(Couchsurfing ist eine Internetseite, auf der sich Millionen von Menschen aus allen Teilen der Erde registriert haben und somit eine grosse, freundschaftliche Verbindung bilden. Man kann, nachdem man ebenfalls registriert ist, einzelne Mitglieder anschreiben und anfragen, ob man dort uebernachten darf. Es handelt sich meisstens um eine einmalige Sache und ist kostenlos - rein auf freiwilliger Basis und um die Freundschaft und Kommunikation zwischen verschiendenen Nationalitaeten zu verbessern.)
So beschloss ich, zunaechst einmal die Umgebung zu erkunden und endlich einen Blick auf den Biwa-See zu werfen, den ich schon sehen wollte, seit mir meine Oma das Buch mit Japanischen Erzaehlungen aus dieser Region geschenkt hatte. (Bei Interesse, es heisst: "die acht Gesichter vom Biwa-See")
Durch den schweren Rucksack hatte ich natuerlich keine Lust auf lange Wanderungen am Seeufer entlang, der ohnehin die optischen Ausmasse eines kleinen Meeres hatte. Daher begnuegte ich mich dort lediglich mit einem kleinen Picknick, genoss den Ausblich und machte mich anschliessend auf die Suche nach einer guenstigen Unterkunft, sollte ich spaeter noch immer keine Nachricht erhalten haben. Zudem war es ziemlich kalt (schon Mitte Dezember) und ein eisiger Wind pfiff mir um die Ohren.
Ich fand ein Internetcafe, in dem ich die Nacht verbringen wollte. Leider hielt ich es draussen in der Kaelte nur bis etwa acht Uhr Abends aus, dann fluechtete ich mich doch schon in die Waerme und Geborgenheit einer kleinen Kabine und goennte mir sogar zwei der, fuer die Gaeste ausliegenden, Decken.
Pflichtbewusst wie ich bin, hatte ich mir fest vorgenommen, in dieser Nacht den naechsten Blogpost zu schreiben. Leider blieb es bei diesem Vorsatz, denn als ich mir auf Youtube gerade Shrek ansah (wie gesagt, ich bin pflichtbewusst!) klingelte mein Handy...
Es war Hiroshi, mein Couchsurfing-host. Er hatte soeben erst meine Mail gelesen und fragte nun, ob ich noch immer bei ihm uebernachten wolle. Es war schon nach 22:00 Uhr und wahrscheinlich hatte er noch anderes vor, als nachts durch die Gegend zu fahren. Ausserdem war ich jetzt, mit warmen Getraenken abgefuellt und in meine Decken gekuschelt, ein bisschen zu traege geworden um mich nochmal vom Fleck zu ruehren.
Doch Hiroshi bestand darauf und so verabredeten wir uns fuer halb elf vor dem Internetcafe.
Sie hatten bereits meinen Futon zurechtgemacht, ich durfte duschen und als ich ihnen gerade "gute Nacht" sagen wollte, hatten sie fuer mich sogar noch ein kleines Abendbrot gezaubert und unterhielten sich mit mir noch eine ganze Weile, bis uns allen die Augen zufielen.
Am naechsten Morgen bekam ich ein herrliches Fruehstueck und wurde anschliessend sogar noch zum Bahnhof gefahren, wo ich meinen Zug zur naechsten Gastfamilie nach Takashima nehmen konnte.
Es war meine erste Erfahrung mit Couchsurfing gewesen und ich bin froh, dass sie so positiv verlief. Denn es ist wirklich eine tolle Sache und viel besser als ein Hotel, nicht nur aus preislicher Hinsicht...
Ausser mir gab es noch zwei weitere Wwoofer: Wang-Lin, ein Maedchen aus China und die Neuseelaenderin Ellen.
Meine Gastmutter war zwar sehr lieb, aber auch sehr spirituell. Das ist normalerweise nicht so schlimm, solange diese Menschen es still ausleben, aber hier wurde man regelrecht dazu angehalten, ebenso zu empfinden. Das war etwas anstrengend, da ich nunmal nicht an Wiedergeburt und gute Geister glaube.
Shoei erzaehlte mir beispielsweise, dass ihre Tochter in ihrem frueheren Leben ein Delfin gewesen sei und sie selbst mit Kota verheiratet gewesen waere. In einem noch frueheren Leben dagegen, waere Minga die Tochter von Kota. Irgendwie hat es mich nur verwundert, das alles auf diese drei Personen beschraenkt blieb, doch ich hielt lieber meinen Mund.
