Sonntag, 16. Januar 2011

Eine Woche Biwa-see und Weihnachten in Osaka

Als ich in Otsu ankam, hatte mir mein Couchsurfing-host leider noch immer nicht zurueckgeschrieben.

(Couchsurfing ist eine Internetseite, auf der sich Millionen von Menschen aus allen Teilen der Erde registriert haben und somit eine grosse, freundschaftliche Verbindung bilden. Man kann, nachdem man ebenfalls registriert ist, einzelne Mitglieder anschreiben und anfragen, ob man dort uebernachten darf. Es handelt sich meisstens um eine einmalige Sache und ist kostenlos - rein auf freiwilliger Basis und um die Freundschaft und Kommunikation zwischen verschiendenen Nationalitaeten zu verbessern.)

So beschloss ich, zunaechst einmal die Umgebung zu erkunden und endlich einen Blick auf den Biwa-See zu werfen, den ich schon sehen wollte, seit mir meine Oma das Buch mit Japanischen Erzaehlungen aus dieser Region geschenkt hatte. (Bei Interesse, es heisst: "die acht Gesichter vom Biwa-See")

Durch den schweren Rucksack hatte ich natuerlich keine Lust auf lange Wanderungen am Seeufer entlang, der ohnehin die optischen Ausmasse eines kleinen Meeres hatte. Daher begnuegte ich mich dort lediglich mit einem kleinen Picknick, genoss den Ausblich und machte mich anschliessend auf die Suche nach einer guenstigen Unterkunft, sollte ich spaeter noch immer keine Nachricht erhalten haben. Zudem war es ziemlich kalt (schon Mitte Dezember) und ein eisiger Wind pfiff mir um die Ohren.

Ich fand ein Internetcafe, in dem ich die Nacht verbringen wollte. Leider hielt ich es draussen in der Kaelte nur bis etwa acht Uhr Abends aus, dann fluechtete ich mich doch schon in die Waerme und Geborgenheit einer kleinen Kabine und goennte mir sogar zwei der, fuer die Gaeste ausliegenden, Decken.

Pflichtbewusst wie ich bin, hatte ich mir fest vorgenommen, in dieser Nacht den naechsten Blogpost zu schreiben. Leider blieb es bei diesem Vorsatz, denn als ich mir auf Youtube gerade Shrek ansah (wie gesagt, ich bin pflichtbewusst!) klingelte mein Handy...

Es war Hiroshi, mein Couchsurfing-host. Er hatte soeben erst meine Mail gelesen und fragte nun, ob ich noch immer bei ihm uebernachten wolle. Es war schon nach 22:00 Uhr und wahrscheinlich hatte er noch anderes vor, als nachts durch die Gegend zu fahren. Ausserdem war ich jetzt, mit warmen Getraenken abgefuellt und in meine Decken gekuschelt, ein bisschen zu traege geworden um mich nochmal vom Fleck zu ruehren.

Doch Hiroshi bestand darauf und so verabredeten wir uns fuer halb elf vor dem Internetcafe.

Ich war schon wieder ziemlich durchgefroren, als wir uns endlich fanden, aber es lohnte sich. Hiroshi sprach sehr gut Englisch und sogar einige Worte Deutsch, denn er war vor zwei Jahren fuer einige Zeit in Europa gewesen. Wir verstanden uns gleich sehr gut und als wir bei ihm zuhause ankamen, stellte ich fest, dass er noch bei seiner Familie wohnte. Nun bereitete ich all diesen lieben Menschen auch noch Umstaende. Das war mir etwas peinlich.


Sie hatten bereits meinen Futon zurechtgemacht, ich durfte duschen und als ich ihnen gerade "gute Nacht" sagen wollte, hatten sie fuer mich sogar noch ein kleines Abendbrot gezaubert und unterhielten sich mit mir noch eine ganze Weile, bis uns allen die Augen zufielen.

Am naechsten Morgen bekam ich ein herrliches Fruehstueck und wurde anschliessend sogar noch zum Bahnhof gefahren, wo ich meinen Zug zur naechsten Gastfamilie nach Takashima nehmen konnte.

Es war meine erste Erfahrung mit Couchsurfing gewesen und ich bin froh, dass sie so positiv verlief. Denn es ist wirklich eine tolle Sache und viel besser als ein Hotel, nicht nur aus preislicher Hinsicht...

Meine Gastfamilie war auch diesmal einzigartig. Sie bestand aus der alleinerziehenden Mutter Shoei-san, ihrer (geistig behinderten und supergoldigen) Tochter Minga, sowie dem Helfer Kota, der Shoei bei den geschaeftlichen Dingen und bei schweren koerperlichen Aufgaben unterstuetzte.

