Samstag, 26. Februar 2011

Okinawa: Haisai, Shiisa und Mangogaerten

Am Faehrenterminal angekommen, musste ich noch eine ganze Weile die Zeit tot schlagen, bis endlich mein Schalter oeffnete und ich das Ticket kaufen konnte. 16.000 Yen (etwa 160 Euro) waren fuer so eine Ueberfahrt nicht gerade billig, aber die Fluege, die ich ohne Probleme (also ohne Kanjikenntnisse) haette buchen koennen, fingen erst bei ca. 400 Euro an.

Eine immer groessere Menschenmenge versammelte sich nun in der Terminalhalle und ich ergriff die Flucht, um den Horden zu entkommen. Draussen las ich mir die Wegbeschreibung zu meinem Dock durch. Dieser zufolge, gab es wohl einen Bus, der uns alle zur Anlegestelle bringen wuerde. Noch immer war mehr als eine Stunde zu ueberbruecken und so beschloss ich, Proviant kaufen zu gehen, denn die Ueberfahrt wuerde gute zwei Tage dauern und wer weiss, wie es um die Verpflegungsangebote auf dem Schiff stuende? Der Infozettel besagte, dass es kein Restaurant gaebe.

Ich schaute mich suchend um. In welcher Richtung wuerde ich wohl am Schnellsten auf einen Convinience Store treffen?
Mein Blick fiel auf drei Auslaender, die in meine Richtung schauten und sich unterhielten. Ich laechelte ihnen zu und das schien sie zu ermutigen, naeher zu kommen. (In Japan ist es ein Phaenomen, dass viele Westler nichts von anderen ihrer Art wissen wollen und sie teils komplett ignorieren. Zumeist sind es solche, die gerne selbst Japaner waeren und versuchen, ja nicht mit ihresgleichen in Verbindung gebracht zu werden. Zu schrecklich waere es fuer diese Wunsch-Japaner, fuer einen gewoehnlichen Touristen gehalten zu werden!) Wie sehr viele andere, eingeborene Japaner jedoch, habe ich nichts dagegen, Menschen anderer Nationalitaeten zu treffen.

So lernte ich Catriona, Marc und Emily kennen.
Sie kamen aus Schottland, Canada und England und unterrichteten alle Englisch in der Praefektur Kochi. Auch sie wolten nach Okinawa, allerdings nur fuer einen einwoechigen Urlaub.

Da auch sie Verpflegung kaufen wollten, machten wir uns gemeinsam auf den Weg und deckten uns in einem Lawson mit verschiedenen Backwaren, Snacks und Getraenken ein.
Auf dem Rueckweg mussten wir uns dann doch noch ziemlich ins Zeug legen, um den Bus nicht zu verpassen, weil das Geschaeft einen fast 20minuetigen Fussmarsch entfernt lag.

Bereits jetzt verstanden wir uns sehr gut und die Freude war daher umso groesser, als wir feststellten, dass unsere "Betten" auf der Faehre nebeneinander lagen. Nun, es waren eigentlcih nur sehr schmale Matratzen in einem Raum fuer etwa 70 Personen, denn keiner von uns hatte genug Geld fuer die 2. Klasse.
So lagen wir wie die buchstaeblichen Sadinen in der der Dose. Zu meinem Pech lag neben mir ein alter Herr, der nachts laut schnarchte, sich umherwarf und meinen sowieso schon geringen Schlafplatz beanspruchen wollte. Ich musste ihn mir stets vom Leib halten, was alles andere als angenehm war, denn er roch etwas stark.

Als wir gerade Kyushu hinter uns gelassen hatten und Kurs auf Okinawa nehmen wollten, schlug das, sowieso schon unschoene Wetter um:
Hohe Wellen schuettelten uns ordentlich durch, normales Gehen an Bord war schon nicht mehr moeglich. Wir fuhren zwar noch ein bisschen weiter, aber angesichts der Gefahr drehten wir zu guter letzt um und ankerten in ruhigeren Gewaessern. Gegen Mittag war eine Weiterfahrt noch immer nicht moeglich. Deshalb wurde angekuendigt, das Schiff wuerde kurz in Kagoshima, einem Hafen in Kyushu anlegen. Alle die wollten, oder muessten, koennten dort aussteigen, alle Uebrigen sollen an Bord bleiben und "auf besseres Wetter" warten.