Wenn Menschen einen bestimmten Glauben haben, dieser ihnen hilft und sie damit gluecklich sind, soll man sich besser gar nicht einmischen!
Unser Tag begann erst gegen zehn oder elf Uhr morgens. Jeder fruehstueckte, wann es ihm passte und was er wollte. (Wir buken jeden Abend frisches Brot und Shoei hatte eine grosse Auswahl an Marmelade und Butter - das war sehr lecker!) Allerdings endete unser Tag dafuer auch erst gegen sieben oder acht Uhr abends. Das Verpacken war immer langwierig, deshalb wurden wir selten frueher fertig.
Es war, wie gesagt, ziemlich kalt. Im Haus waren wir zwar vor dem Seewind, aber leider nicht vor der Kaelte geschuetzt. Denn eine Heizung gabe es hier nicht... So bekam jeder von uns nur eine Waermflasche und daher waren die Naechte oft wenig erholsam.
Wir wurden angehalten, Wasser zu sparen, aber zugleich wurde jeden Abend die riesige Badewanne (fast schon ein kleiner Pool) gefuellt und mit dem grossen Holzofen aufgeheizt. Allerdings war das Wasser aufgrund der Menge nur lauwarm, was mich und die anderen Wwoofer nicht dazu veranlasste, uns dort entspannen zu wollen. Deshalb wurde sie nur von der Familie genutzt - eine ziemliche Wasserverschwendung, wie ich fand. Aber vielleicht war so das Waschen von Minga einfacher.
Das klingt nun alles recht negativ, doch ich fand den Lebensstil eigentlich recht interessant! Alles verlief sehr locker und entspannt und wir konnten im grossen Tun und Lassen, was wir wollten.
Shoei war auch sehr am Umwelt- und Naturschutz interessiert. So erfuhr ich hier zum ersten mal von einer Methode, die sich EM (Effektive Mikroorganismen) nannte. Einfach erklaert, funktioniert sie folgendermassen: In der Natur kommen etwa 10% "gute" und 10% "schlechte" Bakterien vor. Die restlichen sind neutral. Nun kommt es hin und wieder vor, dass mal die "guten" und mal die "schlechten" Bakterien staerker sind. Dann schliessen sich die neutralen Bakterien dem Ueberlegenen an. Durch Zufuegen der EM, wird der Bestand an guten Bakterien kuenstlich erhoeht. Man kann EM in fluessiger Form oder als Schlammbaelle anwenden, um beispielsweise Seen und Fluesse zu reinigen. Die Herstellung ist sehr einfach und wenn man erstmal eine Flasche voll hat, kann man mit dieser weitere Liter EM produzieren. (wir mussten uns nach der Herstellung immer laut bei den Bakterien bedanken und ihnen viel Kraft wuenschen, damit sie gut werden) Es sieht aus wie naturtrueber Apfelsaft und riecht etwas streng nach Essig. Shoei stellt es her, um es in den Kanal zu kippen, der am Haus entlangfliesst, in den Biwa-See muendet und frueher im Sommer angeblich furchtbar gestunken hat, wenn die Farmer ihre Pestizide benutzten. Seit sie regelmaessig EM anwendet, hat sie dieses Problem nicht mehr.
Etwas anderes, das mich tief bewegt hat, war der Film "the cave", den die Familie auf DVD hatte. Er handelt von einer Bucht an der Ostkueste Japans, in der noch immer Delfine gejagt werden. Sie werden durch laute Geraeusche in die Bucht gescheucht, dort zusammengetrieben und abgeschlachtet. Der Film wurde vom ehemaligen Flipper-Trainer gedreht und dokumentiert. Er und einige professionelle Taucher benutzten speziell getarnte Kameras, um an die Aufnahmen zu gelangen. Es ist wirklich furchtbar anzusehen, ruettelt aber das Bewusstsein wach!
Die Woche ging sehr schnell rum. An meinem letzten Tag hatten wir alle frei und besuchten einen Handarbeitskurs, in dem wir lernten, Bambusrollaeden zu basteln. Das war sehr interessant und die Herstellung ist wirklich nicht besonders schwierig. Wir konstruierten zuvor noch ein Gestell, das die ganze Sache sehr erleichterte. Das "Weben" des Rollos dauerte nur wenige Minuten:

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