Freitag, 1. Oktober 2010

Das Tor zum Himmel - Nagano Teil I

Die Zugfahrt nach Haramura (Nagano) genoss ich Gegensatz zu der nach Tokyo sehr.
Ich musste diesmal zur zweimal umsteigen, hatte keine grossen Gepaeckberge zu bewegen und konnte mich viel der Landschaft widmen, die nach und nach huegeliger wurde. Immer oefter fuhr ich durch Tunnel und langsam gingen die Huegel in ein Gebirge ueber.

Auf diesen Teil der Reise hatte ich mich unter anderem am meisten gefreut. Ich mag Berge sehr und fuer die naechsten Wochen wuerde ich sie taeglich sehen koennen.
Der Zug fuhr nur bis Chino, aber es gab einen Bus bis Haramura. Von dort waren es allerdings noch etwa 40 Minuten zu laufen, bis zu der abgelegenen Farm, wo meine neue Gastfamilie wohnte. Immerhin war das ein Zeichen fuer eine ungestoerte Lage in der Natur und konnte huebsch sein. Dennoch war mein Rucksack schwer und ich hatte eigentlich nicht so grosse Lust lange damit zu wandern...
Ich musste eine ganze Weile auf den naechsten Bus warten. Als ich mich dann jedoch zur Station begab und dort, an meinen Rucksack gelehnt, wartete, kam ein aelteres Ehepaar auf mich zu und sprach mich an. Woher ich denn kaeme und wo ich hinwolle, fragten sie.
Leider konnten sie kein Englisch, aber ich verstand trotzdem, dass die Farm, zu der ich wollte, wohl auf ihrem Weg laege und sie mich gern mitnehmen wuerden.
Und schon schickte die Frau den Mann los, um das Auto zu holen und schleifte mich, die immer noch ein wenig unsicher war, ob sie auch alles richtig verstanden hatte, zum Ticketschalter, wo sie mein Busticket zurueckgab und mir das Rueckgeld in die Hand drueckte.
Nach wenigen Minuten hatten wir meinen Rucksack in das kleine Auto gequetscht und ich sass auf der Rueckbank. Das war natuerlich eine sehr bequeme Loesung und ich freute mich, dass mir der lange Fussmarsch bei der Hitze erspart blieb. Diesmal hatte ich mich noch nicht einmal fuer einen Lift mit einem Schild an die Strasse stellen muessen. Und irgendwie erschien es mir als des Guten fast zuviel, dass mir das Glueck immer wieder so zugeflogen kam...
Das nette Ehepaar fuhr mich tatsaechlich bis in den Hof, wo mich meine neue Gastmama schon erwartete. Sie schrieben mir noch auf meine Stadtkarte ihre ungefaehre Adresse, gaben mir einen huebschen Faecher als Abschiedsgeschenk (war es nicht eigentlich ich, die sie beschenken sollte?) und baten mich, sie zu besuchen, wenn ich einen Tag frei hatte. Leider sollte ich dies jedoch nie hinbekommen, weil die Adresse unvollstaendig war.

Der Empfang war ein wenig kuehl und bei dieser Stimmung blieb es auch die ganzen zweieinhalb Wochen.
Die Farm erinnerte mehr an ein kleines Dorf, denn sie bestand nicht nur aus einem Haus, sondern aus mehreren Gebaeuden, darunter eine grosse Kueche, ein Inside- und ein Outside-Restaurant, einer kleinen Verkaufstheke, die zugleich als Kasse und Baeckerei diente, ein Wohnhaus fuer meine Gasteltern, ein Wohnhaus fuer die Mitarbeiter, einigen Staellen fuer die Tiere, einer Fisch- und einer Fleischraeucherei, und noch vielen anderen kleineren Einrichtungen.
Ausser mir, gab es dort eine Ziege, einen Hund, viele Huehner, meine Gasteltern, ein Paerchen, das hier arbeitete um zu lernen, wie man seine eigene Farm aufbaute, eine Freundin der Familie, die mithalf, die Schwester meines Gastvaters und einen anderen WWOOFer aus Irland, James, der gerade eine Reise durch ganz Asien machte und zufaelligerweise auch Sekretaer war.

