Am 11. März 2011 änderte sich unsere Routine jedoch plötzlich.
Wir waren zusammen mit Yaeko-san gerade damit beschäftigt, auf dem frisch gepflügten Feld, das wir seit Wochen in zäher Arbeit entsteint bzw. entfelst hatten, kleine Setzlinge der weißen Aubergiene einzupflanzen und zu bewässern, als Akihito-san auf seinem Motorrad angebraust kam.
Er war sehr aufgebracht und erzählte uns sogleich, dass es vor Tōhoku ein schweres Seebeben gegeben hatte, das sogar in Tokio noch zu spüren gewesen war. Ein gewaltiger Tsunami hatte sich wenig später über diese Region gewälzt und viel Schaden angerichtet. Yaeko hatte ein Radio dabei und so verfolgten wir mit gemischten Gefühlen die Nachrichten, während wir weiter Auberginen pflanzten und bewässerten. Das war ein wenig ironisch, denn es wurde erwartet, dass die Nachwellen auch Okinawa gegen sechs Uhr abends erreichen würden.
Und Okinawa ist flach. Sehr flach.
Noch dazu lag Yaeko-sans Haus nicht einmal 500 Meter vom Meer entfernt in einem winzigen Dörfchen. Vermutlich war die ganze Bewässerung der Setzlige umsonst, wir würden wohl alle nasse Füße bekommen.
Dennoch arbeiteten wir bis fast fünf Uhr weiter. Aus Lautsprechern, die an den größeren Straßen lagen, tönten Warnmeldungen zu uns herüber, die besagten, dass man sich unbedingt vom Strand fern halten solle. Yaeko-san schien das alles sehr gelassen hinzunehmen (obwohl ihr Sohn in Tokio lebt) und das Merkwürdige ist, dass man sich leicht von den Stimmungen um einen herum anstecken läßt. Also dachte auch ich bald: "Es kommt, wie es eben kommt". Dennoch machte auch ich mir Sorgen um all die Menschen, die auf der Hauptinsel lebten. Durch einen Zufall kannte ich in der betroffenen Region niemanden persönlich, da ich genau diesen Teil Honshus ausgelassen hatte und mit dem Zug von Niigata nach Tokio gefahren war.
Ich duschte noch kurz, nachdem wir nach Hause zurückgekehrt waren. Als ich in den kleinen Gemeinschaftsraum kam, der zugleich als Wohnzimmer, Arbeitszimmer und Esszimmer fungierte, lief bereits der Fernseher mit den sich stetig wiederholenden, amateurhaften Filmen. (Meist waren es Aufnahmen aus den obersten Stockwerken hoher Gebäude oder herangezoomt aus weiter Entfernung)
Die Bilder waren furchtbar - ungeheure Wassermassen schwappten über meterhohe Schutzwälle, als wären sie nicht da, ergossen sich auf Strassen, spülten Schiffe und Autos zwischen den Häusern hindurch und vermischten alles, bis man nicht mehr wusste, wo einmal Land und wo einmal Meer gewesen war. Noch schlimmer aber wurden sie, als das Wasser sich wieder zurückzog und dabei alles mitnahm, was nicht niet- und nagelfest war.
In der unteren, rechten Ecke des Bildschirms befand sich eine kleine Karte von Japan, in der die gefährdeten Regionen unaufhörlich rot blinkten. Anfangs waren es noch alle Inseln, aber mit dem Voranschreiten des Abends wurden Hokkaido, Honshu und Kyushu erst orange und dann gelb, bis nur noch Okinawa rot aufleuchtete.
Komisch, das sich bei uns noch gar nichts verändert hatte. Keine Geräusche vom Meer her, kein nasser Fußboden - alles wie immer. Als gegen acht Uhr noch immer nichts passiert war, hielt ich es nicht mehr aus. Die Berichte im Fernsehen wiederholten sich ohnehin ständig und ich war einfach zu neugierig, als weiter im Haus auf die Welle zu warten, die vermutlich nicht mehr kommen würde.
