leider zu dunkel und Morgens dachte ich ehrlich gesagt nur daran, moeglichst schnell zu verschwinden... Aber ich werde etwas in dieser Art bestimmt nur im aeussersten Notfall wiederholen (wenn ich Pleite bin oder irgendwo in der Pampa hocken sollte!)
Die Nacht im Schiff war auch nicht von der erholsamen Sorte... Auch deshalb, weil das Licht die ganze Zeit ueber anblieb. So band ich mir eines meiner Tuecher um den Kopf und rollte mich auf meinem Lager an der Wand zusammen. Meine Taschen hatte ich auf meinem Fahrrad gelassen, das im Schiffsrumpf vertaeut war und nur das Noetigste in den Gemeinschaftsschlafraum mitgenommen.

Ich hoffe, ich habe nichts vergessen und es waere interessant fuer mich, was ihr so bevorzugen wuerdet, wenn ihr in meiner Stelle waert. :)
Eine neue Erfahrung werde ich mit Vermerk hier einfuegen.

Mata ne
Kira

Sonntag, 12. September 2010

summer in the city - Tokyo

Nachdem aus meinen Arbeitsplaenen fuer die Hauptstadt nun leider nichts wurde und ich zum Nichtstun verdammt war (ich arme!), mich aber trotzdem noch ein bisschen in dieser gigantischen Stadt aufhalten wollte, beschloss ich, ein paar neue Freunde in der Umgebung zu finden.
Mein einziger bisheriger Kontakt bestand aus Masashi, einem Japanischen Freund, der auch schon oefter in Stuttgart auf Dienstreise gewesen war. Allerdings war er zur Zeit sehr beschaeftigt und hatte keine Zeit fuer mich.

So schrieb ich also ueber "Couchsurfing" (eine weltweite Internetplattform fuer Reisende, auf der man kostenlose Logis fuer eine Nacht und nette Leute finden bzw. Schlafplaetze anbieten kann) ein paar Leute an, die ebenfalls in Musashino lebten.
Dadurch kamen ich und Lotti mit dem witzigen Taiwanesen Andy in Kontakt, mit dem wir uns ein paar Mal treffen konnten. Wie es der Zufall wollte, wuerde er im Fruehjahr nach Taiwan zuruckkehren und lud mich deshalb ein, ihn dort zu besuchen, wenn ich im April mit der Fahere von Okinawa uebersetzte. (May war inzwischen auch so lieb gewesen, mir einen Rueckflug zu organisieren - ihre Freundin arbeitet in einem Reisebuero in Taipei und konnte mir einen guten Preis herausschlagen. Allerdings muss ich ueber Hongkong und London fliegen, aber was solls)

Mit Andy besuchten wir an einem Abend eine gemuetliche Jazzbar, in der die Musiker zum Schluss sogar zu uns kamen, und sich dafuer bedankten, dass Auslaender ihnen zugehoert hatten. Bis dahin hatte ich Jazz eigentlich nicht besonders gemocht, aber diese Auffuehrung gefiel mir sehr gut.

Ein anderes Mal stuerzten wir uns in das unglaubliche Gewuehl eines Sommerfeuerwerks. Das war eine aufregende Erfahrung. Die Haelfte aller Japaner kam im Kimono oder Yukata, sie hatten auf dem Boden ueberall ihre blauen Plastikplanen ausgebreitet, hielten Picknick und vergnuegten sich, waehrend um uns herum die Raketen gigantische bunte, feuerspruehende Blumen, Smileys und Schmetterlinge an den Himmel malten und alles von stimmungsvoller Musik begleitet wurde.
Andy berichtete mir, dass es ueber 40.000 Feuerwerkskoerper waren - und das Spektakel dauerte auch ueber zweieinhalb Stunden...

Inzwischen hatten mir meine Eltern meinen grossen Rucksack geschickt, denn mit dem Rad, ohne Vordergepaecktraeger konnte ich nicht weiterreisen.
So schob ich es ein letztes Mal auf Japanischem Boden zur Post, verpackte es dort in seine Tasche und gab es auf. Ein paar Monate wuerde es unterwegs sein und sein eigenes Abenteuer erleben...