Im Gegensatz zu meinen bisherigen Gastfamilien, verlief hier jeder Tag genau gleich!
Morgens um sechs ging es fuer mich, James und das Paerchen raus auf die kleinen Felder, wo wir Tomaten, Zucchini, Auberginen, gruene Paprika, Bohnen und Salat ernteten. Das gab es dann zum Fruehstueck, Mittags und Abends zu essen. Und ich kann versichern, dass es einem bereits nach ein paar Tagen zum Hals raushaengt, denn viele Variationen sind damit nicht moeglich!
Unser Gastvater Haseyan kam erst gegen halb acht auf die Felder nach. Unter seiner Anweisungen jaeteten wir dann, duengten, oder pflanzten Saetzlinge ein. Um halb neun fuhren wir dann endlich zurueck, um Fruehstueck zu machen. Wenn man so frueh aufsteht und auf leeren Magen gleich arbeiten muss, haengt einem zu dieser Zeit der Magen bereits in den Kniekehlen und man wuerde alles essen... (Oft stibiezte ich mir deshalb noch auf dem Feld ein paar Tomaten von den Straeuchern)
Nach dem Fruehstueck ging es gleich weiter. Die Blumen waren zu giessen, die Restaurantboeden und die Tische zu wischen, das gepflueckte Gemuese zu waschen und je nach Bedarf wurde es anschliessend verarbeitet. Meisstens kamen gegen halb elf die ersten Gaeste und die Kellnerarbeit begann. Ansonsten wurde zwischendurch eigentlich nur die ganze Zeit sauber gemacht, abgewaschen oder Gemuese geschaelt.
An Wochenenden war immer besonders viel los. Da war fuer uns vor vier Uhr nichtmal an Essen zu denken, weil der Laden so brummte. Die Arbeit an sich war nicht besonders hart, aber da hier nicht wie ueblich nur sechs Stunden gearbeitet wurde, sondern von Morgens bis Abends, schlauchte es dennoch. Fairerweise bekamen James und ich dafuer zwei Tage frei, aber bei den alltaeglichen Dingen wurde unsere Mithilfe trotzdem erwartet, wenn man sich nicht wie ich, ab und zu ganz vom Acker machte und Tagesausfluege unternahm. Das war aber natuerlich nur bei gutem Wetter moeglich und mir nur zweimal vergoennt. An meinen anderen freien Tagen regnete es leider, denn bei Regen kamen keine Gaeste, es gab nicht viel Arbeit und unsere Hilfe wurde nicht gebraucht.
Allgemein fuehlte ich mich dort ziemlich ausgenutzt. Arbeiten sollte man koennen wie eine Maschine und wenn die Arbeit getan und der Tag vorbei war, wollten sie nichts mehr von mir wissen. Den reden tat hier fast nie jemand mit mir. Sogar Fragen stellen war ihnen zuviel. Besass ich die Frechheit und erkundigte mich nach Arbeit oder fragte, wie etwas zu erledigen sei, bekam ich zur Antwort nur, ich solle mich gefaelligst selber nach Arbeit umsehen und sie haetten jetzt keine Zeit mir das zu erklaeren... Na, das hoert man doch gern. Es war nicht sehr motivierend und deshalb fuehlte ich mich hier auch nie wie in einer Familie, sondern einfach nur als Arbeitskraft. Allerdings ohne Lohn. Paprika und Zucchini waren ja auch nicht gerade kostspielige Verpflegungen...
Das einzige Entgegenkommen bestand aus unregelmaessigen Onsenbesuchen. Die wurden uns sogar bezahlt. Doch wenn man bedachte, dass sich die Dusche der Mitarbeiter in einem kalten und schmutzigen Kellerloch befand, in dem alle moeglichen Tiere hausten, dann bin ich mir nicht so sicher, ob ich ihnen das als Grosszuegigkeit anrechnen soll.