Leider gingen meine drei neuen Freunde von Bord. Fuer sie wuerde es sich nicht lohnen zu warten, da ihr Urlaub dafuer einfach zu kurz war. Stattdessen hatten sie sich spontan mit der Idee fuer eine Tour durch Kyushu angefreundet. (Ich hatte ihnen meinen Reisefuehrer geliehen, aus dem sie sich einige Informationen heraussuchen konnten).
Wir tauschten noch Adressen aus und ich verprach, ihnen allen eine Postkarte aus Okinawa zu schicken (wenn ich denn ankaeme). Zum Schluss gaben sie mir ihren restlichen Proviant als Abschiedsgeschenk: Wer weiss, wie viele Tage ich wuerde warten muessen? Sehr viel Bargeld hatte ich dank des teuren Ticktes auch nicht mehr uebrig und daher war ich froh, mir an Bord nicht allzuviel kaufen zu muessen. (Es gab nur ein paar Automaten, an denen man sich Fertiggerichte und Getraenke ziehen konnte und die waren natuerlich fast doppelt so teuer, wie auf dem Festland).

Nachdem alle ausgestiegen waren, fuehlte ich mich natuerlich zunaechst etwas einsam. Nun war ich der einzige Westler auf dem Schiff. Doch bald fand ich neuen Anschluss: Eine aufgeschlossene, japanische Familie aus Neuseeland war zu meinem Glueck auch an Bord. Da alle sehr gut Englisch sprachen, konnten wir zum Zeitvertreib viele interessante Gespraeche fuehren und sie erzaehlten mir viel von ihrem Land.
Neuseeland war schon damals in meine engere Wahl fuer den Auslandsaufenthalt gefallen und ich hatte beschlossen, naechstes Jahr zumindest einige Monate dort zu verbringen. Da hatte ich nun natuerlich dei beste Informationsquelle zur Hand und das nutzte ich auch aus.

Das Wetter war inzwischen nicht besser geworden und das aenderte sich auch in den folgenden Tagen nicht.

Sylvester feierten wir deshalb an Bord!

Ein ungewoehnlicheres Sylvester habe ich noch nie erlebt, aber lustig und ausgelassen war es trotzdem. Wir fuehlten uns bereits wie eine grosse Familie - schwierige Situationen schweissen Menschen ja stets zusammen.
Einer der Passagiere entkorkte sogar eine teure Sakeflasche, die er seinen Freunden auf Okinawa als So
uvenier hatte mitbringen wollen und teilte sie nun mit allen. Im Gegenzug bekam er Bier aus dem Automaten. Etwas anderes stand leider nicht zur Verfuegung, aber das war eigentlich keinem so wichtig. Jeder knapste auch etwas von seinem Proviant ab und damit fuellten wir einen ganzen Tisch...
Waehrend wir auf den Countdown warteten, blieben die Nachrichten im Fernsehen (das wir gluecklicherweise empfangen konnten) ueber die Wetterlage gleich: Schneestuerme - nun auch in Japan - legten Zuege, Flugzeuge und Schiffe lahm: Unsere Faehre war eine der letzten, die ueberhaupt ausgelaufen war, erfuhren wir nun. Menschen sassen an zugigen Bahnhoefen, Flughaefen und Terminals fest, ein Weiterkommen war derzeit unmoeglich.

Da hatte es uns in unserem schwimmenden Gemeinschaftsraum doch gar nicht so schlimm getroffen. Es war warm, wir hatten einen Platz zum Schlafen, genug zu Essen (wenn auch einseitig), konnten duschen (nun musste allerdings Wasser gespart werden, weshalb "Duschzeiten" eingefuehrt wurden) und nun sogar feiern!
Zudem hatte die Crew angekuendigt, auf jeden Fall zu warten, bis eine Ueberfahrt moeglich war, denn zu unserem Glueck befanden sich wichtige Handelsgueter an Bord, die benoetigt wurden.

Erst nach Neujahr besserte sich das Wetter und die Fahrt ging - nun reibungslos - weiter.
So kam ich am Abend des 2. Januars endlich auf Okinawa an.