Als Lottis Urlaub begann, liesse wir uns auch Buecherreiausweise anfertigen, fuer die grosse Bibliothek in Mitaka, zu der ich auch viele Male alleine lief um ganze Tage dort Sitzend und Lesend zu verbringen.
Denn, ich habe es noch nicht erwaehnt, ist aber wichtig: ES WAR WARM!
Nicht die angenehme leichte Hitze eines Sommers. Stickig und drueckend war die Luft. Man hatte beinahe das Gefuehl, es waehre kein Sauerstoff vorhanden, das Denken fiel etwas schwer und ohne Grund lief der Schweiss den ganzen Tag. Nachts wurde es nicht besser. Selbst ohne Decke und trotz offener Balkontuer war es zu warm und auch, wenn dann und wann ein kleines Lueftchen Linderung schaffte, schlief ich schlecht und wachte am Morgen wenig erholt auf.

Es war einfach nicht angenehm.

Ich mag Sommer, aber nur, wenn man vor der Hitze auch irgendwie fliehen kann - in ein kuehles Haus oder in den Schatten. Doch hier bot nichtmal dieser Schutz. Dort war es zwar unsonnig, aber man fuehlte sich noch immer wie in einer Sauna.
Erleichterung brachte demnach nur die Klimaanlage. Und weil Lotti zwar eine solche besass, wir diese aber aus Kostengruenden nie benutzten, fluechtete ich eben in die Buecherei und verbrachte dort himmlische schwitzfreie Stunden, waehrend ich mich durch einen Grossteil der Englischen Abteilung frass. (Lottis persoenlicher kleiner Buchbestand, war mir schon laengst zum Opfer gefallen)

Waehrend Lottis Urlaub unternahmen wir natuerlich auch andere Sachen. Wir besichtigten den Tokyo Tower und andere Sehenswuerdigkeiten, spazierten durch Shibuya, assen Eis in Harajuku und beobachteten dabei die Menschen. Da gab es immer etwas zu lachen, denn anscheinden war es gerade Mode, seine Unterwaesche zu zeigen, indem man auf Guertel verzichtete oder sehr kurze Roecke trug.

Als Claus mit seiner Freundin nach Tokyo kam, trafen wir uns in Asakusa - dem Tempelviertel und schlenderten durch Ueno. Es war schoen, ihn nochmal zu sehen, und wir hatten eine schoene Zeit. Moeglicherweise kommt er in seinem naechsten Urlaub nach Okinawa und wir koennen uns dort nochmal sehen, bevor ich Japan verlasse.
Auch meine Schwaegerin reiste in ihrem Urlaub gerade mit Freunden durch Japan und so schafften auch wir es, uns an einem Tag zu treffen. Das war wie ein Stueckchen Heimat. Ich habe es sehr genossen. Zusammen gingen wir aufs Governement-Building, von dessen Spitze man eine grossartige Aussicht ueber Tokyo hat und besuchten ein kitschiges Romantikviertel am Hafen.

In meiner letzten Woche schaffte ich es dann auch noch, mich mit Masashi fuer das grosse Samba-Festival zu verabreden, das jedes Jahr stattfindet. Es war ein gigantischer Umzug mit toller Musik, vielen aufwaendigen Wagen und Kostuemen. Den Herren gefielen besonders die zahlreichen Damen im Bikini und mit Federschmuck. (Leider stand vor mir eine Dame, die sehr stark nach nasser Katze roch, was mich zusaetzlich zu meinen schmerzenden Fuessen ein bisschen ablenkte)

Und natuerlich war ich auf dem Fuji!
Das war nun schon seit zwei Jahren mein Wunsch und auch deshalb hatte ich meinen Besuch bei Lotti in den August gelegt. Die Klettersaison ist naemlich Ende August schon vorbei und die Versorgungsstationen haben geschlossen...
Den Aufstieg plante ich fuer einen Montag, denn dann waren vielleicht nicht so viele Menschen unterwegs. So nahm ich den Abendbus und kam gegen neun am Fusse des Berges (der immerhin schon auf 1.700 Metern liegt) an. Ich hatte mich naemlich fuer eine naechtliche Besteigung entschieden, denn ich wollte unbedingt den Sonnenaufgang vom Gipfel sehen!