Also ging ich hinunter zur Haupttrasse, die direkt an der Schutzmauer lag. Irgendetwas war anders, ganz klar, aber ich wusste nicht sofort, was es war.
Doch auf einmal dämmerte es mir: Das Wasser war weg!
Die komplette Bucht war vollkommen ausgetrocknet. Dort, wo das Meer hätte anfangen sollen, war ein gigantischer Sandstrand, der sich, soweit ich in der Dunkelheit erkennen konnte, bis hin zum Horizont erstreckte!
Das war mir dann doch nicht mehr ganz geheuer, denn irgendwann würde das Wasser zurückkommen und wer weiß mit welchen Auswirkungen?
So ging ich lieber wieder zurück zum Haus, da Yaeko-san mich ohnehin nicht gern hatte gehen lassen und sich Sorgen machte.
In dieser Nacht schlief wohl keiner richtig gut. Während des Frühstücks lief schon wieder der Fernseher und wir erfuhren in vollem Ausmass von den Schäden, die der Tsunami angerichtet hatte. Nach und nach konzentrierten sich die Nachrichten immer mehr auf ein Atomkraftwerk in Fukushima, doch ich verstand leider nicht, worüber die Männer diskutierten. Immer wieder wurden Reden von Verantwortlichen gehalten und ich fragte Akihito-san, doch der meinte, es wäre nichts Besonderes.
Über den GMX-Lifeticker erfuhr ich dann von dem beschädigten Reaktor, doch da GMX wie auch die Bildzeitung zu Übertreibungen neigt, nahm ich das alles nicht so wirklich erst. Besonders als von einer "halben Kernschmelze" die Rede war. Was bitte ist darunter zu verstehen? Entweder es gibt eine, oder nicht. Eine halbe ist gar nicht möglich. Von da an verfolgte ich keine Nachrichten im Internet mehr und versuchte mich auf die Arbeit zu konzentrieren.
Das war allerdings nicht so einfach, denn meine Verwandten und Freunde in Deutschland rieten mir schleunigst zur Abreise. Diesbezüglich war jedoch nichts zu machen. Auch wenn ich gewollt hätte. Die Flüge und Fähren waren hoffnungslos ausgebucht, noch dazu hatte ich jetzt erst recht keine Lust meine Gastfamilie im Stich zu lassen.
In ein paar Tagen würde ich ohnehin nach Taiwan zu Mei fliegen. Die paar Tage würden nun auch keinen Unterschied machen. Am 15. März kam dann Yaekos Sohn mit seiner Familie in Okinawa an. Auch wenn ich mich wie eine Ratte fühlte, die das sinkende Schiff verlässt war mir klar, dass meine Anwesenheit hier nicht gebraucht wurde. Vielmehr war meine Abreise erwünscht, denn viel Platz war hier sowieso nicht. Mit dieser Gewissheit fiel es mir leichter, mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass mein Auslandsjahr nun vorbei war.
Ergänzung:
Ich verbrachte nur eine Woche in Taiwan. Eigentlich waren zwei geplant, weil ich auch noch ein buddhistisches Kloster im Norden der Insel besichtigen wollte, aber das Drängen meiner Familie wurde stärker und ich wollte sie nicht unnötige beunruhigen. Ausserdem waren meine finanziellen Mittel so gut wie aufgebraucht. Also liess Mei den Flug für einen ordentlichen Aufschlag (den aber meine Eltern zahlten) umbuchen und ich war noch vor Ende März wieder in good old Germany.
Ich brauchte eine ganze Weile um mich zu akklimatisieren - schließlich trennten mich Welten von dem, was bis vor kurzem zu meinem Alltag gehört hatte. Ich fand jedoch sehr schnell einen neuen Job und hatte somit wieder einen Alltag in Deutschland. Schließlich musste ich sparen, denn das nächste große Abenteuer erwartete mich: 2012 wollte ich ein Jahr in Neuseeland verbringen und davor noch eine Weile in Südamerika verbringen. :)
Den zugehörigen Blog findet ihr auf meinem Profil unter "Mondhäschen und die Rescue Ranger" oder einfach unter http://mhudrr.blogspot.de/
Mata ne
Kiri

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