Ausser mir gab es noch zwei weitere Wwoofer: Wang-Lin, ein Maedchen aus China und die Neuseelaenderin Ellen.

Meine Gastmutter war zwar sehr lieb, aber auch sehr spirituell. Das ist normalerweise nicht so schlimm, solange diese Menschen es still ausleben, aber hier wurde man regelrecht dazu angehalten, ebenso zu empfinden. Das war etwas anstrengend, da ich nunmal nicht an Wiedergeburt und gute Geister glaube.

Shoei erzaehlte mir beispielsweise, dass ihre Tochter in ihrem frueheren Leben ein Delfin gewesen sei und sie selbst mit Kota verheiratet gewesen waere. In einem noch frueheren Leben dagegen, waere Minga die Tochter von Kota. Irgendwie hat es mich nur verwundert, das alles auf diese drei Personen beschraenkt blieb, doch ich hielt lieber meinen Mund.
Wenn Menschen einen bestimmten Glauben haben, dieser ihnen hilft und sie damit gluecklich sind, soll man sich besser gar nicht einmischen!

Die Arbeit war wenig abwechslungsreich, aber da ich nur eine Woche dort verbrachte, machte es mir nichts aus. Ich half Kota groesstenteils, Holz zu holen, zu zersaegen und aufzuschichten. Manchmal fuhren wir zum Feld (das mit dem Auto immerhin 20 Minuten entfernt lag) und ernteten Gemuese. Shoei verschickt Gemuese an Restaurants und Privatkunden, deshalb mussten wir mit dem Verpacken besonders sorgfaeltig sein.

Unser Tag begann erst gegen zehn oder elf Uhr morgens. Jeder fruehstueckte, wann es ihm passte und was er wollte. (Wir buken jeden Abend frisches Brot und Shoei hatte eine grosse Auswahl an Marmelade und Butter - das war sehr lecker!) Allerdings endete unser Tag dafuer auch erst gegen sieben oder acht Uhr abends. Das Verpacken war immer langwierig, deshalb wurden wir selten frueher fertig.

Es war, wie gesagt, ziemlich kalt. Im Haus waren wir zwar vor dem Seewind, aber leider nicht vor der Kaelte geschuetzt. Denn eine Heizung gabe es hier nicht... So bekam jeder von uns nur eine Waermflasche und daher waren die Naechte oft wenig erholsam.

Wir wurden angehalten, Wasser zu sparen, aber zugleich wurde jeden Abend die riesige Badewanne (fast schon ein kleiner Pool) gefuellt und mit dem grossen Holzofen aufgeheizt. Allerdings war das Wasser aufgrund der Menge nur lauwarm, was mich und die anderen Wwoofer nicht dazu veranlasste, uns dort entspannen zu wollen. Deshalb wurde sie nur von der Familie genutzt - eine ziemliche Wasserverschwendung, wie ich fand. Aber vielleicht war so das Waschen von Minga einfacher.

Das klingt nun alles recht negativ, doch ich fand den Lebensstil eigentlich recht interessant! Alles verlief sehr locker und entspannt und wir konnten im grossen Tun und Lassen, was wir wollten.

Shoei war auch sehr am Umwelt- und Naturschutz interessiert. So erfuhr ich hier zum ersten mal von einer Methode, die sich EM (Effektive Mikroorganismen) nannte. Einfach erklaert, funktioniert sie folgendermassen: In der Natur kommen etwa 10% "gute" und 10% "schlechte" Bakterien vor. Die restlichen sind neutral. Nun kommt es hin und wieder vor, dass mal die "guten" und mal die "schlechten" Bakterien staerker sind. Dann schliessen sich die neutralen Bakterien dem Ueberlegenen an. Durch Zufuegen der EM, wird der Bestand an guten Bakterien kuenstlich erhoeht. Man kann EM in fluessiger Form oder als Schlammbaelle anwenden, um beispielsweise Seen und Fluesse zu reinigen. Die Herstellung ist sehr einfach und wenn man erstmal eine Flasche voll hat, kann man mit dieser weitere Liter EM produzieren. (wir mussten uns nach der Herstellung immer laut bei den Bakterien bedanken und ihnen viel Kraft wuenschen, damit sie gut werden) Es sieht aus wie naturtrueber Apfelsaft und riecht etwas streng nach Essig. Shoei stellt es her, um es in den Kanal zu kippen, der am Haus entlangfliesst, in den Biwa-See muendet und frueher im Sommer angeblich furchtbar gestunken hat, wenn die Farmer ihre Pestizide benutzten. Seit sie regelmaessig EM anwendet, hat sie dieses Problem nicht mehr.