Unter anderem hatte ich mir diese Familie ausgesucht, weil sie in ihrem Profil allerlei aufregende Aktivitaeten angegeben hatte. Toepfern, Brot und Kuchen backen, Suessigkeiten herstellen, ein Farmladen, Waldhaeuser bauen, eine Kunstgallerie, angeln und vieles mehr.
Aus der Art, wie sie diese Sachen angaben, schloss ich, dass man all das dort lernen konnte und ich war wirklich aufgeregt und freute mich darauf. Nach einigen Tagen merkte ich jedoch, dass uns all das gar nicht zur Verfuegung stand. Nicht einmal an unseren freien Tagen!
Ich erkundigte mich sogar einmal direkt nach dem Toepfern und da wurde mir erklaert, dass sich die Toepferei gar nicht hier, sondern bei meiner Gastmutter Kumi zuhause in Tokyo befand. Ausserdem waere der Holzverbrauch viel zu hoch und sie machten das nur fuer Gruppen, die bezahlten... Als ich das hoerte, war ich schon etwas enttaeuscht.
Ich erzaehlte Kumi, dass ich schon in Deutschland als Konditorin gearbeitet hatte, aber sie interessierte sich nicht fuer Deutsche Baeckerei und wollte mir nicht einmal etwas Japanisches zeigen. Keine Zeit!

Haette ich James nicht gehabt, mit dem ich mich wenigstens ab und zu ueber die Situation aussprechen konnte, waere ich wahrscheinlich nach einer Woche wieder gegangen.
Kumi hatte mir an meinem ersten Tag bereits erzaehlt, dass die meisten nach dieser Zeitspanne leider schon wieder abreisten, weil sie die Arbeit dort so erschoepfte, aber ich glaube ja eher, dass es daran liegt, weil man sich dort einfach nicht richtig wohl fuehlen kann...

Dennoch passierten ab und zu Dinge, die mich wieder etwas besaenftigten und weshalb ich es doch weiterversuchte.

Das Erste bestand aus einem Handwerker-Wochenende, an dem viele verschiedene Handwerker auf dem Farmgelaende ihre Zelte aufschlugen, Staende errichteten und ihre selbstgefertigten Dinge anpriesen. Das war aufregend, auch wenn ich kaum Zeit hatte, mir die Sachen anzusehen, weil wir durch die zahlreichen Besucher, die das Spektakel anzog, im Restaurant alle Haende voll zu tun hatten.
Dennoch freundete ich mich mit einigen der netten Leute an und wurde zum Schluss sogar von ihnen beschenkt und gebeten, sie hier und dort zu besuchen, wenn mich meine Reise zufaellig vorbeifuehrte.
Abends holten sie mich an ihre Lagerfeuer, wir tranken Sake und Bier, redeten (wobei ich mein Japanisch um einiges verbessern konnte, denn unter etwas Alkohol geht das Sprechen einfach leichter), lachten viel und ich genoss diese Stunden freundlicher Gesellschaft in vollen Zuegen.
Bei einer dieser Gelegenheiten erkannte ich auch, dass mein Handy unter einem der Baeume, wo ich gerade sass, sogar Empfang hatte. Auf dem ganzen Gelaende hatte ich damit naemlich bisher keinen Erfolg gehabt. Nun konnte ich auch endlich wieder meinen Freunden und meiner Familie schreiben. Einen PC gab es zwar, dennoch benutzte James ihn immer dann, wenn ich gerade dieselbe Idee hatte. :)

Es tat mir ehrlich leid, als die Handwerker wieder abreisten. Sofort wurde es sehr still und ziemlich einsam auf der Farm. Ich haette unter Tage gern wieder so viel gearbeitet, wenn sie dafuer geblieben waeren und wir die lustigen Abende haetten fortsetzen koennen.

Auch mein erster Ausflug in die Berge gehoerte zu den Dingen, die ich nicht vergessen werde und in sehr guter Erinnerung behalten habe.
Ich hatte mich schon in den ersten Tagen nach Orten erkundigt, die gut zu erreichen waren und wohin ich an meinem ersten freien Tag fahren wollte.
Unter anderem bot sich der Kurumayama an, ein Berg, der touristisch sehr gut erschlossen ist und im Winter als Skigebiet dient. Ich musste unbedingt in die Berge - weil ich sie jeden Tag vor der Nase hatte, war dieser Wunsch am Groessten und ich plante, den Kurumayama zu besteigen.