Ich hatte mich schon in meinem Reisefuehrer informiert und war auf ein sympathisch klingendes Gasthaus gestossen, in dem ich logieren wollte und das ganz in der Naehe des Hafens lag.
Doch wie ich nun feststellen musste, gab es mehrere Haefen und derjenige, an dem wir einliefen, war fast am anderen Ende der Stadt!
Am Ausgang traf ich einen Herren, den ich fragte, ob es hier einen Bus oder eine Bahn ins Stadtzentrum gaebe. Er hatte leider auch keine Ahnung, warte aber gerade auf ein Taxi. Ich koenne gerne mit ihm mitfahren.

Erleichtert nahm ich sein Angebot an und waere schon froh gewesen, in belebtere Gebiete zu gelangen, aber der nette Mann liess das Taxi genau vor dem Gasthaus halten und lehnte sogar mein Geld ab... Wenn das nicht mal wieder ein guter Start war! :)

Zudem war die Unterkunft wirklich gemuetlich. Ich musste zwar eine Weile warten, bis die Betreiber zurueckkamen, erstand dann aber fuer 1.500 Yen pro Nacht eine Koje in dem 4-Personen-Raum. Das ganze Haus war mit Strandgut gefuellt; zum Teil war es sogar in den Bau integriert. Duerre, trockene Baumstaemme umrahmten Tueren, Mosaike aus Steinen, Korallen und Muscheln zierten die Waende. Es gefiel mir auf Anhieb.

Auch meine Mitbewohner waren alle sehr nett und freundlich.
Sie halfen mir spaeter sogar dabei, ueber Internet einen billigen Flug nach Taiwan zu finden und begleiteten mich auch noch ins Reisebuero um ihn dort, nochmals verguenstigt, zu buchen.
Am 16. Maerz wuerde ich dort meine Freundin May, die ich bei meiner ersten Gastfamilie auf Hokkaido kennen gelernt hatte, besuchen. Diese hatte mir auch bereits einen Rueckflug nach Deutschland gesichert.

Da ich erst am 5. Januar bei meiner neuen Gastfamilie in der Naehe von Nago anfangen wuerde zu arbeiten, verbrachte ich noch zwei Tage in Okinawas Hauptstadt. Zu meiner Enttaeuschung war das Wetter leider gar nicht, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich hatte angenommen, hier Sonne und azurblauen Himmel vorzufinden, wie man es in allen Reiseprospekten vorgegaukelt bekommt, doch es war immerzu grau und bewoelkt oder regnete sogar. Immerhin war es warm, so liess sich auch das schlechte Wetter ertragen.
Allerdings machten auf diese Weise meine Entdeckungstouren und Spaziergaenge nur halb so viel Spass! Das alles waere im Sonnenschein um so vieles huebscher; Die steinernen Gaesschen, die Palmen, Statuen aus Ton, die niedlichen kleinen Haeuser mit den drolligen Daechern...


Besonders gut gefielen mir die vielen verschiedenen "Shiisa". Das sind Statuen, halb Hund, halb Loewe, die an allen Eingaengen postiert sind.

Einer davon hat hierbei den Mund geoeffnet, waehrend der des anderen geschlossen ist. Das hat auch seinen Grund, denn Ersterer macht dan Laut "Un" (was angeblich das erste Geraeusch bei unserer Geburt ist) und der Zweite "Ah" (das letzte Geraeusch, bevor wir sterben). Zusammen symbolisieren sie daher einen Kreislauf.

Okinawa ist auch fuer seine Glas- und Toepferwaren bekannt. In einer versteckten Gasse fand ich diese Laeden dicht an dicht und einige bieten wirklich so wunderschoene Sachen an, dass ich mich beim Einkauf ehrlich beherrschen musste!

Am Morgen des 5. fuhr ich mit dem Bus nach Nago. Dort wuerde mich jemand abholen und zum Haus meiner neuen Gastmutter bringen.
Akihito-san war erst 30 Jahre alt und unterstuetzte meine Gastmutter Yaeko-san bei geschaeftlichen und organisatorischen Dingen. Sie besitzt mehrere Felder mit Gemuese, Zuckerrohr, Drachenfrucht und sogar einige Mangobaeume, die in Gewaechshaeusern stehen.
Die Mangos bringen ihr wohl den meissten Verdienst im Sommer, doch fuer den Rest des Jahres hat sie mir ihren verschiedenen Gemuesesorten, die sie auf dem Markt verkauft, sowie getrockneten Fruechten auch gut ausgesorgt.