Von meinen Alpenerfahrungen wusste ich, dass man sich zunaechst etwas akklimatiesiern sollte, bevor man aufsteigt.
Aber mir ging es eigentlich gut und die Warterei kam mir eher wie Zeitverschwenung vor. Zur Ablenkung gab es auch nur ein paar Souveniershops, die den gewohnten Kitsch fuer Touristen anboten. Immerhin konnte ich noch eine Flasche Wasser erwerben, die ich in meine Umhaengetasche (in Ermangelung eines Rucksackes) zu den Winterklamotten und den Keksen stopfte. Ich war mir nicht sicher, ob ich wirklich Muetze, Schal, Jacke und Handschuhe brauchen wuerde. Die Tasche war sehr prall gefuellt, aber ich hatte mich trotzdem dafuer entschieden das ganze Zeug mitzuschleppen, weil ich es hasse zu frieren.

Als ich wieder nach draussen ging (es war stockduster und alle hatten ihre kleinen Kopflampen in Betrieb) schnappte ich ein paar Brocken Deutsch auf. Ich dachte, ich haette mich verhoert und blieb deshalb stehen. Doch es war zweifelsohne meine Muttersprache und als ich die Personen ausfindig machte, die sich in ihr unterhielten, sah ich, dass es sich um einen Mann mit seinem Sohn handelte. Ich drueckte mich ein wenig in der Naehe herum und als die Gelegenheit guenstig schien, sprach ich den Mann an.

Er hiess Reinhold und hatte hier in Japan eine Zweigfirma. Sein Sohn hatte gerade sein Abi in der Tasche und kam ihn besuchen.
Reinhold kam aus Muenchen und so kamen wir ein bisschen ins Gespraech ueber die Stadt und was er dort so arbeitete. Er war sehr lustig und lachte gern und erzaehlte mir, dass er schon zweimal auf dem Fuji gewesen sei.
Diese Erfahrung imponierte mir und so fragte ich, ob ich mich fuer den Anfang ihnen anschliessen duerfte, denn ich hatte keine Ahnung, wo der Pfad anfing... (Es war nicht ausgeschildert und trotz Vollmond so dunkel, dass man gerade mal drei Meter weit sehen konnte.

Zum Glueck hatten beide nichts dagegen und so machten wir uns auf den Weg. Reinhold schien nichts von Akklimatisierung zu halten und mir war es auch lieber so. Ich hatte ein wenig Sorge, den Gipfel nicht rechtzeitig zu erreichen.
Die ersten Hoehenmeter waren sehr human. Es lief sich leicht und im Licht von drei Stirnlampen konnte man einen guten Teil des Weges beleuchten.
Doch dann kamen wir an eine Stelle, an der man bis zum Gipfel blicken konnte und ich wusste nicht recht, wie wir das jemals bis zum Sonnenaufgang bewaeltigen sollten. Es schien ziemlich weit!
Aber nun gab es kein Zurueck mehr. Der Weg war zu schmal, als dass sich zwei Personen aneinander vorbeizwaengen haetten koennen und deshalb ist man gezwungen, immer weiterzugehen, selbst wenn man lieber wieder umkehren moechte.
Die tatsaechliche Hoehe hatte mich zwar ein wenig geschockt, aber umkehren war das Letzte, was ich jetzt wollte. Es war angenehm, in der Dunkelheit zu laufen und es gab einige fiese Stellen, die bei Sonne und Hitze sehr muehsam geworden waeren.
An der ersten Huette, nach etwa zwei Stunden, kauften wir uns nur jeder einen Schokoriegel um Kraefte nachzutanken, goennten uns ein paar Minuten Rast und dann ging es weiter. Es wurde fast monoton. Man achtete nur auf den naechsten Schritt. Ein paar Mal musste man regelrecht kraxeln, weil der Weg nur aus Felsbrocken bestand. Ein Wanderstock, wie ihn so viele mit sich fuehrten und den man im Tal hatte kaufen koennen, um ihn an jeder Station fuer 200 Yen mit diversen Stempeln versehen zu lassen, waere hier mehr als hinderlich gewesen, wo man doch beide Haende brauchte, um sich nach oben zu ziehen...