Ich hatte wirklich Glueck. An meinem freien Tag schien die Sonne und zufaellig waren zwei Mitarbeiter eines Zweigrestaurants, das Haseyans Tochter gehoerte, auf der Canadianfarm. Nach dem Fruehstueck wollten sie wieder zurueck und das lag genau auf meinem Weg. Somit hatte ich meinen ersten Lift schon bequem gefunden.
Im Ort konnte ich sogar praktischerweise gleich meine Post erledigen, denn im Umkreis der Farm, auf der ich arbeitete, gab es sowas natuerlich mal wieder nicht.
Unglaublicherweise befand sich in dem anderen Restaurant mein zweiter Lift. Ein Vater mit seiner Tochter, die in der Naehe des besagten Berges wohnten und mich gerne mitnehmen wollten. Sie fuhren mich sogar direkt dorthin!



Mit so einem Start konnte der Tag doch nur gut weitergehen. Ich kaufte mir ein Ticket fuer den Skilift und fuhr ein Stueck einen anderen Huegel hinauf, bis zu einem kleinen Cafe. Von dort aus, erklomm ich den Gipfel und genoss die Aussicht. Das Wetter war wirklich herrlich und man hatte eine unglaubliche Sicht. Ich fuehlte mich so frei und leicht, dass ich eigentlich gar nicht mehr runter wollte.
Doch ich hatte ja noch einiges vor und entschloss mich nach ein paar Stunden in den luftigen Hoehen zum Abstieg. Auf dem Weg nach unten goennte ich mir in dem kleinen Cafe noch einen heissen Kakao um Kraefte nachzutanken. Dann fuhr ich mit der Gondel wieder nach unten und begab mich auf dem Pfad, der mich zum Kurumayama fuehren sollte.
Leider war es fuer einen Aufstieg schon zu spaet. Ich wanderte und wanderte und der Berg schien trotzdem nicht naeher zu kommen... Gegen zwei Uhr kehrte ich daher wieder um.
Es gab noch einen anderen Ort in der Naehe, der sehr huebsch sein sollte und den ich mir deshalb gern ansehen wollte.
Ich ging an der Bergstrasse entlang, die nur leicht befahren war und versuchte zu trampen. Doch diesmal gelang es mir nicht gleich. Erst, nachdem ich etwa eine Dreiviertelstunde gelaufen war, hielt ein LKW-Fahrer und nahm mich den Rest des Weges mit.
Die Gegend, die ich mir nun ansah, nannte sich Kirigamine. Aber sie war weitaus unspektakulaerer als das Gebirge, welches ich gerade verlassen hatte und ich war ein wenig enttaeuscht. Als huebsch konnte ich das leider nicht wirklich bezeichnen. Ein Wanderweg, einige Laeden und ein kleiner Ponyhof.
Letzterer schien mir ein naeherer Blick wert und ich sah mir die Tiere an. Eine Gruppe Cowboys sass in einem Unterstand und trank Kaffee und ich wurde von einem niedlichen Dackel schwanzwedelnd begruesst.

Als ich mir ein Schild ansah, auf dem eine kurze Reittour durch das Gelaende angepriesen wurde und ich mir gerade ueberlegte, ob ich das nicht wagen sollte, (das letzte Mal hatte ich vor etwa 15 Jahren auf einem Pferd gesessen) rief mir einer der Cowboys zu, woher ich denn kaeme.
"Deutschland" erwiederte ich. Das schien sie sehr zu interessieren, denn sofort baten sie mich, auf einem der Klappstuehle Platz zu nehmen und einer sprang sogar davon, um mir am naechsten Getraenkeautomaten etwas zu Trinken zu holen.
Sie erzaehlten mir, dass vor zwei Jahren ein Junge aus Deutschland ein paar Monate lang fuer sie gearbeitet hatte und sie noch heute mit ihm Kontakt hatten. Er lebe in Stuttgart.
Was fuer ein Zufall. Die Gruppe konnte sich kaum halten vor Erstaunen und fragten, ob ich ihn kenne. Leider sagte mir sein Name nichts, trotzdem wurde ich gebeten, ihm dies und das auszurichten... Als waere Stuttgart ein Kuhdorf. Bestimmt werde ich ihm gleich nach meiner Rueckkehr zufaellig in der S-Bahn treffen...

Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile. Es waren sehr liebe Leute. Ein Grossvater (der sehr schwerhoerig war), sein Sohn, sein Enkel (der immerhin schon Mitte zwanzig war und fuer zehn Jahre in Neuseeland gelebt hatte) und dessen Freund, der mit ihm dort gewesen war.
Im Winter arbeiteten sie als Snowboard- und Skilehrer und sagten, wenn ich wiederkaeme, wuerden sie mir Skifahren beibringen.

Wir hatten einen schoenen Nachmittag zusammen und gegen sechs, als es langsam begann dunkel zu werden und ich mich deshalb zum Aufbruch bereit machte, fragten sie mich, wann ich denn wieder auf der Farm sein muesse. Nun, ich war erwachsen und keiner kuemmerte sich um mich, daher war es eigentlich egal, aber ich wollte ungern im Dunkeln trampen, wo man schwerer zu sehen war und Haramura war ja nicht gerade um die Ecke.
Doch zu meinem Erstaunen luden sie mich zum Abendessen ein. Danach wuerden sie mich auch nach Hause fahren, versprachen sie mir.
Wow
Natuerlich nahm ich an und nachdem wir die Pferde auf ihre Farm zurueckgebracht und versorgt hatten (Ich durfte helfen sie einzufangen und vorne im grossen Pferdetransporter mitfahren) machten wir uns auf den Weg zu ihrer Wohnung.
Nur das es keine Wohnung war, sondern ein richtiges Hotel, gleich am Kurumayama, das sie betrieben.

Es gab Spaghetti Carbonara, Ananas und verschiedenes Gemuese. Ihren Dackel hatte ich auch schon ins Herz geschlossen und er sass die ganze Zeit ueber auf meinem Schoss.
Schade, dass ich am naechsten Tag arbeiten musste. Es war so gemuetlich, dass ich eigentlich gar nicht gehen wollte.
Doch leider hat alles ein Ende und so brachen ich und die zwei Jungs gegen halb zehn auf.
Aber auch die Fahrt war noch sehr lustig und sie versprachen mir, mich irgendwann einmal Abends mit zum Bowlen zu nehmen. (Klappte allerdings nie xD)
Es war spaet, als ich auf der Farm ankam und keiner ausser Kumi war zuhause. Die anderen assen irgendwo ausserhalb zu Abend...

An einem anderen Tag war mir kuenstlerisches Glueck beschert. Und zwar durfte ich in einem ruhigen Moment der Schwester von Haseyan dabei zusehen, wie sie einen Lampenschirm auf Japanische Art beklebte. Dazu verwendete sie verschiedenfarbiges Papier und machte sich den Durchscheineffekt zunutze, um farbige Highlights zu setzen. Das war das erste wirklich Interessante, was ich hier sah.
Und es wurde noch besser! Denn sie zeigte mir zwei alte Lampenschirme, bei denen die Papierbespannung eingerissen war und bat mich, ihr zu helfen und einen davon auf meine Art zu restaurieren.
Leider kam ich an diesem Tage nur so weit, die alte Bespannung zu entfernen und das Rohgestell zu saeubern, dann rief die Arbeit erneut, doch meine folgenden Feierabende und freien verregneten Tage brachte ich nun damit zu, den Schirm zu bekleben. Das machte so Spass, dass ich trotz stumpfer Kinderplastikschere versuchte ins Detail zu gehen und die verschiedenen Seiten nicht nur mit einfachem Papier, sondern kleinen Bildern wie Huehnern, Ziegen, Blumen, Libellen, Schmetterlingen und Herbstlaub verzierte, um mich laenger damit beschaeftigen zu koennen.
Natuerlich musste ich ihn bei meiner Abreise zuruecklassen, denn er gehoerte ja trotz allem nicht mir, aber ich hatte dennoch viel Freude an diesem Zeitvertreib gehabt und es waere mir ohnehin nicht moeglich gewesen, ihn in meinen Rucksack zu packen. :)