Ich hatte eigentlich vorgehabt, nur zwei Wochen hier zu arbeiten, doch die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz erwies sich als aeusserst schwierig, wenn man Japanisch nicht fliessend beherrschte. Nach meiner dritten Absage fragte ich, ob ich nicht bis Mitte Maerz bleiben durfte und durch ein Missverstanis hatten sie das gluecklicherweise von Anfang an so kalkuliert.

Daher verbrachte ich 2 1/2 Monate in Yanbaru Kokaen.



Es war eine herrliche Zeit! Ich lernte so viel und bekam einen wirklich guten Einblick in das Leben auf dieser Farm. Unsere Arbeit bestand abwechselnd und je nach Wetter aus Folgendem: An sonnigen Tagen mussten wir Steine von den frisch gepflügten Feldern räumen (das war sehr anstrengend, denn es waren ordentliche Brocken in rauhen Massen), bei Regen jäteten wir die Mango-Gewächshäuser oder ernteten Hyaku-hyaku-Blätter in anderen. Dabei sagen wir oft oder hörten jeder für sich Musik. Mit der Zeit wurde die Arbeit in den Gewächshäusern aber auch anstrengend, weil man die meiste Zeit in der Hocke verbrachte, einem so die Beine abstarben und der Sauerstoff innerhalb der Plastikwände knapp wurde.
Zu den täglichen Aufgaben gehörte das Ernten des Gemüses (ich war für den Rettich verantwortlich), das Waschen selbigens, sowie das letztendliche Abwiegen und Verpackens für den Markt. Dies wurde immer Vormittags erledigt.



Hier kommen noch ein paar Bilder, um euch einen Eindruck von meiner Zeit auf Okinawa zu vermitteln:





 






















































Ueber diesen Link gelangt ihr auch zur Homepage meiner Gastfamilie, die Posts schreiben die Wwoofer (ja, auch ich - zumindest habe ich es versucht!). Es ist nur auf Japanisch, aber auch hier gibt es zumindest ein paar Bilder zum Ansehen...
http://yanbaru-k.jp/hpgen/HPB/categories/526.html

Ich werde versuchen, diesen Post so bald als moeglich zu vervollstaendigen, aber noch weiss ich nicht, wann ich dazu komme. Vielleicht gelingt es mir in Taiwan, bei meiner Freundin...
Bei der aktuelle Sitation ist aber natuerlich noch nicht sicher, wie lange ich ueberhaupt dort bleiben kann.
Bis dahin schonmal vielen Dank an alle die mitgelesen und mich begleitet haben! Auch wenn das Jahr nicht sehr froehlich endet, habe ich doch viel erlebt und gesehen. Nun freue ich mich auf good old Germany...
Mata ne
Kira

Sonntag, 16. Januar 2011

Eine Woche Biwa-see und Weihnachten in Osaka

Als ich in Otsu ankam, hatte mir mein Couchsurfing-host leider noch immer nicht zurueckgeschrieben.

(Couchsurfing ist eine Internetseite, auf der sich Millionen von Menschen aus allen Teilen der Erde registriert haben und somit eine grosse, freundschaftliche Verbindung bilden. Man kann, nachdem man ebenfalls registriert ist, einzelne Mitglieder anschreiben und anfragen, ob man dort uebernachten darf. Es handelt sich meisstens um eine einmalige Sache und ist kostenlos - rein auf freiwilliger Basis und um die Freundschaft und Kommunikation zwischen verschiendenen Nationalitaeten zu verbessern.)

So beschloss ich, zunaechst einmal die Umgebung zu erkunden und endlich einen Blick auf den Biwa-See zu werfen, den ich schon sehen wollte, seit mir meine Oma das Buch mit Japanischen Erzaehlungen aus dieser Region geschenkt hatte. (Bei Interesse, es heisst: "die acht Gesichter vom Biwa-See")

Durch den schweren Rucksack hatte ich natuerlich keine Lust auf lange Wanderungen am Seeufer entlang, der ohnehin die optischen Ausmasse eines kleinen Meeres hatte. Daher begnuegte ich mich dort lediglich mit einem kleinen Picknick, genoss den Ausblich und machte mich anschliessend auf die Suche nach einer guenstigen Unterkunft, sollte ich spaeter noch immer keine Nachricht erhalten haben. Zudem war es ziemlich kalt (schon Mitte Dezember) und ein eisiger Wind pfiff mir um die Ohren.