So ging es weiter. Doch nach und nach konnte man kleine, ermutigende Fortschritte erkennen, wenn man den Abhang hinunterspaethe.
Unter uns schlaengelten sich auf dem Pfad hunderte von kleinen Lichtern den Berg empor. Wie eine Perlenkette aus Gluehwuermchen sahen die vielen Bergsteiger aus.
Reinhold mahnte nun zur Eile. Bald wuerden auch die Leute, die in den Huetten auf dem Berg geschlafen hatten, aufbrechen, um den Sonnenaufgang zu sehen. Wenn wir in diesen Stau kaemen, wo alles nur noch stockend voranging, haetten wir gute Chancen, ihn zu verpassen.

Deshalb legten wir einen Zahn zu und waren schnell am schnaufen. In einer der letzten Huetten goennten wir uns trotzdem eine kurze Rast und schluerften Nudelsuppe. Dann ging es weiter. Pausen wurden nun unangenehm, denn T-Shirt und Pulli waren laengst nassgeschwitzt und sobald man stehenblieb wurde es schnell kalt. Meine Winterklamotten hatte ich laengst angezogen.


Nach sechs Stunden erreichten wir den Gipfel.

Wir waren nicht in den Stau gekommen und dennoch tummelten sich hier bereits jede Menge Menschen aller Altersklassen. Der Getraenkeautomat war leer, aber dafuer ergatterten wir trotz anfaenglicher Skepsis einen tollen Aussichtsplatz in der ersten Reihe am Grat.
Die Gluehwuermchenkette riss nicht ab, sondern verdichtete sich zur Mitte des Berges hin noch. Inzwischen regelten sogar ein paar Polizisten mit ihren roten Leuchtstaeben den Verkehr. (Zusammen mit den uebervorsichtigen Japanern, die an jeder Biegung rasselnd Sauerstoff inhalierten, hatte man ein bisschen den Eindruck, mitten in Dreharbeiten zur neusten Star-Wars-Episode geraten zu sein)
Nun warteten wir. Es war halb vier und die Sonne wuerde erst gegen fuenf aufgehen. Noch war nichtmal ein Schimmer am Horizont auszumachen.

Es wurde sehr kalt. Ich war froh ueber meine Jacke und die anderen Sachen, aber dennoch war es zu wenig um mich vollstaendig zu schuetzen. Die nassen Klamotten, die ich darunter trug, schienen alle Waerme abzuweisen.

Langsam erhellte sich der Himmel, die Sternenpracht ueber uns, sowie das Lichtermeer der grossen Stadt im Tal verblassten und die Menschen um uns herum wurden lebhafter.
Einige, die wie Raupen kokongleich in ihre Rettungsdecken gewickelt auf dem Boden lagen und versuchten zu schlafen, regten sich muede und spaehten hoffnungsvoll gen Horizont, der nun unter einer dicken Wolkendecke lag.

Weiterwarten. Die Zeit schien sehr lang. Trotz Handschuhe und der dicksten Socken, die ich besass wurden mir Finger und Zehen klamm. Immerhin musste ich nicht mit dem kalten Boden vorlieb nehmen, sondern konnte mich auf einen Baumstamm setzen, der am Grat vor der Absperrung lag.

Endlich nahm der Himmel einen azurfarbenen Ton an und ueber der Wolkendecke entwickelte sich ein immer intensiveres Orange, das langsam ins Gelbliche ueberging.
Dann ertoenten erste Ausrufe.
Die Sonne!

Allerdings nicht in ihrer gewohnt gleissenden Pracht, sondern zunaechst nur ein orangeroter Tropfen, der unter den Wolken hing und wie eine Luftblase langsam nach oben stieg.
Dann erklomm der Tropfen die Wolken.
Sofort schien es waermer zu werden, als uns die ersten Strahlen erreichten. Noch tat es nicht weh, in die Sonne zu schauen, denn das Licht fiel noch flach. So war es moeglich viele schoene Fotos zu schiessen - in meinem Fall vielleicht zu viele, denn nach ein paar Minuten war die Batterie meiner Kamera leer.