Etwa zwei Wochen waren vergangen, da geriet James mit meinem Gastvater in einen grossen Streit. James war es nun endgueltig zuviel geworden und er war wohl der erste WWOOFer, der seine Meinung ueber die Missstaende laut aussprach, denn es endete damit, dass mein Gastvater ihn offensichtlich nicht mehr leiden konnte und mir nun dauernd beteuerte, "was fuer eine gute Arbeiterin ich im Gegensatz zu James sei, denn nach mir brauchte man nicht zu suchen, wenn es Arbeit gab" und aehnlicher Schwachsinn, der mich sehr beleidigte, denn schliesslich war ich ja kein Hund, der um seine Gunst flehte und sich deshalb mustergueltig benahm.
Diese Aeusserungen machten mich so wuetend, dass ich mir an James ein Beispiel nahm und Haseyan ebenfalls sagte, was ich dachte.
Und man haelt es nicht fuer moeglich, aber er entschuldigte sich bei mir! Sogar richtig kleinlaut sagte er mir, er fuehle sich ganz schlecht, wenn er wuesste, das er mich gekraenkt habe und hasse (!) sich selber dafuer... Ich weiss bis heute nicht, ob er das ernst gemeint hat. Irgendwie habe ich das Gefuehl, dass das nur Show war. Er ist viel zu selbstbewusst und von sich selbst eingenommen, um sich vor jemandem wie mir so zu erniedrigen.
Aber noch am selben Abend lud er uns zu Sushi und Okonomiyaki in die Stadt ein...

Warum nur, muss man sich von Menschen wie ihm erst wie der letzte Dreck behandeln lassen, bis auch einem gutmuetigen Charakter der Geduldsfaden reisst, um dann wieder durch Handlungen wie diese gnaedig gestimmt zu werden, und man schuldbewusst denkt, sich in der Person vielleicht geirrt und sie zu Unrecht als Sklaventreiber abgestempelt zu haben... Sowas irritiert mich.

Leider packte James ein paar Tage spaeter trotzdem seine Sachen und machte sich nach Korea auf. In diesem Moment beneidete ich ihn sehr. Denn auch, wenn ich selbst die Nase voll hatte, besass ich immer noch (in diesem Fall vielleicht falsches) Pflichtbewusstsein und wollte nicht einfach so verschwinden. Ich hatte mit ihnen ueber Mail damals naemlich ausgemacht, den ganzen September zu helfen und wegen mir hatten sie daher vielleicht andere WWOOFer abgelehnt und meine Hilfe eingeplant.
Ich wollte ihnen zumindest eine Frist geben und so kuendigte ich an, naechste Woche Montag zu gehen. (Denn am Wochenende war sicher wieder viel los und auch wenn ich gegenueber meinen Gasteltern keine Reue empfunden haette, sie mit der ganzen Arbeit sitzen zu lassen, so gab es dennoch auch liebe Menschen, denen ich den vermehrten Stress nicht antun wollte. Eriko zum Beispiel, die Freundin der Familie. Sie war immer sehr lieb zu mir gewesen und eine Seele von Mensch. Stets um mein Wohl besorgt und herzensgut. Oder das Paerchen, das sehr eifrig war und schon seit sechs Monaten dort arbeitete. Ich frage mich, wie sie das durchgehalten haben...)