Ich fand ein Internetcafe, in dem ich die Nacht verbringen wollte. Leider hielt ich es draussen in der Kaelte nur bis etwa acht Uhr Abends aus, dann fluechtete ich mich doch schon in die Waerme und Geborgenheit einer kleinen Kabine und goennte mir sogar zwei der, fuer die Gaeste ausliegenden, Decken.

Pflichtbewusst wie ich bin, hatte ich mir fest vorgenommen, in dieser Nacht den naechsten Blogpost zu schreiben. Leider blieb es bei diesem Vorsatz, denn als ich mir auf Youtube gerade Shrek ansah (wie gesagt, ich bin pflichtbewusst!) klingelte mein Handy...

Es war Hiroshi, mein Couchsurfing-host. Er hatte soeben erst meine Mail gelesen und fragte nun, ob ich noch immer bei ihm uebernachten wolle. Es war schon nach 22:00 Uhr und wahrscheinlich hatte er noch anderes vor, als nachts durch die Gegend zu fahren. Ausserdem war ich jetzt, mit warmen Getraenken abgefuellt und in meine Decken gekuschelt, ein bisschen zu traege geworden um mich nochmal vom Fleck zu ruehren.

Doch Hiroshi bestand darauf und so verabredeten wir uns fuer halb elf vor dem Internetcafe.

Ich war schon wieder ziemlich durchgefroren, als wir uns endlich fanden, aber es lohnte sich. Hiroshi sprach sehr gut Englisch und sogar einige Worte Deutsch, denn er war vor zwei Jahren fuer einige Zeit in Europa gewesen. Wir verstanden uns gleich sehr gut und als wir bei ihm zuhause ankamen, stellte ich fest, dass er noch bei seiner Familie wohnte. Nun bereitete ich all diesen lieben Menschen auch noch Umstaende. Das war mir etwas peinlich.


Sie hatten bereits meinen Futon zurechtgemacht, ich durfte duschen und als ich ihnen gerade "gute Nacht" sagen wollte, hatten sie fuer mich sogar noch ein kleines Abendbrot gezaubert und unterhielten sich mit mir noch eine ganze Weile, bis uns allen die Augen zufielen.

Am naechsten Morgen bekam ich ein herrliches Fruehstueck und wurde anschliessend sogar noch zum Bahnhof gefahren, wo ich meinen Zug zur naechsten Gastfamilie nach Takashima nehmen konnte.

Es war meine erste Erfahrung mit Couchsurfing gewesen und ich bin froh, dass sie so positiv verlief. Denn es ist wirklich eine tolle Sache und viel besser als ein Hotel, nicht nur aus preislicher Hinsicht...

Meine Gastfamilie war auch diesmal einzigartig. Sie bestand aus der alleinerziehenden Mutter Shoei-san, ihrer (geistig behinderten und supergoldigen) Tochter Minga, sowie dem Helfer Kota, der Shoei bei den geschaeftlichen Dingen und bei schweren koerperlichen Aufgaben unterstuetzte.

Ausser mir gab es noch zwei weitere Wwoofer: Wang-Lin, ein Maedchen aus China und die Neuseelaenderin Ellen.

Meine Gastmutter war zwar sehr lieb, aber auch sehr spirituell. Das ist normalerweise nicht so schlimm, solange diese Menschen es still ausleben, aber hier wurde man regelrecht dazu angehalten, ebenso zu empfinden. Das war etwas anstrengend, da ich nunmal nicht an Wiedergeburt und gute Geister glaube.

Shoei erzaehlte mir beispielsweise, dass ihre Tochter in ihrem frueheren Leben ein Delfin gewesen sei und sie selbst mit Kota verheiratet gewesen waere. In einem noch frueheren Leben dagegen, waere Minga die Tochter von Kota. Irgendwie hat es mich nur verwundert, das alles auf diese drei Personen beschraenkt blieb, doch ich hielt lieber meinen Mund.
Wenn Menschen einen bestimmten Glauben haben, dieser ihnen hilft und sie damit gluecklich sind, soll man sich besser gar nicht einmischen!