Wir genossen etwa eine halbe Stunde dieses kleines Wunder der ersehnten Waerme und dann lud Reinhold mich und seinen Sohn auf eine heisse Misosuppe und einen noch heisseren Tee in eine der Huetten auf dem Gipfel ein, die inzwischen geoeffnet hatten. Dazu konnten wir unsere noch immer steifen Finger an einer kleinen ersterbenden Feuerstelle waermen.
Ganz allmaehlich wich die Kalte der Muedigkeit und wir wurden traege.

Wir rafften uns jedoch nochmal auf und gingen anschliessend bis zum Krater um hinabzublicken, aber er lag noch immer unter einer Eisschicht und war mehr oder weniger unspektakulaer.

Gegen sechs begannen wir den Abstieg.
Und er war weitaus anstrengender als der Aufstieg, obwohl er nur dreieinhalb Stunden dauerte.
Denn der Weg war sehr steil und bedeckt von einer dicken Dreckschicht und losem Geroell, das einen immer wieder ins Schlittern brachten und oft auch zu Fall.
Nach einer Stunde bereits schmerzten Knie und Waden. Man merkte deutlich, dass das eigentlich nicht gesund sein konnte.
Dennoch hielten wir durch. Natuerlich. Was blieb denn anderes uebrig?
Irgendwann lies auch die Steigung nach und wir kamen an die Stelle, wo sich Aufstieg und Abstieg deckten. Hier wurde es angenehmer zu gehen.

Um halb zehn waren wir wieder im Tal, wo sich nun jede Menge Leute tummelten. Einige in Aufbruchsstimmung, mit frischem Mut und wippendem Schritt, andere voellig geraedert am Boden liegend. Wir gesellten uns zu den Geraederten und bedienten uns erstmal ausgiebig an den Getraenkeautomaten.
Kurz darauf verabschiedeten sich Vater und Sohn. Reinhold gab mir aber noch seine Emailadresse, er wolle mir die Fotos schicken, die er gemacht habe, weil doch meine Kamera ihren Geist aufgegeben hatte.
Da war ich dann voellig zufrieden mit dem Erlebnis und verabschiedete die beiden herzlich.

Ich musste noch eine ganze Weile auf meinen Bus warten, aber diesmal im Warmen.
Den Muskelkater in den Beinen wurde ich allerdings erst nach ein paar Tagen los, obwohl ich weiterhin tapfer jeden Tag zur Buecherei lief, um den Heilungsprozess zu beschleunigen.

Der letzte Tag stand nun vor der Tuer und ich konnte sogar noch eine letzte Verabredung umsetzen, mit einer Japanerin von Couchsurfing, mit der sich Lotti hoffentlich noch einmal treffen kann, denn sie war wirklich eine sehr liebe Frau.

Dann brach der Morgen an und ich auf. Mit der Bahn Richtung Nagano,
Diesmal etwas entspannter, nur mit Rucksack...

Mata ne
Kira

Dienstag, 7. September 2010

Special: Die Japanische Buerokratie

Oder: Warum einfach wenns auch umstaendlich geht?

Wenn ihr gerne ueber die Inkompetenz von Behoerden lacht, dann ist diese Geschichte gerade richtig fuer euch. Wenn ihr euch eher darueber aufregt, solltet ihr sie vielleicht besser nicht lesen. :)

Eigentlich wollte ich ja die Zeit in Tokyo nutzen, um meine Reisekasse etwas aufzubessern und dort zu jobben. Lotti musste ja auch arbeiten - sie ist seit Juli fuer ein Jahr in Japan und hier als Englischlehrer-Assistentin an einer internationalen Schule taetig - und ich hatte keine Lust, den ganzen Tag allein zu sein.
Gewissenhaft, wie ich auch manchmal bin, wollte ich mich also recht bald um das Buerokratische kuemmern, damit ich schnell eine Arbeit antreten konnte.