Ich hatte im Internet bereits nach einer neuen Gastfamilie gesucht und eine nette Frau in Matsumoto gefunden. Dieser Ort schien mir sehr interessant, denn Kazuko-san hatte leider eine koerperliche Behinderung, sass nach ihren Angaben im Rollstuhl und ich fand, dass man sehr stark sein musste, wenn man es in diesem Zustand schaffte, mehrere Felder zu bestellen, WWOOFer anzunehmen und zu versorgen. Auch ihre Bewertungen waren sehr gut und deshalb beschloss ich, naechste Woche nach Matsumoto zu fahren, mir dort einen Tag frei zu nehmen um mir die Stadt und das Schloss anzusehen und dann bei meiner neuen Gastmutter eine Woche zu arbeiten, bevor es am 2. Oktober zu der naechsten Familie in die Praefektur Gifu ging.

Die letzten Tage vergingen natuerlich nicht ganz so schnell, wie ich gerne gewollt haette.
Doch gibt es noch eine Begebenheit zu erwaehnen, die ich in meinem Kalender mit "Haseyans nice day" vermerkt habe:
Dieser Tag war wirklich merkwuerdig. Er begann damit, dass mich mein Gastvater zum Einkauf von Knoblauch und Zwiebeln mitnahm, die er gerne pflanzen wollte. Auf dem Weg zur Stadt fuhr er extra durch Fujimi (was soviel bedeutet wie "den Fuji sehen"). Dabei handelte es sich um ein kleines Dorf, das seinem Namen auch gerecht wird, denn von dort aus sah ich tatsaechlich zum ersten Mal den beruehmten Vulkan. Das Lustige war ja, dass ich damals zwar auf ihm herumgeklettert bin, ihn aber bisher nie aus der Ferne gesehen hatte.
Anschliessend kaufte mir Haseyan in der Stadt sogar einen Crepes...

Spaeter am Tage nahm er mich mit auf einen Ausflug nach Suwa, wo eine kleine Burg steht. Ich hatte einmal erwaeht, dass ich mir diese gerne ansehen wuerde und daran hatte er sich wohl erinnert. Es blieb auch nicht bei der Burgbesichtigung, sondern wurde noch mit einem anschliessenden Restaurant- sowie Onsenbesuch getoppt. (Letzteres war mir allerdings ziemlich unangenehm, denn wir waren die einzigen Gaeste und die Besitzer, die glaubten, wir waeren verheiratet (danke fuer das Kompliment, er war fast 30 Jahre aelter als ich!), boten uns an, wir koennten gerne zusammen in das Maennerbad. Mein Gastvater wollte das Angebot auch tatsaechlich annehmen, doch das stand fuer mich wirklich ausser Frage und so stellte ich mich einfach taub und ging schnurstracks zum Frauenbereich.) Sachen gibts, die gibts gar nicht...

Mein letzter Abend auf der Farm war dafuer wirklich schoen, denn Eriko lud mich in ein kleines Restaurant ein, mit deren Besitzern sie befreundet war. Es gab Huehnersuppe, Salat und als Nachtisch sogar Schokoladenkuchen, der traumhaft schmeckte!

Am naechsten Morgen gab sie mir als Abschiedsgeschenk eine Tuete Kekse und einen Muffin, allerdings unter der Voraussetzung, dass ich Haseyan nichts davon erzaehlte und auch fuer mich behielt, dass sie die Restaurantrechnung bezahlt hatte.
Dann fuhr sie mich sogar zum Bahnhof und da mein Zug schon am Gleis wartete und sie sich zunutze machte, dass ich mich im Gebaeude nicht auskannte, rannte sie schnell zum Fahrkartenschalter und hatte mir mein Ticket nach Matsumoto schon gekauft, bevor ich ueberhaupt Zeit hatte zu protestieren, da ich mit meinem schweren Rucksack nur hinterherschnaufen konnte. (Immerhin kostete die Karte 700 Yen, das war doch wirklich nicht noetig!)
Nicht einmal richtig verabschieden konnte ich mich, denn der Zug hielt hier nicht lange und Eriko draengte mich panisch Richtung Absperrung. So winkte ich ihr nur noch einmal zu, dann war sie auch schon in der Menschenmenge verschwunden.

Eriko war mit Abstand das Beste, was mir auf dieser Farm passiert ist. Ich werde ihre Grossherzigkeit nie vergessen!

Weiter geht es in Nagano Teil II mit meiner Zeit in Matsumoto :)

Mata ne
Kira

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