Die Arbeit war wenig abwechslungsreich, aber da ich nur eine Woche dort verbrachte, machte es mir nichts aus. Ich half Kota groesstenteils, Holz zu holen, zu zersaegen und aufzuschichten. Manchmal fuhren wir zum Feld (das mit dem Auto immerhin 20 Minuten entfernt lag) und ernteten Gemuese. Shoei verschickt Gemuese an Restaurants und Privatkunden, deshalb mussten wir mit dem Verpacken besonders sorgfaeltig sein.

Unser Tag begann erst gegen zehn oder elf Uhr morgens. Jeder fruehstueckte, wann es ihm passte und was er wollte. (Wir buken jeden Abend frisches Brot und Shoei hatte eine grosse Auswahl an Marmelade und Butter - das war sehr lecker!) Allerdings endete unser Tag dafuer auch erst gegen sieben oder acht Uhr abends. Das Verpacken war immer langwierig, deshalb wurden wir selten frueher fertig.

Es war, wie gesagt, ziemlich kalt. Im Haus waren wir zwar vor dem Seewind, aber leider nicht vor der Kaelte geschuetzt. Denn eine Heizung gabe es hier nicht... So bekam jeder von uns nur eine Waermflasche und daher waren die Naechte oft wenig erholsam.

Wir wurden angehalten, Wasser zu sparen, aber zugleich wurde jeden Abend die riesige Badewanne (fast schon ein kleiner Pool) gefuellt und mit dem grossen Holzofen aufgeheizt. Allerdings war das Wasser aufgrund der Menge nur lauwarm, was mich und die anderen Wwoofer nicht dazu veranlasste, uns dort entspannen zu wollen. Deshalb wurde sie nur von der Familie genutzt - eine ziemliche Wasserverschwendung, wie ich fand. Aber vielleicht war so das Waschen von Minga einfacher.

Das klingt nun alles recht negativ, doch ich fand den Lebensstil eigentlich recht interessant! Alles verlief sehr locker und entspannt und wir konnten im grossen Tun und Lassen, was wir wollten.

Shoei war auch sehr am Umwelt- und Naturschutz interessiert. So erfuhr ich hier zum ersten mal von einer Methode, die sich EM (Effektive Mikroorganismen) nannte. Einfach erklaert, funktioniert sie folgendermassen: In der Natur kommen etwa 10% "gute" und 10% "schlechte" Bakterien vor. Die restlichen sind neutral. Nun kommt es hin und wieder vor, dass mal die "guten" und mal die "schlechten" Bakterien staerker sind. Dann schliessen sich die neutralen Bakterien dem Ueberlegenen an. Durch Zufuegen der EM, wird der Bestand an guten Bakterien kuenstlich erhoeht. Man kann EM in fluessiger Form oder als Schlammbaelle anwenden, um beispielsweise Seen und Fluesse zu reinigen. Die Herstellung ist sehr einfach und wenn man erstmal eine Flasche voll hat, kann man mit dieser weitere Liter EM produzieren. (wir mussten uns nach der Herstellung immer laut bei den Bakterien bedanken und ihnen viel Kraft wuenschen, damit sie gut werden) Es sieht aus wie naturtrueber Apfelsaft und riecht etwas streng nach Essig. Shoei stellt es her, um es in den Kanal zu kippen, der am Haus entlangfliesst, in den Biwa-See muendet und frueher im Sommer angeblich furchtbar gestunken hat, wenn die Farmer ihre Pestizide benutzten. Seit sie regelmaessig EM anwendet, hat sie dieses Problem nicht mehr.

Etwas anderes, das mich tief bewegt hat, war der Film "the cave", den die Familie auf DVD hatte. Er handelt von einer Bucht an der Ostkueste Japans, in der noch immer Delfine gejagt werden. Sie werden durch laute Geraeusche in die Bucht gescheucht, dort zusammengetrieben und abgeschlachtet. Der Film wurde vom ehemaligen Flipper-Trainer gedreht und dokumentiert. Er und einige professionelle Taucher benutzten speziell getarnte Kameras, um an die Aufnahmen zu gelangen. Es ist wirklich furchtbar anzusehen, ruettelt aber das Bewusstsein wach!