Zu diesem Zweck muss man sich zunaechst in der Stadt registrieren und eine sogenannte "alien registration card" beantragen. Das ist eine Art Personalausweis fuer Auslaender, auch wenn es eher nach einer Aufenthaltsgenehmigung fuer Marsmenschen klingt.

So sieht sie uebrigens aus:
(auch wenn ich die meisten der interessanten Schriftzeichen wegen Datenschutz uebermalen musste)

Praktischerweise wollte Lotti ohnehin nochmal im Rathaus von Musashino vorbei, um ihre eigene ar-card abzuholen. Deshalb konnte ich mich einfach anschliessen, weil ich ja nicht wusste, wo es sich befand.
Und damit begann der ganze Aerger...

Das Beantragen an sich ging schnell und machte wenige Probleme. Eine der Damen konnte sehr gut Englisch und es kamen keine Missverstaendnisse auf.
Erst als es um die Krankenversicherung ging, wurde es kompliziert. An sich hatte ich nichts dagegen, auch wenn ich mich etwas wunderte, da ich ja bereits in Deutschland eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen hatte und diese im Uebrigen Voraussetzung fuer die Genehmigung des Visums war. (Spaeter erfuhr ich in der Deutschen Botschaft, das diese in Japan gar nicht anerkannt wird - da kann sich schon die Frage nach dem Sinn stellen)

Dennoch, wenn es nun einmal Pflicht war, wie man mir versicherte, dann hatte es wohl keinen Sinn sich zu straeuben, denn auch wenn etwas unlogisch ist, lernen Japaner schon frueh, alles als gegeben zu akzeptieren und keine Fragen zu stellen. (Ausserdem schien mir eine zusaetzliche Absicherung gar nicht so bloed zu sein, denn beim Arzt wuerde ich damit nur 30 Prozent der Kosten bezahlen muessen und sowas kann ja schnell teuer werden. Soviel Geld hatte ich nun auch wieder nicht gespart, als dass ich das ohne Probleme vorstrecken koennte...)
Jedenfalls ging ich den armen Angestellten bestimmt gruendlich auf die Nerven, denn ich stellte jede Menge Fragen und je mehr Antworten ich erhielt, desto undurchdachter kam mir die ganze Sache vor.

Es verhielt sich naemlich folgendermassen:
Anders als in Deutschland, zahlt man hier monatlich das Geld fuer seine Versicherung an die Stadt, in der man lebt. (Es wird auch nicht vom Konto eingezogen, sondern man muss es bei der Post einzahlen) Wenn man nun umzieht, muss man sich also in der alten Stadt ab- und in der neuen anmelden, sowie seine Adresse beim Postamt aendern. Bis nun die ganzen Unterlagen an die Verwaltung der Stadt des neuen Wohnsitzes uebergegangen sind und die neue Adresse registriert ist, koennen einige Wochen vergehen.

Doch wie war dies fuer jemanden umsetzbar, der quasi alle paar Wochen seinen Aufenthaltsort wechselte und auch nicht an einen der Orte zurueckkehrte - jemanden wie mich?
In meinem Fall machte doch all das An- und Abmelden ueberhaupt keinen Sinn, dachte ich mir. Konnte ich nicht einfach den ganzen Jahresbetrag auf einmal an nur eine Stadt zahlen?
Aber nein! Das waere unmoeglich, wurde ich sofort zurechtgewiesen.
Ich wollte nicht lockerlassen; denn wenn ich nun einmal nicht mehrere Wochen bei einer Gastfamilie bleiben konnte (was durchaus moeglich war, wenn viele WWOOFer dort arbeiten wollten), wie sollte ich dann bitte auf den Bescheid der Stadt warten, um dann damit zur Post gehen und den Monatsbetrag zahlen zu koennen?
Wenn das also schlichtweg einmal nicht moeglich war, was wuerde dann passieren?

"Sie MUESSEN bezahlen!", war die sachliche Antwort, gerade so, als haette die japanische Buerokratie die Macht, selbst physikalische Gesetze ausser Kraft zu setzen!

Was soll man darauf antworten? Ich starrte nur verstaendnislos zurueck.