Etwas anderes, das mich tief bewegt hat, war der Film "the cave", den die Familie auf DVD hatte. Er handelt von einer Bucht an der Ostkueste Japans, in der noch immer Delfine gejagt werden. Sie werden durch laute Geraeusche in die Bucht gescheucht, dort zusammengetrieben und abgeschlachtet. Der Film wurde vom ehemaligen Flipper-Trainer gedreht und dokumentiert. Er und einige professionelle Taucher benutzten speziell getarnte Kameras, um an die Aufnahmen zu gelangen. Es ist wirklich furchtbar anzusehen, ruettelt aber das Bewusstsein wach!

Die Woche ging sehr schnell rum. An meinem letzten Tag hatten wir alle frei und besuchten einen Handarbeitskurs, in dem wir lernten, Bambusrollaeden zu basteln. Das war sehr interessant und die Herstellung ist wirklich nicht besonders schwierig. Wir konstruierten zuvor noch ein Gestell, das die ganze Sache sehr erleichterte. Das "Weben" des Rollos dauerte nur wenige Minuten:



Ehe ich mich versah, war schon der Tag meiner Abreise gekommen. Der Tag, an dem ich endlich meine kleine Schwester Milena wiedersehen wuerde! Wir hatten uns fuer Mittags am Bahnhof von Osaka verabredet, doch ich fuhr schon morgens hin, weil ich es nicht mehr abwarten konnte. So wartete ich in einem Cafe, an dem Ausgang, wo Milena und ihre Freundin Berna eintreffen wuerden.
Tatsaechlich gab es aber vier verschiedene Ausgaenge, und so fanden wir uns erst nach etwas Stress und Gerenne...
Dann aber war die Wiedersehensfreude riesig und wir lagen uns erstmal fuenf Minuten in den Armen, bis wir uns Richtung Gasthaus aufmachten. (Auch das war eine Odysee, aber viel lustiger, denn wir waren ja jetzt zu dritt)
Das Gasthaus hatte Milena ausgesucht und es war auch wirklich eine gute Wahl gewesen! Man fuehlte sich gleich wie zuhause, die Leute dort waren alle supernett, wir hatten ein Zimmer fuer uns allein und alles war sehr gemuetlich eingerichtet!
Hier verbrachten wir fast die ganzen ersten zwei Tage, denn es war Weihnachten und wir alle in Gammelstimmung. Sogar Geschenke und deutsche Suessigkeiten hatten sie mir mitgebracht. Ich war sehr gluecklich, dieses Fest nicht allein irgendwo verbringen zu muessen, denn in Japan ist es eher ein Anlass, um mit dem Partner etwas zu unternehmen, und spielt hier keine grosse Rolle. Dass ich sogar einen Teil meiner Familie um mich hatte, war natuerlich ein besonderes Geschenk! (Zudem bekam ich die Naechte im Gasthaus bezahlt... eine ungeheure Erleichterung fuer meine Reisekasse! Nochmal danke dafuer! :))
Aus Deutschland erhielten wir nun Nachrichten ueber haufenweise Schnee, der Zuege lahmlegte und Strassen blockierte. Doch hier bekamen wir kaum etwas davon zu spueren. Den Vormittag lang schnieselte es ein wenig, ansonsten blieben unsere Weihnachten unweiss.
Wir unternahmen, touristisch gesehen, kaum etwas. Lediglich das Schloss sahen wir uns an. Aber mir war ohnehin das Zusammensein am Wichtigsten... Die beiden Maedchen wollten vor allen Dingen shoppen gehen und da es dabei stets etwas Kurioses zu sehen gab, hatte auch ich meinen Spass, selbst wenn mir das Geld fuer eigene Einkaeufe fehlte. :)
Leider ging auch diese Woche viel zu schnell rum!
Milena und Berna wollten weiter nach Kyoto und ich hatte mich entschieden, gleich nach Okinawa ueberzusetzen, da nun, durch den Kaelteeinbruch,die Arbeitssuche in Honshu, Shikoku und Kyushu zu schwierig und ungemuetlich geworden war.
Mit Hilfe der Gasthausmitarbeiter gelang es mir, einen Platz auf der naechsten Faehre zu ergattern.
(Wie ich geschockt festgestellt hatte, fuhr die Okinawa-Faehre von Osaka aus nur fuenf Mal im Monat - und eine davon zu meinem unverschaemten Glueck genau an unserem letzten gemeinsamen Tag! So musste ich nicht noch allein die Zeit in Osaka totschlagen, bis auch ich endlich aufbrechen konnte)
Wir fuhren noch gemeinsam zum Hauptbahnhof, wo sich unsere Wege trennten: Ich machte mich zum Faehrenterminal auf, Milli und Berni fuhren nach Kyoto.
Wir versuchten die Trennung aber tapfer zu ertragen, denn immerhin wuerden wir uns bereits in knapp drei Monaten wiedersehen...
Mata ne
Kira

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