Die Woche ging sehr schnell rum. An meinem letzten Tag hatten wir alle frei und besuchten einen Handarbeitskurs, in dem wir lernten, Bambusrollaeden zu basteln. Das war sehr interessant und die Herstellung ist wirklich nicht besonders schwierig. Wir konstruierten zuvor noch ein Gestell, das die ganze Sache sehr erleichterte. Das "Weben" des Rollos dauerte nur wenige Minuten:



Ehe ich mich versah, war schon der Tag meiner Abreise gekommen. Der Tag, an dem ich endlich meine kleine Schwester Milena wiedersehen wuerde! Wir hatten uns fuer Mittags am Bahnhof von Osaka verabredet, doch ich fuhr schon morgens hin, weil ich es nicht mehr abwarten konnte. So wartete ich in einem Cafe, an dem Ausgang, wo Milena und ihre Freundin Berna eintreffen wuerden.
Tatsaechlich gab es aber vier verschiedene Ausgaenge, und so fanden wir uns erst nach etwas Stress und Gerenne...
Dann aber war die Wiedersehensfreude riesig und wir lagen uns erstmal fuenf Minuten in den Armen, bis wir uns Richtung Gasthaus aufmachten. (Auch das war eine Odysee, aber viel lustiger, denn wir waren ja jetzt zu dritt)
Das Gasthaus hatte Milena ausgesucht und es war auch wirklich eine gute Wahl gewesen! Man fuehlte sich gleich wie zuhause, die Leute dort waren alle supernett, wir hatten ein Zimmer fuer uns allein und alles war sehr gemuetlich eingerichtet!
Hier verbrachten wir fast die ganzen ersten zwei Tage, denn es war Weihnachten und wir alle in Gammelstimmung. Sogar Geschenke und deutsche Suessigkeiten hatten sie mir mitgebracht. Ich war sehr gluecklich, dieses Fest nicht allein irgendwo verbringen zu muessen, denn in Japan ist es eher ein Anlass, um mit dem Partner etwas zu unternehmen, und spielt hier keine grosse Rolle. Dass ich sogar einen Teil meiner Familie um mich hatte, war natuerlich ein besonderes Geschenk! (Zudem bekam ich die Naechte im Gasthaus bezahlt... eine ungeheure Erleichterung fuer meine Reisekasse! Nochmal danke dafuer! :))
Aus Deutschland erhielten wir nun Nachrichten ueber haufenweise Schnee, der Zuege lahmlegte und Strassen blockierte. Doch hier bekamen wir kaum etwas davon zu spueren. Den Vormittag lang schnieselte es ein wenig, ansonsten blieben unsere Weihnachten unweiss.
Wir unternahmen, touristisch gesehen, kaum etwas. Lediglich das Schloss sahen wir uns an. Aber mir war ohnehin das Zusammensein am Wichtigsten... Die beiden Maedchen wollten vor allen Dingen shoppen gehen und da es dabei stets etwas Kurioses zu sehen gab, hatte auch ich meinen Spass, selbst wenn mir das Geld fuer eigene Einkaeufe fehlte. :)
Leider ging auch diese Woche viel zu schnell rum!
Milena und Berna wollten weiter nach Kyoto und ich hatte mich entschieden, gleich nach Okinawa ueberzusetzen, da nun, durch den Kaelteeinbruch,die Arbeitssuche in Honshu, Shikoku und Kyushu zu schwierig und ungemuetlich geworden war.
Mit Hilfe der Gasthausmitarbeiter gelang es mir, einen Platz auf der naechsten Faehre zu ergattern.
(Wie ich geschockt festgestellt hatte, fuhr die Okinawa-Faehre von Osaka aus nur fuenf Mal im Monat - und eine davon zu meinem unverschaemten Glueck genau an unserem letzten gemeinsamen Tag! So musste ich nicht noch allein die Zeit in Osaka totschlagen, bis auch ich endlich aufbrechen konnte)
Wir fuhren noch gemeinsam zum Hauptbahnhof, wo sich unsere Wege trennten: Ich machte mich zum Faehrenterminal auf, Milli und Berni fuhren nach Kyoto.
Wir versuchten die Trennung aber tapfer zu ertragen, denn immerhin wuerden wir uns bereits in knapp drei Monaten wiedersehen...
Mata ne
Kira