In dieser Form ging es weiter. Fast vier Stunden lang! (Insgesamt verbrachte ich waehrend meiner Zeit in Tokyo um die zehn Stunden dort)

Und das Ende vom Lied war trotzdem, dass ich keine andere Wahl hatte, als mich dieser Sinnlosigkeit zu beugen...
So kehrte ich nach einem Tag zurueck, weil ich mich mit diesem Schicksal einfach nicht abfinden konnte und wollte. Zumal mir Lotti und Jacki (die ich inzwischen nochmal getroffen hatte) beide versicherten, sie haben keine Extra-Versicherung aufgedrueckt bekommen. Warum nur ich??? (Auch das stellte sich spaeter heraus: sie waren durch ihre Arbeitgeber versichert. Wusste ich aber zu dem Zeitpunkt nicht)

Doch alle Muehe und geopferte Zeit - ganz zu schweigen von meinen Nerven - war vergebens. Es blieb dabei!
Ich war sogar, wie schon erwaehnt, einmal zur Deutschen Botschaft gefahren, um mir dort Rat zu holen, doch nach fast drei Stunden Warterei fertigte man mich nur mit der Erklaerung ab, man kenne sich hier nicht mit dem Japanischen Gesetz aus (zu aller Ironie war es eine Japanerin, die dies sagte) und ich solle gefaelligst in der Japanischen Botschaft in Deutschland anrufen, wenn ich darueber Auskunft haben wolle!!!

War das zu fassen?
Da blieb einem doch nichts anderes uebrig, als den Kopf zu schuetteln und lauthals zu lachen.
(Mir war in diesem Augenblick allerdings nicht so sehr zum Lachen zumute, weil ich mir mit meinem Problem ziemlich alleingelassen vorkam)

Als ich dann ein paar Tage, bevor ich Tokyo verliess, nochmals das Rathaus aufsuchte, um mich ordnungsgemaess (und in sarkastischem Ton) abzumelden, sah es fast so aus, als klaere sich die Sache doch noch zum Guten auf.

Mir wurde gesagt, ich koenne doch unter der Adresse in Tokyo registriert bleiben und solle einfach so tun, als wohne ich das ganze Jahr dort und reise eben viel herum.
(Ich hatte inzwischen auch den Versicherungsbescheid ueber 6200 Yen bekommen und brav den Jahresbetrag bei der Post bezahlt. Ich haette das Geld, das ich an diese Stadt zuviel bezahlt haette, zurueckerhalten, sobald ich in der neuen Stadt registriert waere. Dafuer hatte ich ihnen Lottis Japanische Bankverbindung gegeben, denn ich besass hier ja kein Konto.)

Doch nun sollte ich mich nicht ummelden und erst, wenn ich Japan vollstaendig verliesse, meine ar-card und die Versicherungskarte nach Musashino zurueckschicken.

Warum denn nicht gleich so, dachte ich mir in Hochstimmung, weil mir endlich jemand entgegen zu kommen schien.
Die ganze Reise waere mit all den Umregistrierungen sehr unschoen und kontrolliert geworden, dabei wollte ich doch ein Jahr lang mal nichts von derlei Dingen wissen und mich frei fuehlen...

Und alles nur wegen dieses bloeden Personalausweises, der mir noch nichteinmal von Nutzen gewesen war, denn ich hatte keine Arbeit gefunden. Zwar durfte ich einen Tag lang in einem Restaurant jobben, aber nur ein Monat Aufenthalt war allen potentiellen Arbeitgebern zu kurz.

Natuerlich musste ich mir erst noch Lottis Einverstaendnis einholen, dass ich unter ihrer Adresse wohnen bleiben koenne. Und das bereitete mir etwas Sorgen.
Das lag allerdings nicht an meiner Freundin, sie haette sicher nichts dagegen gehabt, doch einen Tag zuvor war ihre Chefin von einem langen Urlaub zurueckgekommen und Lottis Vermieterin hatte sich gleich bei ihr darueber beschwert, dass nun zwei Personen in einer Singlewohnung registriert waeren und das sei gegen das Japanische Gesetz!
Leider stellte sich in der Tat heraus, dass das nicht ginge und ich mich beim Verlassen von Tokyo abzumelden haette.

Auch die Damen im Rathaus waren bedrueckt, ob dieser Auskunft. Verstaendlich, sie hatten sich ja stundenlang mit meinem Fall beschaeftigt...

Und so hoffte ich nur, dass ich vielleicht die Adresse meiner neuen Gastfamilie in Nagano behalten koenne.

Als ich vor ein paar Tagen in der Stadtverwaltung von Haramura war, kam jedoch alles etwas anders.
Anscheinend gelten ueberall in Japan andere Gesetze, denn sie sagten, es waere gegen das Gesetz, eine Adresse zu behalten und ich haette die Regeln zu befolgen.

Na grossartig. Nun ging das Ganze von vorne los...
Ich konnte mich gerade noch davon abhalten, meinen Kopf ganz fest auf den Tisch zu hauen.

Auf eine abermalige stundenlange Diskussion hatte ich nun wirklich keine Lust! Und sie weigerten sich strikt in Musashino anzurufen. Dabei haetten die ihnen alles viel besser und schneller erklaeren koennen...

Doch immerhin erledigten die Angestellten alle Formalitaeten, waehrend ich (mal wieder etliche Stunden) wartete. Zum Schluss bekam ich meine geaenderte ar-card, den Bescheid ueber einen weiteren Jahresbeitrag (diesmal komischerweise 6300 Yen) und meine neue Versicherungskarte ausgehaendigt.
Waehrend ich wartete, hatte ich weiter mit einer der Damen geredet und sie sagte mir, sie verstehe die Regeln im Rathaus von Musashino nicht, denn ich muesse mich nach ihrer Kenntnis weder abmelden, noch meinen Ausweis zurueckgeben, wenn ich Japan verliess.
Aber wo lag dann noch das Problem? Warum sollte ich mich nochmal all dem aussetzen, wenn es im Grunde nicht wichtig war, dass ich mich in der Stadtverwaltung meines Wohnsitzes abmeldete oder ihnen den Ausweis zurueckgab?

Ich verlor nun entgueltig die Geduld und beschloss, zwar ein allerletztes Mal die Versicherung an Haramura zu bezahlen, wo ich ja nun offiziell wohnte, mich dann aber nicht noch einmal um diesen Muell zu scheren, von dem sowieso niemand eine Ahnung zu haben schien!
Die Adresse meiner neuen Gastfamilie durfte ich auch behalten (hatte bereits deren Einverstaendnis), ich besass meine neue Versicherungskarte (die ich wahrscheinlich sowieso niemals brauchen wuerde) und sollte mir doch etwas passieren, dann war ich eben gerade zufaellig auf Reisen. Die Karte galt ueberall, das hatte mir mein Gastvater Haseyan versichert.

Wozu also noch weiter darueber nachdenken? Ich war wahrscheinlich sowieso die Einzige, die sich jemals ernsthaft damit beschaeftigt hatte. Alle anderen, die viel reisten, waehrend ihrem Auslandsjahr, hatten sich bestimmt einfach nie registrieren lassen... haette ich nur nie nach Arbeit in Tokyo gesucht!

Meine grosse Sorge, wenn ich "die Regeln" nicht befolgte, hatte sowieso nur darin bestanden, dass man mich bei meiner Ausreise in die Stadt zurueckschicken wuerde, in der ich mich nicht ordnungsgemaess abgemeldet hatte. Das war den sturen Beamten durchaus zuzutrauen...

Da dies nun anscheinend doch nicht notwendig war, gab es auch keinen Grund das ganze Procedere weitere Male durchzuziehen! (Zumal ich nicht so viel Geld hatte, um in jeder Stadt, in der ich laengere Zeit bliebe, den Jahresbeitrag zu bezahlen. Selbst, wenn ich das Geld in Deutschland von Lotti sicherlich zurueckbekommen wuerde)

Ab jetzt bin ich also wieder frei. Oder zumindest ist es mir Schnuppe...

Ich bin ein Rebell der Japanischen Buerokratie!!!
(Ob die mich dann nochmal in ihr Land lassen? xD)


Mata ne,
Kira